Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Victor von Scheffel: Ekkehard - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleEkkehard
authorJoseph Victor von Scheffel
year1979
publisherFleischhauer & Spohn
addressStuttgart
isbn3-87230-301-5
titleEkkehard
pagesIII-XV, 1-419
created19990430
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
Schließen

Navigation:

Zwölftes Kapitel

Der Hunnen Heranzug

Der Alte hat recht, sprach Frau Hadwig, als ihr Ekkehard Bericht von seiner Sendung Erfolg erstattete. Wenn der Feind droht, rüsten; wenn er angreift, aufs Haupt schlagen, das ist so einfach, daß man eigentlich keinen drum zu fragen braucht. Ich glaube, das viele Bedenken und Erwägen hat der böse Feind als Unkraut auf die deutsche Erde gestreut. Wer schwankt, ist dem Fallen nah, und wer's zu fein machen will, der gräbt sich selbst sein Grab: Wir rüsten!

Die bewegte und bald gefährliche Lage schuf der Herzogin eine freudige Stimmung: so ist die Forelle wohlgemut im rauschenden Gießbach, der über Fels und Trümmer schäumt, im stillen Wasser verkommt sie. Und Beispiel fester Entschlossenheit ist nie vergeblich. Da trafen sie ihre Vorbereitungen zum Empfang des Feindes. Vom Turm des hohen Twiel wehte die KriegsfahneMit Aufrichtung der Fahne wurde das Volk aufgeboten und versammelt. Nach nordischem Brauch wurde im Fall feindlichen Einbruchs schnell ein Pfeil herumgeschickt, das Volk zu entbieten, herör, der Heerpfeil. Siehe Grimm, Rechtsaltertümer 161. 162. weit ins Land hinaus; durch Wald und Feld bis an die fernsten in den Talgründen versteckten Meierhöfe klang das Heerhorn, die Mannen aufzubieten; nur Armut befreite von Kriegspflicht. Wer mehr als zwei Mansen Land sein eigen nannte, ward befehligt, beim ersten Ruf in Wehr und Waffen sich zu stellen. Der Hohentwiel sollte der Sammelplatz sein, ihn hatte die Natur dazu gefestet. Boten durchflogen das Hegau. Das Land hub an, sich zu rühren; hinten im Tannwald standen die Köhler beisammen, den schweren Schürhaken schwang einer überm Haupt wie zum Einhauen. Es tut sich! sprach er, ich geh' auch mit!

An die Türen der Pfarrherrn, der Alten und Bresthaften ward angeklopft; wer nicht ausziehen kann, soll beten; an alle Ufer des Sees ging die Kunde, auch hinüber nach Sankt Gallen.

Auf die friedliche Insel Reichenau ging Ekkehard; die Herzogin gebot's. Der Gang wär ihm sauer gefallen, hätt' es sich um anderes gehandelt. Er brachte dem gesamten Kloster die Einladung auf den hohen Twiel für die Zeit der Gefahr.

Dort war schon alles in Bewegung. Beim Springbrunnen im Klostergarten ergingen sich die Brüder; es war ein linder Frühlingstag, aber keiner dachte ernsthaft dran, sich des blauen Himmels zu freuen, sie sprachen von den bösen Zeiten und ratschlagten; es wollt' ihnen schwer einleuchten, daß sie aus ihren stillen Mauern ausziehen sollten.

Der heilige Marcus, hatte einer gesagt, wird seine Schutzbefohlenen schirmen und den Feind mit Blindheit schlagen, daß er vorbeireitet, oder das Grundgewelle des Bodensees aufschäumen lassen, daß es ihn verschlinge wie das rote Meer die Ägypter.

Aber der alte Simon Bardo sprach: Die Rechnung ist nicht ganz sicher, und wenn ein Platz nicht sonst mit Turm und Mauern umwallt ist, bleibt Abziehen rätlicher. Wo aber noch eines Schillings Wert zu finden ist, da reitet kein Hunne vorbei; legt einem Toten ein Goldstück aufs Grab, so wächst ihm noch die Hand aus der Erde und greift danach.

Heiliger Pirminius! klagte Bruder Gärtner, wer soll den Kraut- und Gemüsgarten bestellen, wenn wir fort müssen? Und die Hühner? sprach ein anderer, dessen teuerste Kurzweil in Pflege des Hühnerhofes bestund, haben wir die drei Dutzend welsche Hahnen für den Feind ankaufen müssen?

Wenn man ihnen einen eindringlichen Brief schriebe, meinte ein dritter; sie werden doch keine solche Unmenschen sein, Gott und seine Heiligen zu kränken.

Simon Bardo lächelte. Werd ein Lämmerhirt, sprach er mitleidig, und trink einen Absud vom Kraut Camomilla, der du den Hunnen eindringliche Briefe schreiben willst. O, daß ich meinen alten Oberfeuerwerker Kedrenos mit über die Alpen gebracht! Da wollten wir ein Licht wider den Feind ausgehen lassen, schärfer als der milde Mondschein über dem Krautgärtlein, der dem seligen Abt WalafridWalafrid Strabo, Abt der Reichenau, ein gefeierter Dichter der karolingischen Epoche. Manche seiner lateinischen Poesien sind von einem zarten Hauch durchweht, der an die Elegiker des Altertums erinnert. Es finden sich darunter eine Beschreibung seines Klostergartens, sowie eine Elegie an seine Freundin (ad amicam), und hierauf scheint sich Simon Bardos Äußerung zu beziehen. Der Anfang der letzteren ist allerdings sehr weich:

Wenn mildschimmernden Scheins der Mond den Äther durchleuchtet,
Dann durch die wehende Nacht, o Freundin, schaue zum Himmel,
Eingedenk, wie von dort die reine Leuchte herabglänzt
Und mit demselbigen Strahl uns beide freundlich umschlinget,
Die wir leiblich zwar fern, doch geistig in Liebe uns nah sind.
Darf auch nimmer mein Auge in dem der Geliebten sich spiegeln,
Bleibt uns der Mond doch als Pfand von still glückseligem Ehmals usw.
so weiche Erinnerungen an seine Freundin in der Seele wach rief. Dort an der Landzunge ein paar Schiffe versenkt, hier am Hafenplatz desgleichen, – und mit den langen Brandröhren den Uferplatz bestrichen: hei, wie würden sie auseinanderstieben, wenn's durch die Luft flöge wie ein feuriger Drache und seinen Naphtabrandregen aussprühte! Aber was weiß euer einer von griechischem Feuer?!Das griechische Feuer, eine Mischung von Naphtha, Schwefel und Pech, durch Wasser nicht zu löschen, leistete seine Dienste schon bei der Belagerung Konstantinopels im Jahre 716 wider die Saracenen und rettete im Jahr 941 die Hauptstadt vor einer russischen Flotte, die unter Igor, Ruriks Sohn, die schon damals gangbare Prophezeiung zu verwirklichen drohte, daß die Russen »in den letzten Tagen Herren von Konstantinopel werden würden.« Seine Verwendung wurde zu einer förmlichen Artilleriekunst ausgebildet und von den griechischen Kaisern als ein wichtiges Staatsgeheimnis bewahrt. Die französischen Kreuzfahrer, die der heilige Ludwig in den Orient führte, beschreiben mit aufrichtigem Entsetzen den Anblick der zerstörenden Geschosse. Siehe Joinville, historie de St. Louis, Paris 1668 p. 39. O Kedrenos, Feuerwerker Kedrenos!

Ekkehard war ins Kloster eingetreten. Er fragte nach dem Abt. Ein dienender Bruder wies ihm dessen Gemächer. Er war nicht drinnen und auch anderwärts nicht zu finden.

Er wird in der Rüstkammer sein, sprach ein Mönch im Vorübergehen zu ihnen. Da führte der dienende Bruder Ekkehard in die Rüstkammer; sie war auf dem hohen Klosterspeicher, viel Harnisch und Gewaffen lag droben aufgehäuft, mit denen das Kloster seine Kriegsleute zum Heerbann ausstattete.

Abt Wazmann stand drin, eine Staubwolke verhüllte ihn dem Blick der Eintretenden, er hatte die Rüstungen von den Wänden abnehmen lassen und gemustert. Staub und Rost waren Zeuge, daß sie lang Ruhe gehabt. Beim Mustern hatte der Abt schon an sich selber gedacht; sein Obergewand lag ausgezogen vor ihm, der blonde Klosterschüler hatte ihm einen Ringpanzer umgeworfen, er reckte seine Arme, ob er ihm fest und bequemlich sitze.

Tretet näher! rief er Ekkehard zu, andere Zeiten, anderer Empfang!

Ekkehard teilte ihm der Herzogin Aufforderung mit.

Ich hätt' selber auf dem hohen Twiel drum nachgesucht, wenn Ihr nicht gekommen wäret, sprach der Abt. Er hatte ein langes Schwert ergriffen und schlug einen Lufthieb, daß Ekkehard etliche Schritte zurückwich; dem scharfen Pfeifen der Luft war zu entnehmen, daß es nicht der erste, den er in seinem Leben führte.

's wird Ernst, sprach er. Zu Altdorf im Schussental sind sie schon eingekehrt; bald wird sich die Flamme von Lindau im See spiegeln. Wollt Ihr Euch auch einen Harnisch auslesen? Der mit dem Wehrgehenk dort fängt Stich und Hieb so gut wie das feinste Nothemd, das je eine Jungfrau spann.

Ekkehard dankte. Der Abt stieg mit ihm aus der Rüstkammer hinunter. Der Ringelpanzer behagte ihm, er warf die braune Kapuze drüber um, so trat er in den Garten unter die zagenden Brüder wie ein Riese des Herrn... ipse velut Domini gigans lorica indutus, cucullam superinduens et stolam, ipsos cadem facere jubet: »Contra diabolum, ait, fratres mei, quam hactenus animis in Deo confisi pugnaverimus, ut nunc manibus ostendere valeamus, ab ipso petamus.« Ekkeh. IV. casus S. Galli c. 3. Pertz II. 104.

Der heilige Marcus ist heut nacht vor mein Lager getreten, rief der Abt; nach dem hohen Twiel hat er gedeutet; dorthin wollen meine Gebeine, daß keines Heiden Hand sie entweihe. Auf und rüstet euch! In Gebet und Gottvertrauen hat seither eure Seele den Kampf mit dem bösen Feind gekämpft, jetzt sollen eure Fäuste weisen, daß ihr Kämpfer seid. Denn die da kommen, sind Söhne der Teufel; Alraunen und Dämonen in asischer Wüste haben sie erzeugt; Teufelswerk ist ihr Treiben, zur Hölle werden sie zurückfahren, wenn ihre Zeit um!Jornandes de rebus geticis c. 24.

Da ward auch dem sorglosesten der Brüder deutlich, daß eine Gefahr im Anzug. Beifällig Murmeln ging durch die Reihen, sie waren von der Pflege der Wissenschaft noch nicht so weich gemacht, daß ihnen ein Kriegszug nicht als löbliche Abwechslung erschienen wäre.

An einen Apfelbaum gelehnt stand Rudimann, der Kellermeister, bedenkliche Falten auf der Stirn. Ekkehard ersah ihn, schritt auf ihn zu und wollte ihn umarmen als Zeichen, daß gemeinsame Not alten Zwist ausebne. Rudimann aber winkte ihm ab: Ich weiß, was Ihr wollet! – Aus dem Saum seiner Kutte zog er einen groben härenen Faden, warf ihn auf die Erde und trat darauf. Solang ein hunnisch Roß die deutsche Erde stampft, sprach er, soll alle Feindschaft aus meinem Herzen gerissen sein, wie dieser Faden aus meinem Gewand;.. tollensque manu sua de pallio suo filum projecit in terram et dixit: »Ecce in testimonium perfectae remissionis filum de pallio meo projicio in terram, ut cunctis pateat, quod pristina deinceps adnulletur inimicitia.« Vita S. Sturmi c. 18 bei Pertz, Mon. II. 374. überleben wir den Streit, so mag's wieder eingefädelt werden, wie sich's geziemt!

Er wandte sich und schritt nach seinem Keller zu wichtiger Arbeit. In Reih und Glied lagen dort den hochgewölbten Raum entlang die Stückfässer als wie in Schlachtordnung, und keines klang hohl, so man anklopfte. Rudimann hatte etliche Maurer bestellt; jetzt ließ er einen Vorplatz, wo sonst Kraut und Frucht bewahrt lag, herrichten, als wär' das der Klosterkeller; zwei Fäßlein und ein Faß pflanzten sie drin auf. Findet der Feind gar nichts vor, so schöpft er Verdacht, also hatte der Kellermeister bei sich überlegt, – und wenn die Sipplinger Auslese, die ich preisgebe, ihre Schuldigkeit tut, wird manch hunnischer Mann ein bös Weiterreiten haben.

Schon hatten die Werkleute die Quadersteine gerichtet zu Vermauerung der inneren Kellertür, – noch einmal ging Rudimann hinein; aus einem verwitterten Faß zapfte er sein Krüglein und leerte es wehmütig; dann faltete er die Hände wie zum Gebet. Behüt dich Gott, roter Meersburger! sprach er. Eine Träne stund in seinen Augen...

Rühriges Treiben ging allenthalben durchs Kloster. In der Rüstkammer wurden die Waffen verteilt, es waren viel Häupter und wenig Helme, der Vorrat reichte nicht. Auch war viel Lederwerk zerfressen und mußte erst geflickt werden.

In der Schatzkammer ließ der Abt die Kostbarkeiten und Heiligtümer verpacken: viel schwere Truhen wurden gefüllt, das güldne Kreuz mit dem heiligen Blut, die weiße Marmorurne, aus der einst die Hochzeitsgäste in Cana den Wein schöpften, Reliquiensärge, Abtstab, Monstranz – alles ward sorglich eingetan und auf die Schiffe verbracht. Sie schleppten auch den schweren und durchsichtig grünen Smaragd bei, achtundzwanzig Pfund wog er. Den mögt ihr zurücklassen, sprach der Abt.

Das Gastgeschenk des großen Kaisers Karl? des Münsters seltenstes Kleinod, wie keines mehr in den Tiefen der Gebirge verborgen ruht? fragte der dienende Bruder.

Ich weiß einen Glaser in Venezia, der kann einen neuen machen, wenn diesen die Hunnen fortschleppen,Der erwähnte Smaragd befindet sich noch im Kirchenschatz der Pfarrkirche Mittelzell auf Reichenau. Er hat das Schicksal der berühmten Smaragdschüssel von Genua geteilt, die als sacre catino für das unschätzbare Palladium der Stadt galt und in den napoleonischen Kriegen als solches nach Paris abgeführt ward, allwo die Untersuchungskommission des französischen Instituts (1809) sie für einen gefärbten Glasfluß erkannte; – ein Mangel an Romantik, der die Zurückgabe des Beutestücks an die Genuesen »wesentlich erleichterte«. Es war sehr zweckmäßig, ein solches Schau- und Prachtstück im Kirchenschatz zu haben, um im Fall der Not ein namhaftes Anlehen darauf aufnehmen zu können. erwiderte leichthin der Abt.

Sie stellten das Juwel in den Schrank zurück.

 << Kapitel 27  Kapitel 29 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.