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Victor von Scheffel: Ekkehard - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleEkkehard
authorJoseph Victor von Scheffel
year1979
publisherFleischhauer & Spohn
addressStuttgart
isbn3-87230-301-5
titleEkkehard
pagesIII-XV, 1-419
created19990430
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Herr Spazzo hatte indes scharfen Auges in das Tal hinunter geschaut. 's ist gut, daß wir gerade beisammen sind, ich glaub, 's gibt Arbeit! sprach er und deutete hinüber in die Tiefe, wo die Dächer des Weilers Hilzingen hinter hügeligen Gründen aufstiegen. Ein dunkler Streif zog sich heran... Da hieß Herr Simon Bardo seine Heerschar halten und spähte nach der Richtung: Das sind keine Hunnen, sie kommen unberitten. Zu größerer Fürsicht aber hieß er seine Bogenschützen den Abhang des Berges besetzen.

Aber wie der fremde Zug näher rückte, ward auch in ihren Reihen des heiligen Benedikt Ordensgewand sichtbar, ein gülden Kreuz ragte als Standarte aus den Lanzen, Kyrie eleison! klang ihre Litanei den Berg herauf... Meine Brüder! rief Ekkehard; da lösten sich die Glieder der Reichenauer Kohorte, sie rannten den Berg hinunter mit stürmischem Jubelschrei – wie sie aneinander waren, überall freudiges Umarmen: Wiedersehen in Stunde der Gefahr ringt dem Herzen ein fröhlicher Jauchzen ab denn sonst.

Arm in Arm mit den Reichenauern stiegen die fremden Gäste den Berg empor, ihren Abt Cralo an der Spitze; auf schwerfälligem Ochsenwagen in der Nachhut führten sie den blinden Thieto mit. Gott zum Gruß, erlauchte Frau Base, sprach Abt Cralo und neigte sich vor ihr; wer hätt' vor eines halben Jahres Frist gedacht, daß ich mit dem gesamten Kloster Euren Besuch erwidern würde? Aber der Gott Israels spricht: ausziehen laß mein Volk, auf daß es mir getreu bleibe!

Frau Hadwig reichte ihm bewegt vom Rosse herab die Hand. Zeiten der Prüfung! sprach sie. Seid willkommen!

Verstärkt durch die neuen Ankömmlinge zog die Hohentwieler Heerschar in der Burg schirmende Mauern zurück. Praxedis war in den Hof heruntergestiegen. Bei der Linde stand sie und schaute auf die einziehenden Männer; schon waren die von Sankt Gallen alle im Hofraum versammelt, unverwandt schaute sie nach dem Tor, als müsse noch einer nachkommen; doch er, den ihr Blick suchte, war nicht unter denen, die da kamen.

In der Burg ging es an ein Einrichten und Unterbringen der Gäste. Der Raum war spärlich gemessen. Im runden Hauptturm war eine luftige Halle, dort wurde mit aufgeschüttetem Stroh für notdürftig Nachtlager gesorgt. Wenn das so fortgeht, hatte der Schaffner gebrummt, der bald nicht mehr wußte, wo ihm der Kopf stand, so haben wir bald die ganze Pfaffheit Europas auf unserem Fels beisammen.

Küche und Keller gaben, was sie hatten.

Unten saßen Mönche und Kriegsleute bei lärmender Mahlzeit. Frau Hadwig hatte die beiden Äbte und wer von edlen Gästen sich bei ihr eingefunden, in ihrem Saale vereinigt; es war viel zu besprechen und zu beraten, ein Summen und Schwirren von Frag' und Antwort.

Da erzählte Abt Cralo die Geschicke seines Klosters.Ausführlich und sich gegenseitig ergänzend beschrieben bei Ekkeh. IV. casus S. Galli cap. 3 und den Biographen der heiligen Wiborad (siehe Note 41) namentlich bei Hedipan. vita Wiboradae cap. VI. 24 (Acta sanctor. Mai. I. 305)

Diesmal, sprach er, ist uns die Gefahr schier übers Haupt gewachsen. Kaum ward von den Hunnen gesprochen, so tönte der Boden schon vom Hufe ihrer Rosse. Itzt galt's. Die Klosterschule hab' ich in die feste Verschanzung von Wasserburg geschickt, Aristoteles und Cicero werden eine Zeitlang Staub ansetzen, die Jungen mögen Fische im Bodensee fangen, wenn's nicht noch schärfere Arbeit gibt, die alten Professoren sind zu rechter Zeit mit ihnen übers Wasser. Wir aber hatten uns ein festes Kastell als Unterschlupf hergerichtet; wo der Sitterbach durch tannbewaldet enges Tal schäumt, war ein trefflich Plätzlein, waldabgeschieden, als wenn keine heidnische Spürnase den Pfad jemals finden sollt', dort bauten wir ein festes Haus mit Turm und Mauer und weihten es der heiligen Dreieinigkeit – mög' sie ihm fürder ihren Schutz leihen!

Noch war's nicht unter Dach und Fach, da kamen schon die Boten vom See: flieht, die Hunnen sind da! und vom Rheintal kamen andere: flieht, war die Losung, der Himmel rot von Brand und Wachtfeuer, die Luft erfüllt vom Wehgeschrei flüchtender Leute und Knarren enteilenden Fuhrwerks. Da zogen wir aus. Gold und Kleinodien, Sankt Gallus' und Sankt Othmars Sarg und Gebein, der ganze Schatz ward noch sicher geborgen, die Bücher haben die Jungen nach der Wasserburg mitgenommen – aber an Essen und Trinken ward nicht viel gedacht, nur schmaler Mundvorrat war in die Waldburg geschafft; eiligst flohen wir dorthin. Erst unterwegs merkten die Brüder, daß wir Thieto, den Blinden, im Winkel der Alten vergessen, aber keiner ging mehr zurück, der Boden brannte unter den Füßen. So lagen wir etliche Tage still im tannversteckten Turm, oftmals nächtlich sprangen wir zu den Waffen, als stünd der Feind vor dem Tor, aber es war nur der Sitter Rauschen oder des Windes Strich in den Tannenwipfeln. Einmal aber rief's mit heller Stimme um Einlaß. Verscheucht und todmüd kam Burkard, der Klosterschüler. Aus Freundschaft zu Romeias, dem Wächter am Tor, war er zurückgeblieben, wir hatten deß nicht wahrgenommen. Er brachte schlimme Kunde; vom Schreck, den er erlebt, waren etliche Haare auf dem jungen Haupte über Nacht grau geworden.

Abt Cralos Stimme wollte zittern. Er hielt an und trank einen Schluck Weines. Der Herr sei allen christgläubigen Abgestorbenen gnädig, fuhr er bewegt fort, sein Licht leuchte ihnen, er lasse sie ruhen in Frieden!

Amen! sprachen die Tischgenossen.

Wen meint Ihr? fragte die Herzogin. Praxedis war aufgestanden, sie trat hinter ihrer Gebieterin Lehnstuhl, lauschend hing ihr Blick an des Erzählers Lippen.

Erst wenn einer tot ist, merken die Zurückgebliebenen, was er wert war, sprach Cralo und nahm den Faden wieder auf: Romeias, der trefflichste aller Wächter, war nicht mit uns ausgezogen. Will meinen Posten halten bis zum Schluß, hatte er gesagt; des Klosters Zugänge verschloß er, schaffte in sichern Versteck, was wegzuschaffen war, und machte die Runde um die Mauern, Burkard, der Klosterschüler, mit ihm; dann hielt er gewaffnet Wacht in seiner Turmstube. Da kam der helle Haufen hunnischer Reiter vor die Mauern geritten, vorsichtig schwärmend; Romeias tat die üblichen Hornstöße, dann sprang er nach der Ringmauer anderem Ende und stieß abermals ins Horn, als wär' alles wohl gehütet und besetzt: jetzt ist's Zeit zum Abzug! sprach er zum Schüler. Einen alten welken Strauß hatte er an den Eisenhut gesteckt, erzählte Burkard, da gingen die zwei zum blinden Thieto hinüber, der wollte den Winkel der Alten nimmer verlassen, sie aber setzten ihn auf zwei Speere und trugen ihn fort – zum hinteren Pförtlein hinaus, das Schwarzatal aufwärts fliehend.

Schon waren die Hunnen von den Rossen gestiegen und kletterten über die Mauern; wie sich nichts regte, schwärmten sie ein wie die Mücken auf den Honigtropfen, aber Romeias ging gelassenen Schrittes mit seiner greisen Bürde bergan. Niemand soll vom Klosterwächter sagen, daß er struppigen Heidenhunden zu lieb einen Trab angeschlagen – so sprach er seinem jungen Freunde Mut zu. Aber bald waren ihm die Hunnen auf der Fährte, wild Geschrei erscholl durch die Talschlucht, – wieder ein Stück weit, da pfiffen die ersten Pfeile. So kamen sie bis an den Felsen der Klausnerinnen. Dort aber staunte selbst Romeias. Als wär' nichts geschehen, tönte ihnen Wiborads dumpfes Psalmodieren entgegen. In himmlischer Erscheinung war ihr Not und Tod geoffenbart worden, selbst der fromme Gewissensrat Waldram vermochte ihren Sinn nicht zur Flucht zu wenden. Meine Zelle ist das Schlachtfeld, wo ich gegen der Menschheit alten Feind gestritten, ein Streiter Gottes deckt's mit seinem Leibe,.. »locum enim, quem contra versutias antiqui hostis pugnatura elegi, Deo juvante, spiritu redeunte ad eum qui dedit illum, etiam corpore tegam!« Hepidan I. c. p. 304. So sprach sie und verharrte in der Wildnis, als alles entwich.

Die Waldburg war nimmer zu erreichen, da suchte Romeias das abgelegenste Häuslein aus. Auf den Fels tretend ließ er den blinden Thieto sorglich durchs Dach hinab, er küßte den Greisen, eh' er sich von ihm wandte – dann hieß er den Klosterschüler sich auf die Flucht machen: es könnt' mir was Menschliches zustoßen; sag' denen in der Waldburg, daß sie nach dem Blinden sehen. Vergeblich flehte Burkard zu ihm und zitierte den Nisus und Euryalus, die auch vor der Übermacht volskischer Reiter in mächtiges Waldesdunkel geflohen. Ich müßt' zu schnell laufen, sprach Romeias, Erhitzung ist ungesund und schafft Brustschmerzen, ich muß ein Wörtlein mit den Söhnen des Teufels reden.

Er ging an Wiborads Zelle und klopfte an den Laden. Reich mir die Hand, alter Drache, rief er hinein, wir wollen Friede machen! und Wiborad streckte ihm ihre verwelkte Rechte aus... dann wälzte Romeias etliche Felsblöcke an des steilen Pfades Ausgang, so daß der Zutritt von der Schwarzaschlucht gesperrt war, nahm den Schild vom Rücken und richtete die Speere; mit wehendem Haupthaar stand er in der Umwallung und blies noch einmal auf dem großen Wächterhorn, erst zürnend und kampfschnaubend, dann weich und sänftlich, bis ein Pfeil in des Hornes Krümmung hineingellte. Ein Regen überdeckte ihn und spickte seinen Schild, er schüttelte sie ab; da und dort klomm einer der Hunnen auf die Nagelfluhfelsen, ihm beizukommen, Romeias' Speerwurf holte sie herunter, – der Angriff mehrte sich, wild toste der Kampf, aber unverzagt sang Wiborad ihren Psalm:

Vertilge sie im Grimm, o Herr, vertilge sie, daß sie nicht mehr sind, damit man erkenne, daß Gott über Israel herrsche bis an die Grenzen der Erde. Sela...

Soweit hatte Burkard des Kampfes Verlauf mit angeschaut, dann wandte er sich zur Flucht. Da wurden wir in der Waldburg sehr betrübt und schickten noch in der Nacht eine Schar aus, nach dem blinden Thieto zu schauen. Es war still auf dem Hügel der Klausnerinnen, wie sie heranschlichen; der Mond leuchtete auf die Körper erschlagener Hunnen, da fanden die Brüder...

Ein lautes Schluchzen unterbrach den Erzähler. Praxedis hielt sich mühsam an der Herzogin Lehnstuhl und weinte bitterlich.

... Da fanden sie, fuhr der Abt fort, des Romeias verstümmelten Leichnam; sein Haupt hatten die Feinde abgehauen und mitgeschleppt, er lag auf seinem Schild, den welken Strauß, seine Helmzier, krampfhaft geballt in der Rechten. Gott hab' ihn selig: weß Leib mit Treuen ein Ende nimmt, ein solcher dem Himmelreich geziemt! An Wiborads Laden klopften sie vergeblich, die Ziegel am Dach ihrer Klause waren zertrümmert, da stieg einer aufs Dach und schaute hinab, vor dem kleinen Altar der Zelle lag die Klausnerin in ihrem Blut, drei Schwerthiebe klafften auf dem Scheitel, der Herr hat sie gewürdigt, unter den Streichen der Heiden des Martyriums Krone zu erringen.

Die Anwesenden schienen bewegt. Auch Frau Hadwig war gerührt.

Ich hab' Euch der Seligen Schleier mitgebracht, sprach Cralo, geweiht vom Blut ihrer Wunden, Ihr mögt ihn in der Kapelle der Burg aufhängen. Nur Thieto, der Blinde, war unverletzt geblieben; unentdeckt vom Feind schlummerte er in der Klause am Fels. Ich hab' geträumt, es sei ein ewiger Friede über die Welt gekommen, sprach er zu den Brüdern, wie sie ihn weckten.

Aber im abgelegenen Sittertal blieb's nimmer lang still; die Hunnen fanden den Weg zu uns: das war ein Schwärmen und Pfeifen und Grunzen, wie's der Tannwald noch nie gehört. Unsere Mauern waren fest und unser Mut stark, doch hungrige Männer werden des Belagertseins unlustig, vorgestern war unser Vorrat aufgezehrt; wie es dunkelte, sahen wir die Rauchsäule aufsteigen vom Brand unseres Klosters; da brachen wir nächtlicher Weile durch den Feind, der Herr war mit uns und bahnte den Weg, unsere Schwerter halfen auch dazu: so sind wir zu Euch gekommen...

Der Abt neigte sich gegen Frau Hadwig –

... heimatlos und verwaist wie Vögel, in deren Nest der Blitz geschlagen, und bringen Euch nichts mit, als die Kunde, daß der Hunne, den Gott vernichten möge, uns auf den Fersen nachfolgt...

Je eher er kommt, je besser! sprach der Reichenauer Abt trotzig und hob seinen Becher.

Sieg den tapfern Waffen der Streiter Gottes! sprach die Herzogin und stieß mit ihnen an.

Und Rache für den braven Romeias! sagte Praxedis leise mit Tränen im Aug', wie der dürre Fridinger sein Glas an das ihrige klingen ließ.

Es war spät geworden. Wilder Gesang erschallte noch im untern Saal. Der junge Bruder, der von Mutina in Welschland nach der Reichenau gekommen war, hatte sein Wächterlied wieder angestimmt.

Die Gelegenheit zu ernster Tat sollte nicht lange mehr auf sich warten lassen.

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