Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Carl Hauptmann >

Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/verz/werk/book.xml
typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110529
projectid39a38ef0
Schließen

Navigation:

6

Einhart war eilig über den Platz vor der Schule gelaufen, wo einige Droschkenkutscher an der Ecke hielten, die ihm nachsahen, weil er noch immer den Kranken spielte. Er hatte den Tornister unter den Arm gekniffen und drückte ein zerknülltes, rotes Tuch an die Backe, so daß die bleichgraue Miene seines Gesichtes noch auffälliger wurde. Es lag Sonne im Wege. Es war nach elf Uhr, und die hohen Häuser warfen nur kurze Schatten. Einhart war innerlich belustigt, wie noch nie im Leben. Wie er so dahineilte, überlegte er nur, wohin sich am besten gleich wenden? Er hastete, daß er ungleiche Schritte nahm, und man einige Augenblicke immer denken konnte, er hinke. Aber das innere Leben war wie außer Rand und Band sozusagen. Als er um das große Modenmagazin herum war, sah er sich noch einmal um, wie um zu prüfen. Er war ein schmächtiger, schlanker Bursche. Die braune Jacke, die er trug, sah anständiger aus, als gewöhnlich, und der Haarsträhn war jetzt doch unter dem flachen, schwarzen Hütchen verborgen, das schief auf dem Schlichthaar saß. Wer ihn jetzt sah, als er der Schule außer Sicht entronnen, hätte über die Augen und über den Mund und die feine Nase lachen müssen. Als wenn er Übles gewittert und hinter sich gelassen, lief er jetzt. Das Taschentuch war längst zu einer roten Fahne in der Hand geworden, die er nun vorwärts schwang. Seine Augen konnten vor Lust gar nicht gerade sehen. Nach allen Seiten auf und um gingen sie und hatten eine Pfiffigkeit im Blicken. Der Mund hatte Eile, sich Hoffnungen vorzumurmeln, und er stieß mitten auf dem Exerzierplatz, über den er mit springenden Schritten hupfte, einen grellen Pfiff aus, ehe er in die Promenade einbog. Er dachte gar nicht zurück. Oder wenn er zurückdachte, mit zärtlicher Laune. »O du einziger, guter, dummer, scharfsichtiger Herr Oberlehrer, du dummes, einfältiges Vieh!« sagte er und lachte er. »Der junge Herr Selle sollte mir schon kommen! du ... ach, daß du auch gar nicht merktest, was diesem Herrn jetzt durch den Kopf ging!« Und nun stand er wieder. »Dieser verfluchte Ranzen!« sagte er vor sich hin. Er nahm seinen flachen Rundhut ab und warf den Ranzen samt dem Hute auf die Erde. Dann überlegte er und sah sich die ganze Welt ringsum und oben an. Eine Linde stand neben ihm, an der er nur bis zur Krone sah, und an deren Stamme Ameisen krochen. Das machte einen Augenblick ganz sich vergessen. »Weißt du nur, warum die Leute noch sitzen und in die Bänke sich zwängen? – Du nettes Tierdel! da ... komm ... nur ... einmal ... und bleibe bei mir«, sagte er zu einer Ameise und versuchte sie auf der Hand zu halten, die er drehte. Aber die Ameise merkte den Raubtierhauch der Menschenhand und warf sich kopfüber in einen Abgrund unter ihr, und Einharts Gedanken flogen sofort auch weiter. »Da ... ist ein Versteck für dich,« sprach er den Ranzen an, den er schon aufgenommen, indem er auch sogleich weitersprang. Am Wassergraben wußte er von der Eisbahn her ein Loch in der Mauer, das immer leer war. Dort hing eine volle Weide über, die sich jetzt wunderklar im Wasser spiegelte. Es lockte ihn, daß er auch hier über das eiserne Gitter lange sich bog, als wenn es ein Spiel für ihn gewesen wäre. Er sah auf den dunkelklaren Schattenspiegel und verfolgte, als wie ein Käfer, der an jedem Ästchen emporkriecht, die ganze, dunkle Verzweigung. Dann warf er erst Blättchen um Blättchen hinein, die immer in Kreisen spannen und das klare, scharfruhende, stumme Baumgeäst wie einen Augenblick in ein trübes, feines, rinnendes Bewegen lösten.

Einhart! mein lieber Tagedieb! was staunst du und kannst nun alles andere vergessen! Ein Blättchen nach dem andern fiel. Und Einharts Gesicht spannte und lächelte. Dann sprang er über die Eisengitter und schob rasch seinen Tornister in das Erdloch, sprang zurück und lief nun leicht in der Richtung nach dem See.

Träumen ist eine Seligkeit und kann auch eine Krankheit sein. Träumen kann mit ewigem Enttäuschen kommen, wenn immer wieder eine graue Megäre Wirklichkeit Ohren findet, die es hören und glauben, daß wir ja nicht träumen dürfen, sondern leben müssen. Aber es kann auch ein Harnisch sein gegen all die leeren, grauen Gedanken von dem Leben, als wäre es in Stücke gerissen, dort ein Deckel, und hier die Dose. Dann ist der Ritter eines mit seinem Harnisch, und kein schales Meinen kann ihm diese seine Welt zertrümmern, die nicht leben hier und träumen dort, die auch nur Eines ist, was immer heimlich oder offen aus der Seele sich hebt und lebt wie ein einiger Brunnen, Kraft und Klarheit so ins Dasein, Sinn und Gestalt schaffend. Aber das wollten die Lehrer nicht anerkennen. Deshalb eilte jetzt Einhart hin.

Dem Herrn Geheimrat hätte er jetzt auch nicht begegnen dürfen. »Dieser geliebte, steife Herr Vater,« wie Einharts Augen ihn flüchtig lächelnd sahen. Wenn Herr Selle jetzt leibhaftig erschienen wäre, wäre Einhart eine Ratlosigkeit angekommen. Nicht aus Furcht. Eine vollkommene Demutsmiene ging in dem gelbgrauen Schmalgesichte des Jungen auf, als auch nur von ferne solcher Gedanke sich regte. Durchaus nicht aus Furcht. Aus hellem Verzweifeln. Da hätte er wirklich das Leben, das er jetzt innig in Einem lebte, plötzlich wieder zersprungen gesehen, dort in farblos fahles Gesetzesbestimmen und hier in seinen entfliehenden Glanz, dort nur mürrisch grau, strenggeteilt wie ein Rübenbeet, für jeden Tag gerade nur immer eine erdige Wurzel. Und hier noch die Sonne, die über die ersten, seidigen Keime ihr Gold und ihr warmes Flimmern gegeben, und die sich nun forthebt, wie von einer kalten Husche staubigen Fegewindes verjagt. Aber Herr Selle kam nicht auf dem Wege. Er saß im Bureau und schrieb und verfügte. Und die Herren Lehrer blickten streng in die Bücher vor sich, daß nur noch Einharts Mitschüler eine ferne Ahnung besaßen von lockenden Dingen draußen, die Einhart hinausgerufen.

Übrigens hatte Einhart eine ernstere Haltung angenommen. Eine Anwandlung von Würde schien ihn jetzt zu beherrschen. Nun er lose hintrieb, frei von der Last der Erinnerung, schien er ein sicheres, männliches Wesen sein zu wollen. Als er um die Straße beim Postgebäude hinschritt, sah er Mutter und die beiden ältesten Schwestern ahnungslos vornehm heranschreiten. Er konnte von einer unbegreiflichen Torheit sein. Die augenblickliche Lust machte ihn derart sorglos zuerst, daß er noch immer ruhig auf sie zuschritt. Wie er der Ameise am Baume oder auf seiner Hand nachgesonnen. Wie er seinen tastenden Blick von dem Geäst im Wasser führen ließ und nicht anders konnte, als bis er in jeden Zweig hineingeglitten und in jedem Blattbüschel gesessen und extra seinen Traum geträumt, wie ein Vogel oder eine Biene, so schritt er jetzt auf Mutter zu und sah und staunte innig vergnügt Johannas und Katharinas gemessenes Schreiten an, sich lächelnd in ihre Sittsamkeit einträumend. »Feine Damen,« dachte er nur. »Das sind feine Damen und sind deine Damen,« lachte er vor sich hin. Er hatte oft einen Zwang derart, daß er Dummes reimte. »Diese Damen sind in Hülsen eingeschnürt, und ich werde einfach an ihnen vorüberschreiten,« dachte er nur. »So wie ich bin, werden sie mich gar nicht erkennen. Ich bin ja jetzt nur ein Zigeuner,« dachte er so hin. »Ein toller Zigeuner entpuppt sich nicht. Und wenn ihn Damen auch ansehen, als kennten sie ihn. Pah! Das ganze, braune Gesindel wird um die hellen, feinen Damen herumschreien, und keine wird eine Ahnung haben, daß darunter auch einer Einhart heißt. Rabe wird er heißen, Habicht und dergleichen. Wie kämen solche feinen Damen in Schleier- und Federhüten, so groß wie Blätter vom Riesenlattich auch zu einem Zigeuner.« Unter solchem törichten Spiel von Gedanken in Einhart waren Frau Selle und die beiden großen Mädchen näher und näher herangekommen.

Aber die drei Damen gehörten jetzt auch wirklich nicht zu einem Zigeuner. Sie gingen vornehm, ohne sich umzusehen. Höchstens noch warf Johanna einen flüchtigen Blick einmal in eine Spiegelscheibe. Jeden Sonnenstrich auf der heißen Straße überschritten sie ängstlich, nicht mit Freude, und eher wie eine Pfütze, in die man nicht hineintritt. Und hielten die Schirme steif aufrecht und die Blicke streng in die Ferne, ohne untereinander ein Wort zu sprechen.

Da schoß es in Einhart neu auf wie ein richtiger Koboldsprung. »Feierliche, dumme Puten,« dachte er nur verächtlich. »Wie auf Stelzen! Und nur Rosa hat Mut. Und auch Rosa ist feige heimgelaufen. Auch sie würde jetzt nicht mehr Kraft haben.« So bog er entschlossen in ein erstes, bestes Haus ein, noch ehe die Mutter und die beiden lichtgewandeten Fräulein sich recht ermannt und ihre von der heißen Junimittagsonne geblendeten Augen zu ihm aufgehoben. Und er lief dann, wie sie schweigend und rauschend an dem schmalen Türspalt, hinter dem er lauerte, vorüber waren, was er konnte dem Plane am See zu.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.