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Victor von Scheffel: Ekkehard - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleEkkehard
authorJoseph Victor von Scheffel
year1979
publisherFleischhauer & Spohn
addressStuttgart
isbn3-87230-301-5
titleEkkehard
pagesIII-XV, 1-419
created19990430
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Auf maultiergezogenem Gefährt bei den kupfernen Feldkesseln und anderweitem Küchengerät saß ein alt runzlich Weib. Sie hielt die Hand über die Augen und schaute gegen die Sonne, dort ragten die Bergkegel des Hegau herüber, sie kannte ihre Kuppen... das Weib war die Waldfrau. Ausgetrieben von Ekkehard, war sie in die Fremde gezogen, Rache der Gedanke, mit dem sie des Morgens vom Schlafe erwachte und des Abends sich niederlegte, so kam sie unstet wandernd vor Augsburg; am Fuß des Berges, drauf einst die Schwabengöttin ZisaSiehe Grimm, deutsche Mythologie p. 269. ihren Holztempel gehabt, brannten der Hunnen Lagerfeuer: sie fand sich zu ihnen.

Auf stattlichem Rappen ritt bei der Waldfrau ein Mägdlein, kurz aufgeschürzt, in kecker Fülle gesunden Reiterlebens, unter stumpfem Näslein ein verführerisch Lippenpaar, die Augen funkelnd, das Haar zu einer wallenden Flechte geschlungen, die von rotem Band durchwoben in der Luft flatterte wie Wimpel eines Meerschiffes. Über das lose Mieder hing Bogen und Köcher, so tummelte sie ihr Tier, eine hunnische Artemis. Das war Erica, das Heideblümlein; sie war nicht hunnischen Stammes, in den Steppen Pannoniens hatten die Reiter sie als ein verlassenes Kind aufgelesen; sie war mitgezogen und groß geworden, ohne zu wissen warum. Wen sie gern hatte, den streichelte sie, wer mißfiel, den biß sie in den Arm. Botund, der alte Hunnenwachtmeister, hatte sie geliebt, Irkund, der junge, schlug den Botund wegen des Heideblümleins tot, aber wie Irkund sich ihrer Liebe erfreuen wollt', kam Zobolsu und tat ihm mit spitzer Lanze denselben Dienst, den Irkund dem Botund ohne sein Ansuchen erwiesen – so waren Ericas Schicksale mannigfaltig, neue Wege, neue Länder, neue Liebe, aber sie war dem Reitertrupp zugewachsen, als wär' sie sein guter Geist, und stund in abergläubischer Verehrung; – solang die Heideblume bei uns blüht, besiegen wir die Welt, sprachen die Hunnen, vorwärts!

Bei der Klosterpforte lag indes Heribald, der Geknebelte. Seine Betrachtungen waren traurig, eine große Stechfliege summte um sein Haupt, mit auf den Rücken gebundenen Händen vermochte er ihr nicht zu wehren. Heribald hat sich würdig betragen, dachte er, wie ein alter Römer ist er dagesessen, den Feind zu empfangen, jetzt liegt er geknebelt auf dem Pflaster und die Fliege sitzt ungescheut auf seiner Nase: das ist der Lohn für das Würdige! Heribald wird zeitlebens nimmer würdig sein! Unter Stachelschweinen ist Würde ein gar überflüssig Ding!

Wie ein Waldbach bei gehobener Schleuse wälzte sich jetzt der Hunnenzug in den Klosterhof.

Da ward's dem guten Heribald nimmer ganz geheuer: O Camerarius! fuhr er in seinen Betrachtungen fort – und weigerst du mir das nächste Mal außer dem Schuhleder auch noch Hemd und Kutte, so flieh' ich doch, ein nackter Mann, von dannen.

Die vom Vortrab traten zu Ellak und meldeten, wie sie den einsamen Mönch getroffen. Er winkte ihn beizubringen, da lösten sie ihm den Strick, stellten ihn aufrecht in den Hof und deuteten durch Faustschläge die Richtung nach dem Anführer. Langsam schritt der Unglückliche vorwärts, er stieß ein unwillig Murren aus.

Ein unsäglich spöttischer Zug flog über des Hunnenführers Lippen, wie er vor ihm stand; lässig ließ er die Zügel über des Rosses Hals hangen und wandte sich rückwärts.

Schau doch, wie ein Vertreter deutscher Kunst und Wissenschaft aussieht! rief er zu Erica hinüber. – Auf mehrfachen Raubzügen hatte Ellak notdürftig des deutschen Landes Sprache erlernt. Wo sind die Bewohner der Insel? fragte er gebieterisch.

Heribald deutete nach dem fernen Hegau.

Gewaffnet? fragte Ellak weiter.

Die Diener Gottes sind stets gewaffnet, der Herr ist ihnen Schild und Schwert.

Gut gesagt! lachte der Hunne. Warum bist du zurückgeblieben?

Heribald ward verlegen. Den wahren Grund von wegen seiner zerrissenen Schuhe anzugeben, gestattete ihm sein Ehrgefühl nicht. Heribald ist fürwitzig, sprach er, Heribald wollte schauen, wie die Söhne der Teufel aussehen...

Ellak teilte seinen Gefährten des Mönchs höfliche Worte mit. Ein wiehernd Gelächter erscholl.

Ihr braucht nicht zu lachen, rief Heribald verdrießlich, wir wissen recht wohl, wer ihr seid, der Abt Wazmann hat's uns gesagt.

Ich werd' dich tot schlagen lassen, sprach Ellak gleichgültig.

Das wird mir recht geschehen! sprach Heribald, warum bin ich nicht durchgegangen!

Ellak musterte den störrischen Gesellen mit prüfendem Blick, da fiel ihm ein anderer Gedanke bei. Er winkte dem Bannerträger, daß er näher trete. Der kam und schwang die Fahne mit der grünen Katze. Die war einst dem Hunnenkönig Etzel in seiner Jugend erschienen: träumerisch saß er in seines Oheims Rugilas Zelt, er war schwermütig und überlegte sich, ob er nicht ein Christ werden und Gott und der Wissenschaft dienen solle, da kam die Katze. Unter Rugilas Kleinodien hatte sie den goldenen Reichsapfel vorgeholt, ein Beutestück von Byzanz, sie hielt ihn in den Krallen und spielte damit und rollte ihn hin und her. Und eine Stimme sprach in Etzel: Du sollst kein Mönch werden, du sollst mit der Erdkugel dein Spiel treiben wie dieses Tier! und er merkte, daß ihm der Hunnengott Kutka erschienen war, ging hin, schwang sein Schwert nach den vier Weltteilen, ließ seine Fingernägel wachsen und wurde, was er werden sollte, Attila, König der Hunnen, die Geißel Gottes!...

Knie nieder, elender Mönch, rief Ellak vom Roß herunter, der hier gemalt steht auf dem Banner, den sollst du anbeten.

Aber festgewurzelt stand Heribald.

Ich kenne ihn nicht, sprach er mit dumpfem Lachen.

Der Hunnen Gott! rief der Anführer zürnend. Auf die Knie, Kuttenträger! oder.... er deutete auf sein krummes Schwert.

Heribald lachte abermals und fuhr mit dem Zeigefinger nach der Stirn. Da kennt Ihr Heribald schlecht, sagte er, wenn Ihr glaubt, daß er sich das aufbinden lasse. Es steht geschrieben: als Gott Himmel und Erde erschaffen und Finsternis über den Abgründen lag, da sprach er: es werde Licht! Wenn Gott eine Katze wäre, hätt' er nicht gesagt: es werde Licht. Heribald kniet nicht... Ein hunnischer Reiter trat unbemerkt bei, zupfte den Mönch am Gewand und raunte ihm leise, aber auf gut schwäbisch ins Ohr: Landsmann, ich tät' knien an deiner Stell', es sind gar lebensgefährliche Leut. Der Warner hieß eigentlich Snewelin und war von Ellwangen im Rießgau, seiner Geburt nach ein fester Schwabe, aber im Lauf der Zeiten ein Hunne geworden und stand sich ganz gut dabei. Und er sprach's mit etwas windigem Ton in der Stimme, denn es fehlten ihm der Vorderzähne und auch der Backenzähne etliche, und das war eigentlich die Ursache, daß er unter den Hunnen zu finden. In jungen Tagen nämlich, da er noch als friedlicher Fuhrmann des heimatlichen Salvatorklösterleins sein Dasein fristete, war er mit einer Ladung schillernden Neckarweins unter guter Bedeckung und kaiserlichem Schutz nordwärts geschickt worden auf den großen Markt zu Magdeburg.Schon unter Karl dem Großen bestand lebhafter Handelsverkehr mit Slaven und Awaren (Capitulare von 803 bei Pertz, Mon. III. 133) und die nordischen Teile des Reichs verschafften sich die Produkte des Südens. Ermoldus Nigellus (†836) in seinen weinerlichen Gedichten nennt friesische Kaufleute als Ankäufer des elsassischen Weines, den sie auf dem Rhein fortführten. Auch am mittleren Neckar waren dieselben wohlbekannt. Siehe Stälin, wirtemberg. Geschichte I. 402. Dorthin kamen die Priester der heidnischen Pommern und Wenden, ihren Opferwein zu kaufen, und er machte ein gut Geschäft, da er seine Ladung an den weißbärtigen Oberpriester des dreiköpfigen Gottes Triglaff.. In einer Kirchen war ein Abgott, Triglaff geheißen, und neben dem hingen viel Waffen und Harnisch, so sie im Kriege erworben und dem Abgotte geschenkt hatten, und güldene und silberne Becher, damit sie pflagen zu wicken und daraus zu weissagen und zukhünfftige Dinck erfharen und daraus die Edelen pflagen zu hohen Festen zu trinken; auch große Urochßenhörner in silber gefaßt und Trommeten zum Kriege, schwerter und dolche und ander köstlich Zeug und Geräte, das hübsch und kunstreich von Arbeit und zu der Götzen geschmuck bescheeret war.. Und der Götze Triglaff war von Golde und hatte drei Köpfe, davon er auch so genennet ist worden, denn triglafi auf wendisch heißen drei köpfe, damit sie haben bedeuten wollen, daß er ein Gott were über Himmel, erde und helle. Den nahm Sant Otto mit sich wegk, und schickte ihn dem Papst Honorio zu einem triumpff und zu einer Anzeigung der Pommern Bekehrung. Thomas Kantzow, Pomerania oder Ursprunck, Altheit und Geschicht der Völker und Lande Pommern, Cassuben, Wenden, Stettin, Rhügen (ed. Kosegarten) p. 107. für den großen Tempel bei Stettin losschlug. Aber dann blieb er mit dem weißbärtigen Heiden bei der Weinprobe sitzen, und dem schmeckte der schwäbische Nektar, und er kam in die Begeisterung und hub an, ihm die Herrlichkeit seiner Heimat zu preisen, und sagte, bei ihnen zwischen Spree und Oder fange eigentlich die Welt erst an, und wollte ihn bekehren zum Dienste Triglaffs, des Dreiköpfigen, und des schwarzweißen Sonnengottes Radegast und der Radomysl, der Göttin der lieblichen Gedanken – da ward's dem Mann von Ellwangen zu bunt. Ihr seid ja ein scheußlicher wendischer Windmüller! rief er und warf den Zechtisch um und fuhr an ihn, gleichwie der junge Recke Siegfried, da er den langbärtigen wilden Gezwerg Alberich anlief, und ward handgemein mit ihm und riß ihm mit starkem Ruck seines Graubarts Hälfte aus. Jener aber rief Triglaff, den Dreiköpfigen, an und schlug ihm mit eisenbeschlagenem Opferstab einen Streich auf die Kinnlade, der die Zier seiner Zähne für immer zerstörte. Und ehe der zahnlose schwäbische Fuhrmann sich wieder erholte, war sein weißbärtiger Widersacher von dannen gefahren, und er konnte sich nimmer an ihm rächen; aber wie er zu Magdeburgs Tor hinausging, ballte er seine Faust nordwärts und sprach: Wir kommen auch wieder zusammen! In der Heimat lachten sie ihn wegen seiner Zahnlücke noch gröblich aus, da ging er im hellen Verdruß unter die Hunnen und gedachte, wenn die einmal gen Norden ritten, mit dem dreiköpfigen Triglaff und allem, was ihm diente, eine furchtbare Rechnung abzumachen...

Heribald hörte nicht auf den seltsamen Reitersmann. Die Waldfrau war von ihrem Wagen heruntergesprungen und trat vor Ellak; grinsend schaute sie nach dem Mönch. Ich hab' nach den Sternen geschaut, rief sie, von kahlgeschorenen Männern droht uns Unheil. Ihr sollt zur Abwendung diesen Elenden an des Klosters Pforte aufhängen lassen, mit dem Gesicht nach dem Gebirg gewendet!

Knüpft ihn auf! riefen viele im Haufen, die der Waldfrau Gebärden verstanden.

Ellak hatte sich wieder zu Erica hinüber gewendet. Dies Ungeheuer hat auch Grundsätze, sprach er höhnisch; es gilt seinen Tod und er weigert, das Knie zu beugen. Lassen wir ihn aufknüpfen, Blume der Heide?

Heribalds Leben hing an schwachen Fäden. Er sah rings die unheimlichen Gesichter, sein blöder Mut begann zu schwinden, das Weinen stand ihm nah, aber ein richtiger Zug liegt auch im Törichtsten zur Stunde der Gefahr – wie ein Stern glänzte ihm der Heideblume rotwangig Antlitz herüber, da sprang er mit angstvollen Schritten durchs Getümmel zu Erica. Vor ihr kam's ihm nicht schwer zu knien, ihr Liebreiz schuf ihm Vertrauen, mit ausgestreckten Armen flehte er um Schutz.

Seht, seht! rief die Heideblume, der Mann der Insel ist nicht so töricht, als er ausschaut. Er kniet lieber vor Erica, als vor der grünroten Fahne. Sie sah gnädig auf den Mitleidswerten, sprang vom Roß und streichelte ihn wie ein halbwild Tier. Fürcht dich nicht, sprach sie, du sollst am Leben bleiben, alter Schwarzrock! und Heribald las aus ihren Augen, daß ihre Versicherung ernst war. Er deutete nach der Waldfrau, die ihm am meisten bang gemacht; Erica schüttelte das Haupt: die darf dir nichts tun! Da sprang Heribald wohlgemut an die Mauer, Frührosen blühten dort und Flieder, schnell riß er etlich Gezweig ab und reichte es der hunnischen Maid. Schallender Jubel hob sich im Klosterhof... fatuitatis monstrum ubi sentiunt, omnes illi risibiles parcunt. Ekkeh. casus S. Galli c. 3. Der Heideblume Heil! riefen sie und klirrten mit den Waffen. Schrei mit! raunte der Mann von Ellwangen dem Geretteten zu – itzt hub auch Heribald seine Stimme und rief ein heiseres Heil! Tränen standen ihm im Aug'.

Die Hunnen sattelten ab. Wie die Meute der Hunde am Abend der Jagd des Augenblicks harrt, wo der ausgeweidete Hirsch ihnen als Beute vorgeworfen wird, hier zerrt einer am haltenden Strick, dort bellt ein anderer laut vor Ungeduld, so standen sie vor dem Kloster. Jetzt gab Ellak das Zeichen, daß die Plünderungen beginnen mögen. In wildem Ungestüm stürmten sie durcheinand, die Gänge entlang, die Stufen hinauf, in die Kirche hinein. Verworren Geschrei erscholl von vermeintlichem Fund und getäuschter Hoffnung; die Zellen der Brüder wurden durchsucht, nur spärlicher Haushalt war drinnen.

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