Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Carl Hauptmann >

Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 68
Quellenangabe
pfad/verz/werk/book.xml
typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110529
projectid39a38ef0
Schließen

Navigation:

14

Einhart hatte sich von allen Gästen im Schlosse und von der alten, gütigen Gräfin Schleh verabschiedet. Er wollte in der Nacht gegen die Morgenfrühe abreisen, um auf einer entfernteren Station der weiten, gräflichen Herrschaft den Eilzug rechtzeitig zu erreichen.

Die alte Gräfin hatte Einhart einen eigentümlichen, fremden Gram in seinem sammetdunklen Auge wohl angefühlt. Und sie war noch gütiger und gewinnender gewesen, mütterlich und sanft.

Als er alles mit dem Kammerdiener zusammen in seine Koffer eingeordnet hatte, lief er spät noch einmal in die Weiden hinaus.

Es war schon Nacht. Die Lüfte strichen in Einharts Gesicht mit leisem Berühren. Dann und wann hatten Äste im Park geknackt. Und die Sterne hingen wie Diamanten in den kahlen Bäumen.

Als Einhart auf der Ebene stand, hörte er einen Vogelruf verhallen. Ein Feuer brannte fern, dessen Flammen leicht aufflogen und vergingen. Spärliche Worte erstarben über die tote Grasflur her. Die Gesichter einiger ferner Hirten waren warm beschienen.

Einhart war langsam auf das Feuer zugegangen. Seine Erinnerungen verhallten hier ins Ungewisse. Man war ehrerbietig, erhob sich und schwieg, hielt die Hüte in den Händen und lächelte.

Auch Einhart lächelte.

Schwarzbärtige Hirten, eine kleine Schar, auch Alte mit Wollhaar und in graue Pelze gehüllt. Man hatte einen rauchigen Kessel über dem Feuer hängen. Man sog an der Pfeife und blies Rauch aus. Irgendwoher rief und rief ein junger Hengst mit Wiehern. Die Fluten der Nachtluft strichen lau über die Steppe her und wehten sanft um.

Einhart hatte sich längst niedergeworfen an dem Feuerkreis und den Hirten geheißen, ein Gleiches zu tun. Es war eine Verlassenheit der beglühten Häupter ohnegleichen und eine Verlassenheit des lohenden, knisternden Feuerbrandes.

Ein alter, grauhäuptiger Hirte, der seinen Hut fortwährend im Schoße drehte, erzählte lässig vom gespenstigen Steppenreiter. »Wild wie der Wind treibt er um. Zerzauster Mähne, zerzausten Schweifes kommt er gejagt. Ist da. Sein Mantel flattert. Sein Haar flattert. Eine Miene wie graue Steine. Augen hat er starr und sehnsüchtig in Höhlen liegen. Manchmal ruft er. Düstere Rufe. Er pfeift unsichtbaren Gesellen. Er pfeift einer unsichtbaren Meute, die um ihn her heult. Schaurig geht es um ihn. Seine Augen können glimmen wie verzehrende Feuer.«

Auch Einhart saß jetzt in der Wildnis so recht heimatlos umgetrieben. Daß alle die Jungen und alten Häupter rings ihn scheu und ehrerbietig heimlich betrachteten. In allen ging dumpfe, stumme Sehnsucht um.

Der volle Mond stieg wie ein stumpfes Rosenfeuer in den Dämmerdunst der Nacht. Fern und groß hob sich die glühe Scheibe lautlos und ohne Strahlen über den Rand der Erde. Tief war die Stummheit. Die rauhe Stimme des alten Erzählers erstarb unter den starren Blicken im Feuerschein.

Ein Tier in der Ferne jagte hin. Ein junger Hengst, der unruhig eine Strecke aufgescheucht.

Wie ein dunkles Monument, so dünkte es Einhart, weil das Tier näher kam. Wie einer weiten mächtigen Freiheit Göttersohn schien es.

Der wilde Hengst wieherte. Es antwortete wiehernd in der Runde.

Der Mond begann höher und höher in die graue Nacht emporzuziehen und Strahlen zu spenden in die tiefe Schweigsamkeit.

Einhart hatte vergessen, daß er schon in der nächsten Stunde zurückkehren müsse in eine andere Welt.

 << Kapitel 67  Kapitel 69 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.