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Victor von Scheffel: Ekkehard - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleEkkehard
authorJoseph Victor von Scheffel
year1979
publisherFleischhauer & Spohn
addressStuttgart
isbn3-87230-301-5
titleEkkehard
pagesIII-XV, 1-419
created19990430
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Dreizehntes Kapitel

Heribald und seine Gäste

Auf der Insel Reichenau war's still und öde, nachdem des Klosters Insassen abgezogen. Der blödsinnige Heribald war Herr und Meister des Eilands. Er gefiel sich in seiner Einsamkeit. Stundenlang saß er am Seeufer und warf flache Kieselsteine über die Wellen, daß sie drauf tanzten. Wenn sie gleich anfangs untersanken, schalt er sie.

Mit den Hühnern im Hof pflog er manchen Zwiespruch; er fütterte sie pünktlich. Wenn ihr brav seid, sprach er einmal, und wenn die Brüder nicht heimkommen, so wird euch Heribald eine Predigt halten. Im Kloster trieb er allerhand Kurzweil – an einem Tag der Einsamkeit lassen sich gar mancherlei nützliche Gedanken aushecken – der Camerarius hatte ihn geärgert, daß er ihm sein Leder am Schuhwerk geweigert, da ging Heribald auf des Camerarius Zelle, seinen großen steinernen Wasserkrug schlug er in Trümmer, die drei Blumentöpfe desgleichen und trennte den Strohsack auf des Camerarius Nachtlager entzwei und füllte ihn mit den Scherben. Dann versuchte er, wie sich darauf liege: der harte Inhalt war scharf zu verspüren – da lächelte er zufrieden und ging in des Abtes Wazmann Gemächer.

Auch dem Abte war er gram, dieweil er ihm manche Züchtigung zu verdanken hatte, aber es war alles wohl aufgeräumt und in Verschluß getan, da blieb ihm nichts übrig, als dem gepolsterten Lehnstuhl einen Fuß abzuschlagen. Er fügte ihn wieder künstlich an, als wäre nichts geschehen. Das wird anmutig mit ihm zusammenbrechen, wenn er heimkommt und sich bequemlich niederlassen will. Den Leib sollst du züchtigen, sagt der heilige Benedikt. Aber Heribald hat den Stuhlfuß nicht abgeschlagen, das haben die Hunnen getan...

Gebet, Andacht und Psalmensingen verrichtete er, wie des Ordens Regel gebot. Die sieben Tageszeiten hielt der Einsame ängstlich ein, als möcht' er gestraft werden ob der Versäumnis, auch zur Vigilie stieg er nach Mitternacht hinunter in die Klosterkirche.

Zur Zeit, als seine Mitbrüder auf der Herzogsburg mit den Sankt Gallischen zechten, stand Heribald im Chor; unheimlich Grauen der Nacht lag über der Halle, düster flackerte die ewige Lampe: er aber stimmte unverdrossen und mit heller Stimme den Eingangsvers an: Herr, neige dich zu meinem Beistand! Herr, eile heran zu meiner Hilfe! und sang den dritten Psalm, den einst David gesungen, da er floh von Absalom, seinem Sohn. Wie er an die Stelle kam, wo Übung des Psallierens gemäß die Antiphonie ertönen sollte, hielt er nach alter Gewohnheit an und wartete des Gegengesangs, aber es blieb ruhig und stumm, da fuhr er mit der Hand nach der Stirn. Ja so, sprach der Blödsinnige, sie sind fort und Heribald ist allein... Jetzt wollte er auch noch den vierundneunzigsten Psalm singen, wie es die Vorschrift nächtlichen Horadienstes erheischte, da erlosch die ewige Lampe, eine Fledermaus war drüber hingestreift. Draußen Regen und Sturm. Schwere Tropfen fielen auf das Dach der Kirche und schlugen an die Fenster, da ward's ihm unheimlich zu Mut. Heiliger Benedikt, rief er, nimm ein gnädig Einsehen, daß Heribald nicht schuld ist, wenn die Antiphonie ungesungen blieb. Er schritt in der Dunkelheit aus dem Chor; ein schriller Wind pfiff durch ein Fensterlein der Krypta unter dem Hochaltar, ein heulender Ton kam herauf. Wie Heribald vorwärts ging, faßte ein Luftzug sein Gewand. Bis du wieder da, höllischer Versucher? rief er, muß wieder gefochten sein?.. quasi canem audierat mussitantem.. et intellexit temptatorem: »Esne tu, inquit, iterum ibi? Quam bene tibi miser contigit nunc mussitanti et grunnienti post gloriosas voces illas, quas in coelis habueras?« Ekkeh. casus S. Galli cap. 3 bei Pertz, Mon. II. 98.

Unverzagt schritt er zum Altar und faßte ein hölzern Kreuz, das der Abt nicht hatte wegnehmen lassen. Im Namen der Dreieinigkeit, komm heran, Larve des Satans, Heribald erwartet dich! Festen Mutes stand er an des Altares Stufen, der Wind heulte fort, der Teufel blieb aus... Er hat noch genug vom letztenmal! sprach der Blödsinnige lächelnd. Vor Jahresfrist war ihm der böse Feind erschienen in Gestalt eines großen Hofhundes und hatte ihn angebellt, aber Heribald hatte ihn bestanden mit einer Stange und ihm mit so tapfern Hieben zugesetzt, daß die Stange zerbrochen war...

Da rief Heribald noch eine Auslese beleidigender Reden nach der Richtung hin, wo der Luftzug stöhnte; wie sich aber nichts nahte, ihn anzufechten, stellte er das Kreuz wieder auf den Altar, beugte sein Knie und ging, Kyrie eleison murmelnd, in seine Zelle zurück. Bis in den hellen Morgen hinein schlief er dort den Schlaf des Gerechten.

Die Sonne stund hoch am Himmel, da wandelte Heribald vergnüglich vor dem Kloster auf und nieder. Seit daß er sich von den Schulbänken weg der Vakanz hatte erfreuen mögen, war ihm wenig Gelegenheit zum Ausruhen mehr geworden. Ruhe ist der Seele größte Feindin! hatte Sankt Benedikt gesagt und darum seinen Schülern streng vorgeschrieben, die Stunden des Tages, die nicht der Andacht galten, mit Arbeit der Hände auszufüllen. Heribald war keiner Kunst oder Handwerksgriffe kundig, darum hatten sie ihn zum Holzspalten und ähnlich nutzbringender Tätigkeit angehalten – jetzt aber schritt er, die Arme gekreuzt, an den aufgebeigten Scheitern vorüber und schaute lächelnd nach einem Klosterfenster hinauf. So komm doch herunter, Vater Rudimann! rief er, und halte den Heribald zum Holzhauen an! Du hast ja so trefflich Aufsicht gehalten über die Brüder und den Heribald so oft einen unnützen Knecht Gottes gescholten, wenn er den Wolken nachschaute, statt die Axt zu führen, warum tust du nicht, was deines Amtes?

Kein Echo gab dem Blödsinnigen Antwort; da zog er von den Scheitern der untersten einige heraus, rasselnd stürzte die hochgeschichtete Beige zusammen. Fallet nur, fuhr er im Selbstgespräch fort, Heribald macht Feiertag heut und setzt nichts wieder auf. Der Abt ist durchgegangen, die Brüder sind durchgegangen, es geschieht ihnen recht, wenn alles zusammenstürzt.

Nach solch löblicher Verrichtung wandte sich Heribald zum Klostergarten. Eine anderweite Erwägung beschäftigte seinen Geist: er gedachte ein paar liebliche Stöcke Salates zu seinem Mittagsmahl zu schneiden und sie feiner zuzubereiten, als in Anwesenheit des Paters Küchenmeister je geschehen wäre. Lockend malte er sich die Arbeit aus, wie er das Ölkrüglein sonder Schonung angreifen und der größten Zwiebeln einige mitleidsvoll zerschneiden wollte: da wirbelte drüben am weißsandigen Ufer eine Staubwolke auf, Gestalten von Roß und Reitern wurden sichtbar...

Seid ihr schon da? sprach der Mönch und schlug ein Kreuz, seine Lippen bewegten sich zu einem hastigen Gebete; aber bald lag die gewohnte Miene zufriedenen Lächelns wieder auf seinem Antlitz.

Fremden Wanderern und Pilgersmännern soll am Tor des Gotteshauses ein christlicher Bescheid erteilt werden,Regula S. Benedicti cap. 53: de hospitibus suscipiendis. murmelte er, – ich werde sie erwarten.

Ein neuer Einfall flog itzt durch sein Gemüt; er fuhr mit der Hand über die Stirn: bin ich nicht in der Klosterschule über den Geschichten des Altertums gesessen und hab' gehört, wie die römischen Senatoren der senonischen Gallier Einbruch erwartet? Den Mantel umgeschlagen, den Elfenbeinzepter in der Faust, saßen die Greise in ihren Stühlen, unbewegten Auges, wie eherne Götzenbilder; der lateinische Lehrer soll uns nicht umsonst vorgepredigt haben, das sei ein würdiger Empfang gewesen! Heribald kann's auch!

... Gelinder Blödsinn ist dann und wann eine neidenswerte Mitgift fürs Leben: was andere schwarz schauen, scheint ihm blau oder grün, zickzackig ist sein Pfad, aber von den Schlangen, die im Gras lauern, merkt er nichts, und über den Abgrund, in den der weise Mann regelrichtig hineinstürzt, stolpert er hinüber sonder Ahnung der Gefahr...

Ein kurulischer Stuhl war zur Zeit im Kloster nicht vorhanden. Heribald schob einen mächtigen Eichstamm an die Pforte, die in den Hof führte. Zu was Zweck und Nutzen haben wir die weltliche Geschichte gelernt, so wir keinen guten Rat draus schöpfen? murmelte er, setzte sich gelassen auf seinen Block und wartete der Dinge, die da kommen sollten.

Drüben am nahen Seeufer hielt ein Trupp Reiter; die Zügel in den Arm geschlungen, den Pfeil auf der Bogensehne, waren sie spähend herangesprengt, der hunnischen Heerschar Vortrab. Wie kein Hinterhalt aus dem weidenumbuschten Ufer vorbrach, hielten sie die Rosse eine Weile an zum Verschnaufen; der Pfeil ward in den Köcher gelegt, der krumme Säbel mit den Zähnen gefaßt, die Sporen eingepreßt – so ging's in den See. Hurtig arbeiteten sich die Rosse durch die blauen Wogen – itzt war der vorderste am Land und sprang vom Gaul und schüttelte sich dreimal wie ein Pudel, der vom kühlen Bad zurückkommt; mit schneidigem Hurraruf zogen sie in der schweigenden Reichenau ein.

Wie in Stein gehauen saß Heribald und schaute unverzagt den seltsamen Gestalten entgegen. Nachdenken über vollendete menschliche Schönheit hatte ihm noch keine schlaflose Nacht verursacht, aber was jetzt auf ihn zukam, deuchte ihn so häßlich, daß er ein langgedehntes: Erbarme dich unser, o Herr, nach deiner Barmherzigkeit Größe! nicht zu unterdrücken vermochte.

In den Sattel gebückt saßen die fremden Gäste, aus Tierfellen das Gewand, hager, dürr und klein die Gestalt, viereckig der Schädel, das Haar steif struppig herabhängend; gelb glänzte das unfertige Gesicht, als wär' es mit Talg eingesalbt: – der vordersten einer hatte durch freiwilligen Einschnitt seinen aufgeworfenen Mund um ein Erkleckliches nach den Ohren hin verlängert; verdächtig schauten sie aus den kleinen tiefliegenden Augen in die Welt hinaus.

Ebensogut könnt' man statt eines Hunnen einen Lehmklumpen halb viereckig in den Händen formen, etwas wie eine Nase dran aufstülpen und das Kinn einschlagen, dachte Heribald: da standen sie vor ihm. Er verstand ihre zischende Sprache nicht und lächelte ruhig, als ging' ihn die ganze Bande nichts an. Sie starrten eine Zeitlang verwundert auf den närrischen Gesellen, wie die Männer kritischen Handwerks auf einen neuen Poeten, von dem ihnen noch nicht klar, in welchem Schubfach vorrätiger Urteile sie ihn unterbringen sollen. Itzt erschaute einer die kahlgeschorene Stelle auf Heribalds Haupt und deutete mit dem krummen Säbel drauf hin, sie erhoben ein grinsendes Gelächter, einer griff nach Bogen und Pfeil und legte auf den Mönch an, da ging Heribalds Geduld aus, ein Anflug germanischen Stolzes gegenüber solchem Gesindel kam über ihn. Bei der Tonsur des heiligen Benedikt, rief er aufspringend, die Krone meines Hauptes soll kein Heidenhund lästern! er fiel dem vordersten in die Zügel, riß ihm den krummen Säbel von der Seite, kampfbereit wollte er sich aufpflanzen... aber schneller denn der Blitz hatte ihm der Hunnen einer eine starke Schlinge übers Haupt geworfen und riß ihn nieder; sie stürzten über ihn her, knebelten seine Hände auf den Rücken: schon waren todbringende Waffen geschwungen – da hub sich ein fernes Gesumm und Getöse wie von einer mächtig heranrückenden Schar, das zog die Reiter von dem Blödsinnigen ab, sie warfen ihn als wie einen Sack gebunden zu seinem Eichstamm und jagten im Galopp zum Seeufer zurück.

Der ganze Troß des hunnischen Heerhaufens war drüben angelangt; die vom Vortrab gaben durch gellend Pfeifen ein Zeichen hinüber, daß alles sicher; sie erspähten an der Insel schilfbewachsenem Ende eine Furt, schier trocknen Fußes zu durchreiten, den Pfad wiesen sie ihren Gesellen. Itzt kam's herübergebraust wie das wilde Heer, viele hundert Reitersmänner. An Augsburgs Wällen und des Bischofs Gebet waren ihre vereinten Waffen zerstiebt,.. Augustaque diu obsessa precibus Uodalrici episcopi, sanctissimi quidem inter omnes tunc temporis viri, repulsi... Ekkeh. casus S. Galli cap. 3. itzt durchzogen sie hordenweis das Land. An Gestalt, Antlitz und Art zu Pferd zu sitzen, glich einer dem andern – bei rohen Nationen sind die Gesichtszüge aller wie aus einem Guß, da es der einzelnen Beruf, in der Masse aufzugehen, nicht von ihr sich abzuheben.

Da glänzten zwischen den Obstbäumen und Gartenfeldern der Insel, wo sonst der Mönch Brevier betend gewandelt, zum erstenmal des Hunnenheeres fremde Waffen, schlangengleich wand sich der reisige Zug über den schmalen Pfad vom Festland herüber, ein wildes Klingen, wie Zymbalschlag und Geigenton, zog mit ihnen, es klang schrill und scharf wie Essig, denn der Hunnen Ohr war groß, aber nicht feinfühlig, und zur Musica wurden nur die verwendet, die des Reiterdienstes untüchtig.

Hoch über dem Heerhaufen wallte die Fahne mit der grünen Katze im roten Feld, bei ihr ritten etliche Anführer, Ellaks und Hornebogs hervorragende Gestalten.

Ellak mit scharfer unhunnischer Nase, eine Cirkassierin war seine Mutter gewesen, ihr dankte er das blasse, schier denkerartige Antlitz und den durchbohrenden Blick; er war der leitende Verstand des Haufens; daß die alte Welt umgepflügt werden müsse mit Feuer und Schwert, und daß es besser Pflüger als Dung zu sein, seine Lebensüberzeugung. Hornebog, schmal und schmächtig, das schwarze Haupthaar auf beiden Seiten des Angesichts zu zwei großen einsamen Locken zusammengedreht, drüber einen glänzenden Helm mit weithin starrenden Adlerflügeln, hunnischer Reiterkunst ein Vorbild; ihm war der Sattel Heimat, Zelt und Palast, er schoß den Vogel im Flug und trennte mit krummem Säbel ein Haupt vom Rumpf im Vorbeisprengen. Im Halfter wiegte sich ruhig die sechsfältige geknutete Peitsche, ein sinnig Symbol befehlshabender Gewalt.

Über der Rosse Rücken hatten die Hauptmänner köstlich gewirkte Decken hangen, auch Meßgewänder, ein lebendig Zeugnis, daß sie schon anderwärts Klosterbesuche abgestattet. In etlichen Wägen wurde die Kriegsbeute mitgeführt; großer Troß schloß den Zug.

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