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Eisik's Brille

Leopold Kompert: Eisik's Brille - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Dorfgeher
authorLeopold Kompert
year1997
publisherWallstein Verlag
addressGöttingen
isbn3-89244-080-8
titleEisik's Brille
pages91-118
created20000121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1860
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An einem Sabath, an welchem er gepredigt, stellte sich der junge Prediger unerwartet bei Rebb Eisik ein. Der alte Mann war von der Ehre dieses Besuches lebhaft gerührt; über sein Antlitz flog es wie freundlicher Sonnenschein. Man sah es ihm an, er fühlte sich von der Auszeichnung geschmeichelt. Es ist dieß ein Zug, den wir namentlich an alten Leuten bemerkten, wenn sie von jungen Leuten aufgesucht werden.

»Wissen Sie, Rebb Eisik«, begann der Prediger nach den ersten einleitenden Worten, nachdem ihm der Alte selbst einen Stuhl zugeschoben hatte, »warum ich zu Ihnen gekommen bin?«

»Wie soll ich das errathen?« meinte Rebb Eisik lächelnd. »Bin ich doch kein Prophet!«

»Und doch, Rebb Eisik«, rief der Prediger mit leichtem Hohne, »haben Sie vorausprophezeit, daß ich mich in kurzer Zeit ändern werde.«

»Wissen Sie also auch schon von meiner Brille, Herr Prediger?« meinte Rebb Eisik ganz unbefangen, ohne im mindesten erschrocken auszusehen.

»Sie halten mich also für einen Heuchler«, rief der junge Mann etwas lebhaft, »für Einen, der anders denkt und anders handelt?«

Rebb Eisik legte wie beschwichtigend seine Hand auf den Arm des Predigers.

»Sie haben noch nicht die Brille abgelegt, Herr Prediger«, meinte er mit seinem vertraulich milden Lächeln.

»Wie verstehen Sie das, Rebb Eisik?«

»Sehen Sie, Herr Prediger«, sagte der alte Mann mit seinem unerschütterlichen Lächeln, »wären Sie der Heuchler und Min, den Sie mir in den Mund legen, so hätten Sie nicht etwas unterlassen, als Sie in diese Stube eingetreten sind.«

»Ich hätte etwas unterlassen?« rief der junge Prediger lebhaft.

»Dort an der Thüre«, meinte Rebb Eisik, indem er seinen Finger ausstreckte, »hängt eine Mesusah, wie sie in jedem guten Jüdenhause zu finden ist. Denn mit Gott soll man eintreten und mit Gott soll man austreten. Diese Mesusah haben Sie unterlassen zu küssen.«

Eine brennende Röthe überflog das sonst blasse Antlitz des jungen Mannes.

Rebb Eisik bemerkte dieses Zeichen innerer Beschämung; in seinem milden Herzen keimte sogleich die Reue auf

»Weh thun habe ich Ihnen nicht wollen, Herr Prediger«, sagte er, und drückte inniger auf dessen Arm.

»Ich danke Ihnen, Rebb Eisik«, rief der junge Mann und ergriff die Hand des Greises, »ich danke Ihnen für die Lehre, die Sie mir so eben gegeben haben. Ich will sie nicht vergessen.«

Rebb Eisik wußte nicht, wie ihm geschah. Er schaute dem jungen Manne eine lange Weile in das geröthete Gesicht. Vielleicht war es Argwohn, der in diesem Augenblicke sein sonst so mildes Gemüth durchzuckte. Ein junger Mensch in der Blüthe und Fülle seiner Jahre stand – so vor ihm und er hielt ihn doch für beleidigt! Dann aber rief er mit weicher Stimme:

»Um Gottes Willen reden Sie nicht weiter, Herr Prediger. Es ist nicht gut, wenn Derjenige, der Gottes Wort zu verkündigen hat, seine Fehler sogleich eingesteht. Es ist das nicht gut. Was soll dann der gemeine Mann thun? der muß am Gelehrten immer das sehen, was die Kinder Israels an Moses gesehen haben, wie er vom Berg Sinai heruntergestiegen ist.«

»Meinen Sie den heiligen Zorn beim Anblick des goldenen Kalbes?« rief der junge Prediger in hoher Aufregung.

»Nein, Herr Prediger«, meinte der Alte milde, »ich meine den leuchtenden Schein um seinen Kopf, den ihm Gott geliehen hat, wie er die steinernen Tafeln brachte.«

»Rebb Eisik, was sind Sie für ein Mann!« rief der Prediger entzückt aus, und ergriff aufs neue seine Hand, und schaute ihm mit leuchtenden Blicken in das feine Antlitz.

»Loben Sie mich nicht zu sehr«, bat Rebb Eisik mit liebenswürdiger Bescheidenheit, »ich verdien's gar nicht.«

»Sagen Sie mir nur, Rebb Eisik«, rief der Prediger noch immer ergriffen, »sagen Sie mir nur, woher hat sich dieser Schatz echter Lebensweisheit bei Ihnen gesammelt? Sie sind nicht nur klug, Sie sind auch ein großer Menschenkenner und prüfen Herz und Nieren. Sie haben in meine Seele einen tiefen Blick gethan. Wer hat Sie den gelehrt? Denn aus Büchern werden Sie doch nicht viel gelernt haben!«

Rebb Eisik schwieg eine geraume Weile; aber auf seinem Antlitze malte sich deutlich die Freude, sein Lob aus dem Munde des jungen Mannes zu vernehmen.

»Nein, gelernt hab' ich nicht viel, mein Herr Prediger«, meinte Rebb Eisik lächelnd, »nicht einmal so viel, was Sie nicht schon vor zwanzig Jahren vergessen hätten. Aber ich hab' meine Brille bald abgelegt.«

»Ich glaube Sie zu verstehen, Rebb Eisik«, rief der Prediger lebhaft. »Sie sind wahrscheinlich frühzeitig durch eine harte Schule des Lebens gegangen, und aus den derben Stößen und Püffen, die Sie da erhalten haben, lernten Sie das Leben selbst beurtheilen und dessen Erscheinungen auf ihr wahres Maß herabsetzen. In dieser strengen Schule sind Ihre Augen geschärft worden, und das nennen Sie, Rebb Eisik: die Brille ablegen.«

»Man sieht und hört es Ihnen an«, sagte Rebb Eisik schmunzelnd, »daß Sie ein Prediger sind. Sie können und verstehen Ihre Sache. Sollt' man nicht meinen, Sie hätten jetzt gerade über eine Stelle in der Bibel gesprochen, über die ein Anderer weggeschluppert wäre, während Sie etwas Schönes und Erhabenes darin finden! Aber glauben Sie nur nicht so etwas von mir, Herr Prediger. Ich hab' wirklich die Brille abgelegt.«

»Wie?« fragte der junge Mann mit einiger Verwirrung.

»Oder besser gesagt«, ergänzte sogleich Rebb Eisik, »ich hab' eine wirkliche Brille abgelegt.«

Der Prediger starrte den Sprecher mit einer Miene an, als sei er überzeugt, dieser rede irre.

»Sie wissen also wirklich noch nichts von meiner Brille?« rief Rebb Eisik, der die Verwunderung des Predigers wohl bemerkt hatte.

»Kein Wort«, betheuerte der junge Mann.

»So freut es mich wirklich in der Seele, daß ich gerade Ihnen die Geschichte von meiner Brille wieder erzählen kann. Hier in der ›Gasse‹ kennt sie jedes kleine Kind. Sie sollen daraus ersehen, Herr Prediger, daß ich Ihnen am wenigsten habe mit meiner Brille wehe thun wollen.«

»Rebb Eisik!« rief der Prediger vorwurfsvoll.

»Gut, gut«, meinte der Alte, »entscheiden Sie selbst, wenn ich fertig bin. Werden Sie aber auch genug Geduld haben, einen plauderhaften alten Mann so lange anzuhören?«

»Tage lang könnte ich Ihnen zuhören!« rief der Prediger begeistert.

Rebb Eisik lächelte fein und begann:

»Ich bin das einzige Kind sehr reicher Eltern gewesen. Da Sie in unserer Gemeinde nicht geboren sind, so können Sie auch nicht wissen, was für ein Mann mein Vater gewesen ist. Stellen Sie sich nur das Eine vor. Wenn man von Rebb Anschel Maier gesprochen hat, so hat man sich darunter etwas wie jetzt Baron Rothschild vorgestellt. In ganz Böhmen und Mähren, ja selbst in Wien hat man seinen Namen gekannt, und wenn Einem ein Wechsel vorgekommen, auf dem die Unterschrift meines Vaters gestanden ist, so hat er gewiß gesagt: der ist so gut wie baares Geld. Damit will ich nur zeigen, was für ein Mann er gewesen ist.

Meine Mutter war draußen im Reich geboren; der Vater hat sie auf der Frankfurter Messe kennen gelernt, wohin er zweimal im Jahre kam. Es war eine merkwürdig feine und besondere Frau; sie hat geschrieben, deutsch und jüdisch, wie kaum ein Mann, was in der damaligen Zeit viel geheißen hat. Man hat ihr auch nachgesagt, daß sie französische Bücher hat lesen können und auf dem Clavier gespielt hat. Das ist in jener Zeit wie ein Wunder angesehen worden. Wie aber die Menschen sind! Die große Bildung ist das Unglück meiner Mutter gewesen. Sie ist deßwegen ordentlich beschrieen worden und keine Frau in der Gemeinde hat sich unterstanden, mit ihr in einen näheren Verkehr zu treten. Die Leute glaubten immer, sie müßten mit ihr französisch reden, und weil das keiner wußte, haben sie zuletzt gar nicht mit ihr gesprochen. Dadurch ist meine Mutter nie heimisch geworden in der ›Gasse‹, sie hat sich immer als Fremde betrachtet!

Nur gegen meinen Vater und mich war sie nicht fremd, uns hat sie gezeigt, wie sie war und was in ihr verborgen lag. Als das einzige Kind war ich ihr Augapfel. Gott der Lebendige weiß, woher so eine Mutter all die Liebe und Zärtlichkeit für ihr Kind bekommt. Worauf gar kein anderer denkt, darauf denkt eine Mutter, was Keinem eine Sorge macht, das bekümmert sie und macht ihr das Herz schwer. Ich will wetten, nicht Amram, der Vater Mosche's ist's gewesen, der den guten Gedanken mit der Prinzessin hatte, sondern seine Mutter. Wie sollte ein Mann auf so etwas verfallen! Man hätte auch von der meinigen sagen können: Gott habe sie eigens zu einer Mutter bestimmt und mich zu ihrem Sohn!

Fremd, wie sie in der Gasse war, hatte sie auch kein Verlangen, als ich schon zehn bis zwölf Jahre alt geworden, ihr Haus auch nur auf eine Stunde zu verlassen. Nur in der Frühe und am Abend, wenn ich in ›Schul‹ gehen mußte, kam ich von ihr weg; sonst bin ich keine Minute aus ihren Augen entschwunden. Der Vater war beinahe immer auf Geschäftsreisen; der konnte sich wenig um mich bekümmern. Kein Mensch wunderte sich auch, daß mir die Mutter den ersten Unterricht ertheilte; von ihr lernte ich lesen, schreiben und rechnen, ja selbst die Bibel habe ich von Keinem gelernt als von ihr.

Als wenn es heute geschehen wäre, erinnere ich mich noch jetzt, wie der Vater einmal von der Leipziger Messe etwas mitbrachte, das in ein graues Papier eingewickelt war. Ich wollte darnach greifen und es aufmachen, da schrie aber mein Vater auf, als hätte ich meine Hand in glühendes Eisen getaucht.

›Wozu hast Du mir es also mitgebracht, Vater‹, rief ich weinend, ›wenn ich es nicht anrühren darf?‹

›Wart' bis auf die Nacht‹, sagte mein Vater unruhig und versteckte das graue Packer an einem sicheren Orte. Ich weinte und jammerte, die Mutter aber tröstete mich. Als die Nacht gekommen war, holte der Vater das Packer aus dem Verstecke herbei, nachdem er sich früher überzeugt hatte, daß alle Thüren und Fenster fest verschlossen waren. Der graue Umschlag ward hinweggenommen; es waren fünf Bücher, die mir der Vater hinlegte.

›Das ist ja Chumesch‹ (die fünf Bücher Mosis), rief ich, beinahe enttäuscht.

›Um Gottes willen schweig, wenn du nicht willst, daß ich dir die Bücher wegnehmen soll‹, schreit mein Vater ganz ängstlich, und ich habe das auch auf Zureden der Mutter versprechen müßen. Aus dem Chumesch hat sie mich unterrichtet. Erst lange Jahre darauf habe ich die Vorsicht und Angst meines Vaters begriffen. Wenn man jenes Chumesch bei uns hätte angetroffen, Gott der Lebendige weiß, was uns damals geschehen wäre! Es war mit der deutschen Übersetzung von Moses Mendelssohn aus Dessau!

Wie ich mein dreizehntes Jahr erreicht, sollt' ich in die Fremde, um da ein Geschäft zu lernen. Das war damals so der Brauch; nach der Bar Mizwah mußte ein Jüngel fort. Jetzt soll man es anders damit halten; die heutige Welt möchte für dreizehnjährige Kinder noch gerne eine Amme im Hause haben. Die gute Mutter hat lange nicht gewollt, endlich aber hat es der Vater durchgesetzt. Ich bin nach Prag zu dem großen Geschäftsmanne Abraham Taussig gekommen, der zu jener Zeit ein Spezereigeschäft in der Meiselgasse neben der Schul' gehabt hat. Bei dem bin ich volle vier Jahre in der Lehre gewesen und bin während dieser Zeit niemals zu meinen Eltern auf Besuch gekommen.

Ich sollt' mich entwöhnen, sagte mein Vater. Gut! ich hab' mich entwöhnt, hab' gelernt was zu lernen war; aber wie die vier Jahre um waren, und ich einmal einen Brief erhalte, daß ich nach Hause kommen sollt', da hab' ich mich doch außerordentlich gefreut. Denn mit mir war indessen eine große Veränderung vorgegangen. Als ein kleiner ›Krupp‹ hatte ich die Heimath verlassen, in die Höhe geschossen wie eine Hopfenstange kehrte ich zurück.

Was werden die Leute in der ›Gasse‹ zu Dir sagen? fiel mir jeden Augenblick ein. Nun weiß ich nicht, wie es gekommen ist. Einen Tag vor meiner Abreise gehe ich durch die Zeltnergasse; ich wollte mir die Stadt noch einmal ansehen. Da bleibe ich, ohne daß ich eigentlich an etwas Bestimmtes dachte, vor dem Gewölbe eines Brillenmachers stehen. Wie ich mir so eine Weile die verschiedenen Dinge in dem Auslagskasten betrachte, kommt mir plötzlich der Gedanke: ›Wie wär's, wenn ich mit einer Brille auf den Augen vor meine Eltern hintreten möcht'! Mit so einer Brille sieht man wenigstens um etliche Jahre älter aus. Die Leute werden dich dann gar nicht erkennen.‹

Ohne weitere Überlegung trete ich also in den Laden ein, und kaufe mir die erste beste Brille!

So lange als ich noch in Prag mich befand, habe ich sie nicht aufzusetzen gewagt, da haben mich die Leute ja gekannt. Aber kaum bin ich im Wagen, habe ich sie in Einem fort probirt. Die Ungewohnheit, so etwas auf meiner Nase und vor meinen Augen zu tragen, hat gemacht, daß ich die Brille in den ersten Stunden gern hundertmale auf die Straße hinaus geworfen hätte. Immer hat mich aber der Gedanke zurückgehalten, die Leute werden dich nicht erkennen und Du siehst damit viel älter aus! Und immer hab' ich aufs Neue die Brille aus dem Futterale herausgenommen und aufgesetzt. Merkwürdig, was der Mensch vermag, wenn er nur will! Wie ich noch zwei Stunden von meiner Heimat war, da habe ich die Brille gar nicht mehr gespürt, sie war mir auf der Nase wie angewachsen. Das hat mich mehr gefreut, als wenn ich eine Million mit nach Hause gebracht hätte. Wie ich an dem guten Ort, vorüberfahre, der, wie Sie wissen, an der Prager Straße liegt, wer kommt mir da entgegen? Naphtali Kremsier, der Vater unseres frühern Gemeindesängers Daniel, der mit Hasenhäutchen ist hausiren gegangen. Der sieht in den Wagen hinein, in dem ich langsam an ihm vorüberfahre und ruft gleich:

›S'Gotts willkumm, Eisik, bist Du auch schon zurück?‹

Ich glaub' im ersten Augenblick trifft mich schon vor Schrecken der blasse Tod! Gleich der erste Mensch, der mir begegnet, erkennt mich! Ein Anderer hätte nun die Brille von der Nase gerissen und sie in tausend Stücke zerbrochen. Ich aber – ich habe sie behalten!

›Sie sollen mich doch nicht erkennen‹, hab' ich in meinem Ingrimm ausgerufen.

Niemals werde ich nun vergessen, wie ich von meiner guten Mutter bin aufgenommen worden. Noch jetzt fühle ich die heißen Thränen, wie sie über meine Wangen heruntertröpfelten, indem sie mich minutenlange gar nicht aus den Armen lassen wollte! Ich alter Junge spür's noch, es geht mir wie ein Messerstich durch das Herz, wenn ich an diese Stunde denke. Denn wissen Sie, was für ein Gedanke mir unter den Thränen meiner Mutter, unter ihrem Lachen und Weinen gekommen ist? Es hat mich geärgert, daß mich meine Eltern so gar leicht erkannt hatten, daß sie kein Wort über mein Aussehen, kurz über meine Brille sagten! Ist das nicht etwas, um noch jetzt darüber sich reuig an die Brust zu schlagen?

Erst als ich eine Viertelstunde später meinen Eltern gegenüber saß, immerfort die Augen meiner Mutter auf mir, die sich an ihrem Sohn gar nicht satt sehen konnten, sagte mein viel ruhigerer Vater:

›Weißt Du, Jettel, ich finde unser Eisik hat sich etwas verändert; er hat etwas Fremdes in seinem Gesichte, ich könnt' aber nicht sagen, worin es besteht.‹

Ich wurde roth wie ein Mädchen, zu dem man auf die Beschau kommt. Also endlich doch! Meine gute Mutter stand auf, beinahe erschreckt von diesen Worten meines Vaters und blickte mir lange ins Gesicht.

›Ich find' ihn nicht verändert‹, meint sie hierauf, ›er hat noch ganz sein altes Aussehen.‹

Da blickt auch der Vater schärfer nach mir hin, und auf einmal bricht er in ein Gelächter aus, daß davon das ganze Haus erzittert.

›Jettel‹, ruft er keuchend, ›hättest Du denken können, daß sich das Jüngel so etwas von Prag wird mitbringen?‹

›Was denn?‹ ruft sie erblassend.

›Siehst Du denn nicht die zwei Laternen, die unser Eisik vor den Augen hat?‹

Da schreit die Mutter auf und stürzt auf mich zu.

›Ist Dir etwas an den Augen geschehen?‹ spricht sie und zittert dabei, als wäre ich wirklich halbblind nach Hause gekommen. Ich konnte nicht reden, das Wort blieb mir in der Kehle; ich habe nur den Kopf geschüttelt. Was soll ich länger verzählen? Der Vater hat in Einem fort gelacht, die Mutter aber ist von Minute zu Minute besorgter worden, denn je mehr ich mit dem Kopfe schüttelte, desto mehr glaubte sie, mir fehle was an den Augen. Da brauche ich endlich vor lauter Zureden und Beschämung die schändliche Lüge: der berühmte Doktor Jonas Jeitteles in Prag hätte mir einmal in die Augen gesehen und gesagt: ich müßt' eine Brille tragen!

So bin ich nach vier Jahren in der Fremde mit einer Lüge vor die guten Eltern getreten! Von diesem Augenblicke an hat freilich der Vater mit seinem Gelächter, was mir am meisten weh gethan, eingehalten, die Mutter aber, merkwürdig fein, wie die Weiber sind, hat mir nicht geglaubt. Sie hat es aber nicht merken lassen, und erst wie wir allein waren, hat sie mir es gesagt, und durch vieles Zureden und Schmeicheln die ganze Wahrheit aus mir herausgebracht. Es hat mich aber einen Kampf gekostet. Die gute Mutter! Statt nun darauf zu dringen, daß ich die Brille ablege, schon deshalb, weil ich gelogen hatte, hat sie zugegeben, daß ich sie behalte. Sie hat mir die Beschämung und das Gelächter meines Vaters ersparen wollen!

Ich hab' die Brille auch behalten; ich habe geglaubt, ich hätte erst jetzt ein Recht darauf. Und wie ich am andern Tag durch die ›Gasse‹ gegangen bin, und manche Leute haben mich wirklich nicht sogleich erkannt, und haben mir verwundert nachgesehen, da habe ich in meiner Seele eine Freude empfunden, nicht anders als ob mich der Kaiser von Wien zum Oberstburggrafen gemacht hätte. Viele Leute haben mich ausgelacht, denn in der damaligen Zeit war es nichts Gewöhnliches, daß ein achtzehnjähriges Jüngel mit einer Brille gesehen wurde, und was gar nicht in meiner Natur gelegen ist: ich bin dadurch keck und übermüthig geworden. Und gerade unter die Leute, von denen ich gewußt habe, sie können meine Brille nicht ausstehen (leiden), gerade unter die bin ich am liebsten gegangen. Zuletzt hab' ich's dazu gebracht, daß sich die Leute meine Brille gefallen ließen. Denn wer in der Welt am längsten aushält, der hat's ja gewonnen.

Das Schönste an der Sache war, daß bei dieser Narrethei mit der Brille mein Kopf für das Geschäft ganz unbrauchbar geworden war. Ich zeigte kein rechtes Geschick dafür und erst später habe ich eingesehen, daß eigentlich die Brille daran schuld war. Mein Vater klagte oft:

›Ich weiß gar nicht, was denn eigentlich das Jüngel in Prag gelernt hat. Was hab' ich davon, daß er eine Brille auf der Nase trägt? Wo er etwas sehen soll, sieht er doch nichts!‹

Die gute Mutter entschuldigte mich, wie sie konnte; oft habe ich aber den Vater sehr verdrießlich gesehen. Trotz dem bekam ich meine Brille immer lieber, denn man kann sich in ein Ding, das kein Leben hat, ebenso gut verlieben, als in eines mit Fleisch und Bein, und ich kann sagen: ich war verliebt.

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