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Victor von Scheffel: Ekkehard - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleEkkehard
authorJoseph Victor von Scheffel
year1979
publisherFleischhauer & Spohn
addressStuttgart
isbn3-87230-301-5
titleEkkehard
pagesIII-XV, 1-419
created19990430
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Neuntes Kapitel

Die Waldfrau

Audifax und Hadumoth waren in die Burg von Twiel zurückgekehrt. Ihres nächtlichen Ausbleibens war nicht geachtet worden. Sie schwiegen von den Begebnissen jener Nacht. Auch unter sich. Audifax hatte viel nachzudenken.

In seiner Ziegen Hut war er säumig. Eine seiner Untergebenen verlief sich nach den platten Hügeln hin, die den Lauf des dem Bodensee entströmenden Rheines umsäumen. Da ging er, sie zu suchen; einen Tag blieb er aus, dann kehrte er mit der Entronnenen zurück.

Hadumoth freute sich des Erfolges, der ihrem Gefährten Schläge ersparte. Der Winter kam mählich heran, die Tiere blieben im Stall. Eines Tages saßen die Kinder am Kaminfeuer in der Knechtstube. Sie waren allein.

Du denkst noch immer an Schatz und Spruch? fragte Hadumoth. Da zog sie Audifax geheimnisvoll zu sich. Der heilige Mann hat doch den rechten Gott! sprach er.

Warum? frug Hadumoth.

Er ging in seine Kammer hinüber; im Stroh seines Lagers hatte er allerhand Gestein untergebracht, er griff einen heraus und brachte ihn herüber. Schau an! sprach er. Es war ein glimmeriger grauer Schieferstein, er umschloß die Reste eines Fisches, in zartem Umriß waren Haupt, Flossen und Gräten dem Schiefer eingedrückt. Den hab' ich drüben am Schiener BergDie Steinbrüche am s. g. Schiener Berg, wie die im benachbarten Öningen sind später berühmt geworden durch ihre Petrefakten, insbesondere durch die seltenen Überreste von Vögeln. Bekanntlich ward dort auch das Gebein eines riesenmäßigen Salamanders ausgegraben, in welchem der gelehrte Naturforscher Scheuchzer (1726) einen fossilen Menschen erkannte, bis daß Cuvier die wahre Organisation dieses »Zeugen der Sündflut« nachwies. Vgl. Burmeister, Geschichte der Schöpfung, 5. Aufl. p. 518. mitgenommen, da ich die Ziege suchen ging. Der muß von der Flut sein, von der der Vater Vincentius einmal gepredigt hat, und die Flut hat der Herr Himmels und der Erde über die Welt gehen lassen, da er den Noah das große Schiff bauen hieß, davon weiß die Waldfrau nichts.

Hadumoth wurde nachdenklich: Dann ist die Waldfrau schuld, daß uns die Sterne nicht in den Schoß gefallen sind, wir wollen sie beim heiligen Mann verklagen.

Da gingen die beiden zu Ekkehard und berichteten ihm, was in jener Nacht auf dem Hohenkrähen vorgegangen. Er hörte sie freundlich an. Des Abends erzählte er's der Herzogin. Frau Hadwig lächelte.

Sie haben einen seltsamen Geschmack, meine treuen Untertanen, sprach sie. Überall sind ihnen schmucke Kirchen gebaut, sanft und eindringlich wird das Wort Gottes verkündet, stattlicher Gesang, große Feste, Bittgänge mit Kreuz und Fahnen durch wogendes Kornfeld und Flur, – und doch ist's nicht genug. Da müssen sie noch in kalter Nacht auf ihren Berggipfeln sitzen und wissen selber nicht, was sie dort treiben, außer daß Bier getrunken wird. Wir kennen das. Was haltet Ihr von der Sache, frommer Ekkehard?

Aberglaube! sprach der Gefragte, den der böse Feind noch immer in abtrünnige Gemüter säet. Ich hab in unsern Büchern gelesen von den Werken der Heiden, wie sie im Dunkel der Wälder, an einsamen Wegscheiden und Quellen und selbst an den dunkeln Gräbern der Toten ihre zaubrischen Listen treiben.

Sie sind keine Heiden mehr, sagte Frau Hadwig. Ein jeder ist getauft und seinem Pfarrherrn zugewiesen. Aber es lebt noch ein Stück alte Erinnerung in ihnen, die ist sinnlos geworden und zieht sich doch durch ihr Denken und Tun, gleich dem Rhein, wenn er in Winterszeit tief unter des Bodensees Eisdecke geräuschlos weiter fließt. Was wollt Ihr mit ihnen beginnen?

Vertilgen! sprach Ekkehard. Wer seinen Christenglauben bricht und dem Gelübde seiner Taufe untreu wird, soll fahren in die ewige Verdammnis.

Halt an, junger Eiferer, sagte Frau Hadwig; meinen Hegauer Mannen sollt Ihr darum das Haupt noch nicht abschlagen, daß sie die erste Nacht des Herbstmonats lieber auf dem kalten hohen Krähen sitzen, als auf ihrem Strohlager schlafen; sie tun doch, was sie müssen, und schon im Heerbann des großen Kaisers Karl haben sie dereinst gegen die heidnischen Sachsen gefochten, als wär' ein jeder zum erlesenen Rüstzeug der Kirche geweiht.

Mit dem Teufel, rief Ekkehard hochfahrend, ist kein Friede. Wollet Ihr lau im Glauben sein, Herrin?

Im Regieren einer Landschaft, sprach sie mit leisem Spott, lernt sich manches, das in Euren Büchern nicht steht. Wißt Ihr auch, daß der Schwache wirksamer durch seine Schwäche geschlagen wird, als durch die Schneide des Schwerts? Wie der heilige Gallus einst in die Trümmer von Bregenz drüben einzog, da lag der heiligen Aurelia Altar zerstört, drei eherne Götzenbilder stunden aufgerichtet; um den großen Bierkessel, der niemals fehlen darf, so oft man hierlands in alter Weise fromm sein will, saßen sie und tranken. Der heilige Gall hat keinem ein Leides getan, aber ihre Bilder hat er in Stücke geschlagen und hinausgeschleudert, daß sie zischend einfuhren ins grüne Gewoge des Sees, und in ihren Bierkessel hat er ein Loch gehauen und das Evangelium gepredigt an derselben Stelle; es fiel kein Feuer vom Himmel, ihn zu verzehren, sie aber sahen, daß ihre Sache nichts war, und bekehrten sich.Vita Sancti Galli lib. I. bei Pertz, Monum. II. 7. Verständig sein heißt nicht lau im Glauben sein...

Das war damals... begann Ekkehard.

Und itzt – fiel ihm Frau Hadwig ins Wort, itzt steht die Kirche aufgerichtet vom Rhein bis ans nördliche Meer, stärker als die Kastelle der Römer zieht sich eine Kette von Klöstern durchs Land, Festungen des Glaubens; bis in die Wildnisse des Schwarzwalds ist längst das Wort christlicher Bekenner gedrungen, was wollt Ihr mit den Nachzüglern vergangener Zeiten so schweren Kampf fechten?Die Herzogin teilt hier dieselben Grundsätze zweckmäßiger Bekehrungspolitik, die der Papst Gregor der Große seiner Zeit in einem Schreiben an den Abt Mellitus und den Erzbischof Augustinus von England ausgesprochen. »Saget dem Augustinus,« heißt es dort, »zu welcher Überzeugung ich nach langer Betrachtung über die Bekehrung der Engländer gekommen bin: daß man nämlich die Götzenkirchen bei jenem Volk ja nicht zerstören, sondern nur die Götzenbilder darin vernichten, das Gebäude mit Weihwasser besprengen, Altäre bauen und Reliquien hineinlegen soll. Denn sind jene Kirchen gut gebaut, so muß man sie vom Götzendienst zur wahren Gottesverehrung umschaffen, damit das Volk, wenn es seine Kirchen nicht zerstören sieht, von Herzen seinen Irrglauben ablege, den wahren Gott erkenne und um so lieber an den Stätten, wo es gewöhnt war, sich versammle. Und weil die Leute bei ihren Götzenopfern viele Ochsen zu schlachten pflegen, so muß auch diese Sitte ihnen zu irgend einer christlichen Feierlichkeit umgewandelt werden. Sie sollen sich also am Tag der Kirchweihe oder am Gedächtnistag der heiligen Martyrer, deren Reliquien in ihren Kirchen niedergelegt werden, aus Baumzweigen Hütten um die ehemaligen Götzenkirchen machen, den Festtag durch religiöse Gastmähler feiern, nicht mehr dem Teufel Tiere opfern, sondern sie zum Lobe Gottes zur Speise schlachten, dadurch dem Geber aller Dinge für ihre Sättigung zu danken, damit sie, indem ihnen einige äußerlichen Freuden bleiben, um so geneigter zu den innerlichen Freuden werden. Denn rohen Gemütern auf einmal alles abzuschneiden, ist ohne Zweifel unmöglich, und weil auch derjenige, so auf die höchste Stufe steigen will, durch Tritt und Schritt, nicht aber durch Sprünge in die Höhe kommt.« Siehe Mone, Geschichte des Heidentums usw. II. 105.

So belohnet sie denn, sprach Ekkehard bitter.

Belohnen? sagte die Herzogin. Zwischen Entweder und Oder führt noch manches Sträßlein. Wir müssen einschreiten gegen den nächtlichen Unfug. Warum? Kein Reich mag gut bestehen bei zweierlei Glauben, das führt die Gemüter gegen einand in Schlachtordnung und ist unnötig, solange draußen Feinde genug lauern. Des Landes Gesetz hat ihnen das törichte Wesen untersagt, sie sollen merken, daß unser Gebot und Verbot nicht in den Wind gesprochen ist.

Ekkehard schien von dieser Weisheit nicht befriedigt. Ein Zug von Mißmut flog über sein Antlitz.

Höret, fuhr die Herzogin fort, was ist Eure Meinung von der Zauberei überhaupt?

Die Zauberei, sprach Ekkehard mit Ernst und schwerem Atemzug, der auf den Vorsatz einer längeren Rede zu deuten schien, ist eine verdammliche Kunst, wodurch der Mensch sich die Dämonen, die allenthalb in der Natur walten und nisten, dienstbar macht. Auch im Unlebendigen ruht Lebendiges verborgen, wir hören es nicht und sehen es nicht, aber verführend weht es an unbewachtes Gemüt, mehr zu erfahren und mehr zu wirken, als ein treuer Knecht Gottes erfahren und wirken kann – das ist das alte Blendwerk der Schlange und der Mächte der Finsternis; wer sich ihnen zu eigen macht, kann ein Stück von ihrer Gewalt erlangen, aber er herrscht über die Teufel durch deren Obersten und verfällt ihm, wenn seine Zeit aus ist. Darum ist die Zauberei so alt wie die Sünde, und statt daß der eine wahre Glaube sei auf der Welt und die eine Mildigkeit der Werke, anzubeten den dreieinigen Gott, gehen noch Weissager umher und Traumdeuter und Traumscheider und Liedersetzer und Rätsellöser, vor allem aber sind unter den Töchtern Evas die Anhängerinnen solcher Künste zu suchen...

Ihr werdet artig, unterbrach ihn Frau Hadwig –

Denn der Frauen Gemüt, fuhr Ekkehard fort, ist allzeit neugieriger Erforschung und Ausübung verbotener Dinge zugewendet. Wenn wir mit Lesung des Virgilius fortschreiten, werdet Ihr den Ausbund der Zauberei in Gestalt des Weibes Circe angedeutet sehen, die auf unzugänglichem Vorgebirg singend haust, lieblich duftender Span von Zederholz erleuchtet die dunkeln Gemächer, mit fleißigem Weberschifflein webt sie viel zartes Gezeug, aber draußen im Hof tönt seufzendes Knurren von Löwen und Wölfen und der Schweine Gegrunz, die sie alle aus Menschen durch zaubrischen Trank in der Tiere Gestalt verwandelt...

Ihr sprechet ja wie ein Buch, sagte die Herzogin spitz. Ihr sollet Eure Wissenschaft von der Zauberei weiter bilden. Reitet denn auf den hohen Krähen hinüber und untersuchet, ob die Waldfrau eine Circe, und regiert in unserem Namen, wir sind neugierig, was Eure Weisheit ordnet.

Es ist nicht meine Wissenschaft, erwiderte er ausweichend, wie man die Völker regiert und die Dinge der Welt gebietend schlichtet.

Das findet sich, sprach Frau Hadwig, es hat noch selten einen in Verlegenheit gebracht, am wenigsten einen Sohn der Kirche.

Ekkehard fügte sich. Der Auftrag war ihm ein Beweis von Vertrauen. Andern Morgens ritt er nach dem hohen Krähen. Den Audifax nahm er mit, daß er ihm den Weg zeige. Glückliche Reise, Herr Reichskanzler! rief ihm eine lachende Stimme nach. Es war Praxedis.

Bald kamen sie vor der Waldfrau Behausung. Auf einem Vorsprung, in halber Höhe des steilen Felsens, stand ihre steinerne Hütte, mächtige Eich- und Buchstämme breiteten ihre Äste darüber und verdeckten den ragenden Gipfel des hohen Krähen. Drei wie Stufen geschichtete Klingsteinplatten führten ins Innere. Es war eine hohe dunkle Stube. Viel getrocknete Waldkräuter lagen angehäuft, würziger Geruch entströmte ihnen; drei weißgebleichte Pferdeschädel grinsten gespenstig von den Pfeilern der Wand herab,Das Aufnageln von Pferdeschädeln war uralte Gewohnheit deutscher Völker. Schon die römischen Legionen, die Caecina in die Einsamkeit des Teutoburger Waldes führte, um den Gefallenen der Varusschlacht die letzte Ehre zu erweisen, erschraken, da von den Stämmen der Eichen die angenagelten Häupter geopferter Römer auf das bleichende Gebein gefallener Krieger und die Schlachtaltäre herabnickten. Tacitus Annal. I. 61. ein riesig Hirschgeweih hing dabei. In den hölzernen Türpfosten war ein verschlungenes Doppeldreieck geschnitten. Ein zahmer Waldspecht hüpfte in der Stube umher, ein Rabe, dem die Schwingen gekürzt, war sein Genosse.

Die Inwohnerin saß am glimmenden Feuer des Herdes und nähte an einem Gewand. Ein hoher behauener halb verwitterter Stein stand ihr zur Seite. Von Zeit zu Zeit bückte sie sich zum Herde und hielt ihre magere Hand über die Kohlen; Novemberkälte lag auf Berg und Wald. Die Zweige einer alten Buche neigten sich schier zum Fenster herein, ein leiser Windeshauch bewegte sie, das Laub war herbstgelb und morsch und zitterte und brach ab, etliche welke Blätter wirbelten in die Stube.

Und die Waldfrau war einsam und alt und mochte frieren. Da liegt ihr nun verachtet und welk und tot, sprach sie zu den Blättern, und ich gleiche euch. Ein fremdartiger Zug umflog ihr runzlig Antlitz. Sie dachte vergangener Zeiten, da auch sie jung und frühlingsgrün gewesen und einen Liebsten gehabt – aber den hatte sein Schicksal weit hinausgetrieben aus dem heimischen Tannwald, raubende Nordmänner, die einst mit Sengen und Brennen den Rhein herauffuhren, hatten ihn und viele Heerbannleute gefangen und mitgeschleppt und er war bei ihnen geblieben über Jahresfrist und hatte den Seemannsdienst gelernt und war wild und trotzig geworden in der Strandluft des Meeres, und wie sie ihn wieder frei gaben, trug er die Nordseesehnsucht mit sich in den schwäbischen Wald, – die Gesichter der Heimat gefielen ihm nimmer wieder, die der Mönche und Priester am wenigsten, und das Unglück fügte es, daß er in zornigem Aufbrausen einen wandernden Mönch erschlug, der ihn gescholten, da war seines Bleibens nicht fürder.

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