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Victor von Scheffel: Ekkehard - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleEkkehard
authorJoseph Victor von Scheffel
year1979
publisherFleischhauer & Spohn
addressStuttgart
isbn3-87230-301-5
titleEkkehard
pagesIII-XV, 1-419
created19990430
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Der Weihnachtsbaum war gefällt; sie schmückten ihn mit Äpfeln und Lichtlein, die Herzogin richtete alles im großen Saale. Ein Mann von Stein am Rhein kam herüber und brachte einen Korb, der mit Leinwand zugenäht war. Es sei von Sankt Gallen, sprach er, für Herrn Ekkehard. Frau Hadwig ließ den Korb uneröffnet zu den andern Gaben stellen.

Der heilige Abend war gekommen. Die gesamten Insassen der Burg versammelten sich in festlichem Gewand, zwischen Herrschaft und Gesind sollte heut keine Trennung sein. Ekkehard las ihnen das Evangelium von des Heilands Geburt, dann gingen sie paarweise in den großen Saal hinüber, da flammte heller Lichtglanz und festlich leuchtete der dunkle Tannenbaum – als die letzten traten Audifax und Hadumoth ein, ein Blättlein Goldschaum vom Vergolden der Nüsse lag an der Schwelle.

Audifax bückte sich darnach, es zerging ihm unter den Fingern. Das ist dem Christkind von den Flügeln abgefallen, sprach Hadumoth leise zu ihm.

Auf großen Tischen lagen die Geschenke für die dienenden Leute, ein Stück Leinwand oder gewoben Tuch und einiges Gebäck; sie freuten sich des nicht allzeit so milden Sinnes der Gebieterin. Bei Hadumoths Anteil lag richtig die Pelzhaube. Sie weinte, als Praxedis ihr freundlich den Geber verriet. Ich hab' nichts für dich sagte sie zu Audifax. Es ist statt der Goldkrone, sprach er. Knechte und Mägde dankten der Herzogin und gingen in die Gesindestube hinunter.

Frau Hadwig nahm Ekkehard bei der Hand und führte ihn an ein Tischlein. Das ist für Euch, sprach sie. Beim mandelgespickten Lebkuchenherz und dem Korb lag ein schmuckes priesterliches Samtbarett und eine prächtige Stola, Grund und Fransen waren von Goldfaden, dunkle Punkte waren mit schwarzer Seide drein gestickt, einige mit Perlen ausgeziert, sie war eines Bischofs wert.

Laßt sehen, wie Ihr Euch ausnehmt, sprach Praxedis. Trotz der kirchlichen Bestimmungen setzte sie ihm das Barett auf und warf ihm die Stola um. Ekkehard schlug die Augen nieder. Meisterhaft! rief sie, Ihr dürft Euch bedanken.

Er aber legte scheu die geweihten Gaben wieder ab, aus seinem weiten Gewand zog er die Pergamentrolle und reichte sie schüchtern der Herzogin dar. Frau Hadwig hielt sie unentfaltet. Erst den Korb öffnen! das Beste – sprach sie, freundlich auf das Pergament deutend, soll zuletzt kommen.

Da schnitten sie den Korb auf; in Heu begraben und durch des Winters Kälte wohl erhalten, lag ein mächtiger Auerhahn drin, Ekkehard hob ihn in die Höhe, mit ausgebreiteten Flügeln reichte er über eines Mannes Länge. Ein Brieflein war bei dem stattlichen Stück Federwild.

Vorlesen! sprach die Herzogin neugierig.

Ekkehard öffnete das unkenntliche Sigill und las:

»Dem ehrwürdigen Bruder Ekkehard auf dem hohen Twiel durch Burkhard, den Klosterschüler, Romeias, der Wächter am Tor.«

»Wenn es zwei wären, so wäre einer für Euch. Da es aber auf zwei nicht geglückt hat, so ist der eine nicht für Euch und Eurer kommt nach. Gesendet wird er an Euch wegen Unwissenheit des Namens. Sie war aber mit der Frau Herzogin damals im Kloster und trug ein Gewand von Farbe eines Grünspechts, den Zopf um die Stirn geschlungen.

Derselben den Vogel. Wegen fortwährender Gedenkung dessen, der ihn geschossen, an stattgefundene Begleitung zu den Klausnerinnen. Er muß aber stark eingebeizt und mürb gebraten werden, weil sonst zähe; bei Zuzug von Gästen soll sie das weiße Fleisch am Rückgrat selber verzehren, da dies das beste, und das braune von harzigem Geschmack.

Dazu Glück und Segen. Euch, ehrwürdiger Bruder, auch. Wenn auf Eurer Burg ein Wächter, Turmwart oder Forstwart zu wenig, so empfehlet der Herzogin den Romeias, dem wegen Verspottung durch den Schaffner und Verklagung durch den Drachen Wiborad Veränderung des Dienstes wünschenswert. Übung im Tordienst, Einlaß und Hinauswerfung fremden Besuchs betreffend, kann bezeugt werden. Ebenso was Jagd angeht. Und er schaut jetzt schon nach dem hohen Twiel, als zöge ihn ein Seil dorthin. – Langes Leben Euch und der Frau Herzogin. Lebet wohl.«

Fröhlich Lachen schloß die Vorlesung. Praxedis aber war rot geworden. Das ist ein schlechter Dank von Euch, sprach sie bissig zu Ekkehard, daß Ihr Briefe in anderer Leute Namen schreibt und mich beleidigt.

Haltet ein, sprach er, warum soll der Brief nicht echt sein?

Es wär' nicht der erste, den ein Mönch gefälscht, war Praxedis' gereizte Antwort. Was braucht Ihr Euch über den groben Jägersmann lustig zu machen? Er war gar nicht so übel.

Praxedis sei vernünftig, sprach die Herzogin. Schau dir den Auerhahn an, der ist nicht im Hegau geschossen, und Ekkehard führt eine andere Feder. Wollen wir den Bittsteller auf unser Schloß versetzen?

Das verbitt' ich mir, rief Praxedis eifrig. Es soll niemand meinen, daß...

Gut, sprach Frau Hadwig mit Schweigen gebietendem Ton. Sie rollte Ekkehards Pergament auf. Die Malerei am Anfang war leidlich gelungen, Zweifel über deren Bedeutung beseitigte die Darüberschreibung der Namen Hadwigis, Virgilius, Ekkehard. Eine kühne Initiale mit verschlungenem goldenen Geäste eröffnete die Schrift.

Die Herzogin war höchlich erfreut. Ekkehard hatte seither über den Besitz solcher Kunst nichts verlauten lassen. Praxedis schaute nach dem purpurnen Mantel, den die gemalte Herzogin trug, und lächelte, als wüßte sie was Besonderes.

Frau Hadwig winkte, daß Ekkehard sein Geschriebenes vorlese und erkläre. Er las.

Verdeutscht lautet's also:

In nächt'ger Stille saß ich jüngst allein
Und ziffert' an den Schriften alter Zeit,
Da flammte hell ein geisterhafter Schein
In mein Gemach. 's war nicht des Mondes Licht, –
Und vor mich trat ein leuchtend Menschenbild,
Unsterblich Lächeln schwebt' um seinen Mund,
In dunkler Fülle wallte das Gelock,
Als Diadem trug er den Lorbeerkanz.

Hindeutend auf das aufgeschlagne Buch,
Sprach er zu mir: Sei guten Muts, mein Freund,
Ich bin kein Geist, der deinen Frieden stört,
Ich bringe dir nur Gruß und Segenswunsch.
Was toter Buchstab dort dir noch erzählt,
Das schrieb ich selbst mit warmem Herzblut einst:
Der Troer Waffen, des Aeneas Fahrt,
Der Götter Zorn, der stolzen Rom Beginn.

Schon ein Jahrtausend schier ist abgerollt,
Der Sänger starb, es starb sein ganzes Volk.
Still ist mein Grab. Nur selten dringt ein Klang
Zu mir herab von froher Winzer Fest,
Vom Wogenschlag am nahen Kap Misen.

Doch jüngst hat mich der Nordwind aufgestört,
Er brachte Kunde, daß in fremden Gaun
Man des Aeneas Schicksal wieder liest,
Daß eine Fürstin, stolz und hochgemut,
Des Landes Sprache als ein neu Gewand
Um meine Worte gnädig schmiegen heißt.

Wir glaubten einst, am Fuß der Alpen sei
Nur Sumpf des Rheins und ein barbarisch Volk;
Jetzt hat die Heimat selber uns vergessen
Und bei den Fremden leben neu wir auf.
Deß Euch zu danken bin ich heute hier:
Das höchste Kleinod, was dem Sänger wird,
Ist Anerkennung einer hohen Frau.

Heil deiner Herrin, der das seltne Gut
Der Stärke und der Weisheit ward beschert,
Die gleich Minerva in der Götter Reihn,
In Erz gerüstet eine Kriegerin,
Der Friedenskünste Hort und Schutz zugleich.
Noch lange Jahre mög' ihr Zepter walten,
Es blüh' um sie ein stark und sittig Volk.
Und kommt Euch einst ein fremd Getön gerauscht,
Wie Heldenlied und fernes Saitenspiel,
Dann denket mein, es grüßt Italia Euch,
Es grüßt Virgil den Fels von Hohentwiel.

Er sprach's und winkte freundlich und verschwand.
Ich aber schrieb noch in derselben Nacht,
Was er gesprochen. Meiner Herrin sei's
Als Festgeschenk itzt schüchtern dargebracht
Von ihrem treuen Dienstmann Ekkehard.

Eine kurze Pause erhob sich, als er die Lesung seines Gedichts beendet. Dann trat die Herzogin auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Ekkehard, ich danke Euch! sprach sie; es waren dieselben Worte, die sie einst im Klosterhof zu Sankt Gallen zu ihm gesprochen, aber der Ton war noch milder wie damals, und der Blick war strahlend und ihr Lächeln wundersam wie das zaubervoller Feyen, von dem die Sage geht, ein Schneeregen blühender Rosen müsse drauf folgen.

Sie wandte sich dann zu Praxedis: Und dich sollte ich verurteilen, itzt einen abbittenden Fußfall zu tun, die du jüngst so geringschätzend von den gelehrten geistlichen Männern gesprochen. Aber die Griechin blickte schelmisch drein, wohl wissend, daß ohne ihren weisen Rat und Beistand der scheue Mönch sich kaum zu seiner Dichtung erschwungen.

In aller Zukunft, sprach sie, werde ich seinem Verdienste die gebührende Achtung zollen. Auch einen Kranz will ich ihm flechten, so Ihr gebietet.

Als Ekkehard hinaufgegangen war in seine Turmstube und die stille Mitternacht herannahte, saßen die Frauen noch bei einand. Und die Griechin brachte eine Schale mit Wasser und etliche Stücklein Blei und einen metallenen Löffel. Das Bleigießen vom vorigen Jahr ist gut eingetroffen, sprach sie, wir mochten's uns damals kaum erklären, welch eine sonderbare Form das geschmolzene Stück im Wasser annahm, aber ich meine itzt mehr und mehr, es habe einer Mönchskapuze geglichen, und die ist unserer Burg geworden.

Die Herzogin war nachdenkend. Sie lauschte, ob Ekkehard nicht etwa den Gang zurückkehre.

Es ist doch nur eitel Spielerei, sprach sie...

Wenn es meiner Herrin nicht gefällt, sagte die Griechin, so mag sie unsern Lehrer beauftragen, uns mit Besserem zu erfreuen; sein Virgilius ist freilich ein zuverlässiger Orakel der Zukunft, als unser Blei, wenn er in geweihter Nacht mit Segensspruch und Gebet aufgeschlagen wird. Ich wäre fast neugierig, welch ein Stück seiner Dichtung uns die Geschicke des nächsten Jahres offenbaren würde...

Schweig, sagte die Herzogin. Er hat neulich so streng über Zauberei gesprochen, er würde uns auslachen...

Dann werden wir beim Alten bleiben müssen, sprach Praxedis und hielt den Löffel mit dem Blei über das Licht der Lampe. Das Blei schmolz und bewegte sich zitternd, da stund sie auf, murmelte etliche unverständliche Worte und goß es herab. Zischend sprühte das flüssige Metall in die Wasserschale.

Frau Hadwig wandte ihren Blick in scheinbarer Gleichgültigkeit. Praxedis hielt die Schale ans Lampenlicht: statt in seltsame Schlacken zu splittern, war das Blei zusammenhängend geblieben, ein länglich zugespitzter Tropfen. Matt glänzte es in Frau Hadwigs Hand.

Das ist wiederum ein Rätsel, bis die Lösung kommt, scherzte Praxedis. Die Zukunft sieht ja für dieses Mal fast aus wie ein Tannenzapfen.

Wie eine Träne! sprach sie Herzogin ernst und stützte ihr Haupt auf die Rechte.Bist du nicht auch schon, verehrte Leserin, in stiller Einsamkeit der Nacht kartenschlagend oder bleigießend oder loswerfend damit beschäftigt gewesen, den künftigen Freier zu ergründen? Alle diese Mittel zur Erratung kommender Dinge sind Reste grauen Heidentums. – Auch des Kämmerers Spazzo Turmgang scheint ähnliches bezweckt zu haben. Es war nicht ungewöhnlich, daß man sich in der Neujahrsnacht auf das Hausdach setzte, schwertumgürtet, um die Zukunft zu erforschen. Siehe Grimm, Mythol. p. 1070.

Lauter Lärm im Erdgeschoß der Burg unterbrach das weitere Prüfen der Vorbedeutung; Gekicher und Aufschrei der dienenden Mägde, rauhes Gebrumm männlicher Stimmen, schriller Lautenschlag: so tönte es verworren den Gang herauf; ehrerbietig und schutzflehend hielt der fliehende Schwarm der Dienerinnen an des Saales Schwelle, die lange Friderun unterdrückte mühsam ein lautes Schelten, die junge Hadumoth weinte – tappend kam eine Gestalt hinter ihnen drein, schwerfälligen zweibeinigen Schritts, in rauhe Bärenhaut gehüllt, eine bemalte hölzerne Maske mit namhafter Schnauze vor dem Antlitz; sie brummte und murrte wie ein hungriger Braun, der auf Beute ausgeht, und tat dann und wann einen ungefügen Griff in die Laute, die an rotem Band über die zottigen Schultern gehängt war – aber wie des Weihnachtssaals Türe sich auftat und der Herzogin Gewand entgegenrauschte, machte der nächtliche Spuk kehrt und polterte langsam durch den dröhnenden Gang zurück.

Die alte Schaffnerin ergriff das Wort und trug ihrer Gebieterin vor, daß sie fröhlich unten gesessen und sich der Weihnachtsgaben erfreut, da sei das Ungetüm eingebrochen und habe erst zum eigenen Lautenspiel einen feinen Tanz ausgeführt, hernach aber die Lichter ausgeblasen und die erschrockenen Maiden mit Kuß und Umarmung bedroht und sei so wild und unersättlich geworden, daß es sie alle zur Flucht genötigt; dem rauhen Lachen des Bären aber sei mit Grund zu entnehmen, daß unter der Wildschur Herr Spazzo, der Kämmerer, verborgen stecke, der nach einem scharfen Weintrunk hiermit sein Weihnachtsvergnügen beschlossen.

Frau Hadwig beruhigte den Unwillen des Gesindes und ließ sie schlafen gehen. Vom Hofe aber tönte noch einmal ein verwunderter Aufruf; alle standen in einer Gruppe beisammen und schauten unverrückt auf den Turm, denn der schreckhafte Bär war hinaufgestiegen und erging sich jetzo auf den Zinnen der Warte und reckte sein struppiges Haupt nach den Sternen, als wolle er seinem Namensgenossen droben, dem großen Bären, einen Gruß hinüberwinken ins Unermeßliche.

Die dunkle Vermummung hob sich in deutlichem Umriß vom fahlen, glanzerhellten Himmelsgrunde, gespenstig klang ihr Brummen in die schweigende Nacht; doch keinem der Sterblichen ward kund, was die leuchtenden Gestirne dem weinschweren Haupte Herrn Spazzo, des Kämmerers, geoffenbart...

Um dieselbe Mitternachtstunde kniete Ekkehard vor dem Altar der Burgkapelle und sang leise die Hymnen der Christmette,Sacratos noctis venerabilis hymnos. wie es die Übung der Kirche vorschrieb.

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