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Einstein - Einblicke in seine Gedankenwelt

Alexander Moszkowski: Einstein - Einblicke in seine Gedankenwelt - Kapitel 10
Quellenangabe
typeessay
authorAlexander Moszkowski
titleEinstein - Einblicke in seine Gedankenwelt
publisherF. Fontane & Co. Berlin
printrun41. bis 45. Tausend
year1922
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid9cdb4c0b
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Hauptlinien und Nebenwege

Praktische Ziele der Wissenschaft. – Reine Wahrheits-Erforschung. – Rückblickende Betrachtungen. – Kepler als Praktiker. – Ein Ausspruch Kants. – Mathematik als Wahrheitsprobe. – Deduktive und induktive Methode. – Kennen und Erkennen. – Glücksgefühl und theoretische Genüsse. – Wissenschaftstat und Kunstwerk. – Ethische Wirkungen. – Kleine Anfragen.

I.

Wieder einmal wurde das große Thema angeschlagen: Kann oder soll die theoretische Wissenschaft auch praktische Ziele haben?

Die Bedeutung der Frage ist unmöglich zu überschätzen. Sie umlauert uns täglich und reckt sich im Gesichtskreis der Menschheit oft genug zu bedrohlicher Höhe empor. Habet acht, wie sich die Rede der Gebildeten gestaltet, wenn die feinsten und sublimsten Geistestaten erörtert werden: Man spricht von den Wundern der Erforschung auf den entlegensten Gebieten der Astronomie, wo sie die Strukturen weltenweiter Sternsysteme ergründet; von Gedankenoperationen, die darauf hinzielen, aus dem Urchaos vor Ewigkeiten die Gestaltung der Universen kosmogonisch abzuleiten; man spricht von erhabenen Wissenschaften, von der Funktionen- und Zahlentheorie, deren Begründer und Vertreter ebenso Staunenswertes in der Aufstellung wie in der Lösung abgründiger Probleme geleistet haben; und es kann nicht fehlen, daß die Querfrage dazwischen blitzt: Wozu dient das letzten Endes? Was macht man damit? Kann ein Selbstzweck der theoretischen Wissenschaft anerkannt werden, oder haben wir zum Mindesten die Hoffnung aufrechtzuerhalten, daß sie uns über kurz oder lang einmal einen greifbaren, in Lebenswerten ausdrückbaren »Nutzen« bringen werde?

Und wie die reinen Kunstbekenner das Wort geprägt haben, »l'art pour l'art«, so ruft auch Einstein den unbedingten Selbstzweck aus: »die Wissenschaft für die Wissenschaft«! Sie trägt ihre Ziele absolut in sich und darf sich in ihren Hauptlinien durch keinen anderen Zweck abdrängen lassen. »Es ist meine innere Überzeugung,« so betonte er, »daß die Entwickelung der Wissenschaften sich in der Hauptsache auf die Bedürfnisse der reinen Erkenntnis gründet, wie sie in psychologischer Hinsicht als religiöse Bedürfnisse sich geltend machen.«

Ihnen selbst, Herr Professor, erscheint also die Praxis daneben bedeutungslos?

»Das habe ich nicht gesagt, und es lag auch nicht im Sinn der Frage. Wir müssen deren Prämisse festhalten: So lange ich mich auf Linien der Erforschung bewege – dies war die Voraussetzung – ist mir die Praxis, also jedes praktische Ergebnis, das sich nebenher oder künftig möglicherweise daran knüpfen könnte, vollkommen gleichgültig

Es liegt mir fern, auch nur in Gedanken an dieses Grundbekenntnis rühren zu wollen, zumal es ja im Munde eines Wahrheitsfinders mit dem Klange der Evidenz auftritt. Mich beunruhigt es nur, daß sich neuerdings Stimmen geltend machen, die von der Wissenschaft eine andere Grundrichtung fordern. Und das sind nicht nur Stimmen aus der großen Menge, sondern aus akademischen Kreisen. So las ich erst kürzlich die Ausführungen eines namhaften Gelehrten, des Naturwissenschaftlers W. Wien, der recht energisch gegen die Alleingültigkeit der rein wissenschaftlichen Ziele polemisierte. Professor Wien wandte sich besonders gegen deutsche Physiker, mit dem Vorwurf, daß sie die praktische Technik unterschätzen und es als ein »Heruntersteigen« ansehen, wenn ein Physiker in die Praxis geht.

– »Ich weiß nicht, auf wen das zielen soll, glaube aber, daß ich persönlich zu solchem Vorwurf durch mein Verhalten niemals Anlaß gegeben habe. Denn ich teile keine Rangklassen ab, und verteile keine Anerkennungsgrade nach Höher oder Niedriger. Ich stelle nur fest, was im Wesen der Wissenschaft selbst liegt, und nach welchen Zielen sie, unpersönlich gedacht, zu blicken hat. Wie sich dann bei dem einzelnen Vertreter die weitere Orientierung gestaltet, das hängt von Lebensbedingungen ab, die eben für den einzelnen entscheidend werden, ohne daß man aus ihnen Folgerungen für die Grundlinien der Forschung ableiten dürfte. Es wäre gänzlich verfehlt, mir eine Verstiegenheit der Anschauung zuzutrauen, denn ich besitze genügend viel Berührung mit der Praxis und werde bis zu dieser Stunde reichlich von Praktikern in Anspruch genommen ...

»– was ich zu meinem Leidwesen bemerkt habe, wenn Sie eine Unterhaltung mit mir abbrechen mußten, um ungeduldigen Personen in technischen Dingen gutachtliche Audienz zu erteilen.«

– Und mein eigener Kontakt mit der Welt der Praxis ist nicht etwa jüngeren Datums. »Ich selbst«, sagte Einstein, »sollte ursprünglich auf den Wunsch meiner Familie Techniker werden, und dieser Beruf wurde durchaus als Brotstudium und Versorgung verstanden. Allein mir war das im Grunde unsympathisch, da mir in ganz jungen Jahren diese Bemühungen im wesentlichen ›traurig und gleichgültig‹ erschienen. Meine Vorstellung von der Menschheitskultur wollte sich nicht decken mit der landläufigen Auffassung, daß man den Kulturfortschritt nach dem Maße des technischen Fortschritts zu beurteilen habe. Ja, es wurde mir zweifelhaft, ob eine gesteigerte Technik überhaupt imstande sei, das Wohlbefinden der Menschheit zu erhöhen. Ich muß indes hinzufügen, daß ich späterhin, als ich doch wirklich in Fühlung mit der Technik geriet, meine Ansichten darüber teilweis berichtigte; nämlich deswegen, weil auch in der technischen Praxis dauernd »theoretische Genüsse« auftreten.« Es wird darauf hinauslaufen, denke ich, daß der Techniker, sofern er nicht nur maschinelle Verbesserungen ersinnt und herstellt, sondern sich in höherem Stile erfinderisch betätigt, gar nicht aufhören kann, sich als Theoretiker zu fühlen, da ja seine Leistungen auf die Befruchtung durch die Theorie angewiesen bleiben. Die praktischen Ergebnisse von heute sind in den theoretischen Grundlagen früherer Jahrzehnte verankert, und was heute als Gedanke reiner Erforschung behandelt wird, kann in Jahrzehnten praktische Bedeutung erlangen. Ob es diese wirklich einmal gewinnt, ist für die Beurteilung des Gedankens nebensächlich. Jedenfalls hat die Erfahrung gezeigt, daß der Anfang theoretischer Untersuchungen fast niemals den leisesten Anhalt für eine Prognose bietet. Wir sprachen von den Beispielen Volta, Ampère, Faraday. Als sie forschten, hätten sich vor ihren Untersuchungen die Allerweltsfragen erheben können: Wozu das? Was macht man damit? Wo steckt der Nutzen? Heute kennt man die Antworten, die sich damals verbargen, und man weist mit Stolz auf eine moderne Dynamomaschine. Aber objektiviert sich denn wirklich in einer Dynamomaschine der Sinn jener Untersuchungen? Wäre Voltas, Ampères, Faradays Rangstellung für uns eine niedere, wenn das Dynamo bis heut ausgeblieben wäre? Nur ein Banause wird das bejahen, und genau genommen darf man die Frage nicht einmal aufwerfen. Denn sie ist ziemlich gleichwertig mit der, ob man die Bedeutung und Wichtigkeit des Polarsterns nach seiner Fähigkeit zu beurteilen habe, dem irdischen Seefahrer zur Orientierung zu dienen. Allenfalls wäre die Frage erlaubt (wiewohl auch nur mit dem Bewußtsein einer psychologischen Spielerei, bei der nicht viel herauskommen kann): Würde es jene Forscher besonders beglückt haben, wenn sie die Tragweite ihrer Arbeiten hätten voraussehen können? Haben sie am Ende gar bei ihren abstrakten Forschungen schon einen vorahnenden Blick in die Dynamo-Zukunft geworfen? Hier wollte sich Einstein nicht zu einer glatten und restlosen Verneinung entschließen. Er verstattete dem Zweifel einen gewissen, sehr eng bemessenen Spielraum. Das will sagen: nach größter Wahrscheinlichkeit haben Volta-Ampère-Faraday derartige Fernblicke nicht entsandt, und selbst wenn ihnen traumhaft irgend eine Kraftleistung unserer elektrischen Gegenwart vorgeschwebt hätte, so wäre dadurch ihre Arbeitslust, ihr »theoretischer Genuß« kaum gesteigert worden; weil sie reine Erkennernaturen waren, die auf den Sporn aus der Welt der praktischen Bedürfnisse nicht zu warten brauchten.

Immerhin, so meinte Einstein, können auch in der abstrakten Forschung die Vorahnungen einer praktischen Zukunft eine Rolle spielen. Als Beweisfeld hierfür nannte er die Bakteriologie. In der Reihe der bedeutenden Bakteriologen, von Spallanzani angefangen bis zu Schwann und Pasteur, befanden sich sicherlich einige, deren Erkenntnisdrang vorwiegend auf rein wissenschaftliche Zusammenhänge gerichtet war. Pasteur selbst ging wesentlich von der theoretischen Frage der Urzeugung aus, also von dem Problem der elternlosen Entstehung organischer Wesen aus unorganischer Materie. Er stand als »Panspermist« auf der Negativseite des Problems, das heißt, er suchte die Unmöglichkeit einer Brücke zwischen Anorganisch und Organisch nachzuweisen. Allein er wußte zweifellos, daß seine theoretischen Arbeiten ihre Fühlfäden ins Praktische ausstreckten, und er mochte wohl voraussehen – ohne den ganzen Umfang des Einflusses zu ermessen –, daß sie für Medizin und Hygiene eine gewaltige Bedeutung erlangen konnten. Man wird also in diesem Fall nicht umhin können, eine gewisse Verkettung zwischen den Bedürfnissen des reinen Erkennens und dem Trieb nach praktischer Ausfolgerung als möglich, zweckdienlich und unmittelbar aus sich selbst gerechtfertigt anzuerkennen.

Auch der umgekehrte Weg ist möglich, und als wir im Verfolg der Unterhaltung auf die Suche gingen, stießen wir auf eines der interessantesten Beispiele. Es zeigt uns, daß aus der gegenständlichen Praxis heraus eine Frage erfließen kann, die ein ganz unübersehbares Feld reinen Erkennens, ja sogar eine der großartigsten Wissenschaften eröffnet. Da dieses Beispiel in weiten Kreisen unbekannt ist, so erwähne ich es hier um so lieber, als sein Träger zu den von Einstein meistgenannten und höchstbewunderten Größen gehört. Es handelt sich um Johannes Kepler. Man staune! Kepler, der sich selbst auf der Höhe des Ruhmes nicht der Frau Sorge zu erwehren wußte, hatte einmal Geld. In seinem Glücksjahr 1615 besaß der große Astronom eine behagliche Häuslichkeit zu Linz und durfte sogar daran denken, sich einige wohlgefüllte Fässer in seinen Keller zu legen; ja noch mehr: er war imstande, ein frischentstandenes wissenschaftliches Werk auf seine Kosten zu drucken und damit als sein eigener Verleger aufzutreten.

Diese Keplersche Schrift und jene Weinfässer stehen in untrennbarem Zusammenhang, was schon daraus erkennbar, daß sie die Bezeichnung trägt: »Doliometrie«, wörtlich »Faßmessung«. Aber der Titel des Werkes läßt dessen Bedeutung nicht im entferntesten ahnen. Tatsächlich sind diese aus Weinfässern geschöpften Untersuchungen eine Grundlage für eine weltbeherrschende Wissenschaft geworden: für die Infinitesimalrechnung.

Was wollte Kepler? Etwas durchaus Praktisches, unbedingt Zweckmäßiges, ganz unabhängig von etwaigen »theoretischen Genüssen«, um Einsteins Wort zu wiederholen. Sein Problem stand auf einer Frage der Lebensökonomie, der zweckdienlichen Material-Ersparnis, wie sie den Bedürfnissen eines sorgsamen Hausvaters entspricht: Wie muß ein Faß beschaffen sein, um beim Verbrauch der geringsten Menge von Faßholz den größten räumlichen Inhalt zu bieten?

Sein Nachdenken begann beim Wein als dem wertvollen körperlichen Inhalt einer Raumfigur und begriff weiter vorschreitend das Faß, die Tonne, als eine besondere Art von »Umdrehungskörpern«, das heißt, von Raumgebilden, die aus der Rotation einer krummen Linie um eine Achse entstanden vorgestellt werden können. Hier wollte er zunächst eine vollständige Übersicht gewinnen. Er variierte die Seitenbretter, die Dauben und entwickelte nacheinander 92 derartige Rotationskörper, von denen einige mit den Namen wesensähnlicher Früchte belegt wurden, so der apfelförmige, der zitronenförmige, der olivenförmige Körper. Von der Weinfaßmessung ging er aus, mit dem Ergebnis, daß sein Werk, die »Doliometrie« zur Quelle aller künftigen Kubaturen gedieh.

Und nun das Entscheidende: Welche Bedingungen hat die Begrenzung eines solchen faßartigen Umdrehungskörpers zu erfüllen, um diesem die Ausnahmestellung eines »Maximums« zu verschaffen? Hier setzt etwas Epochales ein. Der praktische Hausvater schwingt sich zur sublimsten Höhe der Größenlehre. Kepler fand – natürlich ohne die späteren Fachausdrücke vorwegzunehmen – den Begriff der funktionellen Veränderung, deren Besonderheiten in der Maximalnähe, er legte damit, lange vor Newton und Leibniz, den Grundstein zur Infinitesimalrechnung, die weiterhin Stern und Kern der Mathematik, der Astronomie, der theoretischen Physik, der auf mechanischen Beziehungen fußenden Technik geworden ist.

Wenn dreihundert Jahre später Einstein seine Differentialgleichungen und mit ihnen ein neues Weltsystem entwickelt, so steht er als der reine Erkenner vor uns, abseits aller praktischen Zweckdienlichkeit. Aber in diesen Gleichungen stecken Elemente der Analysis, die sich einstmals in einem freundlichen Idyll entbanden; nicht der grauen Abstraktion fiel die erste Patenschaft zu, sondern einer irdischen Lebensfreude, als ein Lichtstrahl in Keplers düsteres Dasein fiel. Noch hat sich kein Dichter gefunden, der diesen Zusammenhang zu einer sangbaren Ballade ausgearbeitet hätte: wie die Wahrheit, das einzige Leitziel der Wissenschaft, aus der Traube gekeltert wurde, und wie die zweckdienliche Praxis, die von der Fragestellung eines Küfers ausging, in eine Theorie mündete, die bis zu den Grenzen des Weltalls reicht.

II.

Es war die Rede von lapidaren Worten, von Schrift in Felsen, insonderheit von einem Ausdruck Kants, der den Schluß- und Grundpunkt des Wissens erfassen will. In jeder Naturwissenschaft, so hatte der Königsberger Philosoph gesagt, »steckt soviel Wahrheit als Mathematik in ihr enthalten ist.« Und da die Natur letzten Endes alles umspannt, eine Abzirkelung von Real- und Geisteswissenschaft nicht mehr durchführbar erscheint, so wird man im Sinne Kants das Maß der Mathematik als das Maß der Wissenschaft überhaupt anzusprechen haben.

Freilich, mit dem Historiker, Juristen, Mediziner dürfte man sich über das Thema nicht unterhalten, vorläufig noch nicht. Sie hätten ein Recht, es abzulehnen, weil ja in ihren Fächern die Orientierung nach »Wahrheit« nicht den alleinigen Ausschlag gibt, und weil vollends zurzeit gar nicht abzusehen ist, wie der Begriff einer durchgreifenden mathematischen Wahrheit in ihren Disziplinen platzfinden könnte. Aber wenn man einen Physiker befragt, der sich unausgesetzt der Mathematik als seines wesentlichen Rüstzeuges bedient, so sollte man eigentlich rückhaltlose Zustimmung erwarten. Wenigstens wäre ich nicht überrascht gewesen, wenn ich diese bei Einstein angetroffen hätte, mit Inanspruchnahme jenes Wortes für den ganzen Umkreis aller Naturkunde.

Allein Einstein ließ den Ausspruch Kants nur mit gewissen Einschränkungen gelten; so zwar, daß er ihn im Prinzip als begründet zugab, aber nicht als unbedingt durchgreifend. Er erkennt also die Souveränität der Mathematik als Alleinbestimmerin aller Wahrheitsgehalte nicht an.

Die Überlegenheit der Mathematik, sagte Einstein, gründet sich auf sehr einfache Voraussetzungen, sie wurzelt im Begriff der Größenlehre selbst. Ihre Machtstellung beruht darauf, daß sie gegenüber den unendlich mannigfachen Möglichkeiten eine außerordentlich viel feinere Unterscheidungsfähigkeit gewährt, als jedes sonstige Denken, das sich in Sprache kundgibt und auf Worthilfe angewiesen bleibt. Je größer man das Betrachtungsfeld wählt, um so klarer tritt dies hervor; aber schon auf einem so engen Bezirk wie etwa 1 bis 100 ist irgend eine Festlegung, zum Beispiel auf 27, unvergleichlich viel genauer als jede Wort-Festsetzung. Man denke an eine Empfindungsreihe von Lust bis Schmerz, von süß bis bitter, so bleiben wir mit Worten im Unbestimmten, Verschwommenen, und es gelingt uns nicht, einen Punkt der Reihe mit der Präzision jener 27 herauszuheben. Wo aber die Größenlehre mitredet, wie z. B. in einer Tonreihe, deren Schwingungen eine mathematische Ordnung aufzeigen, da erreichen wir sogleich durch Zahlfestsetzung einen weit höheren Grad der Sicherheit und wissenschaftlicher Genauigkeit ...

In der Tonreihe, dachte ich ergänzend, tritt deshalb eine Art von wissenschaftlicher Beglückung auf. »Musik ist die Lust der Menschenseele, welche zählt, ohne zu wissen, daß sie zählt«. (Leibniz). Hier bewahrheitet sich das pythagoreische »die Zahl ist das Wesen aller Dinge«. Sobald wir in die Lage kommen, die Zahl psychologisch als etwas wesentliches zu empfinden, geraten wir in ein Reich der Entzückung, weil im Unterbewußtsein nicht nur die sinnliche Erregung, sondern die Wahrheit zur Geltung kommt.

Einstein fuhr fort: Kant trifft also insofern das Richtige, als sein Wort zweierlei Dinge in klaren Gegensatz stellt. Auf der einen Seite schweben ihm die Erkenntnisse des gewöhnlichen Lebens vor, wo die Wahrnehmungen und Erfahrungen des Alltags in induktiven Methoden und deduktiven Betrachtungen fast unentwirrbar durcheinanderlaufen. Ihnen sind, als im Range übergeordnet, die eigentlich wissenschaftlichen Gebilde entgegenzustellen; das sind solche, in denen eine saubere Isolierung auf gesetzlichen Grundbedingungen gegründeter, im Übrigen logisch deduktiv geordneter Gedankengänge vorliegt. Wenn dieses Loslösen rein logisch geordneter Erkenntnis von den sinnlichen Erkenntnisquellen gelingt, dann hat die betreffende Wissenschaft den Charakter der Mathematik, und ihr Wahrheitsgehalt wird sich hiernach nach dem von Kant geforderten Wertmaß bestimmen. Nur fordert Kant zuviel, wenn er verlangt, daß wir dieses Maß an die gesamte uns erreichbare Naturkunde anlegen. Sofern jener Ausspruch ein Regulativ enthält, wird eine Einschränkung angezeigt sein: ein großer Teil der organischen, biologischen Wissenschaften wird auch ferner außerhalb der rein mathematischen Betrachtungen ihr Heil finden müssen.

Ihre Erwägungen, Herr Professor, wären dann wohl auf das Wort des Galilei auszudehnen: Das Buch der Natur liegt aufgeschlagen vor uns, aber es ist in anderen Lettern geschrieben, als unser Alphabet; seine Buchstaben heißen Dreiecke, Vierecke, Kreise, Kugeln.

– Die Schönheit des Spruchs in allen Ehren; allein seine restlose Gültigkeit bezweifle ich allerdings. Wollte man ihn bedingungslos anerkennen, so müßte man die Wege aller Erforschung als ausschließlich mathematische bezeichnen, und damit würde man sehr wichtige Möglichkeiten ausschließen, vor allem gewisse Formen der Intuition, die sich als höchst fruchtbar erwiesen haben. So wäre für Goethe das Buch der Natur nach Galileis Deutung unlesbar geblieben; denn sein Geist war gänzlich unmathematisch, ja sogar antimathematisch gerichtet. Aber er besaß eine besondere Form der Intuition, die sich bei ihm offenbarte als eine unmittelbare Einfühlung in die Natur, und in ihrem Buch fand er sich besser zurecht als mancher Exaktforscher.

Sind denn die intuitiven Begabungen nach Formen und Arten überhaupt trennbar?

– Es wäre pedantisch, hier eine prinzipielle Unterscheidung durchführen zu wollen, wenn man auch den besonderen Fall der nicht-mathematischen Intuition Goethes als einen hervorstechenden nennen darf. Im übrigen liegen, wie ich schon öfter betonte, sämtliche große Wissenschaftstaten in der intuitiven Erkenntnis, nämlich der Axiome, aus denen alsdann deduktiv geschlossen wird. Die Gewinnung solcher Grundsätzlichkeiten ist nur möglich auf Grund einer sicheren Übersicht über noch nicht logisch geordnete Gedankenkomplexe. Allgemein genommen bildet also die Intuition die Voraussetzung für das Auffinden solcher Axiome, und es ist nicht zu leugnen, daß diese Intuition in überwiegender Mehrzahl bei den mathematisch gerichteten Intelligenzen als Kennzeichen der Schöpferkraft anzutreffen war.

Aus dem, was Sie soeben entwickeln, scheint hervorzugehen, daß Sie die Deduktion für erheblich wertvoller halten als die Induktion. Ich drücke mich da vielleicht etwas ungenau aus, indem ich nur die Stichworte hervorhebe – aber ich meine doch, daß auch auf induktiven Wegen herrliche Errungenschaften zu Tage getreten sind.

– Stellen wir erst einmal durch Definition fest, was mit den Worten gemeint ist: Deduktion ist die Ableitung des Besonderen aus dem Allgemeinen, Induktion die Erschließung eines Allgemeinen aus dem Einzelnen. Und nun nennen Sie mir irgendein Beispiel einer herrlichen Errungenschaft, wie sie Ihnen vorschwebt als Probe für die Gewalt der induktiven Methode. Wie auch Ihr Beispiel beschaffen sein mag, Sie werden alsbald den Bedeutungsunterschied gewahr werden.

Also für mich liegt das schönste Beispiel, das unübertreffliche Muster einer Induktion in einem Ergebnis des Euklid. Die Frage war: ist die Anzahl aller Primzahlen (der durch keine andere Zahl außer der Einheit ohne Rest teilbaren Zahlen) endlich oder unendlich? Euklides fand den eleganten Beweis für deren Unendlichkeit durch folgende streng induktive Überlegung: Wäre die Zahl endlich, so müßte es eine »größte« Primzahl geben. Wir nennen sie n und bilden das Produkt aller Primzahlen bis n, plus 1, also 2×3×5×7×11×13× usw. bis n, das ganze vermehrt um 1. Diese neue Zahl, Y genannt, ist sicherlich größer als n, und nun bestehen für Y zwei Möglichkeiten: entweder Y ist Primzahl oder es ist nicht Primzahl.

Ist es nicht Primzahl, dann muß es durch irgend eine existierende Primzahl teilbar sein.

Aber die Primzahlen bis einschließlich n leisten diese Teilung nicht, denn sie lassen stets den Rest 1. Folglich muß Y in diesem Falle teilbar sein durch eine existierende Primzahl X, die größer ist als n. Die Annahme: n ist die größte Primzahl wäre dadurch widerlegt, denn X ist größer als n.

Für den zweiten Fall: Y ist selbst eine Primzahl folgt ohne weiteres, daß n nicht die größte Primzahl sein kann; denn Y ist ja größer als n. Über jeder noch so groß angenommenen Primzahl steht also immer eine noch größere, und wenn es auch nicht gelingt, sie in Ziffern hinzustellen, so ergibt sich mit Sicherheit: sie muß existieren. Somit hat sich aus der genauen Betrachtung eines Sonderfalls – der als größer vorausgesetzten Primzahlen – ein allgemein gültiger Satz ergeben: die Anzahl der Primzahlen findet keine Grenze. Ist das nicht auch der Triumph einer Intuition?

Gewiß, sagte Einstein. Nur dürfen Sie nicht übersehen, daß ein derartiger Satz sich im Range durchaus von einem Satz von ursprünglich axiomatischer Prägung unterscheidet. Er ist gefunden, in einem geistreichen Schlußverfahren aufgespürt, aber er trägt nicht das Merkmal einer folgenschweren Entdeckung. Dieser Euklid-Satz kann aus der Wissenschaft fortgedacht werden, ohne daß sich deren Wahrheitsgehalt wesentlich verändern würde. Stellen Sie dagegen einen Satz von axiomatischer Schwere wie den Trägheitssatz des Galilei oder das Gravitationsgesetz. Ein solcher Satz tritt auf mit dem Kennzeichen der Unerschöpflichkeit, als ein Erkenntnisanfang, aus dem sich deduktiv unübersehbare Erkenntnisfolgen erschließen lassen. Wenn Sie vorher fragten, ob ich die deduktive Methode für wertvoller halte, so ist diese Frage übrigens nicht korrekt gestellt. Obenhin könnte ich erwidern, daß mir die induktive Methode als Mittel zur Auffindung allgemeiner Wahrheiten in der Regel überschätzt erscheint. Präzis müßte aber die Frage lauten: welche Wahrheiten sind die übergeordneten: die induktiv gefundenen, oder die für weitere Deduktion ergiebigen? Und da kann wohl die Antwort nicht zweifelhaft sein.

Nein, ganz gewiß nicht. Wenn ich es recht verstehe, ließe sich die Antwort auch in Form eines Gleichnisses aussprechen: die Intuition höchsten Stils schafft Fundgruben, die geringeren Grades Einzelwerte, Kostbarkeiten, die für sich bedeutsam sind, ohne sich an Mächtigkeit mit der Fundgrube messen zu können. Wenn nun aber die höchste Intuition vornehmlich bei den mathematisch gerichteten Geistern angetroffen wird, so bliebe die Möglichkeit offen, daß der Ausspruch Kants sich in Zukunft mehr und mehr durchsetzen wird. Er hat ja an Wirkung schon gewonnen in Fächern, auf die er zu Lebzeiten Kants noch gar nicht angewandt werden konnte, zum Beispiel in der Psychologie, wo man erst seit Aufstellung des Weber-Fechner-Gesetzes die Beziehungen von Empfindung zu Reiz mathematisch ergründet; ferner seit Quetelet in der Moral und Soziologie, wo der Mensch sogar als handelndes Wesen durch mathematische Methoden der Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung der mechanischen Kausalität unterworfen wird. Jedenfalls dürfte man feststellen, daß Kants Ausspruch, in jeder Wissenschaft sei soviel Wahrheit als Mathematik darin enthalten, in der Neuzeit weitere Stützpunkte gewonnen hat.

Das kann man zugeben, schloß Einstein, ohne dem Wort selbst den axiomatischen Charakter zuzuweisen. Es ist noch immer weit entfernt davon, sichere Deduktion zu ermöglichen, wird sie auch niemals vollkommen verstatten, mag aber als schöne Sentenz neben dem pythagoreischen Spruch von der Zahl als dem Wesen aller Dinge seine Geltung behaupten.

III.

Man zieht heute immer schärfere Grenzstriche zwischen »Erkennen« und »Kennen«, man weist das »Erkennen« mit Ausschließlichkeit dem hochentwickelten Menschengehirn zu und drückt dadurch das »Kennen«, wie es anderen Lebewesen zu eigen, auf eine niedere Stufe. Sollte hier nicht der Anthropomorphismus besonders am Werke sein und uns zu Ansichten verleiten, die wir sofort aufgeben müßten, wenn wir auch nur auf eine Sekunde aus unserer Haut herauskönnten?

– Mit dem Anthropomorphismus, meinte Einstein, haben wir uns ein für allemal abzufinden, und es hat keinen Sinn, aus ihm herauszuwollen; denn auch die Betrachtungen über den Anthropomorphismus sind notwendigerweise anthropomorphisch durchsetzt. Sie bewegen sich also in einem Zirkel, wenn Sie vermeinen, irgend etwas außerhalb des menschlichen Erkennens erschließen zu können. Sobald sich der Zirkel schließt, stehen Sie wieder am Ausgangspunkt und sind gezwungen, das empfindungsmäßige, instinktive Kennen von der geistigen Erkenntnis scharf abzusondern, also dem Menschen in dieser Hinsicht die Suprematie zuzuweisen.

Wie nun, wenn sich dagegen ein instinktiver Widerspruch erhöbe? Wenn dieser Widerspruch besagte, daß der logische Zirkel doch nicht ganz kreisförmig verläuft, sondern vielleicht spiralförmig, so daß der Schlußpunkt um eine Idee höher liegt, als der Ausgangspunkt? Ich hätte das Gefühl, daß auch solche zunächst aussichtslose Umwege zu gewissen Einsichten führen könnten. Zum Beispiel, eine gewisse Schlupfwespe trifft ohne jede wissenschaftliche Erkenntnis mit unfehlbarer Sicherheit mit ihrem Legestachel einen bestimmten Punkt in den Ringen einer Raupe; den einzigen, der ihrem Zwecke dient, die Raupe zu lähmen, ohne sie zu töten. Sie handelt instinktmäßig, und es muß mir freistehen, den Vorgang in anderen Worten zu deuten: sie verrät, daß sie die Anatomie des fremden Lebewesens »kennt«, ohne sie nach unserem Maße zu »erkennen«, zu begreifen, zu wissen. Nun ergibt aber der Vergleich ohne weiteres, daß dieses »Kennen« vom Standpunkt der Wespe aus mehr ist, als jedes Erkennen, ich brauche also nur den Betrachtungswinkel zu ändern, um die anatomischen Kenntnisse der Wespe als höher zu erklären, als die analogen des gelehrtesten Anatomen. Auf ähnliche Weise könnte ich dazu gelangen, die Mathematik eines Wandervogels der kartographischen Geometrie jedes menschlichen Pfadsuchers überzuordnen. Der Zugvogel, der aus Innerafrika in grader Linie sein Nest in Mecklenburg wieder findet, muß doch schon in seinem Organismus so etwas wie ein Koordinatensystem besitzen. Im Grunde läuft die Höherstellung unseres »Erkennens« darauf hinaus, daß wir gleicherweise auf unser Hirn wie auf unsere Wissenschaft stolz sind, und hierin könnte vielleicht eine Täuschung auf Gegenseitigkeit liegen, eine Art von Schiebergeschäft, wonach das Gehirn auf die Wissenschaft Wechsel zieht und reziprok die Wissenschaft ihre Verpflichtung mit Schecks auf das Gehirn einlöst.

Ich muß bekennen, daß ich mit diesen gewagten Ausführungen bei Einstein nicht das geringste Entgegenkommen fand, kaum das wohlwollende Lächeln, mit dem er sonst abwegigen Widerspruch begleitet. Ich verhehle mir auch nicht, daß in der Frage Kennen-Erkennen gar kein Platz ist für einen Beweis, für eine Behauptung, höchstens für Vermutungen, die mit Worten umschreiben, was sich der Begreiflichkeit entzieht. Einsteins Ablehnung ist sicher weit fester fundiert, als die Bergsonistisch gefärbten Ansichten, die ich mir erlaubte vorzutragen. Sie besagen, daß ich spitzfindig Dinge mit einander vergleiche, die in unvergleichbaren Ebenen liegen, daß ich die Betrachtungswinkel nicht sowohl rechtmäßig verändere, als mit einer Art sophistischer Volte verschiebe, oder daß ich nach Münchhausens Methode einen Standpunkt oberhalb erreichen möchte, ohne unterhalb einen Stützpunkt zu besitzen. Wie kommt es nun, daß es mir trotzdem nicht gelingen will, von diesen Gedankenwegen gänzlich loszukommen? Sie finden sich ausführlicher beschrieben in den von mir verfaßten Büchern »Die Welt von der Kehrseite« und »Unglaublichkeiten«. Lassen wir das fallen, denn es ist eine rein metaphysische Angelegenheit, und es hat noch nie eine klare, von Unverständlichkeiten und Sophismen freie Metaphysik gegeben.

Bleiben wir vielmehr auf dem Boden des unbedingt menschlichen »Erkennens«, auf dem nach Einstein soviel theoretische Genüsse erwachsen. Ich fragte ihn, ob er in diesen Rangunterschiede gelten lasse, nach der Stärke des Glücksgefühls. Von vornherein war ich überzeugt, daß er bejahen würde, und er bejahte auch wirklich, aber mit einer anderen Unterscheidung, als zu vermuten war. Ja, ich erlebte eine Überraschung, denn er gab dem Thema vom seelischen Glück eine Wendung, nach der bei ihm, dem großen Forscher – man denke! – gar nicht die Wissenschaft als die oberste, herrlichste Glücksspenderin auftrat! – Ich persönlich, bekannte Einstein, empfinde den Höchstgrad des Glücksgefühls bei großen Kunstwerken. Aus ihnen schöpfe ich Geistesgüter beglückender Art von einer solchen Stärke, wie ich sie aus anderen Bereichen nicht zu gewinnen vermöchte.

Professor! rief ich aus, Sie bieten mir da eine erstaunliche Offenbarung! Nicht als ob ich jemals an Ihrer Kunstempfänglichkeit gezweifelt hätte. Habe ich doch oft genug wahrgenommen, wie die Klänge guter Musik auf Sie wirken, mit welch intensivem Interesse Sie auch selbst musizieren. Aber selbst in solchen Stunden, wenn Sie sich wie weltentrückt den musischen Einflüssen hingaben, sagte ich mir: das ist in Einsteins Dasein eine wundervolle Arabeske, und ich wäre nie auf die Vermutung gekommen, daß Sie dieses schmückende Beiwerk als den Spender höchsten Lebensglücks erachten. Ihre Eröffnung scheint aber noch weiter zu gehen, vielleicht wesentlich über die Musik hinaus?

– Im Moment dachte ich vornehmlich an die Dichtkunst.

»Allgemein gesprochen? Oder schwebte Ihnen soeben ein bestimmter Dichter vor, wenn Sie von der beglückenden Wirkung der Kunstwerke sprachen?«

– Zunächst allgemein. Wenn Sie aber fragen, wem ich zurzeit das stärkste Interesse entgegen bringe, so kann ich darauf erwidern: »es ist Dostojewski!« Er wiederholte den Namen mehrmals mit gesteigertem Akzente. Und um jeden denkbaren Einwand wie mit einem Keulenhieb niederzuschlagen, ergänzte er: »mir gibt Dostojewski mehr als irgend ein Wissenschaftler, mehr als Gauss!«

Herr Professor, sagte ich nach einer längeren, für mich subjektiv sehr erklärlichen Pause, wenn Sie zwei so gewaltige, aber doch gänzlich heterogene Namen nebeneinander nennen, so eröffnen Sie damit ein Thema, das nicht durch einen Machtspruch zu erledigen ist. Man kann Dostojewski als Gestalter und Seelenkünder aufs höchste verehren, ohne ihm den Ewigkeitswert zuzuweisen. Aber das hängt von individueller Taxierung ab, und wenn ich meine eigene erwähnen darf, so glaube ich, daß Dostojewski bei aller Gewalt seiner unmittelbaren Kunstwirkung den Jahrhunderten nicht in gleicher Weise standhalten wird, wie mancher andere vom Parnaß. Wesentlicher scheint mir die Erörterung darüber, ob überhaupt ein für Kunst und Forschung gemeinsamer Maßstab gefunden werden kann. Vielleicht darf man das Maß der »Unersetzlichkeit« als das beiderseitig gültige annehmen. Wenn Sie nun sagen: Dostojewski gibt mir mehr als Gauss, so würde dies etwa der Empfindung entsprechen: Ohne Dostojewski würden die ›Karamasoffs‹ nicht existieren, würde mir ein mit nichts vergleichbarer Lebenswert fehlen. Hätte aber der Göttinger Gauss einen seiner Fundamentalsätze der Algebra nicht in die Welt gesetzt, so wäre vermutlich ein anderer Gauss aufgetreten, der es geleistet hätte. Hiernach also erhöht das Gefühl den Wert des Kunstwerks, weil dessen Hervorbringung auf einen einzigen angewiesen war.

– Das ist aber auch nur bedingungsweise richtig, sagte Einstein, denn das Beste, was Gauss uns gegeben hat, war gleichfalls einzig. Hätte Gauss seine Flächengeometrie nicht geschaffen, auf der Riemann weiter baute, so würde sie ein anderer kaum gefunden haben; und ich zögere sonach nicht mit dem Bekenntnis, daß bis zu einem gewissen Grad das Beglücktsein auch bei der Vertiefung in rein Geometrisches gefunden werden kann.

Vielleicht könnte man ein anderes Merkmal zur Abwägung heranziehen, schaltete ich ein; nämlich die Dauerhaftigkeit der Gabe dem Empfangenden gegenüber. Ein bedeutendes Tonwerk zum Beispiel nützt sich niemals ab. Man kann den ersten Satz der neunten Symphonie hundertmal hören, und obschon man in jedem Takt genau weiß, wie es weiter geht, so bleibt die Glücksspannung unvermindert; eher könnte man sagen, daß sich die Erwartungsfreudigkeit von Mal zu Mal steigert.

– Auch dieses Merkmal, sagte Einstein, kann nicht als ausschließliches Reservat des Kunstwerks angesprochen werden. An seiner Existenz ist nicht zu zweifeln, insofern als es jedem hervorragenden Kunstwerk anhaftet. Allein es tritt auch abseits des Kunstbereiches auf bei großen wissenschaftlichen Entwicklungen, denen man sich immer und immer wieder hingibt, ohne daß sich der Eindruck abnützt.

Begreifen Sie hierunter auch die Eindrücke, die ein Forscher erlebt, wenn er seine eigenen Entwicklungen vor sich im Geist vorüberziehen läßt?

Selbstverständlich, diese ganz besonders; und wenn die Frage an mich persönlich gerichtet wird, so sage ich ohne Scheu: ich freue mich meiner eigenen Entwickelungen und unterliege keiner Anwandlung des Überdrusses, wenn ich sie mir wiederhole. Somit muß ich schon, um zur Begründung des Anfangs zurückzukehren, einen anderen Wertgrund aufstellen, der mich veranlaßt, den Höchstgrad des Glücksgefühls vom Kunstwerk zu erwarten. Es ist der ethische Eindruck, die ethische Erhebung, deren ich in unvergleichlichem Maße inne werde, wenn mich das Kunstwerk anstrahlt! Und an diese ethischen Güter dachte ich, wenn ich Dostojewskis Werke voranstellte. Ich brauche da gar nicht literarisch zu analysieren, noch mich auf Aufspürung oder Nachweis psychologischer Feinheiten einzulassen, denn alle Untersuchungen dieser Art dringen nicht bis zum Herzenskern einer Dichtung wie die Karamasoffs. Dieser ist nur mit dem Gefühl zu erfassen, das in Drang und Not Befriedigung findet, das aufjubelt, wenn ihm der Dichter die ethische Genugtuung bietet! Ja, das ist das Wort: » ethische Genugtuung«! ich finde keinen anderen Ausdruck.«

Er leuchtete förmlich, und ich war von Einsteins Anblick tief ergriffen. Es war in diesem Augenblick, als zöge er den letzten Schleier von seiner Seele, um mich teilnehmen zu lassen an seiner Verzückung. War das noch der Physiker, der die Geschehnisse der Welt in Mathematik umgießt, der zwischen Elektronen und Universen seine Gleichungen spannt? Wenn er es war, so sprach aus ihm die andere Seele, die Faustische; »Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist, Nenn es dann, wie du willst, Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott! Ich habe keinen Namen dafür, Name ist Schall und Rauch, Gefühl ist Alles!«

Und sicher, es brauchte kein Buch von Dostojewski zu sein, um dies Gefühl in ihm zu entzünden. Er wählte es als Exponenten einer Stimmung, die je nach Lektüre wechseln mag, aber in ihrer sittlichen Grundlage keiner Schwankung unterliegt. Wir erfahren aus anderen Anlässen, wie wenig ihm die Ethik zu sagen hat, wenn sie systematisch betrieben wird, ja daß er sie nicht den Wissenschaften beiordnet. Wir erkennen aber zudem, daß die Ethik in seinem inneren Erleben als die unverdrängbare Dominante auftritt. Seine heiße Kunstliebe ist durch und durch ethisch betont, und sie wird erwidert durch die Kunst, die ihn ethisch beglückt.

IV.

In den Herbsttagen von 1918 fühlte sich Einstein nicht recht wohl, und mußte sich auf ärztliche Verordnung in Lagerruhe pflegen. Ich sah aber beim Eintritt ins Zimmer sogleich, daß die Sache keineswegs bedenklich war; denn er hatte auf der Bettdecke Skripturen, die er mit abgründigen Zeichen vervollständigte, und die sein volles Interesse in Anspruch nahmen. Nichtsdestoweniger respektierte ich in ihm den Patienten, und zeigte die Absicht, mich nach kurzer Erkundigung zurückzuziehen. Allein er wollte meine Anwesenheit durchaus nicht bloß als Krankenvisite gelten lassen, er forderte mich vielmehr auf, eine Weile zu bleiben und mit ihm wie sonst allerhand hübsche Dinge zu erörtern.

Dagegen sprechen zweierlei Rücksichten. Erstlich sind Sie leidend und müssen geschont werden, zweitens störe ich Sie mitten in der Arbeit.

– Wie unlogisch! Wenn ich die Arbeit unterbreche, um mich mit Ihnen zu unterhalten, so beseitige ich doch gerade das, was mir der Arzt allenfalls verbieten würde, wenn ich mir's verbieten ließe. Also legen Sie los. Sie haben gewiß wieder was Kniffliges auf dem Herzen.

Das könnte stimmen. Es betrifft das zweite Keplersche Gesetz. Das hat mir gestern eine schlaflose Nacht verursacht. Mich verfolgte eine Frage, und ich möchte wissen, ob diese Frage überhaupt einen Sinn hat.

– Heraus damit!

Das Gesetz besagt doch, daß jeder Planet, der seine Ellipsenbahn beschreibt, in gleichen Zeiträumen gleiche Sektorflächen zurücklegt. Das ist doch aber ein halbes Gesetz, denn die Leitstrahlen werden doch immer nur nach dem einen Brennpunkt der Ellipse gezogen, nach dem Gravitationspunkt hin. Inzwischen existiert doch aber noch ein zweiter Ellipsen-Brennpunkt, der irgendwo körperlos im Raume liegen mag, vielleicht sehr weit entfernt im Leeren, wenn man die Bahn sehr exzentrisch annimmt. Und nun frage ich: wie müßte dieses Gesetz lauten, wenn die Linien und Flächen auf diesen zweiten Brennpunkt bezogen würden, anstatt ausschließlich auf den ersten.

Die Frage ist nicht unsinnig, aber zwecklos. Man könnte sie analytisch lösen, und sie würde voraussichtlich zu sehr komplizierten Ausdrücken führen, die für die Mechanik des Himmels gänzlich gleichgültig wären. Denn der zweite Brennpunkt ist nur eine konstruktive Ergänzung, der nichts Reales im Raume entspricht. – Was weiter?

Das weitere entspringt einer Gedankenspielerei, einem Problem sozusagen, das sich zuerst ganz einfach anhört, aber doch Kopfzerbrechen verursacht. Ich habe es von einem Ingenieur, der sicher ganz scharfsinnig zu operieren versteht und meines Wissens doch nicht mit der Lösung zustande kam. Es betrifft die Stellung der Uhrzeiger.

– Sie meinen doch nicht am Ende die bekannte Kinderaufgabe, wie oft und wann die beiden Zeiger in ihrer Stellung zusammenfallen?

Bewahre. Ich sagte es ja schon: es ist wirklich etwas Kniffliges. Also wir nehmen die bestimmte Zeigerstellung um 12 Uhr. In diesem Falle ist der große Zeiger mit dem kleinen vertauschbar, und wenn man sie vertauscht, entsteht wieder eine richtige Stellung. Aber in einem anderen Fall, zum Beispiel Punkt 6 Uhr, entsteht durch die Vertauschung eine Falschstellung, denn auf einer normalen Uhr kann es sich nicht ereignen, daß der große Minutenzeiger auf der 6 steht, während sich der kleine Stundenzeiger auf 12 befindet. Das liefert die Frage: wann und wie oft stehen die beiden Zeiger so, daß sie bei Vertauschung eine auf der Uhr mögliche Stellung einnehmen?

Sehen Sie, sagte Einstein, das ist eine richtige Zerstreuungsaufgabe für einen Betthüter; ganz interessant, nicht allzu leicht, – ich fürchte nur, das Vergnügen wird nicht lange anhalten, denn ich sehe schon den Lösungsweg.

Schon hatte er, im Bett halb aufgerichtet, etliche Striche auf Papier geworfen, ein Diagramm, das in einem räumlichen Bilde die Bedingungen der Aufgabe anschaulich kenntlich machte. Es ist mir nicht mehr erinnerlich, auf welche Weise er dabei zu einem Gleichungsansatz gelangte. Jedenfalls sprang das Ergebnis in nicht viel längerer Frist heraus, als ich gebraucht hatte, um die Aufgabe mitzuteilen. Es ergab sich eine sogenannte Diophantische Gleichung zwischen zwei Unbekannten, die er durch einfache ganzzahlige Einsetzung befriedigte, mit dem Resultat: 143 mal in 12 Stunden, und zwar in gleichen Intervallen; d. h. von 12 Uhr ab gerechnet können die zwei Zeiger alle 5+ 5/ 143 Minuten miteinander vertauscht werden, so daß wieder eine mögliche Zeigerstellung herauskommt.

Ich erwähne die kleine, an sich so bedeutungslose Episode, um an einem Beispiel festzustellen, wie ein großer Forscher auch am Spielerischen Gefallen finden kann. Bei Einstein tritt dieser Trieb, im Belanglosen Scharfsinn zu entwickeln, um so lebhafter hervor, als er für seine Rechnungsvirtuosität ein Ventil braucht, und jedem Anlaß dankbar ist, der ihm zu solcher Entladung verhilft. Von dem großen Euler, ebenso von Fermat werden uns ähnliche Züge berichtet, während manche andere hohe Mathematiker sich geradezu verunglückt fühlen, wenn sie in die Nähe wirklicher Zahlenrechnungen geraten. Noch sehe ich ihn vor mir, den herrlichen Ernst Kummer, seinerzeit eine Zierde der Berliner Universität, wie er sich in Qualen wand, wenn ihn in Verfolg der Formeln das kleine Einmaleins bedrohte. Tatsächlich sind die beiden Dinge, Mathematikbeherrschen und Scharf-Rechnenkönnen auseinanderzuhalten, wenn sie sich auch hin und wieder in ein und derselben Person zusammenfinden.

Bei Einstein gehört der erwähnte Trieb zu den Symptomen einer niemals auszumessenden Vielseitigkeit, er tritt zudem in den liebenswürdigsten Formen auf, und das Bild dieses Gelehrten wäre unvollständig, wenn man ihn nicht erwähnte. Jedes irgendwie amüsante Problem findet in ihm einen willigen und temperamentvollen Teilnehmer. Einmal brachte ich die Rede auf die »rätselhaften Schnitte«, das sind Längsschnitte in ausgedehnten, mehrfach um ihre Achse gedrehten und mit den Enden ringförmig verbundenen Streifen aus Papier oder Leinwand. Dabei ergeben sich nach Ausführung des Scherenschnittes höchst merkwürdige Kettengebilde, schwer zu erklären und fast unmöglich vorauszusagen. Es liegt auch wirklich etwas sehr schwieriges, geometrisches zugrunde, wie schon daraus ersichtlich, daß sehr gelehrte Herren dieser Seltsamkeit tiefgründige Abhandlungen gewidmet haben (so Dr. Dingeldey, im Verlag Teubner). Einstein hatte von diesen Schnittwundern noch niemals Notiz genommen, allein als ich anfing, derartige Streifen zu formen, zu kleben und zu schneiden, war er augenblicklich mitten im Problem und er sagte in der Sekunde an, welche abenteuerlichen Kettengebilde sich in jedem Fall entwickeln würden; mit einer topologischen Sicherheit, als hätte er sich wochenlang damit beschäftigt. Ein andermal kam ein räumliches mit der Bekleidung zusammenhängendes Abenteuer aufs Tapet: ist es für einen regulär angezogenen Herrn möglich, sich der Weste zu entledigen, ohne den Rock auszuziehen? Einem Kopernikus oder Laplace hätte man mit so etwas nicht kommen dürfen. Einstein griff die Sache sofort mit Leidenschaft auf wie ein Problem der körperlichen Mechanik, und er löste es leibhaftig im Nu mit wenigen energischen Handgriffen. Und daneben steht der betrachtende Mitmensch, verdutzt und erfreut, und denkt sich: das ist der nämliche Einstein, der über Kopernikus und Laplace hinausschritt! Wenige Minuten darauf wird vielleicht ein ernsthaftes Thema angeschlagen aus der Politik, der Volkswirtschaft, der Soziologie, der Rechtsprechung, es sei, was es wolle, Einstein wird jeden Gedankenfaden fortspinnen, mit feiner Einfühlung in den Gesprächspartner, mit Aufstellung eigener Perspektiven, nie rechthaberisch, stets anregend, mit voller Sympathie für den Gegenstand und für alle Denkformen, worin er sich spiegelt, das Modell eines Wissenden, den Terenz sprechen läßt: Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd!

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