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Einstein - Einblicke in seine Gedankenwelt

Alexander Moszkowski: Einstein - Einblicke in seine Gedankenwelt - Kapitel 4
Quellenangabe
typeessay
authorAlexander Moszkowski
titleEinstein - Einblicke in seine Gedankenwelt
publisherF. Fontane & Co. Berlin
printrun41. bis 45. Tausend
year1922
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid9cdb4c0b
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Über unsere Kraft

Nutzbare und latente Kräfte. – Beziehung zwischen Masse, Energie und Lichtgeschwindigkeit. – Kraftgewinnung durch Verbrennung. – Ein Gramm Kohle. – Ungewinnbare Kalorien. – Kohle-Wirtschaft. – Hoffnungen und Befürchtungen. – Gespaltene Atome.

29. März 1920.

Wir sprachen über die Kräfte, die dem Menschen zur Verfügung stehen, die er aus der Natur herauszieht als die notwendigen Voraussetzungen seiner Existenz und aller Lebensgestaltung. Welche Kraftmittel stehen uns zu Gebote? Welche Hoffnung dürfte man sich auf Steigerung dieser Mittel machen?

Einstein erläuterte zunächst den Begriff der Energie, der aufs innigste mit dem Begriff der Masse selbst zusammenhängt. Jede Substanzmenge, so umschreibe ich, die größte wie die kleinste, kann als ein Kraftspeicher aufgefaßt werden, ja, sie ist im Grunde identisch mit diesen Energien. Was unseren Sinnen und dem gewöhnlichen Verstande als die sichtbare, abtastbare Masse erscheint, als der gegenständliche Körper, zu dem wir in unserer eigenen persönlichen Körperhaftigkeit das Begriffsmaß und deutlich gefühlte Gegenstück erleben, ist physikalisch aufgefaßt, ein Komplex von Energien, die teils unmittelbar wirken, teils als Spannungskräfte ein latentes, verborgenes Dasein führen und für uns Menschen erst zu wirken anfangen, wenn wir sie durch irgendwelche mechanische oder chemische Prozesse aus der Spannung lösen; wenn es uns gelingt, die potentielle in kinetische Energie überzuführen. Ja, man könnte sagen, daß man hier in physikalischer Auffassung ein Abbild dessen gewinnt, was Kant als das »Ding an sich« bezeichnet. Das Ding schlechtweg, wie es unsern gewöhnlichen Erfahrungen erscheint, setzt sich aus der Summe unserer unmittelbaren Wahrnehmungen zusammen; es wirkt durch Umriß, Farbe, Ton, Druck, Stoß, Temperatur, Bewegung, chemisches Verhalten, – das Ding an sich ist die Summe seiner Gesamt-Energie, in der die latent eingelagerten, unserer Praxis nicht zugänglichen, ganz ungeheuer überwiegen.

Aber dieses Ding an sich, wie es hier vorläufig mit metaphysischem Anklang genannt werden soll, ist berechenbar. Und die Möglichkeit dieser Berechnung wurzelt, wie so vieles vordem Ungeahnte, in der Einsteinschen Relativitätstheorie.

Einstein äußerte zuerst ganz sachlich und ohne im geringsten zu verraten, daß hier an ein staunenswertes Weltproblem gerührt würde:

»Nach der Relativitätstheorie besteht eine berechenbare Beziehung zwischen Masse, Energie und Lichtgeschwindigkeit. Die Lichtgeschwindigkeit (wie üblich, als c bezeichnet) ist gleich 3 mal 10 zur 10ten Potenz. Mithin c im Quadrat gleich 9 mal 10 zur 20sten, also rund 10 zur 21sten Potenz. Dieses c² spielt eine wesentliche Rolle. Bezieht man in die Rechnung das mechanische Wärme-Äquivalent, das heißt das Verhältnis von Energie zu Wärme, so erhält man für je ein Gramm 20 mal 10 zur 12ten, gleich rund 20 Billionen Kalorien.«

Den Sinn dieser knappen physikalischen Aussage in ihrer Bedeutung für die Praxis des Lebens werden wir zu erläutern haben. Sie operiert nur mit einem ganz geringen Aufgebot hinschreibbarer Ziffern und umschließt dabei eine Welt, öffnet eine Perspektive von Weltenweite!

Um die Erörterung zu vereinfachen, sinnfälliger zu gestalten, denken wir zunächst nicht an den uferlosen Begriff der Substanz im allgemeinen, sondern an eine bestimmte Substanz, sagen wir: an Kohle. Und unerheblich genug sieht es wohl auf den ersten Blick aus, wenn wir das Thema hinsetzen:

»Ein Gramm Kohle«.

Es wird sich bald zeigen, was es mit diesem einen Gramm Kohle auf sich hat, wenn wir versuchen, jene nackten Ziffern in eine mit dem Leben zusammenhängende Anschaulichkeit zu übersetzen. Ich versuchte dies schon in jenem Gespräch, und war Einstein dankbar, als er einwilligte, die Betrachtung der leichteren Faßlichkeit wegen auf den für die Weltwirtschaft bedeutungsvollsten Brennstoff zu präzisieren.

Als ich in meiner Studentenschaft Maienblüte zu den Füßen Wilhelm Dove's saß, verblüffte uns dieser berühmte Forscher durch folgende Auseinandersetzung: Wenn ein Mensch es unternimmt, den höchsten Berg Europas zu ersteigen, so vollbringt er damit eine Kraftleistung, die, nach seinem Eigenmaß taxiert, etwas Gewaltiges darstellt. Der Physiker lächelt dazu und sagt einfach: »zwei Pfund Kohle«. Er meint damit: Aus zwei Pfunden Kohle läßt sich durch Verbrennung eine Kraftmenge gewinnen, die ausreicht, um das Gewicht eines erwachsenen Menschen zur Höhe der Montblanc-Spitze zu heben.

Vorausgesetzt wird dabei natürlich eine ideal konstruierte Maschine, welche die Verbrennungswärme ohne Verlust in Arbeitsleistung verwandelt. So eine Maschine gibt es freilich nicht, aber sie ist sehr gut denkbar, wenn wir uns die Unvollkommenheiten der von Menschenhänden gefertigten Maschine als ausgeschaltet vorstellen.

Solche Nutzwärme wird in Kalorien ausgedrückt. Eine Kalorie entspricht dem Wärmequantum, das nötig ist, um die Temperatur der Wassereinheit um ein Grad Celsius zu steigern. Und nun besagt der Satz von der mechanischen Äquivalenz, der sich auf die Untersuchungen von Carnot, Robert Mayer und Clausius gründet: Durch den Verbrauch einer (Kg-)Kalorie kann die Arbeit von 425 Kilogrammeter, das heißt die Hebung von 425 Kilo, um 1, oder die von 1 Kilo um 425 Metern, geleistet werden. Dove ging also bei seiner Ansage noch recht bescheiden zu Werke, denn aus 2 Pfund Kohle lassen sich 8000 (Kilogr.-)Kalorien entwickeln, also sehr erheblich mehr als für die Montblanctour erforderlich ist.

Wie würde aber Dove selbst gestaunt haben, wenn ihm eine Ahnung die Berechnung von heute verraten hätte! Aus den paar Tausenden sind viele Billionen geworden, die wir anzusetzen haben, wenn wir die verborgenen, durch keinen Brennprozeß hervorzulockenden Kräfte ausdrücken wollen.

Als Dove vortrug, lebte Einstein noch nicht, und als Einstein seine Relativitätstheorie entwickelte, war Dove längst dahingegangen. Mit ihm die physikalische Kleintaxe der in der Substanz eingesperrten Kraftmengen. Das Verhältnis dieser zur nunmehrigen Großtaxe ist gar nicht auszudenken. Es wäre schon schwindelerregend, wenn die neue Berechnung in die Millionen ginge. Wir haben aber in Gedanken den Schritt zur Billionen-Ordnung zu vollziehen. Das spricht sich nach Silbenklang beinahe gleich aus. Aber die Million verhält sich zur Billion wie die Breite einer durchschnittlichen Berliner Straße zur Breite des Atlantischen Ozeans. Wo bleibt da der Montblanc? Er müßte durch einen Gipfel von 80 Millionen Kilometer Höhe ersetzt werden, und da solche Höhenstrecke weit in den Weltenraum führt, so könnte man sagen: mit der Energie von einem Kilogramm Kohle könnte man ein Menschengewicht auf Nimmerwiederkehr ins Universum schleudern. Nur daß diese Energie bis auf weiteres ein rein theoretischer Wert bleibt, der sich durch kein Mittel der Technik in die Praxis überführen läßt.

Nichtsdestoweniger kommen wir davon nicht los, und ebensowenig von der Lichtgeschwindigkeit, von jenem erstaunlichen c, das in das winzige Substanzklümpchen wie überhaupt in all und jedes hineinspielt, und in allen Weltgeschehnissen, in allen Welterscheinungen sich als ein regulativer Faktor behauptet. Es ist eine Natur-Konstante, die in allem Wechsel unveränderlich durchdringt mit ihren 300 000 Sekundenkilometern, und die recht eigentlich das in Wirklichkeit bedeutet, was dem Dichter als »der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht«, als Phantasma, der Forschung nie erreichbar vorschwebte.

Es ist für den nicht mit allen physikalischen Essenzen bis zur Quintessenz Gesalbten äußerst schwer, dem Gedanken an eine Naturkonstante nahezukommen, um so schwerer, wenn er sich gedrängt fühlt, sich diese Konstante gleichsam als die stählerne Achse einer auf Relativität gestellten Welt vorzustellen. Alles, restlos, soll nicht nur dem steten Wechsel unterliegen, was ja schon Heraklit nach seinem Ausspruch »panta rhei«, alles fließt, als Grundwahrheit festgestellt hat, sondern auch durchweg der Bezüglichkeit je nach dem Standpunkt des Beobachters, jede Längen- und Zeitabmessung, jede Bewegung, jede Form und Figur, so daß bis in die letzte Faser aller Betrachtung der letzte Rest irgendeines Absoluten zu verschwinden hat. Und dabei dennoch ein absoluter Despot, der sich in allen Erscheinungen unbeugsam durchsetzt, die Lichtgeschwindigkeit, das zwar im Ausmaß noch endliche, in der Wirkung unbegrenzt gewaltige c, dessen Wesen sich in einem der Hauptsätze Einsteins vom Jahre 1905 ausspricht: »Jeder Lichtstrahl bewegt sich im ruhenden System mit bestimmter, gleichbleibender Geschwindigkeit unabhängig davon, ob dieser Lichtstrahl von einem ruhenden oder bewegten Körper entsandt wird.« Aber diese Konstanz des omnipotenten c verträgt sich nicht nur mit der Weltrelativität, sie bildet geradezu den Hauptpfeiler, der das Lehrgebäude trägt, und je tiefer man in diese Theorie eindringt, um so deutlicher spürt man, daß gerade sie die Einheit, Geschlossenheit und Unerschütterlichkeit des Einsteinschen Weltsystems verbürgt.

In der Kohlentablette, von der wir ausgingen, tritt sie nun gar im Quadrat auf, und aus dieser Multiplikation der 300 000 mit sich selbst erwachsen eben die Tausende von Milliarden von Energie-Einheiten, die wir der geringfügigen Menge zuzuschreiben haben. Veranschaulichen wir uns diese Ungeheuerlichkeit noch auf eine andere Weise, vorbehaltlich des Umstands, daß Einstein persönlich, wie wir erfahren werden, unseren brausenden Erwartungen bald einen kräftigen Dämpfer aufsetzen wird. Stellen wir uns also ein Schiff höchster Größenklasse vor, etwa den vormals deutschen »Imperator«, der mehr Pferdekräfte entwickelte, als ehedem die gesamte preußische Kavallerie an Pferden besaß. Dieser »Imperator« verbrauchte sonst zu täglicher Fahrt den Inhalt zweier Kohlenzüge von Maximalzahl der Waggons. Nunmehr wissen wir: mit der Energie, die in einem Kilo Kohle steckt, könnte dieser Dampfer bei höchster Fahrgeschwindigkeit die gesamte Reise von Hamburg bis Neuyork bewältigen!

Diese schwindelnd phantastisch klingende aber ganz reale Tatsache nannte ich vor Einstein, um die Ansicht zu rechtfertigen, daß in ihr für die Zukunft eine Weltenwende und das Allheil der Menschheit beschlossen läge. Ich erging mich in einer glühenden Utopie, in orgiastischer Hoffnungsschwelgerei, mußte aber sogleich bemerken, daß ich damit bei Einstein sehr wenig Glück hatte. Ja, zu meiner Enttäuschung nahm ich wahr, daß Einstein dieser Angelegenheit, die sich doch auf seine eigne, so verheißungsvolle Theorie gründete, nicht einmal ein sonderliches Interesse entgegentrug. Und, um den Schluß vorwegzunehmen, will ich feststellen, daß seine Gegengründe allerdings stark genug waren, um meine schwellende Hoffnung nicht nur herabzumindern, sondern in der Wurzel zu vernichten.

Vorerst sagte Einstein: »Es existiert vorläufig nicht der leiseste Anhalt dafür, ob und wann jemals diese Energiegewinnung erzielt werden könnte.« Denn sie würde einen »erzwungenen Atomzerfall«, eine von Menschen bewirkte »Atomzermalmung« voraussetzen, und für diese Möglichkeit liegt bis heute auch nicht das leiseste Anzeichen vor. Den Atomzerfall können wir nur beobachten, wo die Natur selbst ihn uns darbietet, wie beim Radium, dessen Aktivität auf dem dauernden, explosiven Zerfall seiner Atome beruht. »Allein, wir können diesen Vorgang nur feststellen, nicht hervorrufen, und bei dem heutigen Stand der Wissenschaft erscheint es so gut wie ausgeschlossen, daß wir dazu jemals gelangen könnten.«

Wenn wir fähig sind, aus der Kohlensubstanz ein gewisses Maß von Kalorien und damit an Nutzleistung herauszuholen, so müssen wir uns vergegenwärtigen, daß die Verbrennung nur einen Molekularprozeß bedeutet, eine Umordnung im Gefüge, welche die Atome, aus denen die Moleküle bestehen, völlig intakt läßt. Bei der Vereinigung von Kohlenstoff und Sauerstoff bleibt der Urbestandteil, das Atom, gänzlich unversehrt. Jene Berechnung, »Masse, mal dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit«, würde aber nur dann technisch verfolgbar sein, wenn wir das Atom selbst in seinem inneren Bestand anzugreifen vermöchten. Wofür, wie gesagt, zurzeit nicht die geringste Aussicht besteht.

Es wäre denkbar, diesem ersten Argument, dem bald noch ebenso bedeutungsvolle folgen sollen, aus der Geschichte der Technik Gegenargumente vorzuhalten. Denn tatsächlich, die gestrenge Wissenschaft hat manches für unmöglich erklärt, was die Technik späterhin als erfüllbar hinstellte, als so erfüllbar, daß es uns heute als alltäglich und selbstverständlich erscheint. Werner Siemens hielt es für ausgeschlossen, mit einem Vehikel, schwerer als die Luft, Aviatik zu treiben, und Helmholtz hat diese Unmöglichkeit mathematisch bewiesen. In der Vorgeschichte der Eisenbahn spielt das akademische Unmöglich eine große Rolle, und Stephenson wie Riggenbach (der Begründer der Steilbahn) hatten es nicht leicht, ihre Erfindungen gegen die auf Tollheit lautende Diagnose durchzusetzen. Der bedeutende Physiker Babinet führte sein mathematisches Rüstzeug ins Treffen, um die Unmöglichkeit eines Telegraphenkabels zwischen Europa und Amerika zu erhärten. Philipp Reis, der Erfinder des Telephons, ging an dem Unmöglich des kenntnisreichen Physikers Poggendorff zugrunde, und selbst als das praktisch brauchbare Telephon Graham Bells (1876) in Boston bereits funktionierte, erdröhnte es hüben noch immer von wissenschaftlich begründetem Unmöglich. Ja, man muß hinzufügen, daß Robert Mayers mechanische Wärmeäquivalenz, die in unserer Billionenrechnung als maßbestimmender Faktor steckt, zuerst ebenfalls die allerstärksten Widerstände bedeutender Gelehrter zu überwinden hatte.

Man denke sich den Menschheitszustand vor allem maschinellen Betrieb, vor der uns geläufigen Nutzbarmachung der Kohle zur Krafterzeugung. Schon damals hätte ein weitblickender Forscher jene 8000 Kalorien und ihre Umwandlung in Nutzkraft rein theoretisch finden können. Er würde es anders ausgedrückt, andere Zahlen ermittelt haben, aber er wäre vielleicht zu dem Ergebnis gelangt: hier liegt eine virtuelle Möglichkeit vor, die leider virtuell bleiben muß, weil wir kein Mittel besitzen, sie in irgend welchen Betrieb zu überführen. Und bei allem Fernblick wäre ihm der Gedanke etwa einer modernen Dynamomaschine oder eines Turbinenschiffs schlechterdings unfaßbar gewesen. Nicht einmal im Traume hätte ihm je eine derartige Vorstellung nahe kommen können. Ja, wir können uns sogar einen Menschen der urgrauen Vorzeit vorstellen, aus dem Diluvium, den eine Ahnung überkommen hätte von dem Zusammenhang eines Holzscheites mit der Sonnenwärme. Aber den Nutzgebrauch des Feuers kennt er noch nicht, und so durfte er mit primordialer Logik schließen: Es gelingt nicht und kann niemals gelingen, aus diesem Holzstück etwas sonnenartig Wärmendes herauszuholen.

Ich glaube sonach, daß wir Ursache haben, den Horizont der Möglichkeit weiter abzustecken, als es der Stand des jeweiligen Wissens verstatten will. Es verhält sich mit diesen Möglichkeiten, der unbedingten Unmöglichkeit gegenüber, wie mit Leibnizens vérités de fait gegen die vérités éternelles. Daß wir nie dahin gelangen können, ein ebenes gleichschenkliges Dreieck mit ungleichen Basiswinkeln zu konstruieren, das ist eine vérité éternelle. Dagegen ist es nur eine vérité de fait, daß es der Wissenschaft verschlossen bleibt, einen Menschen bei Lebzeiten unsterblich zu machen. Dies ist nur in höchstem Grade unwahrscheinlich; denn die Tatsache, daß bisher noch sämtliche Menschen gestorben sind, liefert nur ein endliches Beweismaterial. Der aus der Schullogik bekannte Cajus muß durchaus nicht sterben, er unterliegt vielmehr hierfür nur der Wahrscheinlichkeit

n

n + 1

wenn man mit n die Anzahl aller bisher verblichenen Personen bezeichnet. Frage ich heute eine Autorität der Biologie oder Medizin, welche Anzeichen dafür vorliegen, daß ein Individuum dauernd vor dem Tode bewahrt werden könnte, so wird er bekennen: nicht das allerleiseste. Nichtsdestoweniger hat Helmholtz erklärt: »Ich kann Jemandem, der gegen mich behauptet, daß unter Anwendung gewisser Mittel das Leben des Menschen unbegrenzt lange erhalten bleiben würde, zwar den äußersten Grad der Ungläubigkeit entgegenstellen, aber keinen absoluten Widerspruch.«

Einstein ipsissimus wies mich einmal auf solche weitentlegenen Möglichkeiten hin, und zwar in folgendem Zusammenhange: es sei zwar schlechterdings unmöglich, weil wissenschaftlich undenkbar, daß eine bewegte Masse die Überlichtgeschwindigkeit erreichen könnte. Dagegen sei es denkbar und somit im Bereich der Möglichkeit liegend, daß der Mensch einmal in den Weltenraum bis zu den fernsten Gestirnen flöge.

Es liegt also kein absoluter Widerspruch in der Vorstellung von der technischen Bewältigung des auf die Billionen Kalorien gerichteten Problems. Erklärt man es überhaupt für diskutabel, so gelangt man an die Erörterung darüber, was die Problemlösung bedeuten würde. Wir gerieten tatsächlich an diese Frage und fanden den Weg zur radikalsten Beantwortung in einer Abhandlung, die Friedrich Siemens über die Kohle ganz allgemein und ohne jene Zukunftsaussichten auch nur mit einem Blick zu streifen, verfaßt hat. Ich glaubte, mit dieser Abhandlung einen sehr starken Trumpf in die Hand zu bekommen, mußte aber bald unter dem motivierten Einspruch Einsteins erkennen, daß damit das Spiel nicht zu gewinnen war.

Nichtsdestoweniger würde es sich verlohnen, bei jenen Ausführungen einen Augenblick zu verweilen.

Friedrich Siemens arbeitet nämlich mit den anscheinend wissenschaftlich begründeten und sonach mit dem Anspruch auf restlose Gültigkeit umkleideten Leitmotiven:

»Die Kohle ist das Maß aller Dinge. Der Preis eines jeden Produktes stellt den Wert der in ihm steckenden Kohle dar.

Da alle Werte in Ländern mit Übervölkerung durch Arbeit entstanden sind, Arbeit aber Kohle vorbedingt, so ist Kapital gleichbedeutend mit Kohle. Der Wert eines jeden Objektes ist die Zusammenfassung der Kohle, die aufgewandt werden mußte, um das betreffende Objekt entstehen zu lassen. Im übervölkerten Staat ist Lohn der Wert der für das Leben des Lohnempfängers nötigen Kohle. Fehlt es an Kohle, so verliert der Lohn an Wert, gibt es gar keine Kohle, so hat der Lohn überhaupt keinen Wert mehr, und drückte er sich auch in noch so viel Papiergeld aus.

Sobald die Landwirtschaft Kohle braucht, und das tut sie, sobald sie intensiv wird (auf Eisenbahnen, Maschinen, künstlichen Dünger angewiesen ist), steckt in den Nahrungsmitteln Kohle. In Bekleidung und Wohnung steckt, dank dem Industrialismus, Kohle.

Da Geld gleich Kohle ist, so ist richtige Geldwirtschaft gleichzeitig richtige Kohlewirtschaft, und unsere Währung ist letzten Endes eine Kohle-Währung; Gold als Geld ist jetzt Kohle-Konzentration.

Dasjenige Volk ist das fortgeschrittenste, welches aus einem Kilogramm Kohle die meisten Lebensbedingungen für sich erarbeitet. Staatsweisheit muß Kohleweisheit werden. Oder, wie es anderweitig ausgedrückt worden ist: ›Man muß in Kohle denken‹.«

Diese Leitsätze wurden besprochen, und es ergab sich, daß Einstein zwar die Prämissen in der Hauptsache anerkannte, in den Folgerungen indes die Schlüssigkeit vermißte. Er wies mir im einzelnen nach, daß Siemens' Gedankengang sich in einem circulus vitiosus bewege, und dergestalt vermöge der petitio principii zu einseitigem Fehlschluß gelange. Das Wesentliche, so sagte er, ist und bleibt die Menschenkraft, die wir in solchen Betrachtungen als das Primäre anzusetzen haben; und nur so viel könne nutzbringend erspart werden, als Menschenkraft sonst zur Kohleförderung verbraucht, nun anderweitig frei werde. Gelingt es, aus einem Kilogramm Kohle einen höheren Nutzeffekt herauszuwirtschaften, so ist dieser meßbar an den Menschenkräften, die sich im Förderungswerk erübrigen, um für andere Arbeitszwecke verfügbar zu werden.

Wäre die Behauptung, »die Kohle ist das Maß aller Dinge«, restlos gültig, so müßte sie jeder besonderen Frageprobe standhalten. Man braucht diese aber nur auf Einzelheiten zu präzisieren, um zu erkennen, daß die These versagt. Zum Beispiel, so äußerte Einstein: Noch soviel Kohle, noch so zweckdienlich verwendet, vermag keine Baumwolle zu erzeugen. Gewiß würde sich die Baumwollenfracht verbilligen, allein niemals könne im Baumwollenpreis der durch Menschenkraft dargestellte Wertfaktor verschwinden.

Höchstens ist zuzugeben, erklärte Einstein, daß bei weiterer Steigerung des Kohle-Nutzeffektes mehr Menschen existieren könnten, als heute möglich, daß also die Übervölkerungsgrenze weiter hinausrückt. »Aber man darf hieraus keineswegs folgern, daß dies für die Menschheit ein Glück wäre. ›Maximum ist kein Optimum!‹ Wer das Maximum kurzweg als das Höchstmaß des Guten verkündet, der verfährt so, wie einer, der in der Atmosphäre die Atmungsgüte der Gase abwägt, mit dem Ergebnis: der Stickstoff in der Luft ist schädlich, man verdopple also ihren Sauerstoff, und man wird der Menschheit eine große Wohltat erweisen!«

* Die Zeichen * . . . * und [ . . . . ] deuten durchweg an, daß die betreffenden Stellen wesentlich als Ergänzungen aufzufassen sind, die mir zum leichteren Verständnis der dialogischen Ausführungen geeignet erscheinen. Sie stützen sich natürlich in vielen Punkten auf Äußerungen Einsteins, enthalten aber auch Betrachtungen, die auf andere Quellen zurückgehen, zudem Ansichten und Schlüsse, die, wie schon im Vorspruch erwähnt, durchaus auf Rechnung des Herausgebers entfallen. Mit den Begriffen »Richtig – Unrichtig« ist hier wohl nicht durchzukommen, denn auch die bestreitbare Ansicht kann sich im Sinne der Gespräche als förderlich oder als anregend erweisen. Wo es der Zusammenhang verstattete, habe ich solche Stellen, bei denen Einstein korrigierend oder ablehnend eingriff, ausdrücklich hervorgehoben. An anderen Orten unterließ ich dies, zumal dann, wenn der Gegenstand der Unterhaltung eine ruhige Entwickelung verlangte. Es wäre unvorteilhaft für die Darstellung gewesen, wenn ich in solchen Fällen jede Gegenbemerkung des Partners im breiten Fluß der Erläuterung protokolliert hätte.

Mit diesem eindringlichen Gleichnis ausgerüstet, kann man nun auch die Grundlage der Siemens'schen Ansage einer erneuten Prüfung unterziehen, und man wird entdecken, daß schon in diesen Prämissen etwas von der petitio principii steckt, die späterhin in der radikalen Einseitigkeit »Kohle ist alles« zum Ausdruck kommt.

Scheinbar wie aus Quadern gefügt, baut sich diese erste Ansage vor uns auf: Kohle ist Sonnenenergie, – soweit unbestreitbar. Denn die gesamten Kohlenvorräte, die in der Erde schlummern, waren vorerst herrliche Pflanzen, dichte Farnwälder, die von der Last der Jahrmillionen zusammengedrückt, uns das aufgespart haben, was sie vordem aus Sonnenstrahlen an Lebensnahrung eingeschluckt hatten. Unbedingt stimmen mag auch der Parallelsatz: Am Anfang war nicht das Wort, nicht die Tat, – am Anfang war die Sonne. Die von der Sonne zur Erde gesendete Energie ist für die Menschen die einzige unumgängliche Vorbedingung zur Tat. Die Tat ist Arbeit, und Arbeit bedingt das Leben. Aber sogleich geraten wir an eine ungerechtfertigte Gedankenspaltung, denn der Verfasser fährt fort: » ... Kohle ist Sonnenenergie, daher ist Kohle nötig, um arbeiten zu können ...«, und damit sitzen wir schon in einem logischen Fehler: das so siegesfest auftretende »Ergo« hat ein Loch. Denn auch außerhalb der in Kohle verwandelten Sonnenenergie umfängt uns die Wärme des Muttergestirnes und versieht uns mit der Möglichkeit der Arbeit. Der Siemens'sche Schluß ist, rein logisch genommen, wie die Behauptung: Graphit ist Sonnenenergie; folglich ist Graphit nötig, um arbeiten zu können. Richtig ausgedrückt muß es heißen: Kohle ist unter den heutigen Lebensbedingungen das wichtigste, wenn auch nicht ausschließliche Vorelement der menschlichen Arbeit.

Wenn zudem die volkswirtschaftliche Lehre vorgetragen wird: »Im Sozialstaat kommt nur die notwendige menschliche Arbeitskraft in Frage und der Kraftbedarf, zu dessen Erzeugung Kohle, also wiederum Arbeit erforderlich ist«, so wird damit keineswegs, wie Siemens anzunehmen scheint, die Behauptung vertreten, man könne aus Arbeit Kohle machen. Wohl aber, daß man nicht aller sonnenenergetisch begründeten Arbeit mit einer glatten Kohlenrechnung beikommen könne. Und das entspricht ja wohl auch der Meinung Einsteins, die hier um so bedeutsamer auftritt, als seine eigene Lehre auf das Höchstmaß des Krafteffekts hinweist, wenn auch nur rein theoretisch. *

Immerhin bleibt es bestehen, daß jede Steigerung des Kraftgewinns, auf das Kilo Kohle bezogen, für uns eine Erleichterung des Lebensdrucks bedeuten müßte, es fragt sich nur: innerhalb welcher Grenzen.

Erstlich: vermag die Technik mit ihren heut übersehbaren Möglichkeiten überhaupt noch eine Gewähr für die Zukunft zu übernehmen? Vermag sie die Nutzwirkung so zu strecken, daß wir uns beruhigt auf die im Erdinnern schlummernden Schätze an schwarzen Diamanten verlassen dürfen?

Offenbar nicht. Denn hier haben wir es mit annähernd abschätzbaren Quantitäten zu tun. Und wenn wir auch aus dem Kilo das Dreifache, das Zehnfache an Nutzkalorien herausholen, so steht daneben eine böse Gegenrechnung, die uns voraussagt: diese Herrlichkeit nimmt ein Ende!

In allen Peinlichkeiten der von uns durchlebten Kohlennot konnten wir uns freilich immer noch an dem tröstlichen Gedanken aufrichten, daß ja eigentlich genug vorhanden wäre, und daß es nur darauf ankäme, Stockungen zu überwinden. Tatsächlich ist ja in Deutschland von der Reichsgründung bis zum Weltkriege die Kohlenförderung in stetem Aufschwung emporgestiegen, und man könnte sich ausrechnen, daß trotz der gewaltigen Entnahme in den deutschen Schwarzkammern immer noch mindestens für zweitausend Milliarden an Wert lagerte, zum Goldkurs der Mark angenommen. Nichtsdestoweniger sagen uns die Geologen und Fachmänner des Bergbaus, daß aller Vorrat bei uns nicht länger reichen könnte, als für 2000 Jahre, England würde in 700, Frankreich in 500 Jahren fertig sein. Selbst wenn wir der Erschließung neuer Felder in andern Erdteilen allen Spielraum gewähren, kommen wir nicht über die Tatsache hinweg, daß die Sonne in den vorzeitlichen Farnwäldern doch nur einen bestimmbaren, erschöpfbaren Betrag eingespeichert hat, und daß die Menschheit in wenigen Jahrtausenden vor dem Kohlenvakuum stehen wird.

Wenn nun wirklich die Kohle das Maß aller Dinge ist, die Lebensmöglichkeit einzig auf Kohle gestellt wäre, so hätten wir für ferne Enkel nicht nur den Rückfall in Barbarei, sondern den Nullpunkt des Daseins zu erwarten. Und wir brauchten uns eigentlich nicht mit dem Entropietod des Universums zu beschäftigen, da uns der Eigentod auf dem Erdplaneten unendlich viel näher angrinst.

Auf diesem Punkt der Betrachtung eröffnete Einstein Ausblicke, die durchaus seiner Grundmeinung von der Unhaltbarkeit der ganzen Kohlevoraussetzung entsprachen. Es sei durchaus keine Utopie, daß die wissenschaftliche Technik noch ganz andere Wege zur Krafterschließung finden würde, direkt aus der Sonnenbestrahlung, aus der Wasserbewegung, aus der Flut des Ozeans, aus den Kraftreservoiren der Natur, unter denen der vorhandene Kohlenvorrat nur ein einzelnes Bassin bedeute. Seit Beginn der Kohlenwirtschaft haben wir nur von dem Abhub eines uralten Kapitals gezehrt, das in den Tresors der Erde eingemauert lag. Vermutlich sind die Zinsen des aktuellen Kraftkapitals viel bedeutender als alles, was wir aus dem Depositum der Vorzeit herausholen können. Zur Taxierung dieses aktuellen, von Kohle gänzlich unabhängigen Kapitals mögen einige Angaben dienen: Betrachten wir eine ganz winzige Wasserader, eine Null im Wassergetriebe der Erde, den Rheinfall bei Schaffhausen, der zwar dem Beschauer sehr mächtig vorkommt, aber doch nur darum, weil er nicht einen planetarischen, sondern den touristischen Maßstab mitbringt. Aber selbst diese Bagatelle im Haushalt der Natur stellt einen für uns recht erheblichen Nutzwert dar: 200 Kubikmeter über eine 20 Meter hohe Terrasse ergeben einen Betrag von 67 000 Pferdestärken, gleich 50 000 Kilowatt. Diese Kaskade allein wäre imstande, eine Million 50 kerziger Glühlampen dauernd auf Leuchtstärke zu erhalten, und nach heutigem Tarif müßte man ihr dafür mindestens 70 000 Mark pro Stunde bezahlen. Dem Kohleanbeter wird eine andere Umrechnung noch eindringlicher erscheinen: Der Rheinfall von Schaffhausen ist im Werte einem Bergwerk äquivalent, das an jedem Tag 145 Tonnen vorzüglichster Braunkohle liefert. Setzen wir statt seiner den Niagarafall, so müßten wir diese Ergebnisse noch etwa mit 80 multiplizieren.

Und welchen Multiplikator hätten wir erst einzusetzen, um auch nur schätzungsweise die Energie zu erfassen, welche die atmende Erde in Form der Gezeiten um sich wälzt! Der Astronom Bessel und der Physiker-Philosoph Fechner haben einmal versucht, in diesen Vorgängen die Spur einer vergleichenden Anschaulichkeit aufzufinden: An der größten ägyptischen Pyramide haben 360 000 Menschen 20 Jahre zu bauen gehabt, ihr Inhalt beträgt doch nur etwa den millionsten Teil einer Kubikmeile; und vielleicht mißt alles, was die Kräfte des Menschen und alle ihm zu Gebote stehenden Mittel seit der Sintflut bis jetzt von der Stelle bewegt haben, noch nicht eine Kubikmeile. Wohingegen die Erde in ihrer Flutbewegung jeden Vierteltag an 200 Kubikmeilen Wasser aus je einem Viertel des Erdumfangs in den andern schafft. Hiernach leuchtet es ein, daß alle Kohlenbergwerke der Erde uns vollkommen gleichgültig sein könnten, wenn es uns gelänge, von der Pulskraft der Erde auch nur irgendwelchen Teil für menschliche Betriebe nutzbar zu machen.

Sollten wir aber auf die Kohle angewiesen bleiben, so klammert sich die Phantasie um so intensiver an jenes Ungeheure, das sich, aus der Relativitätslehre erfließend, unter dem Ausdruck mc² gezeigt hatte.

Die 20 Billionen Kalorien, die in jedem Kohlegramm stecken, lassen uns nicht mehr los. Und wenn auch Einstein ansagt, für deren jemalige Gewinnung läge vorläufig nicht das leiseste Anzeichen vor, so folgen wir doch einem unzähmbaren Trieb, indem wir uns ausmalen, was es bedeuten würde, wenn es gelänge. Die Bilder aus Hesiod, Aratus und Ovid steigen in uns auf mit ihrem Ablauf der Zeitalter vom goldenen bis zum eisernen, und wir möchten so gern in zyklischer Fortsetzung weiter denken, um uns aus der Fron des eisernen, des kohlenen Zeitalters in ein neues goldenes zu retten. Mit dem Vorrat, wie er auf einem städtischen Lagerplatz gestapelt liegt, wäre die ganze Welt auf unabsehbare Zeit zu versorgen. Alle Nöte des Hausbrands, des Maschinenbetriebs, der mechanischen Warenerzeugung müßten verschwinden, sämtliche in die Kohlenförderung eingespannten Menschenkräfte würden für den Landbau frei werden, alle Eisenbahnen und Schiffe liefen fast kostenlos, über die Menschheit käme eine unfaßbare Welle des Glücks. Ende der Kohlennot, der Frachtnot, der Versorgungsnot! Wir könnten endlich aus der Mühseligkeit des in hitziger Arbeit verstümmelten Tages emportauchen zu den lichten Sphären, wo die wahren Lebenswerte uns erwarten. Gar zu verlockend klingt jener physikalische Sirenengesang mit dem hohen »C«, mit der Lichtgeschwindigkeit in zweiter Potenz, die wir als einen Faktor in der geheimen Energie kennengelernt haben.

Aber es ist nichts damit. Denn Einstein, dem wir jene wunderverheißende Formel verdanken, leugnet nicht nur deren praktische Verwendbarkeit, sondern er führt noch ein anderes Argument ins Treffen, um uns aus allen Himmeln zu stürzen. Gesetzt nämlich, so erklärte er mir, es wäre möglich, jene immense Energieentwickelung zu bewirken, so würden wir damit nur an ein Zeitalter gelangen, gegen welches die kohlenschwarze Gegenwart als golden gepriesen werden müßte.

Und es ist leider unausweichlich, sich diesem Gedankengang anzupassen. In dessen Grunde sitzt die uralte Weisheit μηδεν αγαν ne quid nimis, nichts im Übermaß. Für den vorliegenden Fall: ein solches Maß entfesselter Gewalt würde nicht dienen, sondern nur zerstören. Der Verbrennungsprozeß, mit dem wir uns beholfen haben, leitet von selbst auf das Bild eines Ofens, in dem wir uns die allgemeine Werktätigkeit vorstellen können. Und man soll einen Ofen nicht mit Dynamit heizen wollen.

Gäbe es eine Technik der genannten Art, so wäre sie vermutlich auch nicht im geringsten Grade regulierbar. Es geht nicht an, zu sagen: wir wollen nur einen gewissen Teil jener 20 Billionen Kalorien in Anspruch nehmen, wir wären froh, wenn wir die 8000 Kalorien von heute um das Hundertfache zu steigern vermöchten. Nein, wenn wir – par impossible – die Atome zermalmen, so kommen vermutlich die Billionen ungebändigt über uns. Und dem wäre die Menschheit nicht gewachsen, vielleicht nicht einmal der feste Grund, auf dem wir stehen.

Keine Erfindung bleibt Reservat Weniger. Vermöchte es selbst ein vorsichtiger Techniker, eine praktische Heizwirkung oder Treibwirkung aus den Atomen zu entwickeln, so könnte der nächstbeste Unberufene mit geringem Substanzquantum eine ganze Stadt in die Luft sprengen. Und der erste menschenfeindliche Selbstmörder, den es gelüstete, in weitestem Umkreise alle Wohnstätten zu pulverisieren, brauchte nur zu wollen, um es zu vollbringen. Sämtliche Bombardements seit Erfindung der Feuerwaffen zusammengenommen wären eine harmlose Kinderspielerei gegen den Zerstörungseffekt, der sich mit ein paar Eimern Kohle ausrichten ließe.

Man sieht bisweilen am Himmel Sterne aufleuchten und wieder verschwinden, und man schließt dabei auf Weltkatastrophen. Die Deutung, ob Wasserstoff-Explosion oder Zusammenstoß zweier Körper, ist ungewiß. Es bleibt Raum für die Annahme, daß sich dort in Weltenfernen etwas ereignet, was ein bösartiger Erdenbürger mit atomspaltender Technik auch hier nachmachen könnte. Und wenn die Phantasie auch allenfalls ausreicht, um sich den Segen jener Energieauslösung auszumalen, so muß sie doch vor deren Unheilwirkung vollständig versagen.

Einstein schlug mir ein gelehrtes Werk des Züricher Physiko-Mathematikers Weyl auf und zeigte mir darin eine Stelle, die von solcher exorbitanter Energieauslösung handelt. Sie war, wie mir schien, auf den Ton eines Stoßgebetes abgestimmt: möge der Himmel verhüten, daß derartige Explosivkräfte jemals auf die Menschheit losgelassen werden!

Vielerlei Vergleiche ließen sich ausspinnen, alle unter dem Zeichen der vorläufigen Unmöglichkeit. Es wäre denkbar, durch ein noch unentdecktes chemisches Verfahren Alkohol so reichlich und wohlfeil von und für jedermann herzustellen, wie Trinkwasser. Damit wäre die Spirituosennot beendet und ein delirium tremens für Hunderttausende gesichert. Das Unheil würde weitaus überwiegen, es wäre indes nicht ganz unabwendlich, denn man kann sich, wenn auch schwer genug, Gegenmaßregeln vorstellen.

Die Kriegstechnik könnte Fernwaffen erzeugen, die es einer kleinen Rotte von Abenteurern ermöglichte, eine Großmacht niederzuzwingen. Man wird einwenden: dann gilt dies auch vice versa. Trotzdem bleibt bestehen, daß solche Fernwaffen wahrscheinlich die Kulturwelt ruinieren würden. Der Hoffnung bliebe ein letzter Ausweg nur im Hinblick auf die überragende Moralität der Zukunft, die der Optimist als force majeure sich vorzustellen vermag.

Nur gegen zwei Erfindungen, die an sich als Triumphe des Geistes aufträten, gäbe es keine Hilfe: die erste wäre die Verallgemeinerung des Gedankenlesens, mit der sich bereits Kant unter dem Stichwort »das laute Denken« beschäftigt hat. Was heute als ein vereinzeltes, höchst mangelhaftes telepathisches Kunststück auftritt, könnte eine Vervollkommnung und Verbreitung erfahren, wie sie Kant als auf einem fernen Planeten immerhin nicht unmöglich erachtet. Dieser Erfindung würde der Verkehr von Mensch zu Mensch nicht standhalten, und wir müßten Engel sein, um sie auch nur einen Tag zu überleben.

Die zweite Erfindung wäre die Lösung des vorgenannten mc²+-Problems, das ich nur deshalb ein Problem nenne, weil ich einen anderen Ausdruck nicht finde; während es für Einstein so wenig ein Problem bedeutet, dass er erst in meiner Gegenwart zu rechnen begann, um die Buchstabenformel in Zahlen zu verwandeln. Für uns andere Erdensöhne mag sich daraus eine Utopie entwickeln, ein kurzer Freudenrausch mit dem kalten Sturzbach dahinter – Einstein steht darüber als der reine Erforscher, den nur die wissenschaftliche Tatsache angeht, und der schon beim ersten Entstehen dieser Erkenntnis ihre rein theoretische Bedeutung gegen jede praktische Ausfolgerung verwahrt. Will dann ein andrer zu phantastischem Blattgold auswalzen, was er als physikalisches Goldkorn hinlegt, so lässt er ihm das Vergnügen des Gedankenexperimentes. Denn zu den Grundzügen seines Wesens gehört die Toleranz.

Einer der tüchtigsten Herolde der neuen Lehre, A. Pflüger, hat den nämlichen Gegenstand in seiner Abhandlung »Das Relativitätsprinzip« berührt. Ich hörte von Einstein lobende Worte über diese Schrift, und erwähnte dabei, dass der Verfasser die Möglichkeiten des mc² doch anders beurteilt, als Einstein selbst. Es heißt in jener Abhandlung beim Ausblick auf die mögliche praktische Bedeutung: »Nach hundert Jahren wollen wir wieder darüber sprechen.« Ein kurzes Limitum, wenn es auch keiner von uns erleben wird. Einstein lächelte über die Hundertjahrspause und wiederholte nur: »eine recht gute Abhandlung!« Es kommt mir nicht zu, dem zu widersprechen. Und was die Zeit-Prognose betrifft, so ist wohl das beste darin für die Menschheit, dass sie sich als falsch erweisen wird. Ist ihr das Optimum unerreichbar, so wird ihr wenigstens das Schlimmste erspart bleiben, das die Verwirklichung jener Voraussage über sie verhängen würde.

Wenige Monate nach der ersten Aufzeichnung dieser Erörterungen wurde die Welt vor ein neues wissenschaftliches Ereignis gestellt. Es war dem englischen Physiker Rutherford tatsächlich gelungen, mit Vorsatz und Überlegung Atome zu spalten. Als ich Einstein nach der Tragweite dieser experimentellen Tat befragte, erklärte er mit dem gewohnten Freimut, der zu seinen Charakterzierden gehört, daß er nunmehr Veranlassung habe, seine jüngst vorgetragene Ansicht bis zu einem gewissen Grade zu modifizieren. Nicht so zu verstehen, daß er das praktische Ziel einer unbegrenzten Kraftgewinnung jetzt etwa in greifbarer Nähe erblickte. Allein, er gab zu erkennen, daß man nunmehr im Beginn einer neuen Entwicklung stände, die vielleicht irgendwann auch neue Wege für die Technik erschließen könnte. Die wissenschaftliche Bedeutung der neuen Atomexperimente sei jedenfalls außerordentlich hoch anzuschlagen.

In den Operationen Rutherfords wird das Problem gleichsam als eine Festung behandelt: er setzt es einem Bombardement aus und versucht Bresche hineinzuschießen. Die Festung hat freilich noch lange nicht kapituliert, aber gewisse Zerstörungsmerkmale sind wahrnehmbar geworden. Unter einem Hagel von Geschossen gab es Löcher, Risse und Zersplitterungen.

Die von Rutherford geschleuderten Projektile sind radioaktive Alpha-Teilchen, deren Geschwindigkeit bis zu zwei Drittel der Lichtgeschwindigkeit erreicht. Infolge ihrer ungeheuren Vehemenz bewirkten sie in evakuierten Glasröhren, daß gewisse darin eingeschlossene Atome Schaden erlitten. Stickstoff-Atome waren nachweislich zertrümmert worden. Welche Energiemengen dabei frei werden, ist noch gänzlich unbekannt. Läßt sich doch dieser absichtlich herbeigeführte Atomzerfall überhaupt nur durch die feinsten Untersuchungen als vorhanden feststellen.

Für die Praxis ist daher noch nicht mehr herausgekommen, als eine gesteigerte Hoffnung. Noch ist die Elle länger, als der Kram. Denn die Kräfte, die der englische Forscher aufwenden mußte, um zum Ergebnis zu gelangen, sind relativ sehr beträchtlich. Er bezog sie aus einem Gramm Radium, welches imstande ist, mehrere Milliarden Gramm Kalorien freizumachen, während der praktische Endeffekt in Rutherfords Experiment noch unmeßbar gering ausfällt. Immerhin steht es nunmehr wissenschaftlich fest: man ist imstande, Atome aus eigenem Willen zu spalten, und damit ist das zuvor erörterte prinzipielle Hindernis gefallen.

Die Hoffnung vergrößert sich auch noch in anderem Betracht. Es erscheint nämlich denkbar, daß unter gewissen Bedingungen die Natur den Atomzerfall automatisch fortsetzen wird, nachdem ihn die Absicht des Menschen planvoll eingeleitet hat; nach Analogie eines Brandes, der sich ausbreitet, wenn als absichtliche Vorbereitung auch nur ein Funke auftritt.

Als Nebenprodukt zukünftiger Forschungen könnte sich die Umwandlung von Blei in Gold ergeben; die Möglichkeit dieser Elementtransformation hängt mit den nämlichen Betrachtungen zusammen, welche die Atomzermalmung und die Freimachung der Energiemengen zum Gegenstand haben. Der Zerfallsweg des Radium bis zum Blei ist schon heut überblickbar. Sehr fraglich bleibt es, ob die Menschheit Ursache hätte, für die Fortsetzung der Linie von Blei zum Edelmetall in Dankhymnen auszubrechen. Denn der Begriff des Edeln würde uns dabei unter den Händen zerrinnen. Gold aus Blei bedeutet nicht eine Wertsteigerung des gemeinen Elementes, sondern die völlige Entwertung des Goldes und damit des für die Welt seit Kulturbeginn gültigen Wertmaßes überhaupt. Keines Volkswirtschaftlers Weitblick reicht aus, um die Folgen solcher Umwandlung für den Weltmarkt zu ermessen.

Das Hauptprodukt bliebe natürlich der Energiegewinn, und nach dieser Richtung mag man seine optimistischen oder katastrophal betonten Gedanken schweifen lassen. Die unzertrümmerbare Schranke »Unmöglich« besteht nicht mehr. Einsteins wundersame Sesamformel »Masse mal Quadrat der Lichtgeschwindigkeit« klopft gewaltig an die Pforten der Zukunft.

Und für die Menschheit kann ein alter Merkspruch neue Bedeutung erlangen: Man soll niemals Niemals sagen!

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