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Victor von Scheffel: Ekkehard - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleEkkehard
authorJoseph Victor von Scheffel
year1979
publisherFleischhauer & Spohn
addressStuttgart
isbn3-87230-301-5
titleEkkehard
pagesIII-XV, 1-419
created19990430
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Zehntes Kapitel

Weihnachten

Der Abend auf dem hohen Krähen klang noch etliche Tage in der Herzogin Gemüt fort. Mißtöne werden schwer vergeben, zumal von dem, der sie selber angeschlagen. Darum saß Frau Hadwig einige Tage verstimmt in ihrem Saal. Grammatik und Virgilius ruhten. Sie scherzte mit Praxedis über die Schulmeister in Konstantinopel angelegentlicher denn früher. Ekkehard fragte an, ob er zur Fortsetzung des Unterrichts sich einstellen solle. Ich habe Zahnweh, sprach die Herzogin. Die rauhe Spätherbstluft werde schuld daran sein, meinte er bedauernd.

Er fragte jeden Tag etliche Male nach seiner Gebieterin Befinden. Das rührte die Herzogin wieder. Woher kommt's, sprach sie einmal zu Praxedis, daß einer mehr wert sein kann, als er selber aus sich zu machen weiß?

Vom Mangel an Grazie, sagte die Griechin. In andern Ländern hab' ich das Umgekehrte wahrgenommen, aber hier sind die Menschen zu träge, mit jedem Schritt, mit jeder Handbewegung, mit jedem Wort auszusprechen: das bin ich. Sie denken's lieber und meinen, es müßte dann die ganze Welt auf ihrer Stirn lesen, was dahinter webt und strebt.

Wir sind doch sonst so fleißig, sprach Frau Hadwig wohlgefällig.

Die Büffel schaffen auch den ganzen Tag, hätte Praxedis schier erwidert, aber in diesem Falle begnügte sie sich damit, es gedacht zu haben.

Ekkehard war unbefangen. Es fiel ihm nicht ein, daß er der Herzogin ungeeignet geantwortet. Er hatte wirklich an das Gleichnis der Schrift gedacht und übersehen, daß es dem leisen Ausdruck einer Zuneigung gegenüber nicht zweckmäßig ist, die Schrift anzuführen. Er verehrte die Herzogin, aber mehr als den verkörperten Begriff der Hoheit, denn als Frau. Daß Hohes Anbetung fordert, war ihm nicht eingefallen, noch weniger, daß auch die höchste Erscheinung oft mit einfacher Liebe zufrieden ist. Frau Hadwigs üble Laune nahm er wahr. Er begnügte sich, seine Wahrnehmung in dem allgemeinen Satz niederzulegen, daß der Umgang mit einer Herzogin schwieriger sei als der mit Ordensbrüdern nach der Regel des heiligen Benedikt. Aus Vincentius' nachgelassenen Büchern studierte er die Briefe des Apostels Paulus. Herr Spazzo ging in jener Zeit hochmütiger an ihm vorüber denn früher.

Frau Hadwig fand, daß es besser sei, ins frühere Geleis zurückzukehren. Es war doch ein mächtiger Anblick, sprach sie eines Tages zu Ekkehard, wie wir vom hohen Krähen nach den Schneegebirgen schauten. Kennt Ihr aber das Hohentwieler Wetterzeichen? Wenn die Alpen recht klar und nah am Himmel sich abzeichnen, schlägt die Witterung um. Es sind wirklich schlechte Tage darauf gefolgt. Wir wollen wieder Virgilius lesen.

Da holte Ekkehard vergnügt seinen schweren metallbeschlagenen Virgilius, und sie setzten die Studien fort. Er erklärte den Frauen der Aeneide zweites Buch, den Fall der hohen Troja, das hölzerne Pferd und Sinons List und Laocoons bittres Verderben, den nächtlichen Kampf, Cassandras Geschick und Priamus' Tod, die Flucht mit dem greisen Anchises.

Mit sichtbarer Teilnahme lauschte Frau Hadwig der spannenden Erzählung. Nur mit dem Verschwinden von Aeneas' Ehegemahlin Kreusa war sie nicht ganz zufrieden. Das braucht er vor der Königin Dido nicht so breit zu erzählen, sprach sie, die Lebende hat sicher nicht gern gehört, daß er der Entschwundenen so lange nachgelaufen. Verloren ist verloren.

Indessen zog der Winter mit scharfem Schritt heran. Der Himmel blieb trüb und bleigrau, die Ferne verhüllt; erst zogen die Berggipfel rings die weiße Schneedecke um, dann folgte Feld und Tal dem Beispiel. Junge Eiszapfen prüften das Gebälke unter dem Dach, ob sie sich für etliche Monate ungestört dran niederlassen möchten; die alte Linde im Schloßhof hatte längst wie ein fürsichtiger Hausvater, der die abgetragenen Gewandungen dem Hebräer überläßt, ihre welken Blätter dem Spiel der Winde hingeschüttelt – es war ein großer Bündel, sie zerzausten ihn in alle Lüfte. An ihre Äste kamen krächzend die Raben aus den nahen Wäldern geflogen, spähend, ob nicht aus der Burg Küche dann und wann ein Knöchlein für sie abfalle. Einmal kam einer mit den schwarzen Brüdern, dessen Flug war schwierig, die Schwungfedern verstümmelt – da ging Ekkehard über den Schloßhof, der Rabe aber flog schreiend auf und suchte das Weite, er hatte den Mönchshabit schon früher gesehen und war ihm nicht hold.

Des Winters Nächte sind lang und dunkel. Dann und wann blitzt ein Nordlicht auf. Aber leuchtender als alles Nordlicht steht jene Nacht in der Menschen Gemüt, da die Engel niederstiegen zu den Hirten auf der Feldwacht und ihnen den Gruß brachten: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden allen, die eines guten Willens sind.«

Auf dem hohen Twiel rüsteten sie zur Feier der Weihnacht durch freundliches Geschenk. Das Jahr ist lang und zählt der Tage viel, in denen man sich Freundliches erweisen kann, aber der Deutschen Sinnesart will auch dafür einen Tag vorgeschrieben haben, darum ist bei ihnen vor anderem Volk die Sitte der Bescherung eingeführt. Das gute Herz hat sein besonder Landrecht.

In jener Zeit hatte Frau Hadwig die Grammatica schier beiseite gelegt; es wurde im Frauensaal viel genäht und gestickt, Knäuel von Goldfaden und schwarzer Seide lagen umher, und wie Ekkehard einstmals unvermerkt eintrat, sprang Praxedis vor ihn hin und wies ihm die Tür, Frau Hadwig aber verbarg ein angefangen Werk der Nadel in einem Körblein.

Da ward Ekkehard aufmerksam und zog nicht ohne Grund den Schluß, es werde etwas zum Geschenk für ihn hergerichtet. Darum sann er darauf, dasselbe zu erwidern und alles aufzubieten, was ihm an Wissen und Kunstfertigkeit zu Gebot stand; er schickte seinem Freund und Lehrer Folkard in Sankt Gallen Bericht, daß ihm der zusende Pergament und Farben und Pinsel und köstliche Tinte. Jener tat's. Ekkehard aber saß manches Stündlein der Nacht in seiner Turmstube und besann sich auf ein lateinisches Reimwerk, das er der Herzogin widmen wolle – und sollten ihr darin etliche feine Huldigungen dargebracht werden. Es ging aber nicht so leicht.

Einmal hatte er begonnen und wollte in kurzem Zug von Erschaffung der Welt bis auf Antritt des Herzogtums in Schwabenland durch Frau Hadwig gelangen, aber es hatte ein paar Hundert Hexameter gekostet, da war er noch nicht beim König David angelangt, und das Werk hätte wohl erst Weihnachten über drei Jahre fertig werden können. Ein anderes Mal wollte er alle Frauen aufzählen, die durch Kraft oder Liebreiz in der Völker Geschichte eingegriffen, von der Königin Semiramis an mit Erwähnung der amazonischen Jungfrauen, der heldenmütigen Judith und der melodischen Sängerin Sappho, aber zu seinem Leidwesen fand er, daß, bis sein Griffel zu Frau Hadwig sich durchgearbeitet hätte, er unmöglich noch etwas Neues zu deren Lob und Preis vorzubringen vermochte. Da ging er sehr betrübt und niedergeschlagen umher.

Habt Ihr eine Spinne verschluckt, Perle aller Professoren? frug ihn Praxedis einmal, wie sie dem Verstörten begegnete.

Ihr habt gut scherzen, sprach Ekkehard traurig, – und unter dem Siegel der Verschwiegenheit klagte er ihr seine Not. Praxedis mußte lachen.

Bei den sechsunddreißigtausend Bänden der Bibliothek zu Konstantinopolis! sagte sie, – Ihr wollet ja ganze Wälder umhauen, wo es nur ein paar Blümlein zum Strauß erfordert. Macht's einfach, ungelehrt, lieblich – wie es Euer geliebter Virgilius ausgedacht hätte! – Sie sprang davon.

Ekkehard setzte sich wieder auf die Stube. Wie Virgil? dachte er. Aber in der ganzen Aeneide war kein Beispiel für solchen Fall vorgezeichnet. Er las etliche Gesänge. Dann saß er träumerisch da. Da kam ihm ein guter Gedanke. Ich hab's! rief er, der teure Sänger selber soll die Huldigung darbringen! Er schrieb das Gedicht nieder, als wenn Virgilius ihm in seiner Turmeinsamkeit erschienen wäre, freudig darüber, daß in deutschen Landen seine Gesänge fortlebten, der hohen Frau dankend, die sein pflege. In wenig Minuten war's fertig.

Das Gedicht wollte Ekkehard mit einer schönen Malerei verziert zu Pergament bringen. Er sann ein Bild aus: die Herzogin mit Krone und Zepter auf hohem Throne sitzend, ihr kommt Virgilius im weißen Gewand, den Lorbeer in den Locken, entgegen und neigt das Haupt; an der Rechten aber führt er den Ekkehard, der bescheiden wie der Schüler mit dem Lehrer einherschreitet, ebenfalls tief sich verneigend.

In der strengen Weise des trefflichen Folkard entwarf er die Zeichnung. Er erinnerte sich an ein Bild im Psalterbuch, wie der junge David vor den König Abimelech tritt.Folchardi codex aureus (Handschrift der sanktgallischen Bibliothek) p. 75. So ordnete er die Gestalten; die Herzogin zeichnete er zwei Finger breit höher als Virgilius, und der Ekkehard des Entwurfs war hinwiderum ein beträchtliches kleiner als der heidnische Poet; – anfangende Kunst, der es an anderem Mittel des Ausdrucks gebricht, spricht Rang und Größe äußerlich aus.

Den Virgilius bracht' er leidlich zuwege. Sie hatten sich in Sankt Gallen bei ihren Malereien stets an Überlieferung alten Bildwerks gehalten und für Gewandung, Faltenwurf und Bezeichnung der Gestalt einen gleichmäßig sich wiederholenden Zug angenommen. Ebenso gelang es ihm mit seinem eigenen Abbild, sofern er wenigstens eine Figur im Mönchshabit, kenntlich durch eine Tonsur, herstellte.

Aber ein verzweifelt Problema war ihm die richtige Darstellung einer königlichen Frauengestalt, denn in die klösterliche Kunst hatte noch kein Abbild einer Frau, selbst nicht das der Gottesmutter Maria Einlaß erhalten. David und Abimelech, die er so gut im Zug hatte, halfen ihm nichts, bei ihnen brach der Königsmantel schon hoch über dem Knie ab und er wußte nicht, wie den Faltenwurf tiefer herabsenken.

Da lagerte sich wiederum Kümmernis auf seine Stirn. Nun? fragte Praxedis eines Tages.

Das Lied ist fertig, sprach Ekkehard. Jetzt fehlt mir was anderes.

Was fehlt denn?

Ich sollte wissen, sprach er wehmütig, in welcher Weise sich der Frauen Gewand um den zarten Leib schmiegt.

Ihr sprecht ja ganz abscheulich, erlesenes Gefäß der Tugend, schalt ihn Praxedis. Ekkehard aber erklärte ihr seinen Kummer deutlicher. Da machte die Griechin eine Handbewegung, als wolle sie die Augenlider in die Höhe ziehen. Macht die Augen wieder auf, sagte sie, und seht Euch das Leben an. Der Rat war einfach und doch neu für einen, der seine ganze Kunst auf einsamer Stube erlernt. Ekkehard schaute seine Ratgeberin lang und abmessend an. Es frommt mir nichts, sprach er, Ihr tragt keinen Königsmantel.

Da erbarmte sich die Griechin des zweifelerfüllten Künstlers. Wartet, sagte sie, die Frau Herzogin ist drunten im Garten, ich will ihren Staatsmantel umlegen, da kann Euch geholfen werden. Sie huschte fort; in wenig Minuten war sie wieder da, der schwere Purpurmantel mit goldener Verbrämung hing ihr nachlässig um die Schultern. In gemessenem Schritt ging sie durch das Gemach, ein eherner Leuchter stand auf dem Tisch, sie nahm ihn wie ein Zepter, das Haupt auf die Schulter zurückgeworfen, trat sie vor den Mönch.

Der hatte seine Feder ergriffen und ein Stücklein Pergament. Wendet Euch ein wenig gegen das Licht, sprach er, und begann emsig seine Striche zu ziehen.

Jedesmal aber, wenn er nach seinem anmutigen Vorbild schaute, warf ihm dies einen blitzenden Blick zu. Er zeichnete langsamer. Praxedis schaute nach dem Fenster: und da unsere Nebenbuhlerin im Reich, sprach sie mit künstlich erhobener Stimme, bereits den Burghof verläßt und uns zu überfallen droht, so befehlen wir Euch bei Strafe der Enthauptung, Eure Zeichnung in eines Augenblicks Frist zu vollenden.

Ich danke Euch, sprach Ekkehard und legte die Feder nieder.

Praxedis trat zu ihm und beugte sich vor, in sein Blatt zu sehen. Schändlicher Verrat, sprach sie, das Bild hat ja keinen Kopf.

Ich brauche nur den Faltenwurf, sagte Ekkehard.

Ihr habt Euer Glück versäumt, scherzte Praxedis im früheren Ton; das Antlitz treu abgebildet und wer weiß, ob wir in fürstlicher Gnade Euch nicht zum Patriarchen von Konstantinopel ernannt hätten.

Es wurden Schritte hörbar. Schnell riß Praxedis den Mantel von den Schultern, daß er auf den Arm niedersank. Schon stand die Herzogin vor den beiden.

Wollt Ihr wieder Griechisch lernen? sprach sie vorwurfsvoll zu Ekkehard.

Ich hab' ihm den edeln Sardonyx an meiner Herrin Mantel Agraffe gezeigt; es ist so ein feingeschnittener Kopf, sagte Praxedis, Herr Ekkehard versteht sich aufs Altertum. Er hat das Antlitz recht gelobt...

Auch Audifax traf seine Vorbereitungen für Weihnachten. Seine Hoffnung auf Schätze war sehr geschwunden. Er hielt sich jetzt an das wirklich Vorhandene. Darum stieg er oft nächtlich ins Tal hinunter ans Ufer der Aach, die mit trägem Lauf dem See entgegenschleicht. Beim morschen Steg stand ein hohler Weidenbaum. Dort lauerte Audifax manches Stündlein, den erhobenen Rebstecken nach des Baumes Öffnung gerichtet. Er stellte einem Fischotter nach. Aber keinem Denker ist die Erforschung der letzten Gründe alles Seins so schwierig geworden, wie dem Hirtenknaben seine Otterjagd. Denn aus dem hohlen Ufer zogen sich noch allerhand Ausgänge in den Fluß, die der Otter wußte, Audifax nicht. Und wenn Audifax oft vor Kälte zitternd sprach: itzt muß er kommen! so kam weit stromaufwärts ein Gebrause hergetönt, das war sein Freund, der dort die Schnauze übers Wasser streckte und Atem holte; und wenn Audifax leise dem Ton nachschlich, hatte sich der Otter inzwischen auf den Rücken gelegt und ließ sich gemächlich stromab treiben...

In der Hohentwieler Küche war Leben und Bewegung, wie im Zelt des Feldherrn am Vorabend der Schlacht. Frau Hadwig selbst stand unter den dienenden Mägden, sie trug keinen Herzogsmantel, wohl aber einen weißen Schurz, teilte Mehl und Honig aus und ordnete die Backung der Lebkuchen an. Praxedis mischte Ingwer, Pfeffer und Zimt zur Würze des Teigs.

Was nehmen wir für eine Form? frug sie. Das Viereck mit den Schlangen?

Das große Herz»Eine Geschichte der deutschen Kuchen und Semmeln ließe sich nicht ohne unerwartete Aufschlüsse zusammenstellen« Grimm, deutsche Mythologie, 3. Ausg. p. 56. ist schöner, sprach Frau Hadwig. Da wurden die Weihnachtslebkuchen in der Herzform gebacken, den schönsten spickte Frau Hadwig eigenhändig mit Mandeln und Kardamomen.

Eines Morgens kam Audifax ganz erfroren in die Küche und suchte sich ein Plätzlein am Herdfeuer; seine Lippen zitterten wie in Fieberschauer, aber er war wohlgemut und freudig. Rüste dich, Büblein, sprach Praxedis zu ihm, du mußt heut nachmittag hinüber in den Wald und ein Tännlein hauen.

Das ist nicht meines Amtes, sprach Audifax stolz, ich will's aber tun, wenn Ihr mir auch einen Gefallen tut.

Was befiehlt der Herr Ziegenhirt? fragte Praxedis.

Audifax sprang hinaus, dann kam er wieder und hielt einen dunkelbraunen Balg siegesfroh in die Höhe, das kurze glatte Haar glänzte daran, dicht und weich war's anzufühlen.

Woher das Rauchwerk? fragte Praxedis.

Selbst gefangen, sprach Audifax und sah wohlgefällig auf seine Beute. Ihr sollt eine Pelzhaube für die Hadumoth daraus machen.

Die Griechin war ihm wohlgesinnt und versprach Erfüllung der Bitte.

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