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Victor von Scheffel: Ekkehard - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleEkkehard
authorJoseph Victor von Scheffel
year1979
publisherFleischhauer & Spohn
addressStuttgart
isbn3-87230-301-5
titleEkkehard
pagesIII-XV, 1-419
created19990430
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Der Waldfrau Gedanken hafteten heut immerdar auf jener letzten Stunde, die ihn von ihr geschieden. Da hatten ihn die Gerichtsmänner vor seine Hütte im Weiterdinger Wald geführt, sechshundert Schillinge sollte er als Wehrgeld für den Erschlagenen zahlen, und wies ihnen statt dessen Haus und Hofmark zu und schwur mit zwölf Eideshelfern, daß er nichts unter und nichts ober der Erde mehr zu eigen habe. Drauf ging er in sein Haus, sammelte eine Hand voll Erde, stand auf die Schwelle und warf mit der Linken die Erde über seine Schultern auf seines Vaters Bruder, als Zeichen, daß seine Schuld auf diesen seinen einzigen Blutsverwandten übergehen solle, er aber griff einen Stab und sprang im leinenen Hemde ohne Gürtel und Schuhe über den Zaun seines Hofes; das Recht der chrene chrudaDen merkwürdigen Gebrauch, daß durch Werfung der »Chrene Chruda« auf den nächsten zahlungsfähigen Verwandten dieser in das durch Blutschuld verwirkte Wehrgeld des zahlungsunfähigen Täters eintreten mußte, beschreibt die lex Salica (ed. Merkel) cap. 58. Der Name Chrene Chruda ist noch nicht hinlänglich erklärt. Man hat es mit »grünes Kraut« oder nach Grimm, Rechtsaltertümer p. 116 mit »reines Kraut« zu übersetzen gesucht, indem die Räumung eines Landes oder die Übertragung eines Grundstücks auf einen andern zu eigen oder zu Pfand durch Übergabe einer mit Gras bewachsenen Erdscholle, eines Stückes Wasen symbolisch angedeutet wurde. Aber nach der lex Salica war das, was geworfen wurde, die aus den vier Ecken der Stube, wo doch kein Kraut wächst, zusammengeraffte Erde. Siehe Walter, deutsche Rechtsgeschichte § 443. Da übrigens dieser Gebrauch nur bei den Salfranken urkundlich nachweisbar ist und auch dort schon frühe aufgehoben war (lex Salica nov. 262, 263, 264), so bleibt es ziemlich unklar, wie derselbe hier als ein im zehnten Jahrhundert in Alemannien geltender aufgeführt werden kann. schrieb's so vor, und damit war er seiner Heimat ledig und ging in Wälder und Wüsten – ein landflüchtiger Mann, und ging wieder ins Dänenland zu seinen Nordmännern und kam nimmer zurück. Nur eine dunkle Kunde sagte, er sei mit ihnen nach Island hinübergefahren, wo die tapfern Seefahrer, die ihren Nacken nicht beugen wollten vor neuem Glauben und neuer Herrschaft, sich ein kaltes Asyl gegründet.

Das war schon lange, lange her, aber der Waldfrau war es, als sähe sie ihren Friduhelm noch, wie er ins Waldesdunkel sprang; sie hatte damals ins Weiterdinger Kirchlein einen Kranz von Eisenkraut gehängt und viel Tränen vergossen... kein anderer hatte sein Bild aus ihrer Seele verdrängt. Die traurige Jahreszeit gemahnte sie an ein altes Nordmännerlied, das er sie einst gelehrt; das summte sie jetzt vor sich hin:

Der Abend kommt und die Herbstluft weht,
Reifkälte spinnt um die Tannen,
O Kreuz und Buch und Mönchsgebet –
Wir müssen alle von dannen.

Die Heimat wird dämmernd und dunkel und alt,
Trüb rinnen die heiligen Quellen:
Du götterumschwebter, du grünender Wald,
Schon blitzt die Axt, dich zu fällen!

Und wir ziehen stumm, ein geschlagen Heer,
Erloschen sind unsere Sterne –
O Island, du eisiger Fels im Meer,
Steig auf aus mächtiger Ferne.

Steig auf und empfah unser reisig Geschlecht –
Auf geschnäbelten Schiffen kommen
Die alten Götter, das alte Recht,
Die alten Nordmänner geschwommen.

Wo der Feuerberg loht, Glutasche fällt,
Sturmwogen die Ufer umschäumen,
Auf dir, du trotziges Ende der Welt,
Die Winternacht woll'n wir verträumen!

Ekkehard war indes draußen abgestiegen und hatte sein Roß an eine Tanne gebunden. Jetzt trat er über die Schwelle; scheu ging Audifax hinter ihm drein. Die Waldfrau warf das Gewand über den Stein, faltete die Hände in ihren Schoß und sah starr dem eintretenen Mann im Mönchsgewand entgegen. Sie stand nicht auf.

Gelobt sei Jesus Christ! sprach Ekkehard als Gruß und Ablenkung etwaigen Zaubers. Unwillkürlich schlug er den Daumen der Rechten ein und schloß die Hand, er fürchtete das böse AugeDem »bösen Auge« der Hexen wurden viele üblen Wirkungen zugetraut; es kann Säuglinge schwindsüchtig machen, Kleider in Stücke reißen, Schlangen töten, Wölfe schrecken, Straußeneier ausbrüten, Aussatz erwecken usw. Als Schutz gegen solche »faszinierende« Blicke pflegte man auch die Pfote des blinden Maulwurfs zu tragen. Siehe Grimm, deutsche Mythologie p. 1053. und seine Gewalt; Audifax hatte ihm erzählt, die Leute sagten von ihr, daß sie mit einem Blick ein ganzes Grasfeld dürre zu machen vermöge.

Sie antwortete nicht auf den Gruß.

Was schafft Ihr Gutes? hub Ekkehard das Gespräch an.

Einen Rock bessern, sprach die Alte, er ist schadhaft geworden.

Ihr sucht auch Kräuter?

Such' auch Kräuter. Seid Ihr ein Kräutermann? Dort liegen viele: Habichtskraut und Schneckenklee, Bocksbart und Mäuseohr, auch dürrer Waldmeister, so Ihr begehrt.

Ich bin kein Kräutermann, sprach Ekkehard. Was macht Ihr mit den Kräutern?

Braucht Ihr zu fragen, wozu Kräuter gut sind? sprach die Alte, Euer einer weiß das auch. Es stünd' schlimm um kranke Menschen und krankes Tier und schlimm um Abwehr mächtiger Unholde und Stillung liebender Sehnsucht, wenn keine Kräuter wären.

Und Ihr seid getauft? fuhr Ekkehard ungeduldig fort.

Sie werden mich auch getauft haben...

Und wenn Ihr getauft seid, rief er mit erhobener Stimme, und dem Teufel versagt habt und allen seinen Werken und allen seinen Gezierden, was soll das? Er deutete mit seinem Stab nach den Pferdeschädeln an der Wand und stieß einen heftig an, daß er herunterfiel und in Stücke brach; die weißen Zähne rollten auf dem Fußboden umher.

Der Schädel eines Rosses, antwortete die Alte gelassen, den Ihr jetzt zertrümmert habt. Es war ein junges Tier, Ihr könnt's am Gebiß noch sehen.

Und der Rosse Fleisch schmeckt Euch? frug Ekkehard.

Es ist kein unrein Tier, sagte die Waldfrau, und sein Genuß nicht verboten.

Weib! rief Ekkehard und trat hart vor sie hin, – du treibst Zauberkunst und Hexenwerk!

Da stand die Alte auf. Ihre Stirn runzelte sich, unheimlich glänzten die grauen Augen. Ihr tragt ein geistlich Gewand, sprach sie, Ihr möget mir das sagen. Gegen Euch hat eine alte Waldfrau kein Recht. Es heißt sonst, das sei ein groß Scheltwort, was Ihr mir ins Antlitz geworfen, und das Landrecht büßt den Schelter...si quis mulierem »stria« clamaverit et non potuerit adprobare usw. lex Salic. c. 64.

Audifax war inzwischen scheu an der Tür gestanden. Da kam der Waldfrau Rabe auf ihn zugehüpft, so daß er sich fürchtete; er lief zu Ekkehard hin. Am Herde sah er den behauenen Stein. An einem Stein herumzuspüren hätte ihn auch die Furcht vor zwanzig Raben nicht abgehalten. Er hob das Gewand, das drüber gebreitet war. Verwitterte Gestalten kamen zum Vorschein.

Ekkehard lenkte seinen Blick darauf.

Es war ein römischer Altar. Kohorten, die fern aus üppigem asischem Standlager des allmächtigen Kriegsherrn Gebot an den unwirtlichen Bodensee versetzt, mochten ihn einst in diesen Höhen aufgestellt haben – ein Jüngling in fliegendem Mantel und phrygischer Mütze kniete auf einem niedergeworfenen Stier: der persische Lichtgott Mithras, an den der sinkende Römerglaube neue Hoffnung anknüpfte, als das andere abgenutzt war.

Eine Inschrift war nicht sichtbar. Lang schaute ihn Ekkehard an, sein Aug' hatte außer der güldenen Vespasianusmünze, die Untergebene des Klosters einst im Torfmoos bei Rapperswyl gefunden, und etlichen geschnittenen Steinen im Kirchenschatz noch kein Bildwerk des Altertums erschaut, aber er ahnte an Form und Bildung den stummen Zeugen einer vergangenen Welt.

Woher der Stein? frug er.

Ich bin genug gefragt, sagte die Waldfrau trotzig, schafft Euch selber Antwort.

... Der Stein hätte auch mancherlei antworten können, wenn Steine Zungen hätten. Es haftete ein gut Stück Geschichte an solch verwittertem Gebild. Was lehrt es? Daß der Menschen Geschlechter kommen und zergehen wie die Blätter, die der Frühling bringt und der Herbst verweht, und daß ihr Denken und Tun nur eine Spanne weit reicht; dann kommen andere und reden in andern Zungen und schaffen in andern Formen; Heiliges wird geächtet, Geächtetes heilig, neue Götter steigen auf den Thron: wohl ihnen, wenn er nicht über allzuviel Opfern sich aufrichtet...

Ekkehard deutete das Dasein des Römersteins in der Waldfrau Hütte anders.

Den Mann auf dem Stier betet Ihr an, rief er heftig. Die Waldfrau griff einen Stab, der am Herde stand, nahm ein Messer und schnitt zwei Kerbschnitte hinein: Die zweite Beschimpfung, die Ihr mir antut! sprach sie dumpf. Was haben wir mit dem Steinbild zu schaffen?

So redet, sagte der Mönch, wie kommt der Stein in Eure Hütte.

Weil er uns gedauert hat, sagte die Waldfrau. Das mögt Ihr nicht verstehen, die Ihr das Haupt kahl geschoren traget. Der Stein ist draus gestanden auf dem Felsvorsprung, es war ein zugerichteter Platz und wird mancher in alten Tagen dort gekniet haben, aber itzt hat sich keiner mehr um ihn gekümmert, die Leute des Waldes haben Holzäpfel drauf gedörrt und Späne drauf gespalten, wie's kam, und des Regens Unbill hat die Bilder verwaschen. Der Stein dauert mich, hat meine Mutter gesagt, es war einmal was Heiliges; aber die Knochen derer, die den Mann drauf gekannt und verehrt haben und den Stein, sind längst weiß gebleicht, – es wird ihn frieren den Mann mit dem fliegenden Mantel. Da haben wir ihn ausgehoben und an den Herd gestellt: er hat uns noch kein Leids gebracht. – Wir wissen, wie es den alten Göttern zu Mut ist, unsere gelten auch nicht mehr. Laßt Ihr dem Stein seine Ruhe!

Eure Götter? fuhr Ekkehard in seinen Fragen fort – wer sind Eure Götter?

Das müßt Ihr wissen, sprach die Alte. Ihr habt sie vertrieben und in See gebannt: in der Fluten Tiefe liegt alles begraben, der Hort alter Zeit und die alten Götter, wir sehen sie nicht mehr und wissen nur noch die Plätze, wo unsere Väter sie verehrt, eh' der Franke kam und die Männer in den Kutten. Aber wenn der Wind die Wipfel des Eichbaums droben schüttelt, dann kommt's wie Stimmen durch die Lüfte, das ist ihr Klagen – und in gefeiten Nächten rauscht und brauset es und der Wald leuchtet, Schlangen winden sich an den Stämmen empor, da jagt's über die Berge wie ein Zug verzweifelter Geister, die nach der alten Heimat schauen...

Ekkehard bekreuzte sich.

Ich sag's, wie ich's weiß, sprach die Alte. Ich will den Heiland nicht beleidigen; aber er ist als ein Fremder ins Land gekommen, Ihr dienet ihm in fremder Sprache, die verstehen wir nicht. Wenn er auf unserem Grund und Boden erwachsen wäre, dann könnten wir zu ihm reden und wären seine treuesten Diener, und es stünd' besser ums alemannische Wesen.

Weib! rief Ekkehard zürnend, wir werden Euch verbrennen lassen...

Wenn's in Euren Büchern steht, war die Antwort, daß das Holz des Waldes aufwächst, um alte Frauen zu verbrennen: ich hab genug gelebt. Der Blitz hat neulich Einkehr bei der Waldfrau genommen – fuhr sie fort und deutete auf einen schwärzlichen Streif an der Wand – der Blitz hat die Waldfrau verschont.

Sie kauerte am Herd nieder und blieb starr und unbeweglich sitzen. Die glühenden Kohlen warfen ein scharfes Streiflicht auf die runzligen Züge.

Es ist gut! sprach Ekkehard. Er verließ die Stube. Audifax war froh, als er wieder blauen Himmel über sich sah. Dort sind sie gesessen! sprach er und deutete den Berg hinauf. Ich werd's ansehen, sprach Ekkehard. Du gehst zum hohen Twiel zurück und bestellst zwei Knechte her mit Hacke und Beil und Otfried, den Diakon von Singen, er soll eine Stola mitbringen und sein Meßbuch.

Audifax sprang davon. Ekkehard stieg auf den hohen Krähen.

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