Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Victor von Scheffel: Ekkehard - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleEkkehard
authorJoseph Victor von Scheffel
year1979
publisherFleischhauer & Spohn
addressStuttgart
isbn3-87230-301-5
titleEkkehard
pagesIII-XV, 1-419
created19990430
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
Schließen

Navigation:

In der Burg zu Hohentwiel war indes die Herzogin an der Mittagstafel gesessen. Sie hatte oft unstet herumgeschaut, als wenn ihr etwas fehle. Die Mahlzeit war kurz. Wie Frau Hadwig mit Praxedis allein war, hub sie an:

Wie gefällt dir unser neuer Lehrer, Praxedis?

Die Griechin lächelte.

Rede! sprach die Herzogin gebietend.

Ich hab' in Konstantinopolis schon manchen Schulmeister gesehen, sprach Praxedis wegwerfend.

Frau Hadwig drohte mit dem Finger: Ich werd' dich aus meinen Augen verbannen, ob so unehrerbietiger Rede. Was hast du über Schulmeister zu lästern?

Verzeihet, sprach Praxedis, es ist nicht schlimm gemeint. Aber wenn ich so einen Mann der Bücher sehe, wie der ernsthaft einherschreitet und einen Anlauf nimmt, um aus seinen Schriften das herauszugraben, von dem wir ungefähr auch ahnen, daß es kommen muß, und wie er mit seinen Pergamenten zusammengewachsen ist, als wär's ihm angetan worden, und seine Augen nur für die Buchstaben einen Blick haben und kaum für die Menschen, die um ihn sind: so steht mir das Lachen nahe. Wenn ich nicht weiß, ob Mitleid am rechten Platze, so lach' ich. Des Mitleids wird er auch nicht bedürfen, er versteht ja mehr als ich.

Ein Lehrer muß ernst sein, sagte die Herzogin, das gehört dazu, wie der Schnee zu unsern Alpen.

Ernst, ja wohl! erwiderte die Griechin, in diesem Land, wo der Schnee die Berggipfel deckt, muß alles ernst sein. Wär' ich doch gelehrt wie Herr Ekkehard, um Euch zu sagen, was ich meine. Ich meine, man sollte auch im Scherz lernen können, spielend, ohne den Schweißtropfen der Anstrengung auf der Stirn – was schön ist, muß gefallen und wahr zugleich sein. Ich meine, das Wissen ist wie Honig, Verschiedene können ihn holen, der Schmetterling summt um den Blumenkelch und findet ihn auch, doch so ein deutscher weiser Mann kommt mir vor wie ein Bär, der schwerfällig in den Bienenstock hineingreift und die Tatzen leckt – ich hab' an Bären keinen Gefallen.

Du bist ein leichtsinnig Mägdlein, sprach Frau Hadwig, und unlustig des Lernens. Wie gefällt dir denn Ekkehard sonst – ich meine, er sei schön?

Praxedis sah zu ihrer Gebieterin hinüber: Ich hab' noch keinen Mönch drum angeschaut, ob er schön sei.

Warum?

Ich hab's für unnötig gehalten.

Du gibst heute sonderbare Antworten, sprach Frau Hadwig und erhob sich. Sie trat ans Fenster und blickte nordwärts. Jenseits der dunkeln Tannenwälder schaute in plumper Steile der Fels von Hohenkrähen zu ihr herüber.

Der Hirtenbub war vorhin da, er hat Leute hinüber bestellt, sprach Praxedis.

Der Nachmittag ist mild und sonnig geworden, sagte die Herzogin, laß die Pferde rüsten, wir wollen hinüber reiten und sehen, was sie treiben. Oder – ich hab' vergessen, daß du dich über die Mühsal beklagt im Sattel zu sitzen, da wir vom heiligen Gallus heimkehrten: ich werd' alleine ausreiten...

Ekkehard hatte sich auf dem Hohenkrähen den Schauplatz des nächtlichen Gelages betrachtet. Wenig Spuren waren übrig. Das Erdreich um den Eichbaum war rötlich angefeuchtet. Reste von Kohlen und Asche deuteten auf den Feuerplatz. In den Ästen der Eiche sah er mit Befremden da und dort kleine Wachsbilder von menschlichen Gliedmaßen versteckt hangen, Füße und Hände, Abbilder von Pferden und Kühen, – Gelöbnisse für Heilung von Krankheit an Menschen und Tier, die der bäuerliche Aberglaube damals noch am altersgeweihten Baume lieber löste als in der Kirche des Tales.

Zwei Männer mit Haugeräte kamen heran. Wir sind bestellt, sprachen sie. Vom Hohentwiel? fragte Ekkehard. – Wir arbeiten der Herrschaft, unser Sitz ist drüben am Hohenhöwen, wo der Rauch der Kohlenmeiler aufsteigt.

Gut, sagte Ekkehard, ihr sollt mir die Eiche hier fällen. Die Männer sahen ihn verlegen an. Vorwärts, rief er, und sputet euch! Bis die Nacht anbricht, muß sie umgehauen liegen.

Da gingen die zwei mit ihren Beilen zu der Eiche hin. Mit offenem Munde standen sie vor dem stolzen Baum. Einer ließ sein Beil zur Erde fallen.

Kommt dir der Platz nicht bekannt vor, Chomuli? frug er seinen Nebenmann.

Warum bekannt, Woveli?

Der Holzhacker deutete nach Sonnenaufgang, setzte die geballte Rechte an den Mund, hob sie, als wenn er trinke und sprach: Darum, Chomuli.

Da sah der andere nach Ekkehard hinunter und zwinkte mit dem Aug': Wir wissen von nichts, Woveli! Aber er wird's wissen, Chomuli, sprach der erste. Abwarten, Woveli, sagte der andere.

Es ist Sünd' und schade, fuhr sein Gefährte fort, um den Eichbaum, schon an die zweihundert Jahre steht er und hat manch lustig flackernd Mai- und Herbstfeuer erlebt. Ich bring's schier nicht über's Herz, Chomuli.

Sei kein Tor, tröstete der andere und tat den ersten Hieb, wir müssen dran. Je schärfer wir dem Baum ins Fleisch hauen, desto weniger glaubt's der in der Kutte dort, daß wir selber in nächtlicher Andacht unter seinen Wipfeln saßen. Und der Strafschilling?!... Klug muß der Mensch sein, Woveli!

Das leuchtete dem ersten ein. Klug muß der Mensch sein, Chomuli! sprach er und hieb auf den Baum seiner Verehrung. Zehn Tage vorher hatte er ein Wachsbild dran gehängt, daß ihm seine kranke Kuh vom Fieber genese. – Die Späne flogen, in dumpfem Takt krachten die einschlagenden Hiebe der beiden.

Der Diakon von Singen war auch herübergekommen mit Meßbuch und Stola. Ekkehard winkte ihm, daß er mit eintrete zur Waldfrau. Die saß noch starr an ihrem Herde. Ein scharfer Windzug erhob sich, da die beiden durch die geöffnete Tür eintraten, und verlöschte ihr Feuer.

Waldfrau, rief Ekkehard gebietend, bestellt Euer Haus und schnüret Euren Bündel, Ihr müsset fort.

Die Alte griff nach ihrem Stab und schnitt den dritten Kerbschnitt ein. Wer beschimpft mich zum drittenmal, sprach sie dumpf, und will mich aus meiner Mutter Hause werfen wie einen herrenlosen Hund?

Im Namen der Herzogin in Schwaben, fuhr Ekkehard feierlich fort, spreche ich über Euch wegen Hegung heidnischen Aberglaubens und nächtlichen Götzendienstes die Verweisung aus Haus und Hof und Gau und Land aus. Euer Stuhl sei gesetzt vor die Tür Eurer Hütte, ziehen sollte Ihr unstet soweit der Himmel blau ist, soweit Christen die Kirche besuchen, soweit der Falke fliegt am Frühlingstag, wenn der Wind unter beiden Flügeln ihn dahin treibt. Kein gastlich Tor soll sich Euch öffnen, kein Feuer am Herd brenne für Euch, kein Wasser des Quells rausche für Euch, bis daß Ihr Eures Frevels Euch abgetan und Euren Frieden gefestet mit dem dreieinigen Gott, dem Richter der Lebenden und Toten.

Die Waldfrau hatte ihm ohne große Erregung zugehört. Ein gesalbter Mann wird dir dreimal Schimpf antun unter deinem eigenen Dach, murmelte sie, deß sollst du ein Zeichen in den Stab schneiden und mit selbem Stab sollst du ausziehen gen Niedergang, denn sie werden dir nicht lassen, wo du dein Haupt niederlegest. O Mutter, meine Mutter!

Sie raffte ihren Plunder in ein Bündel zusammen, griff den Stab und rüstete sich zu gehen. Den Diakon von Singen kam eine Rührung an. Rufet Gott durch seine Diener um Verzeihung an, sprach er, und tut eine christliche Pönitenz, daß Ihr in Gnade gesund werdet.

Dafür ist die Waldfrau zu alt, 

»Din got, der ist ein junger tôr,
ich will glouben an den alten.«
St. Oswald.
sagte sie und lockte ihren Specht, der flog ihr um die Schulter und der Rabe hüpfte ängstlich hinter ihr drein; schon war die Tür aufgerissen, noch einen Blick auf Wand und Herd und Kräuter und Pferdschädel – sie stieß den Stab auf die Schwelle, daß die Steinplatten erdröhnten: Seid verflucht, ihr Hunde! klang's vernehmlich den Zurückbleibenden; sie wandte sich mit ihren Vögeln dem Walde zu und verschwand.

Und wir ziehen stumm, ein geschlagen Heer,
Erloschen sind unsere Sterne –
O Island, eisiger Fels im Meer,
Steig auf aus nächtlicher Ferne!

tönte leis murmelnder Gesang durch die entlaubten Stämme herüber.

Ekkehard aber ließ sich vom Diakon die Stola umhängen und das Meßbuch vortragen, er hielt einen Umgang durch Stube und Kammer, die Wände weihte er mit dem Zeichen des Kreuzes, auf daß das Getriebe böser Geister gebannt sei für immer, dann sprach er unter Gebeten den großen Exorcismus über die Stätte.

Das fromme Werk hatte lang gedauert. Dem Diakon stand der Angstschweiß auf der Stirn, als er Ekkehard die Stola wieder abnahm, er hatte so große Worte noch nie gehört. Jetzt tönte Pferdegetrab durch den Wald.

Es war die Herzogin, von einem einzigen Diener geleitet. Ekkehard ging ihr entgegen; der Diakon von Singen trat seinen Heimweg an. Ihr seid lange ausgeblieben, rief die Herzogin gnädig, ich muß wohl selber sehen, was Ihr geschlichtet und gerichtet.

Die zwei Holzhauer hatten indes ihre Arbeit beendigt und schlichen auf des Berges Rückseite von dannen; sie fürchteten die Herzogin. Ekkehard erzählte ihr der Waldfrau Wesen und Haushalt, und wie er sie ausgetrieben.

Ihr seid streng, sprach Frau Hadwig.

Ich glaubte mild zu sein, erwiderte Ekkehard.

Wir genehmigen, was Ihr geordnet, sprach die Herzogin. Was fanget Ihr mit dem verlassenen Hause an? Sie warf einen flüchtigen Blick auf das steinerne Gemäuer.

Die Kraft der bösen Geister ist gebannt und beschworen, sagte Ekkehard. Ich will es zu einer Kapelle der heiligen Hadwig weihen.

Die Herzogin sah ihn wohlwollend an: Wie kommt Ihr auf den Gedanken?

Es ist mir so hergefallen... Die Eiche hab' ich umhauen lassen.

Wir wollen den Platz besichtigen, sprach sie. Ich denke, wir werden auch das Umhauen der Eiche genehmigen.

Sie stieg mit Ekkehard den steinigen Pfad hinauf, der auf den Gipfel des hohen Krähen führt. Oben lag die Eiche gefällt, schier sperrten ihre mächtigen Äste den Platz. Eine Felsplatte, wenig Schritte im Umfang, ist der Gipfel des seltsam geformten Berges. Sie standen oben. Steil senkten sich die Felswände unter ihren Füßen abwärts; es war eine schier schwindelnde Höhe, kein Stein oder Baum zum Anlehnen; in die blaue Luft hinaus ragten die zwei Gestalten, der Mönch im dunkeln Gewand, die Herzogin, den hellen farbigen Mantel faltig umgeschlagen. Schweigend standen sie beisammen. Ein gewaltiger Anblick tat sich vor ihren Augen auf. Tief unten streckte sich die Ebene, in Schlangenlinie zog das Flüßlein Aach durch die wiesengrüne Fläche, Dächer und Giebel der Häuser im Tal waren winzig fern, wie Punkte auf einer Landkarte; drüben reckte sich der bekannte Gipfel des Hohentwiel dunkel empor, ein stolzer Mittelgrund; blaue platte Bergrücken erhoben sich mauergleich hinter dem Gewaltigen, ein Damm, der den Rhein auf seiner Flucht aus dem See dem Beschauer verdeckt. Glänzend trat der Untersee mit der Insel Reichenau hervor, und leise, wie hingehaucht, zeichneten sich ferne riesige Berggestalten im dünnen Gewölk, sie wurden deutlicher und deutlicher, Lichter Glanz säumte die Kanten ihrer Höhen, die Sonne neigte zum Untergang... schmelzend, duftig flimmerte die Landschaft...

Frau Hadwig war bewegt. Ein Stück großer weiter Natur sagte ihrem großen Herzen zu. Die Gefühle aber ruhen nahe beieinander. Ein zarter Hauch zog durch ihr Denken; ihre Blicke wandten sich von den schneeigen Häuptern der Alpen auf Ekkehard. Er will der heiligen Hadwig eine Kapelle weihen! so klang es immer und immer wieder in ihr.

Sie trat einen Schritt vor, als fürchte sie den Schwindel, lehnte den rechten Arm auf Ekkehards Schulter und stützte sich fest auf ihn. Ihr Auge flammte auf die kurze Entfernung in das seine hinüber. Was denkt mein Freund? sprach sie mit weicher Stimme.

Ekkehard stand zerstreut. Er fuhr auf.

Ich bin nie auf solcher Höhe gestanden, sprach er, bei dem Anblick mußt' ich der Schrift gedenken: »Hernach führte ihn der Teufel auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Pracht und sprach zu ihm: Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Er aber antwortete und sprach: Weg von mir, Satan! denn es steht geschrieben: Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen.«

Starr trat die Herzogin zurück. Das Feuer ihres Auges wandelte sich, als hätte sie den Mönch hinabstoßen mögen in den Abgrund.

Ekkehard! rief sie, Ihr seid ein Kind – oder ein Tor!

Sie wandte sich und stieg schnellen, unmutigen Ganges hinunter. Sie ritt allein zur Feste Twiel zurück, sausend, im Galopp; kaum mochte der Diener folgen.

Ekkehard wußte nicht, wie ihm geschehen. Er fuhr mit der Hand über die Augen, als lägen Schuppen davor.

Wie er in stiller Nacht auf seiner Hohentwieler Turmstube saß und den Tag überdachte, flammte ein ferner Feuerschein herüber. Er schaute hinaus. Aus den Tannen am hohen Krähen schlug die feurige Lohe.

Die Waldfrau hatte der künftigen Kapelle zur heiligen Hadwig ihren letzten Besuch erstattet.

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.