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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 9
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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8

Einhart lag noch immer an der Böschung am See neben ein paar Weidenbüschen, die jetzt blendend durchglüht waren, daß sie in rätselhafter Körperlichkeit aufragten. Er begriff nicht, wie er alles hatte verschlafen können. Der Plan war tatsächlich leer. Das Lachen, das ihn geweckt hatte, mußte draußen vom See gekommen sein. Ein Kahn in samtschwarzer Silhouette schwamm in dem Funkelgewässer, in den blutroten Tinten und düsteren Schattenflecken oft fast unkenntlich aufgelöst, daß der Blick ihn eine Weile geblendet nicht ausfand.

Die Zigeuner waren fort.

Einhart war in einer seltsam schmerzlichen Erregung, die ihn wie im Bann an der Erde hielt. Bis er endlich auf die Beine gesprungen. Er sah sich nach allen Seiten um. Der Plan war tieferglühend, wie von innen, auch alle die alten Reste Stroh und Lumpen, die noch herumlagen. Aber es war totenstill. Einhart hatte seinen Hut im Schlafe vom Kopfe gestoßen, und er sah ihn jetzt nur ein wenig tiefer am Ufer liegen. »Mein Gott,« sagte er vor sich hin. Er war zuerst richtig kummervoll. Alles, was er erträumt hatte, ging ihm noch einmal im Auge vorüber wie ein ganzer, langer Festzug. Er hatte den Hut aufgenommen, in dem Ameisen herumkrochen, und begann ihn, den Blick in die Weite gerichtet und in sich sinnend, achtlos auszustöbern. Dann fühlte er auch, daß er sein Frühstücksbrot noch in der Jackentasche mit sich trug. Nun also konnte er ins Unbestimmte vorwärtsgehen. Daß er eine Heimat und Eltern hatte, kam ihm jetzt nicht mehr in den Sinn. »Da hinaus!« dachte er nur, indem er der Chaussee zulief.

Er hatte gleich wie eine Witterung. Das Frühstücksbrot vom Morgen hatte er aufgeklappt und flüchtig gesehen, daß ein Stück Käse dazwischen lag. Aber er nahm sich nicht die Zeit, zu essen. Ein alter Bauersmann im Rundhut kam die Straße her, als Einhart versuchte, im Erlengesträuch am Wege einen Wanderstecken abzureißen. »Ach, entschuldigen Sie!« rief er dem Bauern zu. »Wissen Sie vielleicht?« Aber der Bauer hielt sich gar nicht daran. Er lief weiter, als wenn kein Laut an sein Ohr gedrungen. Dann sah Einbart deutlich die Spuren, wohin vom Plan aus die Wagen der Zigeuner sich gewandt hatten. So lief er.

In Einhart war mit dem Hantieren schon in den Erlenbüschen ein fröhliches Erregen aufgewacht.

»Vielleicht wird die Horde überhaupt noch nicht lange wieder auf dem Wanderwege sein,« dachte er nur.

»Sie sind sicherlich erst in der Abendkühle aufgebrochen,« dachte er bei sich und nahm immer bestimmtere Schritte.

Einharts Schreiten war wie das jedes Menschen eine Besonderheit. Wer viel träumt, lebt viel in sich tief geborgen und abgekehrt. Die Beine gewöhnen sich dann so lässig und gerade nur zum Halte hinzupendeln. Auch wenn da einmal Sehnsucht und brennender Vorwärtsdrang aufflammt und sie zu treiben beginnt. Wünsche und Triebe, die alle hinaus sich wenden, verlieren nicht lange doch wieder in neuen Visionen alle Macht, und die Beine beginnen bald ihr altes Spiel. So war es auch hier, daß Einhart durchaus nicht schnell und eilig vorwärtskam. Außerdem lagen die Felder fast im Dämmergold, weil der Abend erblichen. Die roten Mohnblumen glühten noch für sich heraus wie heiße Flammen, und der Frieden der Welt summte in Mücken und allerlei grauem Getier um seine Wege.

So wiegte und schwankte er nur lässig unter den niedrigen Kirschenästen hin, ohne daß groß mehr als eine drollige Wißbegierde aus Sinn und Augen in die Dunkel der Ferne dann und wann voraussprang, und eine Freiheit und unerkanntes Erschauern ihn im Blute erfüllte. Aber er kam doch vorwärts. Die niedrigen Birn- und Kirschbäume an der Chaussee begannen ihren glühenden Schein an Stamm und Blattwerk ganz zu vergessen und kühl auszusehen. Es gingen wie leise Geflüster hindurch und strichen wie weiche Genien die fernen Felder. So von Schemen umhaucht und hingezogen im friedsamen Dämmerluftkreis, gingen die Stunden wie Minuten ungehört und wie in vollem Traume.

Daß es längst Nacht geworden. Daß er endlich in der tiefen, einsamen Nachtstille fern den Dunkelwald sah, der unter einem bleichenden Mitternachtschein ragte.

Daß er Feuer am Waldsaum aufflammen sah und Gestalten im Schattenkreise sich bewegen.

Einhart weckte fast plötzlich ein Schreckgefühl. Er begriff einen Augenblick jetzt seine ganze Lage. Er war erst jetzt einmal wieder noch ganz der Einhart Selle, des Herrn Geheimrat Selle Sohn. Außerdem dachte er flüchtig liebend an die Mutter und an Rosa. Er war stehengeblieben und zögerte, indem er jetzt auch in die Welt oben sah und mit dem Blick in den Sternen hing. »Ach, diese Welt!« dachte er und staunte er, und ging ihm tröstend durch den Sinn, flüchtig froh, so daß Vater und Mutter und Rosa gleich auch wieder mit versunken waren. Daß er dann sich sehr ruhig am Chausseegraben niederließ, jetzt sein Brot gelassen aus der Tasche nahm und hineinbiß. Seine Gedanken sprangen jetzt an allen Helligkeiten der Nachtwelt um wie belebt. Schon wie diese Kornfelder bis zum Walde hin bleich aussahen, wogende, blaßgoldene Vliese. Stets hatte er in seinen Träumen auch immer wie ein Skizzenbuch vor sich. Jetzt in der Nacht konnte man natürlich nichts aufzeichnen, dachte er. Dann hatte er ja auch gar nichts bei sich dergleichen. Er mußte geradezu laut auflachen. »Ich würde sonst nicht zu ihnen finden, mich einfach verträumen, wie dort verschlafen! so ein Dummkopf wie ich!« dachte er vor sich hin.

Dann hörte er eine Stimme vom Walde her. Noch einmal. Der Frieden der Nacht trug sie herüber. Das machte ihn heiter auffahren, daß er große Bissen aß, unterdessen er schon dem Walde zulief. Die Feuer waren nahe, wie gelbe Wunderblumen in dem blauen Tiefdunkel der nächtigen Waldschatten. Als wenn große Blütenblätter, nur aus Schein gewoben, hastig eilten und flüsterten, dann und wann goldene Funken himmelan wehend.

Einhart schlich am Waldsaume im Grase hin. Leise kam es von den träumenden Nachtwipfeln wie Atemzüge und fernes Verrauschen. Dann stand er ganz nahe und konnte den jungen, schönen Zigeuner betrachten, der gestern im Taumel der ärgste war. Hingelümmelt, in einem Strauchschatten halb geborgen und das Gesicht von Lichttupfen sanft überflackert, schien er vor sich zu träumen. Oder er hatte die Augen ganz zugetan?

Einhart traute sich nicht heran. Alle schienen zu schlafen. Ein schwarzer Topf hing über dem Feuer. Die Kinder waren wohl in den Wagen geblieben. Oder nein! – Einhart schlich, daß der Waldgrund kaum knisterte, näher. Man lag wie Dunkelflecken herum. Um die Ecke, am zweiten Feuer lagen zwei Männer, die im Scheine mit Karten schlugen und nicht sprachen, nur dann und wann murrten. Das Feuer brannte ihnen helle Farben an, daß die Köpfe aus der Dunkelnacht glüh herausragten, sinngebunden und achtlos.

Die beiden Zigeunerdirnen schritten behutsam aus einer Schattenecke. Oh! es war nur Franziska, die Ältere, und ihr Luftbild, das vom Feuerschein geweckt in den nächtigen Wiesennebeln mitging. »Du!« sagte sie ganz leise und zärtlich, »ach, du!« – »Nein – nein – nein!« sagte sie ganz verhalten, offenbar von dem Wunsche getrieben, dem rätselhaften Nachtgetümmel der Träume um Stamm und in den Kronen, in den Silberflächen der weiten Nachtfluren und Felder, in dem bleichblauen Sternengrund und dem schlafenden Lager rings nichts zu rauben. Und sie drängte Einhart ohne Hast, ganz kindlich gelaunt, tiefer in den Wald hinein.

Einhart begann das Herz lauter zu schlagen. Er hatte noch nie ein fremdes Mädchen so nahe gefühlt.

»Da mußt du nur nicht dich rühren!« sagte sie. »Ganz nur stille sein, du kleiner Herr!« sagte sie eilfertig und mußte lachen.

Aber niemand im weiten Walde hörte ihr Lachen, als nur der Silberschein, der ihnen zu Füßen in das Nachtgras glitt.

Einhart sah das dunkle Mädchengesicht, das jetzt auch ganz silbern umflossen war, nahe vor sich. Er fühlte den weichen, schmiegsamen Leib ganz nahe, daß ihm das Herz bis zum Springen schlug, rätselhaft und froh. Die lachende Dirne hing an seinem Halse und preßte ihn. Sie küßte ihn leise auf den Mund. Sie atmete nicht. Wie zu einem unbegreiflichen Zauber sog sie sich lieblich und zärtlich nur immer fester und fester an seine Lippen. Einhart hatte nie begriffen, was küssen ist. Niemals hätte er seine Schwestern küssen mögen. Da hätte er einfach lachen gemußt. Er hatte höchstens einmal die Backe drollig hingehalten, wie wenn er rasiert werden sollte, daß dann Frau Selle der Backe einen Klaps und einen Kuß zusammen darauf gab. Nun erregte es ihn unglaublich froh, wie sich die kleine Lacherin inniger und inniger ansog. Es schmeckte wie Walderde und Harz. Und wie er stumm lächelte, sog auch er.

Daß er den Atem nicht atmete. Daß er das Leben nicht lebte. Daß die Stunden der Nacht ungehört und unbegreiflich gingen.

Ein Geschrei störte sie. Einhart war, als die Lippen auseinander sich lösten, eine kleine Böschung erschreckt hinabgeglitten, gerade als der Schrei sich neu wiederholte. Das Mädchen sprang fort. Die Alte hatte nach ihr gerufen.

Dann lag Einhart einsam die Nacht in einem Leben und in einem Lieben ohne Ende, und flog in Träumen, und sah, wenn er die Augen rätselhaft auftat, die Sterne im Räume schweben und hörte nicht Menschenlaut rings, nur die Tannenkronen ziehen und leise raunen, und eine fremde Nachtstimme schrillen, gleich neu aufgesogen, weil ein Sturmstoß in den Wipfeln sich verfangen und wer weiß welchen Vogel geweckt hatte, der sich aufhob.

Am Waldrande verglühten die Feuer kaum noch in der Asche. Die Pferde lagen hingestreckt. Die Menschen lagen hingestreckt. Alles schlief.

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