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Victor von Scheffel: Ekkehard - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleEkkehard
authorJoseph Victor von Scheffel
year1979
publisherFleischhauer & Spohn
addressStuttgart
isbn3-87230-301-5
titleEkkehard
pagesIII-XV, 1-419
created19990430
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Audifax bog einen Strauch zurück und riß das Moos auf; in dem grauen Klingstein, der des Berges Kern ist, ward eine gelbe Ader sichtbar; in eines Fingers Breite zog sie durchs Gestein. – Audifax löste ein Stück ab, versteinten Tropfen gleich saß der eingesprengte Stoff in der Spalte, strahlend, rundlich, goldgelb, und in weißrötlicher Druse hafteten Opalkristalle.

Prüfend sah Ekkehard auf das abgelöste Stück. Der Stein war ihm fremd. Edelstein war's nicht; die gelehrten Männer haben ihn später Natrolith getauft.

Seht Ihr, daß ich etwas weiß! sprach Audifax.

Was soll ich damit? fragte Ekkehard.

Das wißt Ihr besser als ich, Ihr könnt's schleifen lassen und Eure großen Bücher damit verzieren – gebt Ihr mir jetzt den Zauber?

Ekkehard mußte des Knaben lachen. Du sollst Bergknappe werden, sprach er und wollte gehen.

Aber Audifax hielt ihn am Gewand.

Ihr müßt mich jetzt aus Eurem Buch lehren!

Was?

Den stärksten Spruch...

Eine Anwandlung des Scherzes kam über Ekkehards ernstes Antlitz. Komm mit mir, sprach er, du sollst ihn haben, den stärksten Spruch.

Frohlockend ging Audifax mit ihm. Da sagte ihm Ekkehard lachend den virgilianischen Vers:

Auri sacra fames, quid non mortalia cogis
Pectora?Graulicher Hunger nach Golde, wozu nicht zwingst du der Menschen
   nimmersattes Gemüt?

und mit eiserner Geduld sagte Audifax die fremden Worte her, bis er sie sprachrichtig dem Gedächtnis eingeprägt.

Schreibt mir's auf, daß ich's auf dem Leib tragen kann, bat er ihn.

Ekkehard gedachte den Scherz vollständig zu machen und schrieb ihm die Worte auf einen dünnen Pergemantstreif, der Knabe barg's in seiner Brusttasche; hoch schlug sein Herz, wiederum küßte er Ekkehards Gewand – in Sprüngen, wie sie die kletterfroheste Ziege nicht machte, sprang er aus dem Hofe.

Bei diesem Kinde gilt Virgilius mehr als bei der Herzogin, dachte Ekkehard.

Des Mittags saß Audifax wieder auf seinem Steinblock. Aber es perlten keine Tränen mehr in seinen scheuen Augen; seit langem zum erstenmal war die alte Sackpfeife wieder mit ihm auf die Ziegenhut ausgezogen, der Wind trug die Klänge ins Tal hinab. Vergnügt kam seine Freundin Hadumoth zu ihm herüber. Wollen wir wieder Seifenblasen machen? frug sie ihn.

Ich mache keine Seifenblasen mehr! sprach Audifax und blies auf seiner Pfeife weiter. Dann stund er auf, sah sich sorgsam um, zog Hadumoth zu sich – sein Auge glänzte seltsam: ich bin beim heiligen Mann gewesen, raunte er ihr ins Ohr, heute nacht heben wir den Schatz, du gehst mit. Hadumoth versprach's ihm.

Der dienenden Leute Nachtessen in der Gesindestube war zu Ende; gleichzeitig standen sie alle von ihren Bänken auf und stellten sich in die Reihe; zu unterst waren Audifax und Hadumoth gesessen, die junge Hirtin sprach den grobkörnigen Menschen das Gebet vor, sie zitterte heut mit der Stimme...

Eh' der Tisch abgeräumt war, huschte es wie zwei Schatten zu dem noch unverschlossenen Burgtor hinaus, es waren die zwei Kinder, Audifax ging voran. Die Nacht wird kalt sein, hatte er zu Hadumoth gesagt und ihr ein langhaariges Ziegenfell umgeworfen. Da wo der Berg jäh nach Süden hin abfällt, war ein alter Erdwall gezogen, dort machte Audifax Halt – sie waren vor dem Herbstwind geschützt. Er streckte seinen Arm in gerader Richtung aus: Ich meine, hier soll's sein! sprach er. Wir müssen noch lang warten, bis Mitternacht.

Hadumoth sprach nichts. Die beiden setzten sich dicht nebeneinander. Der Mond war aufgegangen, sein Licht zitterte durch halbdurchsichtiges Gewölk. Auf der Burg oben waren etliche Fenster hell, sie saßen wieder über dem Virgilius droben... am Berg war's still, selten strich der Schleiereule heiserer Ruf herüber. Nach langer Frist fragte Hadumoth schüchtern: Wie wird's werden, Audifax?

Ich weiß nicht, war die Antwort. Es wird einer herkommen und wird ihn herbringen, oder die Erde tut sich auf und wir steigen hinunter, oder...

Sei still, sprach Hadumoth, ich fürcht' mich.

Und wieder war eine gute Frist vergangen, Hadumoth hatte ihr Haupt an Audifax' Brust gelehnt und war eingeschlummert, er aber rieb sich den Schlaf aus den Augen, dann schüttelte er seine Gefährtin. Hadumoth, sprach er, die Nacht ist lang, erzähl' mir was.

Mir ist was Böses eingefallen, sprach sie. Es war einmal ein Mann, der ging pflügen ums Morgenrot, da pflügte er den Goldzwerg aus der Furche, der stand vor ihm und grinste ihn freundlich an und sprach: Nimm mich mit! Wer uns nicht sucht, dem gehören wir, wer uns sucht, den erwürgen wir... Audifax, ich fürcht' mich.

Gib mir deine Hand, sagte Audifax, daß du mutig bleibest.

Die Lichter auf der Burg waren erloschen. Dumpfer Hornruf des Wächters auf dem Turm kündete Mitternacht. Da kniete Audifax nieder, und Hadumoth kniete neben ihn, er hatte seinen Holzschuh vom rechten Fuß gezogen, daß er mit nackter Sohle auf dem dunkeln Erdreich aufstand, den Pergamentstreifen hielt er in der Hand und mit fester Stimme sprach er die Worte, deren Sinn ihm fremd:

Auri sacra fames, quid non mortalia cogis
Pectora?...

er hatte sie wohl behalten. Und auf den Knien blieben die beiden und harrten dessen, was da kommen sollte... Aber es kam kein Zwerg und kein Riese und die Erde tat sich auch nicht auf; die Gestirne glänzten zu ihren Häupten kalt und fern, kühl wehte die Nachtluft.... Doch über einen Glauben so fest und tief, wie den der beiden Kinder, soll niemand lachen, auch wenn damit keine Berge versetzt und keine Schätze gefunden werden.

Jetzt hub sich ein unsicheres Leuchten am Himmelsgewölb, eine Sternschnuppe kam geflogen, ein flimmernder Glanzstreif zeichnete ihre Bahn, viel andere folgten nach – es kommt von oben, flüsterte Audifax und preßte krampfhaft das Hirtenkind an sich, auri sacra fames... rief er noch einmal in die Nacht hinaus, strahlend kreuzten sich die Meteore, das erste erlosch, das zweite erlosch – es war wieder ruhig am Himmel wie zuvor...

Lang und scharf sah sich Audifax um. Dann stand er betrübt auf. Es ist nichts, sagte er mit zitternder Stimme, sie sind in den See gefallen. Sie gönnen uns nichts. Wir werden Hirten bleiben.

Hast du des heiligen Mannes Spruch auch recht gesagt? fragte ihn Hadumoth.

Wie er ihn mich lehrte.

Dann hat er dich nicht den rechten gelehrt. Er wird den Schatz selber heben. Vielleicht hat er ein Netz dorthin gelegt, wo die Sterne fielen...

Das glaub' ich nicht, sprach Audifax. Sein Antlitz ist mild und gut und seine Lippen sprechen kein Falsch.

Hadumoth sann nach.

Vielleicht weiß er den rechten Spruch nicht?

Warum?

Weil er den rechten Gott nicht hat. Er hat den neuen Gott. Die alten Götter waren auch stark.

Audifax hielt seiner Gefährtin die Finger auf die Lippen. Schweig! sprach er.

Ich fürchte mich nicht, sagte Hadumoth. Ich weiß noch eine andere, die versteht sich auch auf Sprüche.

Wen?

Hadumoth deutete hinüber, wo aus lang gestrecktem Tannensaum ein dunkler Bergkegel steil aufstieg. Die Waldfrau! antwortete sie.

Die Waldfrau? sprach Audifax erschrocken. Die, die das große Gewitter gemacht, wo die Schlossen so groß wie Taubeneier ins Feld einschlugen, und die den Centgrafen von Hilzingen gefressen hat, daß er nimmer heimkam?

Eben darum. Wir wollen sie fragen. Die Burg ist uns doch verschlossen und die Nacht kalt.

Das Hirtenmägdlein war keck und mutig geworden. Das Mitleid um Audifax war groß in ihr; sie hätte ihm so gern zu seiner Wünsche Erfüllung verholfen. Komm! sprach sie lebhaft, wenn dir's bange wird im Wald, so blas auf deiner Pfeife. Die Vögel antworten. Es geht dem Morgen entgegen.

Audifax erhob keinen Einwand mehr. Da gingen sie miteinand durchs dichte Gehölz nordwärts, es war ein dunkler Tannenwald, sie kannten den Pfad. Niemand war des Weges. Nur ein alter Fuchs stand lauernd auf einem Rain, aber er war vom Erscheinen der beiden Kinder so wenig befriedigt, als diese von den schnell verflogenen Sternschnuppen.

Auch bei Füchsen kommt oft etwas ganz anderes, als sie wünschen und erwarten. Darum zog er seinen Schweif ein und schlug sich seitwärts.

Sie waren eine Stunde weit gegangen, da stunden sie vor dem Fels Hohenkrähen. Zwischen Bäumen versteckt stund ein steinern Häuslein; sie hielten. Der Hund wird Laut geben! sprach Hadumoth. Aber kein Hund rührte sich. Sie traten näher, die Türe stand offen.

Die Waldfrau ist fort! sprachen sie. Aber auf dem Fels Hohenkrähen brannte ein verglimmend Feuerlein. Dunkle Gestalten regten sich. Da schlichen die Kinder den Felspfad hinauf.

Schon stand ein heller Luftstreif hinter den Bergen am Bodensee. Es ging steil in die Höhe. Oben, wo das Feuer glimmte, war ein Felsenvorsprung. Eine breitgipflige Eiche breitete ihre dunklen Äste aus. Da duckten sich Audifax und Hadumoth hinter einen Stein und schauten hinüber. Es war ein Tier geschlachtet worden, ein Haupt, wie das eines Pferdes, war an den Eichstamm genagelt, Spieße standen über dem Feuer, Knochen lagen umher. In einem Gefäß war Blut.

Um einen zugehauenen Felsblock saßen viele Männer, ein Kessel mit Bier stand auf dem Stein,.. vasque magnum, quod vulgo cupam vocant, quod viginti et sex modios amplius minusve capiebat, cerevisia plenum in medio habebant positum.« Vita S. Columbani. Sie schöpften daraus mit steinernen Krügen.

An der Eiche kauerte ein Weib. Sie war nicht so liebreizend wie jene alemannische Jungfrau Bissula, die dem römischen Staatsmann Ausonius einst trotz seiner sechzig Jahre das Herz berückte, daß er idyllendichtend auf seiner Präfekturkanzlei einherschritt und sang: »sie ist von Augen himmelblau, und golden das rötliche Haar, ein Barbarenkind, hoch über allen Puppen Latiums, der sie malen will, muß Rosen und Lilien mischen.«Ausonius Idyll. 7. Das Weib auf dem Hohenkrähen war alt und struppig.

Die Männer schauten nach ihr. Zusehends hellte sich der Himmel im Osten. In die Nebel über dem See kam Bewegung. Jetzt warf die Sonne ihre ersten Strahlen vergoldend über die Berge, bald stieg der feurige Ball empor, da sprang das Weib auf, die Männer erhoben sich schweigend; sie schwang einen Strauß von Mistel und Tannreis, tauchte ihn in das Gefäß mit Blut, sprengte dreimal der Sonne entgegen, dreimal über die Männer, dann goß sie des Gefäßes Inhalt in das Wurzelwerk der Eiche.

Die Männer hatten ihre Krüge ergriffen, sie rieben sie in einförmiger Weise dreimal auf dem geglätteten Fels, daß ein summendes Getön entstand, hoben sie gleichzeitig der Sonne entgegen und tranken sie aus; in gleichem Takte setzte jeder den Krug nieder, es klang wie ein einziger Schlag. Dann warf ein jeglicher seinen Mantel um, schweigend zogen sie den Fels hinab.Das alemannisch-schwäbische Heidentum beruhte auf einem einfachen Kultus der Natur. »Sie verehren Bäume, Wasserströme, Hügel und Bergschluchten. Pferden, Rindern und vielen anderen Tieren schneiden sie das Haupt vom Rumpf und bringen sie diesen als Schlachtopfer dar,« so schreibt der Grieche Agathias im sechsten Jahrhundert von den Alemannen im Gegensatz zu den christlichen Franken. »Betet keine Götzen an weder an Felsen noch an Bäumen, weder an abgelegenen Orten noch an Quellen, auch nicht auf Kreuzwegen bringet eure Anbetung und eure Gelübde dar,« predigt der heilige Pirminius, Stifter der Reichenau, zwei Jahrhunderte später. Wer da weiß, mit welcher Zähigkeit der Bauer in seiner Sitte die Überlieferung altersgrauer Vergangenheit bewahrt, und wie noch manche seiner heutigen Bräuche an die Opfer des Heidentums gemahnen, den wird es nicht befremden, im zehnten Jahrhundert noch auf nächtliche biertrinkende Konventikel zu stoßen, die sich von denen zu des heiligen Columban Zeiten wenig oder gar nicht unterscheiden. Ob übrigens eine in ähnlichen Formen, wie die hier beschriebenen, sich bewegende Sitte des gemeinschaftlichen Trinkens auf den deutschen Hochschulen, die unter dem Namen »einen Salamander reiben« bekannt, aber von niemanden erklärt ist, nicht auch einen Anklang an altheidnische Trankopfer enthalte, bleibe dahingestellt, wiewohl die Wissenschaft darüber einig ist, daß »durch die religiöse Bedeutung des Trinkens ein überraschender Zusammenhang in mehrere andere Gebräuche kommt.«

Es war die Nacht des ersten November.

Wie es still geworden auf dem Platz, wollten die Kinder vortreten zur Waldfrau. Audifax hatte sein Streiflein Pergament zur Hand genommen – aber das Weib riß einen Feuerbrand aus der Asche und schritt ihnen drohend entgegen.

Da flohen sie in Hast den Berg hinunter.

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