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Victor von Scheffel: Ekkehard - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleEkkehard
authorJoseph Victor von Scheffel
year1979
publisherFleischhauer & Spohn
addressStuttgart
isbn3-87230-301-5
titleEkkehard
pagesIII-XV, 1-419
created19990430
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Sechzehntes Kapitel

Cappan wird verheiratet

Wenn das Gewitter vorüber ist, kommen die Bäche trüb und erdfarbig daher geflossen. So folgt auf landerschütternde Bewegung meist eine Zeit kleiner verdrießlicher Geschäfte, bis das alte Geleise wieder hergestellt worden.

Auch Frau Hadwig mußte das erfahren.

Es war viel zu richten und schlichten nach Vertreibung der Hunnen. Sie unterzog sich dem gerne, ihr beweglicher Geist und die Freude am eigenen Eingreifen erleichterten die Sorge des Regierens.

Witwen und Waisen der gefallenen Heerbannmänner kamen, und wem der rote Hahn aufs Dach der Hütte geflogen und wem die junge Saat von Rosseshuf zerstampft war: es ward Hilfe geschafft, so viel wie möglich! Boten an den Kaiser gingen ab mit Bericht über das Geschehene und Vorschlag künftiger Abwehr, der Burg Befestigung, wo sie sich mangelhaft erwiesen, ward gebessert, die Waffenbeute bemessen und verteilt, die Stiftung einer Kapelle auf dem Grabhügel der christlichen Kriegsmänner beschlossen.

Mit Reichenau und Sankt Gallen war viel Verhandlung; geistliche Freunde vergessen niemals Rechnung zu stellen für erwiesenen Dienst. Sie wußten eindringlich zu jammern und wehklagen über die Schädigung der Gotteshäuser und unerschwingliche Einbuße an Hab und Gut. Daß eine Schenkung von Grund und Boden den bedrängten Gottesmännern sehr erwünscht käme, ward der Herzogin täglich ins Gehör geträufelt. Fern im Rheintal, wo der Berg von Breisach mit seinen dunkel ausgebrannten Felsrücken der Strömung sich entgegenstemmt, war der Herzogin das Hofgut Saspach.Sahspach, Hadewigae beneficii villa. Siehe Ekkeh. IV. casus S. Galli c. 10 bei Pertz, Mon. II. 135. Auf vulkanischem Boden gedeiht die Rebe, – das hätte den frommen Brüdern auf der Aue wohl getaugt; schon um den Unterschied des rheinischen Weines von dem am See erproben zu können, außerdem als geringer Ersatz für tapferes Streiten und die nötigen Seelenmessen um die Gebliebenen.

Und wie sich Frau Hadwig eines Tages dem Vorschlag, es abzutreten, nicht ganz abgeneigt erwiesen, kam schon des andern mit dem Frühsten der Subprior geritten und bracht' ein großes Pergament, drauf stund die ganze Formel der Schenkung, und klang recht stattlich, wie alles dem heiligen Pirminius solle zugewiesen sein, Haus und Hof und aller Zubehör, gerodet Land und ungerodet, Wald und Weinberg, Weide und Wieswuchs und der Lauf der Gewässer samt Mühlenbetrieb und Fischfang, und was von eigenen Leuten männlichen und weiblichen Geschlechts auf den Huben seßhaft... und fehlte auch die übliche Verwünschung nicht: »So sich einer vermessen sollt'«, hieß es, »die Schenkung anzuzweifeln oder gar dem Kloster zu entziehen, über den sei Anathema Maranatha gesprochen, der Zorn des Allmächtigen und aller heiligen Engel treffe ihn, mit Gicht und Tod wie Ananias und Sapphira, und ein Pfund Goldes zahle er zur Sühne des Frevels dem Fiskus.«Verfluchungen gegen etwaige Widersacher gehörten bei allen auf Vergabungen, Eigentumsübertragungen, Stiftungen usw. bezüglichen Urkunden zum Kanzleistil. Man war in den verschiedenen Formen von erfindungsreicher Mannigfaltigkeit. »Es fühle der Leib in den Jahren ihres Lebens den Vorschmack der unendlichen Höllenpein, wie Heliodor, welchen die Engel gestäupt, wie Antiochus, welchen die Würmer gefressen,« heißt es z. B. im Stiftungsbrief des Klosters Peterlingen. »Wer mit böswilligem Gemüt diese Schrift liest,« wird anderswo gewünscht, »möge zur Stelle erblinden!« Siehe Joh. v. Müller, Geschichte der Schweiz I. 253. Eine Zeit, die sich so umfangreich aufs Segnen verstand, mußte notwendig auch im Fluchen Erkleckliches leisten.

Der Herr Abt hat seiner gnädigen Herrin die Mühe sparen wollen, den Schenkbrief selbst aufzusetzen, – sprach der Subprior, es ist freier Raum gelassen, Namen und Grenzen des Gutes einzutragen, die Unterschriften der Parteien und Zeugen beizufügen, die Sigille dranzuhängen.

Wisset ihr euch bei allen Geschäften so zu sputen? erwiderte Frau Hadwig. Ich werd' mir euer Pergament bei Gelegenheit ansehen.

Es wäre dem Abt ein liebsam und erwünscht Ding, so ich ihm heute schon die Schrift von Euch gezeichnet und gesiegelt zurückbringen könnte. Es ist wegen der Ordnung im Klosterarchiv, hat er gesagt.

Frau Hadwig schaute den Mann von oben herab an. Sagt Eurem Abt, sprach sie, daß ich eben die Rechnung stellen lasse, um wie viel der Brüder Einlagerung auf dem hohen Twiel mich an Küche und Keller geschädigt. Sagt ihm außerdem, daß wir unsere eigenen Schreibverständigen haben, so es uns zu Sinne kommt, Hofgüter am Rhein zu verschenken, und daß...

Es lagen ihr noch etliche bittere Worte auf der Zunge. Der Subprior fiel beschwichtigend ein und gedachte, eine Reihe von Fällen aufzuzählen, wo erleuchtete Herren und Fürsten desgleichen getan, – wie die Könige in Francien drüben dem heiligen Martinus von Tours reichlichst den Schaden ersetzt, den er durch der Normänner Plünderung erlitten, und wie erklecklich durch solche Schenkung dem Heil der Seele Vorschub geleistet sei, denn wie das Feuer durchs Wasser gelöscht werde, so die Sünde durchs Almosen...

Die Herzogin wandte ihm den Rücken und ließ ihn samt seinen unerzählten Beispielen im Saale stehen. Zu viel Eifer ist von Übel! murmelte der Mönch; langsam gefahren, sicher gefahren! Da wandte sich Frau Hadwig noch einmal. Es war eine unbeschreibliche Handbewegung, mit der sie sprach: Wollet Ihr mich verlassen, so gehet auch gleich und ganz!

Er trat seinen Rückzug an.

Den Abt zu ärgern, übersandte sie noch desselben Tages dem greisen Simon Bardo für glückliche Lenkung der Schlacht eine güldene Kette.

Ein Mann, mit dessen Schicksal sich die Herzogin gern beschäftigte, war der gefangene Hunne Cappan. Der hatte anfangs böse Tage durchlebt; es war ihm noch nicht klar, warum man ihn am Leben gelassen, er lief scheu umher, wie einer, der kein Recht auf sich selber mehr hat, und wenn er auf seinem Strohlager schlummerte, kamen schöne Träume über ihn. Da sah er weite blumige Gefilde, aus denen wuchsen Galgen ohne Zahl wie Disteln in die Höhe, und an jedem hing einer seiner Landsleute, und am höchsten hing er selber und fand's ganz in der Ordnung, daß er dran hing, denn das war das Los Kriegsgefangener in selben Tagen... et multi illorum comprehensi sunt cum rege eorum nomine Pulszi et suspensi sunt in patibulis. Annales S. Gallenses major. ad ann. 955 bei Pertz, Mon. I. 79. Es ward aber keiner für ihn errichtet. Noch etliche Zeit schaute er mißtrauisch auf die Linde im Burghof; die hatte einen stattlichen kahlen Ast und es deuchte ihm oftmals, als winke ihm der Ast herauf und sagte: Hei! wie taugtest du, mich zu schmücken!

Allmählich fand er jedoch, daß die Linde ein schöner schattiger Baum sei, und ward zutraulicher. Sein durchstochener Fuß heilte, er trieb sich in Hof und Küche herum und schaute mit stumpfer Verwunderung in das Getrieb deutschen Hauswesens. Er vermeinte zwar auf hunnisch, eines Mannes Heimat solle der Rücken des Rosses sein und für Weib und Kind genüge ein fellumhangener Wagen, aber wenn's regnete oder die Abendkühle kam, schien ihm das Herdfeuer und die vier Wände nicht zu verachten, ein Trunk Wein besser als Stutenmilch und ein wollenes Wams weicher als ein Wolfspelz. So schwand die Sehnsucht des Fliehens; vor Heimweh war er geschützt, weil ihm ein Vaterland fremd.

In Hof und Garten schaltete dazumal eine Maid, die hieß Friderun und war hoch wie ein Gebäu von mehreren Stockwerken, drauf ein spitzes Dach sitzt, denn ihr Haupt hatte die Gestalt einer Birne und glänzte nicht mehr im Schimmer erster Jugend; wenn der breite Mund sich zu Wort oder Gelächter auftat, ragte ein Stockzahn herfür, als Markstein gesetzten Alters. Die bösen Zungen raunten sich zu, sie sei einst Herrn Spazzos Freundin gewesen, aber das war schon lange her; seit Jahren war ihre Huld einem Knecht zugewandt, den hatten in den Reihen des Heerbannes die Hunnen erschossen – itzt stand ihr Herz verwaist.

Große Menschen sind gutmütig und leiden nicht unter den Verheerungen allzuscharfen Denkens. Da lenkte sie ihre Augen auf den Hunnen, der sich einsam im Schloßhof umtrieb, und ihr Gemüt blieb mitleidig an ihm haften wie der funkelnde Tautropfen am Fliegenschwamm. Sie suchte ihn heranzubilden zu den Künsten, die ihr selber geläufig, und wenn sie im Garten gejätet und gehackt, geschah es, daß sie ihre Hacke dem Cappan übergab; der tat, wie er's von seiner Meisterin gesehen. Auch im Abschneiden von Bohnen und Kräutern folgte er ihrem Beispiel, – und nach wenig Tagen, wenn Wasser vom Brunnen beigeschafft werden sollte, brauchte die schlanke Friderun nur auf den hölzernen Kübel zu deuten, so hatte ihn Cappan aufs Haupt gehoben und schritt damit zum plätschernden Brunnen im Hofe.

Nur in der Küche ward am gelehrigen Schüler keine Freude erlebt, denn wie ihm einsmal ein Stück Wildbret zugewiesen war, daß er's mit hölzernem Schlegel mürb schlage, kamen alte Erinnerungen über ihn und er zehrte ein Stück davon roh auf samt Zwiebeln und Lauch, die zu des Bratens Würze bereit standen.

Ich glaub', mein Gefangener gefällt dir, rief ihr Herr Spazzo eines Morgens zu, als der Hunn' fleißig mit Holzspalten beschäftigt war. Dunkelrot färbten sich die Wangen der hohen Gestalt. Sie schlug die Augen nieder. – Wenn der Bursch deutsch reden könnt' und kein verdammter Heidenmensch wäre... fuhr Herr Spazzo fort.

Die Schlanke schwieg verschämt.

Ich weiß, daß du ein Glück verdienst, Friderun... sprach Herr Spazzo weiter. Da löste sich Frideruns Zunge. Von wegen des deutsch Redens... sagte sie mit fortwährend gesenktem Blick, auf die Sprach käm' mir's gar nicht an. Und wenn er ein Heide ist, so braucht er ja keiner zu bleiben. Aber...

Was aber?

Er kann nicht sitzen beim Essen wie ein vernünftiger Mensch. Er liegt immer den langen Weg auf dem Boden, wenn's ihm schmecken soll.

Das wird ihm ein Ehegespons, wie du, sattsam austreiben. Habt ihr euch schon verständigt?

Friderun schwieg abermals. Plötzlich lief sie davon wie ein gehetztes Wild, die Holzschuhe klapperten auf dem Steinpflaster des Hofes. Da ging Herr Spazzo zum holzspaltenden Cappan, schlug ihm auf die Schulter, daß er aufschaute, deutete mit gehobenem Zeigefinger auf die Fliehende, nickte mit dem Haupt fragend und blickte ihn scharf an. Der Hunn' aber fuhr

mit dem rechten Arm auf die Brust, neigte sich, tat dann einen mächtigen Satz in die Höhe, daß er sich um sich selber herum drehte, wie der Erdball um seine Achse, und verzog seinen Mund zu fröhlichem Grinsen.

Da wußte Herr Spazzo, wie es mit beider Gemüt beschaffen war.Qui dubitans minime, huic illam nubere posse.
                                Ruodlieb fr. XVI. v. 15.
Friderun hatte des Hunnen Luftsprung nicht erschaut. Zweifel lasteten noch auf ihrer Seele, darum erging sie sich vor dem Burgtor; sie hatte eine Wiesenblume gepflückt und zupfte die weißen Blumenblättlein, eines nach dem anderen: Er liebt mich, er liebt mich nicht, er liebt mich. Wie sie alle ein Spiel der Winde geworden bis aufs letzte, hörte ihr Gemurmel auf; sie sah den kahlen Blumenrest mit dem kleinen weißen Blättlein verklärt an 

Micht macht ein kleines Hälmchen froh:
Es sagt, mir soll Gnade kommen;
Ich maß dasselbe kleine Stroh,
Wie ich's bei Kindern wahrgenommen.
Nun höret all und merkt, ob sie es tu':
Sie tut, tut's nicht, sie tut, tut's nicht, sie tut!
Wie oft ich maß, stets war das Ende gut.

Herr Walter von der Vogelweide (übersetzt bei Simrock, altdeutsches Lesebuch 1854 p. 208).

und nickte wohlgefällig lächelnd darauf nieder. Spazzo, der Kämmerer, aber trug die Sache seines Gefangenen der Herzogin vor. Geschäftigen Geistes gedachte sie sogleich dessen Schicksal zu gestalten. Der Hunn' hatte im Garten Proben einer löblichen Kunst abgelegt; er wußte dem treulos unterirdischen Wühlen der Maulwürfe Einhalt zu tun – mit eingebogenen Weidenruten, dran er eine Schlinge festigte, hatte er manchem der schwarzen Gesellen ein unerwünscht Lebensend' bereitet, aufgeschnellt baumelten sie im gleichen Augenblick zu Sonnenlicht, Galgen und Tod empor. Auch flocht er aus Draht treffliche Fallen der Mäuse und zeigte sich in allem, was niedere und niederste Jagd angeht, wohlerfahren.

Wir weisen ihm etliche Huben Landes drüben am Stofflerberge zu, sprach Frau Hadwig. Als Fron- und Felddienst soll er dafür den Krieg gegen alles saatverderbende Getier führen, soweit unser Twing und Bann reicht. Und wenn die lange Friderun Gefallen an ihm hat, mag sie ihn nehmen; es wird schwerlich schon eine andere aus den Jungfrauen unseres Landes ein Aug' auf ihn geworfen haben.

Sie gab Ekkehard die Weisung, den Gefangenen vorzubereiten, daß er seines Heidentums ledig in die christliche Gemeinschaft aufgenommen werden möge. Der schüttelte zwar bedenklich das Haupt, aber Frau Hadwig sprach: Der Wille muß für das gut sein, was an der Einsicht abgeht! den Unterricht möget Ihr kurz halten, so viel als den Sachsen, die der große Karl in die Weser treiben ließ, wird ihm auch deutlich werden.

Ekkehard tat, wie ihm geheißen, und seine Lehre fiel auf gutes Erdreich. Cappan hatte auf seinen Heerzügen manch ein deutsches Wort aufgelesen und hatte, wie alle seine Landsleute, einen eigenen Sinn zu erraten, was anderer Absicht, auch wenn die Sprache nicht ganz verstanden ward. Zeichen und Bild ergänzte vieles; wenn Ekkehard vor ihm saß, das metallbeschlagene Evangelienbuch mit den goldgemalten Buchstaben aufgeschlagen, und gen Himmel deutete, so wußte der Hunn', wovon die Rede; das Abbild des Teufels verstand er und gab in Gebärden kund, daß der zu verabscheuen sei; vor dem Zeichen des Kreuzes warf er sich, wie er von andern gesehen, in die Knie. So gedieh der Unterricht.

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