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Victor von Scheffel: Ekkehard - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleEkkehard
authorJoseph Victor von Scheffel
year1979
publisherFleischhauer & Spohn
addressStuttgart
isbn3-87230-301-5
titleEkkehard
pagesIII-XV, 1-419
created19990430
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Hadumoth, das Hirtenkind, trat ein. Schüchtern stand sie am Eingang, übernächtig und verweint das Antlitz; sie getraute sich nicht zu reden.

Was hast du, arm Kind? rief Frau Hadwig. Komm näher!

Da ging die Hirtin vorwärts. Sie küßte der Herzogin Hand. Da ersah sie Ekkehard, dessen geistlich Gewand ihr Scheu einflößte, sie nahte sich auch ihm, seine Hand zu küssen, sie wollte reden, Schluchzen hemmte ihre Stimme.

Fürcht dich nicht, sprach die Herzogin tröstend. Da fand sie Worte.

Ich kann die Gänse nimmer hüten, sprach sie, ich muß fortgehen. Du sollst mir ein Goldstück schenken, so groß du eines hast. Wenn ich wieder heimkomm', will ich zeitlebens dafür schaffen. Ich kann nichts dafür, daß ich fort muß.

Warum willst du fort, Kind? fragte die Herzogin, haben sie dir was Leides getan?

Er ist nicht mehr heimgekommen.

Es sind viele nicht mehr heimgekommen; darum mußt du nicht fort. Die draußen blieben, sind bei Gott im Himmel und sind in einem schönen lustigen Garten und wohlauf und haben's besser denn wir.

Aber das Hirtenkind schüttelte sein junges Haupt. Audifax ist nicht bei Gott, sprach's, er ist bei den Hunnen. Ich hab' nach ihm geschaut drunten im Feld, er war nicht bei den toten Männern, und des Kohlenbrenners Bub' von Hohenstoffeln, der auch mit den Schützen zog, hat's gesehen, wie ihn einer fing... Ich muß ihn dort holen, es läßt mir keine Ruh' mehr.

Wo willst du ihn holen?

Das weiß ich nicht. Ich will gehn, wo die andern hingeritten sind, die Welt ist groß, am Ende find' ich ihn doch, das weiß ich. Das Goldstück, das du mir schenken sollst, will ich den Hunnen geben und sagen: Laßt mir den Audifax frei; und wenn ich ihn hab', kommen wir beide heim.

Frau Hadwig hatte ihr Wohlgefallen am Außerordentlichen. Von diesem Kind mögen wir alle lernen! sprach sie, hob die scheue Hadumoth zu sich empor und küßte sie auf die Stirn. Mit dir ist Gott, darum sind deine Gedanken groß und kühn und du weißt nicht darum. Wer hat ein Goldstück von euch bei der Hand?

Der von Randegg nestelte eines herfür. 's war ein großer Goldtaler, und war der Kaiser Karl darauf geprägt mit einem grimmen Antlitz und groß offenen Schlitzaugen, und auf der Rückseite war ein gekrönt Frauenbild zu schauen und eine Schrift. 's ist mein letzter! sprach der Randegger lachend zu Praxedis. Die Herzogin gab ihn dem Kind: Zeuch aus im Herrn, es ist eine Fügung.

Es war ihnen feierlich zu Mute und Ekkehard legte seine Hände auf Hadumoths Haupt wie zum Segen.

Ich dank' euch! sprach sie und wollte gehen. Noch einmal wandte sie sich um: Wenn sie mir aber den Audifax für das eine Goldstück nicht herausgeben?

Dann schenk ich dir ein zweites, sagte die Herzogin.

Da ging das Kind zuversichtlich von dannen.

Und Hadumoth zog in die unbekannte Welt hinaus, das Goldstück ins Mieder eingenäht, die Hirtentasche mit Brot gefüllt; – den Stab hatte ihr Audifax einst aus dunkelgrüner Stechpalme geschnitzt. Ob Weg und Steg ihr unbekannt, ob Speise und Obdach zweifelhaft, darum hatte sie nicht Zeit sich zu kümmern. Die Hunnen sind gegen Sonnenuntergang gezogen und haben ihn mitgenommen, das war ihr einzig Denken, der Lauf des Rheins und der Sonne Untergang ihr Wegweiser, Audifax ihr Ziel.

Mählich ward ihr die Gegend fremd. Ferner und schmäler glänzte der Bodensee vor ihrem Blick, neue Bergrücken schoben sich vor und verdeckten ihr die gewohnten stolzen Formen des heimatlichen Felsens: da schaute sie etliche Male zurück. Noch einmal lugte die Kuppe des hohen Twiel mit Turm und Mauer und Zinnen zu ihr herüber, von blauem Duft umzogen, dann schwand sie. Ein unbekanntes Tal tat sich auf, weite schwarze Tannwälder zogen sich drüber hin, niedere Hütten mit tief herabhangenden Strohdächern lagen versteckt im Waldesdunkel – unverzagt ging Hadumoth weiter und winkte den Hegauer Bergen den letzten Gruß zu.

Wie die Sonne jenseits der Wälder zur Ruhe gegangen war, hielt sie eine Weile. Jetzt läuten sie zu Hause den Abendsegen, sprach sie, ich will beten. Und sie kniete in der Bergeinsamkeit und betete, erst für Audifax, dann für die Herzogin, dann für sich – und alles war still ringsum. Sie hörte nur ihr eigen pochend Herz.

Wie wird's meinen Gänsen ergehen? dachte sie beim Aufstehen; jetzt ist die Stunde, sie einzutreiben. Dann trat wieder Audifax vor ihre Seele, an dessen Seite sie so oft von der Weide zu Berg gefahren, und sie ging schneller.

In den Meierhöfen im Tal rührte sich niemand. Nur vor einer Strohdachhütte saß ein altes Weib. Du sollst mich heut nacht bei dir behalten, Großmutter, sprach Hadumoth zutraulich. Die gab ihr keine Antwort, doch ein Zeichen, daß sie bleiben könne. Sie war taub und alleine zurückgeblieben, die Männer fort ins höhere Gebirg, der Hunnen wegen.

Aber vor Tagesgrauen war Hadumoth wieder unterwegs. Und sie ging durch lange, lange Wälder, drin wollte es kein Ende nehmen mit Tannen und war das erste lautlose Weben des Frühlings im Walde, die ersten Blumen streckten ihre Häupter aus dem Moos herfür, die ersten Käfer flogen leise summend drüber, und ein Harzgeruch, kräftig und anmutend, zog wehend herum, als wär er ein Weihrauch, den die Tannen der Sonne hinaufschickten zum Dank für alles, was sie zu ihren Füßen lustig hervorgetrieben.

Der Hirtin gefiel's nicht. Hier ist's zu schön, sprach sie, hier können die Hunnen nicht sein.

Sie lenkte ihren Schritt vom Gebirg abwärts und kam auf einen Platz, da war der Wald licht und weite Umschau. Tief unten in der Ferne floß der Rhein gekrümmt gleich einer Schlange, eingeklemmt zwischen doppelter Strömung trug eine Insel viel stattliche Mauern wie von Kirche und Kloster, der Hirtin scharfes Aug sah, daß das Mauerwerk geschwärzt und fleckig war und kein Dach mehr trug. Eine blaue Rauchwolke stand unbeweglich drüber.

Wie ist's hier geheißen? fragte sie einen Mann, der aus dem Walde kam.

Schwarzwald! sagte der Mann.

Und drüben?

Rheingau.

Die Hunnen sind drüben gewesen?

Vorgestern.

Wo jetzt?

Der Mann hatte sich auf seinen Stab gestemmt und schaute das Kind fragend an. Er deutete rheinabwärts. Warum? fragte er.

Ich will zu ihnen. – Er hob seinen Stab und ging seines Weges weiter. Heiliger Fintan, bitt für uns! murmelte er im Fortgehen.

Und wiederum schritt Hadumoth unverdrossen weiter. Sie hatte von der Höhe erschaut, daß der Rhein in großem Bogen vorwärts strömte; da ging sie quer über das Gebirg, den Hunnen einen Vorsprung abzugewinnen, und war zwei Tage unterwegs, die Nacht im Walde auf Moos gebettet, und schier keinem Menschen begegnet. Aber viel wilde Talschluchten traf sie und rinnend Gewässer und alte Stämme, die der Sturmwind gefällt; am Platze, wo sie sonst ihre Wipfel hoch gen Himmel gereckt, faulten sie und leuchteten grauweiß unheimlich im Dunkel. Sie ließ den Mut nicht. Das Gebirg ward minder steil und flachte sich zu einer Hochebene ab, da strich oft rauher Luftzug drüber und Schnee lag in den Talmulden; sie ging weiter.

Das letzte Stück Brot war verzehrt, da kam sie auf einen Bergrücken und sah wieder den Rhein in der Ferne. Jetzt wollte sie dem entgegen; aber wie ein Riß im Erdreich tat sich eine enge Kluft diesseits des Berges auf, ein Waldstrom schäumte in der Tiefe. Junger Schuß von Stauden und Brombeer in dornigem Gestrüpp hielt den Abhang dicht besetzt; sie bahnte sich einen Weg durch. Es kostete Mühe und Schweiß, die Sonne stand hoch am Himmel, die Dornen rissen am Gewand. Wenn der Fuß unwillig still stehen wollte, sprach sie: Audifax! und hob ihn vorwärts.

Jetzt war sie unten, zu Füßen dunkler Felswände. Das Wildwasser hatte sich Bahn durch sie gebrochen und stürzte in klarem Fall drüber weg; die verwitterten Steine glänzen im Wasserduft, rötliches Moos hatte sich dran festgenistet wie eine Vergoldung; die Flut leckte hinauf und brauste wechselnd drüber hin, bis sie wenig Schritte davon in tiefgrün durchsichtigem Becken still hielt und ausruhte, wie ein müder Mann, der sich und seines Lebens Tollheiten klar beschauen will. Üppige Pflanzen mit großen Blättern sprießten auf; der Wasserschaum funkelte in farbigen Tautropfen drin. Blaugeflügelte Libellen flogen auf und ab, als wären sie die Geister verstorbener Elfen.

Träumerisch hallte das einsame Stürzen des Bachs ins Herz des hungernden Kindes. Mit dem Bach sollte sie weiter gehen hinab zum Rhein. Alles war verwachsen, wie wenn nie ein Mensch seinen Fuß hieher getragen... da lachte ein trocken grünes Plätzlein zu Hadumoth herüber, sie legte sich nieder. Es rauschte so kühl und lang, es rauschte sie in Schlummer. Den rechten Arm ausgestreckt, daß das Haupt drauf ruhte, lag sie da, Lächeln auf dem müden Antlitz. Sie träumte. Von wem? – die blauen Wasserjungfern haben nichts verplaudert...

Ein leichter Wasserguß aus hohler Hand scheuchte sie aus ihrem Traum. Wie sie langsam die Augen aufschlug, stund ein Mann vor ihr mit langem Bart, in grobzwilchenem Tschoben, die Füße nackt bis übers Knie. Angelruten, Netz und ein hölzern Legel, drin blaugetupfte Forellen schwammen, lagen im Grase bei ihm. Er hatte die Schläferin lang betrachtet. Zweifelhaft, ob sie ein Menschenkind, ging er, Wasser zu schöpfen, und weckte sie.

Wo bin ich? fragte Hadumoth sonder Furcht.

Am Wieladinger Strahl! sprach der Fischer. Das Wasser ist die Murg und hat gute Forellen und geht in den Rhein. Wie kommst aber du auf den Wald, Mägdlein? bist vom Himmel heruntergefallen?

Ich komm weither; bei uns sind die Berge anders und wachsen einzeln und steil aus der Ebene auf und steht ein jeder für sich, – und die Forellen schwimmen im See und sind größer: Hegau heißen's die Leute.

Der Fischer schüttelte das Haupt. Das muß weit weg sein, sprach er. Wohin jetzt?

Wo die Hunnen sind, sagte Hadumoth und erzählte ihm treuherzig, warum sie ausgezogen und wen sie suche.

Da schüttelte der Fischer sein Haupt noch stärker denn zuvor. Beim Leben meiner Mutter! sprach er, das ist ein böser Gang! Aber Hadumoth faltete die Hände und sagte: Fischer, du mußt mir den Weg zeigen, wo sie sind.

Da ward der Bärtige weich. Wenn's sein muß, brummte er, gar fern sind sie nicht. Komm mit!

Er packte sein Fischgerät zusammen und ging mit der Hirtin den Lauf des Waldbachs entlang. Wenn Baum und Busch zu dicht die Ufer sperrten oder Felsblöcke aufgetürmt lagen, hub er das Mägdlein auf den Arm und schritt durchs schäumende Wasser. Dann ließen sie die Talschlucht zur Rechten. Sie standen auf einem der Vorberge, die sich zum Rhein hinuntersenken. Schau hin, Kind, sprach er und deutete über den Rhein hinüber, wo ein flach abgeschnittener Gebirgszug sich streckte, dort geht's ins Fricktal hinein, zum Bötzberg hin. Dort steht ihr Lager geschlagen. Gestern ist das Laufenburger Kastell ausgeflammt worden... Aber weiter sollen uns die Mordbrenner nimmer traben, fuhr er grimmig fort.

Sie gingen noch eine Weile, da hielt Hadumoths Geleitsmann an einem felsigen Vorsprung. Warte! sprach er zu ihr. Er schleppte etliche Stämme dürres Tannenholz zusammen und schichtete sie auf, Reisig und Kienspäne reichlich dazwischen, doch ließ er's unangezündet. Das Gleiche tat er an anderen Plätzen. Hadumoth sah ihm zu; sie wußte nicht, warum er's tat.

Dann stiegen sie zu den Ufern des Rheins hinunter.

Ist's dein Ernst mit den Hunnen? frug er noch einmal. Ja! sprach Hadumoth. Da löste er einen im Gebüsch verborgenen Kahn und fuhr sie hinüber. Am andern Ufer war's waldig; er ging ein Stück einwärts und schaute sorgfältig um. Auch dort lag ein Holzstoß geschichtet und Kienfackeln dabei, von grünen Zweigen verdeckt. Er nickte zufrieden und kam zu Hadumoth. Weiter geh' ich nicht mit, dort ist Fricktal und Hunnenlager. Mach, daß sie deinen Buben herausgeben, eher heut als morgen, 's könnt sonst zu spät werden. Behüt' dich Gott! du bist ein tapfer Kind.

Ich dank' dir, sprach Hadumoth und drückte seine schwielige Hand. Warum gehst du nicht mit?

Ich komm' später! sagte der Fischer mit bedeutsamem Ton und stieg in seinen Kahn.

Am Eingang zum Tal war der Hunnen Lager geschlagen, wenig Gezelte und etliche große Hütten aus Buschwerk und Stroh, in Blockhäusern von Tannstämmen die Pferde. Es lehnte sich im Rücken an einen Berg, nach vorn war ein Graben gezogen als Schutzwehr und mit Verhack, Pfählen und dazwischen geworfenen Felsblöcken nach Art des hunnischen LandhagsDen merkwürdigen Landhag, mit dem die Ungarn zu Karls des Großen Zeit ihre Grenzen gesperrt hatten, beschreibt nach Erzählung eines Augenzeugen der Mönch von St. Gallen, gesta Karoli lib. VI. cap. 1 bei Pertz, Mon. II. 748. gesperrt. Bis weit hinaus ritten die Vorposten auf und nieder. Halb war es das Bedürfnis der Ruhe nach Ritt und Kampf, halb ein Anschlag aufs Kloster des heiligen Fridolin drüben, was sie dort festhielt. Ein Teil der Mannschaft baute Schiffe und Flöße am Rhein.

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