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Victor von Scheffel: Ekkehard - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleEkkehard
authorJoseph Victor von Scheffel
year1979
publisherFleischhauer & Spohn
addressStuttgart
isbn3-87230-301-5
titleEkkehard
pagesIII-XV, 1-419
created19990430
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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In seinem Zelt lag Hornebog, der Führer seit Ellaks Fall. Decken und Polster waren aufgetürmt, er freute sich keiner Ruhe. Erica, die Heideblume, saß bei ihm und spielte mit einem güldenen Kleinod, das sie an seidener Schnur um den Hals trug.

Ich weiß nicht, sagte Hornebog zu ihr, es ist sehr ungemütlich geworden. Die Kahlgeschorenen am See haben zu wütend drein geschlagen. Wir müssen sachter tun... iam mitius agendum inter Teutones! Hier trau' ich auch nicht; 's ist mir zu ruhig, und Ruhe geht vor dem Sturm. Mit dir ist's auch nichts mehr, seit sie den Ellak erschlagen. Solltest mich jetzt lieben wie ihn, als er der erste war – und bist ein ausgebrannt Kohlenfeuer.

Erica schnellte das Kleinod an seiner Schnur weit von sich, daß es tönend an die Brust zurückprallte, und summte was Hunnisches vor sich hin.

Da trat ein wachehaltender Kriegsmann ins Zelt, Hadumoth, die Hirtin, mit ihm und Snewelin von Ellwangen als Dolmetsch. Das Kind war ins Lager gekommen, durch Vorposten und Wacheruf unverzagt durchschreitend, bis sie's festhielten. Snewelin trug Hadumoths Begehr um den gefangenen Knaben vor; er war mitleidig und weich gestimmt, als wär' er noch in der Heimat und begehe den Aschermittwoch, denn er hatte heut sämtliche Untaten im Lauf seines Hunnenlebens überrechnet, die ausgebrannten Klöster begannen ihm schwer auf dem Gewissen zu lasten.

Sag ihm auch, daß ich ein Lösegeld zahlen kann, sprach Hadumoth und trennte des Mieders Naht auf, drin der Goldtaler war. Sie reichte ihn dem Anführer dar. Der lachte. Auch die Heideblume lachte.

Verrücktes Land! sprach Hornebog. Die Männer scheren das Haupt, und die Kinder tun, was Kriegern geziemte. Wären uns die Gewaffneten vom See nachgezogen, statt dieses Mägdleins, es hätt' uns in Verlegenheit bringen mögen.

Er sah das Kind mißtrauisch an. Wenn sie zu spähen käme... ! rief er. Aber Erica fuhr dazwischen und streichelte Hadumoths Stirn. Du sollst bei mir bleiben, sagte sie, ich brauch' was zum Spielen, seit mein schwarzer Rapp tot und mein Ellak tot...

Schafft mir das Gezeug hinaus, rief Hornebog unmutig. Sind wir am Rhein, um mit Hirtenkindern zu spielen?!

Da merkte Erica, daß beim Anführer ein Ungewitter im Anzug war; sie nahm das Mägdlein bei der Hand und ging mit ihr.

Wo das Lager sich an den Berg hinstreckte, war zwischen aufgehäuften Steinplatten die Feldküche errichtet. Dort schaltete die Waldfrau. Audifax kniete beim größten der Kessel und blies das Feuer an, die Abendsuppe brodelte drin. Jetzt sprang er auf und tat einen Schrei. Er hatte seine Gefährtin erschaut. Aber die Waldfrau reckte ihr Haupt hinter dem andern Kessel vor, das war mehr als ein Haltruf. Er stand unbeweglich, griff nach einem geschälten Ast und rührte die Suppe, wie's ihm vorgeschrieben war; – ein Bild stummen Jammers, er war blaß und hager geworden, die Augen trüb von Tränen, die niemand gerührt.

Daß Ihr mir den Kindern nichts zu leide tut, alte Meerkatze! rief Erica der Waldfrau zu.

Da ging Hadumoth hinüber. Der Hirtenknabe ließ seinen kunstlosen Löffel fallen und reichte ihr die Hand stumm und still, aber aus den tiefdunkeln Augen blitzte es zu ihr hinüber wie eine große Geschichte von Gefangenschaft, Duldung und schweifendem Wunsch des Befreitseins. Hadumoth stand unbeweglich vor ihm; sie hatte sich viel Rührendes gedacht vom Augenblick des Wiedersehens; das alles schwand – die größte Freude jubelt schweigend ihr Lied himmelan. Gib mir eine Schüssel von deiner Suppe, Audifax, sprach sie, mich hungert!

Die Waldfrau ließ es geschehen, daß er ihr eine hölzerne Schüssel aus dem Feldkessel füllte. Das hungrige Kind stärkte sich dran und ward guten Mutes und erschrak nicht über die wilden Gesichter der hunnischen Reiter, die da kamen, ihre Abendsuppe zu schöpfen. Nachher setzte sie sich dicht zu Audifax hin. Er war stumm und zurückhaltend, erst wie es dunkel ward und seine Dräuerin von dannen ging, lösten sich die Fesseln seiner Zunge. O, ich weiß viel, Hadumoth! sagte er leise und sah sich scheu um – ich weiß den Hunnenschatz! Die Waldfrau hat ihn in Verwahrung, zwei Truhen stehen unter ihrem Lager im Zweighaus; ich hab' selber hineingeschaut, es glänzt drin von Spangen und Vorhängkleinodien und güldenem Geschirr. Auch ein silbern Huhn mit Küchlein und Eiern ist dabei, das hat einer im Lombardenland mitgenommen, und viel Prächtiges sonst... ich hab's teuer gebüßt, den Schatz zu sehen...

Er lüftete seinen ledernen Schlapphut. Sein rechtes Ohr war halb abgeschnitten.

... Die Waldfrau kam heim, eh' ich die Truhe zuschlagen konnte. Das sei dein Lohn, sprach sie und zuckte die Schere wider mein Ohr. 's hat weh getan, Hadumoth. Aber ich zahl's ihr heim!

Ich helf' dir! sprach die Gefährtin.

Lange noch plauderten die beiden; der Schlummer floh die Augen der Glücklichen. Der Lärm des Lagers schwieg. Dämmernde Schatten waren über das Tal gebreitet. Da sprach Hadumoth: Ich muß immer und immer denken, es sei jene Nacht, wo die Sterne fielen.

Audifax seufzte. Ich gewinn' meinen Schatz doch noch, sprach er; ich weiß es.

Und wieder saßen sie eine Weile, da schreckte Audifax zusammen, Hadumoth spürte das Zittern seiner Hand. – Über dem Rheine auf dunklem Berggipfel flammte ein Feuerzeichen auf, es war eine Fackel, die ein Mann in kreisendem Bogen schwingt und in die Lüfte hinausschleudert.

Jetzt ist's erloschen! sprach Audifax leis.

Aber dort! sagte Hadumoth erschrocken und wies rückwärts.

Von des Bötzbergs Höhe schlug eine Lohe empor und kreiste feurig und sprühte in Funken. Es war dasselbe Zeichen. Und drüben auf dem Schwarzwald hub sich an dem Platze, wo die Fackel geschwungen worden, eine hohe Flamme himmelan und leuchtete durch die sternenlose Nacht. Von der Wache im Tal draußen scholl ein gellender Pfiff. Im Lager regte sich's. Die Waldfrau kam herein. Was träumst du noch, Bub'! rief sie drohend, schirr unser Gespann und rüste das Saumroß!

Schweigend gehorchte Audifax.

Der Wagen stand geschirrt, das Saumroß an den Pfahl gebunden; vorsichtig schlich die Alte heran und hing ihm zwei Körbe um und trug zwei Truhen herzu, die packte sie in die Körbe und tat Heu drüber. Sie spähte lauernd hinaus. Es war wieder still. Der Fricktaler Wein schaffte den Hunnen einen festen Schlaf.

Es ist nichts! brummte die Waldfrau, wir können die Gäule wieder zur Ruhe bringen. Da fuhr sie auf wie geblendet. Der Berg über dem Lager war lebendig geworden, es blitzte und sprühte von viel hundert Fackeln und FeuerbrändenNam et villani quidam praedocti ollas, prunas in proximo monte paratas habentes, tumulto audito faces accensas levabant, et, ut discretionem sociorum et hostium nossent, quasi, perlustrium fecerant. Die anschauliche Darstellung dieses Überfalls des ungarischen Lagers im Fricktal durch Irminger, den Alten, mit seinen sechs Söhnen und ihrer Mannschaft gibt Ekkeh. IV. casus S. Galli cap. 3 bei Pertz, Mon. II. 110. Im Schein der rings auf den Bergen flammenden Feuerzeichen stürmten ihre drei Heerhaufen in den sorglosen Feind. Wer nicht in keckem Schwimmen über den Rhein setzte, wurde erschlagen; die Beutestücke der Schlacht weihte Irminger dem Münster des heiligen Fridolin zu Säckingen. Eine auf dem rechten Rheinufer gelagerte ungarische Schar zog sich auf die Nachricht dieser Niederlage ins Elsaß hinüber. und donnerte mit wütendem Schlachtruf dazwischen, – vom Rhein her wälzten sich dunkle Massen, auf allen Gipfeln flammte es gen Himmel. – Heraus, ihr Schläfer!... es war zu spät – schon flog der helle Brand ins Hunnenlager, – klagend Gewieher der Rosse tönte auf – der große Stall stand in Flammen – dunkle Gestalten brechen ein, fackelglanzbeschienen kommt heute der Tod; – das ist der alte Irminger, Herr im Frickgau, der ihn bringt, er, der starke Vater sechs starker Söhne, der wie Matthias mit seinen Makkabäern das Elend seines Volkes nicht länger erschauen wollte, – und von ihnen geführt die Männer von Hornussen und Herznach und die aus dem Aartal und von Brugg und von Badens heißen Quellen und weit von der Giselaflueh her. In sicherm Waldversteck waren sie gelegen, bis auf dem Eggberg drüben die Fackel schwirrte, das war des Schwarzwalds nachbarliche Hilfe – da ging's vorwärts zum Sturm.

Graunvoll tönte der Überfallenen Schrei in den Sturmruf. Blutigen Hauptes sprengte Snewelin vorüber, ein wohlgeschleuderter Pechbrand haftete an seiner Gewandung und flackerte weiter, daß er aussah wie ein feurig Gespenst. Die Welt geht unter! rief er, das tausendjährige Reich bricht an, Herr, sei meiner armen Seele gnädig!

Verloren, alles verloren! sprach die Waldfrau vor sich hin und fuhr mit der Hand über die Stirn. Dann band sie das Saumroß los, um es auch noch vor ihren Wagen zu schirren. Im Dunkel stand Audifax, er biß die Zähne zusammen, um nicht jubelnd hinauszujauchzen in das Geheul des nächtlichen Überfalls; zitternder Widerschein des Feuers spielte um sein Antlitz; es kochte in ihm. Eine Weile schaute er starr ins Rennen und Wogen und Kämpfen der dunkeln Männer – jetzt weiß ich's! sprach er leise zu Hadumoth; er hatte einen Feldstein aufgerafft, katzenschnell sprang er an der Waldfrau hinauf und schlug sie nieder, das Saumroß riß er weg und hob mit Mannesstärke die knieende Hadumoth hinauf. Halt dich fest am Sattelknopf! – er sprang aufs Roß und griff die Zügel, das fühlte die ungewohnten Reiter, scheu von Brand und Glanz sprengte es davon in die Nacht. – Audifax wankte nicht, sein Herz pochte in lautem Schlag, er schloß die Augen vor dem qualmenden Rauch – über Erschlagene ging's durchs Gewühl streitender Männer... itzt tobte der Schlachtenlärm entfernter, das Roß schlug langsameren Schritt an, dem Rheine entgegen trug es die Kinder – sie waren gerettet.

Und sie ritten die lange bange Nacht durch und schauten nicht um. Audifax hielt schweigsam die Zügel, es war ihm oft, als wär' alles ein Traum gewesen; er legte die Linke auf Hadumoths Haupt und klopfte an die Truhe im Hängkorb, es gab einen Klang von Metall, da erst wußte er wieder, daß er nicht geträumt. Und das Roß war brav und trug seine Last willig, über Feld und Heide ging der Weg und durch finstere Wälder, immer dem strömenden Rhein entgegen.

Wie sie lang und weit geritten waren, da kam ein kühler Luftzug, daß sie zusammenschauerten; das war des Morgens Vorbote. 

Mir wird so kühl im Harnisch, sprach der Fiedelmann,
Drum glaub' ich, daß der Morgen ziehet schon heran,
Ich spür' es an der Kühle, es wird wohl balde Tag...«
Nibelungenlied, Avent. 31.
Hadumoth schlug die Augen auf. Wo sind wir? fragte sie. Ich weiß es nicht, sagte Audifax.

Jetzt hörten sie ein Rauschen und Tosen wie fernen Donner, aber es war nicht von einem Gewitter; der Himmel hellte sich, die Sternlein verblaßten und schwanden. Der Donner ward lauter und näher, sie ritten an einem Kastell vorüber, das sah stattlich in die Gewässer herunter, dann bog ihr Pfad um einen Bergrücken, da kam der Rhein in breiter Strömung daher und stürzte mit Hall und Schall und sprühendem Geschäume über dunkles zernagtes Gefels;... Es ist ein grausam ding zu sehen. Dieser fall heißt zu unsern Zeiten am Lauffen. Es wirt das Wasser so es oben herab fallt, zum eim gantzen schaum, es steubt aber sich gleich wie weisser rauch. Do mag kein Schiff herab kommen, anderst es zerfiel zu stucken. Es mögen auch keine Fisch die höhe dieses Felsens übersteigen, wann sie schon so lange krumme zeen hätten, wie das Mörthier Rosmarus oder Mors genannt.

Sebastian Münster. Cosmographey. 1574. S.551.

perlender Wasserstaub stäubte herüber und alles stand in feuchtem Duft... das Roß hielt an, als wolle es den gewaltigen Anblick bedachtsam in sich aufnehmen; Audifax sprang herab, hob die müde Hadumoth herunter, stellte die Hängkörbe zur Erde und ließ das brave Tier grasen.

Und die Kinder standen vor dem Fall des Stromes, Hadumoth hielt ihres Gefährten Rechte in ihrer Linken, lang und lautlos schauten sie hinein. Und die Sonne warf ihre Strahlen über die stürzende Flut, die fing sie auf und fügte sie zu farbigem Regenbogen zusammen und spielte mit dem schillernden Licht...

Audifax aber ging jetzt zu den Körben, nahm eine Truhe herfür und schlug sie auf – es war eitel Gold und Geschmeide drin – der Schatz, der langersehnte, war gehoben und war sein eigen, nicht durch Zauberformel und nächtige Beschwörung, eigen durch kräftig Rühren der Hände und Dreinschlagen und Nutzung des günstigen Augenblicks. Er schaute in den güldenen Flimmer. Es überraschte ihn nicht, er wußte ja seit Monden, daß ihm ein solches beschieden war... Von jeglicher Art der güldenen Stücke las er eines aus, von Gefäßen eines, von Ringen einen, von Münzen und Armspangen eine, und trug sie vor ans Ufer.

Hadumoth, sprach er, hier muß Gott sein, sein Regenbogen schwebt über dem Wasser. Ich will ihm ein Dankopfer bringen.

Er trat vor auf einen Felsblock am Rande des Stromes und schleuderte mit starkem Arm das Gefäß in die brausende Rheinflut und den Ring und die Münze und die Spange – dann kniete er auf die Erde und Hadumoth kniete zu ihm und sie beteten eine lange Zeit und dankten Gott...

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