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Victor von Scheffel: Ekkehard - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleEkkehard
authorJoseph Victor von Scheffel
year1979
publisherFleischhauer & Spohn
addressStuttgart
isbn3-87230-301-5
titleEkkehard
pagesIII-XV, 1-419
created19990430
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Eines Augenblicks Länge blieb's still, wie er geendet; dann hob sich ein Klirren und Klingen, sie schlugen Schwert und Schild aneinand, hoben die Speere hoch und schwenkten die Feldzeichen – alte Sitte freudiger Zustimmung. Amen! scholl es tönend durch die Reihen, dann neigten sie die Knie, das Hochamt ging zu Ende; schauerlich klangen die hölzernen Klappern statt des üblichen Glockentones zur Feier. Wer sich noch nicht in österlicher Andacht mit dem Leib des Herrn gestärkt, trat vor zum Altar, ihn zu empfangen. Da rief's vom Turm: Waffen! Waffen! Feindio!Waffen, Feindio! der alte clamor ad arma, Allarm, Waffenschrei. Siehe Grimm, Rechtsaltertümer p. 876. Gleiche Sprachbildung – Verstärkung des Substantivs durch einen angehängten Ausruf – liegt den Hilferufen Mordio, Feurio! usw. zu Grunde. – Vom See kommt's schwarz herangezogen, Roß und Reiter, Feindio! – itzt war kein Halt mehr und keine Ruhe, sie stürmten nach dem Tor, wie vom Geist getrieben; kaum mochte Abt Wazmann den Segen erteilen.

So stürmt in unseren Tagen der wendische Fischer aus der Sonntagskirche, die am rügianischen Dünengestad sein Geistlicher hält, zur Zeit, wo des Herings Heersäulen im Anzug sind. Der Fisch kommt! ruft die Schildwache am sandweißen Ufer, da wogt's und rennt's nach den Barken, verlassen steht der Prediger und schaut ins Getümmel, da schneidet auch er der Andacht Faden ab und greift seine Netze und eilt zum Schifflein, die Schuppenträger zu bekriegen...

Schlachtfroh rückten sie aus dem Hofe, in jedem Herzen jene Mark und Fibern schwellende Spannung, daß es einem großen Augenblick entgegensehe. Und waren der Mönche von Sankt Gallen vierundsechzig, derer von Reichenau neunzig und an Heerbannleuten mehr denn fünfhundert. Beim Feldzeichen der Sankt Gallischen Brüder schritt Ekkehard; es war ein florverhüllt Kruzifix mit schwarzen Wimpeln, da des Klosters Banner zurückgeblieben. Auf dem Söller der Burg stand die Herzogin und ließ ein weißes Tuch in die Lüfte wehen. Ekkehard wandte sich nach ihr, aber ihr Blick mied den seinen und der Abschiedsgruß galt nicht ihm.

Ans untere Burgtor hatten dienende Brüder den Sarg mit des heiligen Marcus Gebein getragen. Wer immer vorüberschritt, berührte ihn mit Schwert und Lanzenspitze, dann ging's schweren Tritts den Burgweg hinab.

In der weiten Ebene, die sich nach dem See hinstreckt, ordnete Simon Bardo die Scharen seiner Streiter. Hei! wie wohlig war's dem alten Feldhauptmann, daß statt der Kutte wieder der gewohnte Panzer sich um die narbenbedeckte Brust schmiegte. In fremdartig geformter, spitz zugehender Stahlkappe kam er geritten, sein breiter edelsteingeschmückter Gürtel und der güldene Knauf des Schwertes zeigten den ehemaligen Heerführer.

Ihr leset die Alten der Grammatica halber, hatte er zu den Äbten gesagt, die hoch zu Roß bei ihm hielten, ich hab' mein Handwerk von ihnen gelernt. Mit Frontinus' und Vegetius' guten Ratschlägen läßt sich noch heutigentags was ausrichten. Für den Anfang soll's heut mit der Schlachtordnung der römischen Legionen erprobt sein, dabei läßt sich am besten abwarten, wie sich der Feind zu erkennen gibt. Wir können dann noch immer tun, wie wir wollen, die Sache geht nicht in einer halben Stunde zu End'.

Er hieß die leichte Mannschaft der Bogenschützen und Schleuderer vorausrücken; sie sollten den Waldsaum besetzen, vom Tannendickicht gegen Reiterangriff geschützt. Zielt nieder! sprach er, wenn ihr auch statt des Mannes das Roß trefft, 's ist immer etwas!

Beim Klang der Waldhörner schwärmte die Schar vorwärts, noch war kein Feind zu sehen.

Die Männer des Aufgebots ordnete er in zwei Heersäulen; dichtgeschlossen, den Speer gefällt und langsam rückten sie vor, von der vordern Säule zur zweiten ein Abstand weniger Schritte. Der von Randegg und der dürre Fridinger führten sie.

Die Mönche hieß er zu einem Haufen zusammentreten und stellte sie in die Rückhut.

Warum das? fragte der Abt Wazmann; er kränkte sich, daß ihnen nicht die Ehre des vordersten Angriffs zugeteilt ward.

Da lächelte der Kriegserfahrene. Das sind meine Triarier, sprach er, nicht, weil altgediente Soldaten, wohl aber weil sie um Rückkehr ins warme Nest streiten. Von Haus und Hof und Bett verjagt sein, macht die Hiebe am schwersten und die Stiche am tiefsten. Habt keine Sorge, die Wucht des Streites kommt noch früh genug an die Mannschaft des heiligen Benedictus!

Die Hunnen hatten bei Tagesgrauen das Reichenauer Kloster geräumt. Die Vorräte waren aufgezehrt, der Wein getrunken, die Kirche geplündert: ihr Tagewerk war getan. Auf Heribalds Stirn ward manche Runzel glatt, wie der letzte Reiter dem Tor entritt. Er warf ihnen ein Goldstück nach, das ihm der Mann von Ellwangen im Vertrauen zugesteckt. Landsmann, hatte Snewelin zu ihm gesagt, wenn du hörst, daß mir ein Unglück zugestoßen ist, so laß ein Dutzend Messen für meine arme Seel' lesen. Ich hab's immer gut gemeint mit euch und eurem Wesen, und daß ich unter die Heiden geraten bin, geschah mir, ich weiß selber nicht wie. Der Ellwanger Boden ist leider zu rauh, als daß Heilige darauf erwachsen können.

Aber Heribald wollte nichts von ihm wissen. Im Garten schaufelte er Knochen und Asche der Verbrannten und ihrer Rosse zusammen und streute sie in den See, während die Hunnen noch drüben einherzogen. Kein Staub von einem Heiden soll auf der Insel bleiben, sprach er. Dann ging er in den Klosterhof und schaute tiefsinnig den Platz an, wo er gestern zum Tanz gezwungen wurde.

Der Hunnen Ritt ging durch den dunklen Tannwald dem Hohentwiel entgegen. Aber wie sie sorglos dahin trabten, prallte da und dort ein Roß auf; Pfeile und Schleuderkugeln, von unsichtbaren Schützen geschossen, fuhren in den Schwarm. Der Vortrab wollte stutzig werden. Was kümmert euch der Mückenstich? rief Ellak und spornte sein Roß, vorwärts, die Ebene ist das Feld der Reiterschlacht! Ein Dutzend seiner Leute hieß er mit dem Troß zurückbleiben zum Geplänkel mit denen im Wald. Die Erde dröhnte vom Hufschlag der vorwärts sausenden Horde; im Blachfeld breitete sich der Schwarm und sprengte mit Geheul auf den anrückenden Heerbann. Weit voraus ritt Ellak mit dem hunnischen Bannerträger, der schwenkte die grünrote Fahne über ihm, er aber hob sich hoch im Sattel und tat einen wilden Schrei und schoß den ersten Pfeilschuß ab, auf daß der Kampf nach altem Brauch eröffnet sei.»Ich selbst, sprach Attila vor Beginn der Schlacht in den catalaunischen Feldern zu seinen Kriegern, werde den ersten Wurfspieß schleudere, und der Elende, der sich weigert, das Beispiel seines Fürsten nachzuahmen, ist unvermeidlichem Tode verfallen!« – Siehe Gibbon, a.a.O. cap. 35 (7). Es begann das Morden der Feldschlacht. Aber wenig frommte es den schwäbischen Kriegern, daß sie unerschüttert stand hielten, ein starrender Lanzenwald: war der Reiter Angriff abgeprallt, so kam aus der Ferne ein Pfeilregen geschwirrt; halb aufgerichtet im Bügel standen die Hunnen trotz Rossestrab, den Zaum über des Gauls Nacken geworfen zielten sie, der Schuß traf.

Andere schwärmten von der Seite ein – weh dem Gefallenen, den seine Brüder nicht in die Mitte nahmen.

Da gedachten die Leichtbewaffneten vom Walde den Hunnen in den Rücken zu brechen. Hörnerruf rief sie zur Sammlung, sie rückten vor – aber mit eines Gedankens Schnelle waren die feindlichen Rosse gewendet, Pfeilregen prasselte in die Anrückenden, sie stutzten, wenige schritten weiter, auch sie wurden geworfen, nur Audifax marschierte vorwärts, die Pfeile zischten um ihn, er schaute nicht auf und nicht zurück, er blies die Sackpfeife zum Angriff, wie es seines Amtes war; so kam er mitten ins Gewühl der feindlichen Reiter.

Da stockte sein Blasen – im Vorübersprengen hatte ihm einer die Schlinge um den Hals geworfen und riß ihn an sich; widerstrebend schaute Audifax um, kein einziger seines Häufleins war hinter ihm zu erspähen – o Hadumoth! rief er betrübt. Den Reiter jammerte des mutigen blonden Knaben, statt ihm das Haupt zu spalten, hob er ihn zu sich aufs Roß und jagte mit ihm zurück. Von einem Hügel gedeckt hielt der hunnische Troß. Hoch aufgerichtet stund die Waldfrau auf ihrem Wagen und spähte hinaus in die wogende Schlacht; sie hatte die ersten Verwundeten gepflegt und kräftige Heilsprüche gesungen über das rinnende Blut!

Ich bring' Euch einen, der kann die Feldkessel fegen! rief der hunnische Reiter und warf den Hirtenknaben vom Roß hinüber, daß er der Alten vor die Füße flog in den strohumflochtenen Korb des Wagens.

Willkommen, du giftiges Krötlein, rief sie grimmig, du sollst den Lohn empfangen dafür, daß du den Kuttenmann auf meinen Fels gewiesen! Sie hatte ihn erkannt, zerrte ihn an der Schlinge zu sich und band ihn an des Wagens Gestell.

Audifax schwieg. Aber bittere Tränen perlten im Auge, er weinte, nicht ob seiner Gefangenschaft, er weinte ob abermals getäuschter Hoffnung. O Hadumoth! seufzte er abermals. – Verwichene Mitternacht war er bei der jungen Hirtin gesessen, versteckt am glimmenden Herdfeuer: du sollst fest werden, hatte Hadumoth gesagt, gefeit gegen Hieb und Stich! Sie hatte eine braune Schlange zerkocht und ihm mit dem Fette Stirn und Schulter und Brust bestrichen. Morgen abend erwarte ich dich hier am selbigen Plätzlein, du kommst mir heil zurück. Kein Eisen ist wider Schlangenfett!

Und Audifax hatte ihr die Hand gegeben und war so wohlgemut mit seiner Sackpfeife ausgerückt in den Kampf – und jetzt!...

Noch wogte der Feldstreit draußen im Talgrund. Schier wankten die schwäbischen Reihen, ermüdet des ungewohnten Fechtens. Bedenklich schaute Simon Bardo drüber hin und schüttelte das Haupt. Die schönste Strategie, brummte er, ist vergeudet an diese Centauren, – das sprengt ab und zu und schießt aus der Ferne, als wär' meine dreifache Schlachtordnung für nichts da; es täte wahrhaft not, daß man des Kaisers Leo Buch über die Taktik ein eigen Kapitel vom Hunnenangriff zufügte!

Er ritt zu den Mönchen und schied sie wieder in zwei Heerhaufen; die von Sankt Gallen sollten zur Rechten, die Reichenauer zur Linken des Heerbanntreffens vorrücken, dann schwenken, daß der Feind, den Wald im Rücken, in weitem Halbkreis eingeschlossen sei. So wir sie nicht einklemmen, halten sie nicht stand, rief er und schwang sein breites Schlachtschwert; auf und dran denn!

Wildes Feuer leuchtete aus aller Augen. Marschbereit standen die Reihen. Jetzt warf sich noch ein jeglicher ins Knie, griff eine Scholle vom Boden auf und streute sie rückwärts über sein Haupt, daß es geweiht und gefeit sei durch die vaterländische Erde,Noch im sechzehnten Jahrhundert bewahrten die deutschen Landsknechte die Sitte, sich rücklings Erde übers Haupt zu streuen, ehe sie ins Wogen des Treffens rückten. So der tapfere Georg von Frundsberg vor der Schlacht von Pavia. – dann ging's in den Kampf.

Die von Sankt Gallen stimmten den frommen Schlachtgesang media vita an. Notker, der Stammler, war dereinst durch die Schluchten beim heimischen Martinstobel gestiegen, sie wölbten einen Brückenbogen herüber, über schwindelnder Tiefe schwebten die Bauleute, da stand es als Bild vor seiner Seele, wie zu unserem Leben jeden Augenblickes des Todes Abgrund aufgähnt, und er dichtete das Lied. Jetzt galt's als Zaubersang, Schirm eigenen Lebens, Untergang dem Feinde.

Dumpf klang's von den anrückenden Männern in die Hunnenschlacht:

Ach, unser Leben ist nur ein halbes Leben!
Des Todes Boten ständig uns umschweben.
Wen mögen wir als Helfer uns erflehen,
Als dich, o Herr! den Richter der Vergehen?
Heiliger Gott!

und vom andern Flügel sangen die Reichenauer Mönche entgegen:

Dein harrten unsre Väter schon mit Sehnen,
Und du erlöstest sie von ihren Tränen,
Zu dir hinauf erging ihr Schrein und Rufen,
Du warfst sie nicht von deines Thrones Stufen.
Starker Gott!

und von rechts und links klang's zusammen – schon tönte Schwerthieb und dumpfer Fall Getroffener dazwischen:

Verlaß uns nicht, wenn Unkraft uns befallen,
Wenn unser Mut entfleucht, sei Stab uns allen;
O gib uns nicht dem bittern Tod zum Raube,
Barmherz'ger Gott, du unser Hort und Glaube!
Heiliger Gott, heiliger starker Gott!
Heiliger barmherziger Gott, erbarme dich unser!Wir können uns nicht enthalten, den einfach großartigen Text des Notkerischen Liedes media vita mitzuteilen, so wie ihn I. v. Arx seinen Geschichten des Kantons St. Gallen I. p. 95 einverleibt hat.
»Media vita in morte sumus, quem quaerimus adjutorem, nisi te domine, qui pro peccatis nostris juste irasceris.
V. In te speraverunt patres nostri, speraverunt et liberasti eos.
R. Sancte deus.
V. Ad te clamaverunt patres nostri, clamaverunt et non sunt confusi.
R. Sancte fortis.
Ne despicias nos in tempore senectutis, cum defecerit virtus nostra, ne derelinquas nos.
R. Sancte et misericors salvator, amarae morti ne tradas nos.«

Es fand so großen Anklang im Gemüt frommer Streiter, daß eine Synode zu Köln sich gemüßigt sah anzuordnen, niemand solle ohne seines Bischofs Erlaubnis gegen irgend einen Menschen das media vita singen. In das evangelische Kirchenlied ging es über durch Luthers Übersetzung: »Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen usw.«

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