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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 67
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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13

Am anderen Tage hatte sich Einhart entschlossen, abzureisen. Als er es der alten Gräfin mitteilte, war sie gütig und machte Versuche, ihn zurückzuhalten.

Niemand ahnte, was in Einhart diese Tage vorgegangen. Man hatte seine weiten Wanderungen durchaus nur hingenommen aus dem natürlichen Wunsche, die fremde Landschaft und die fremden Leute darin genauer auszuspähen, und hatte nicht im entferntesten eine Vermutung, daß Einharts Gemüt in einem richtigen Zerwürfnis mit sich hingelebt.

Und Einhart hielt sich fast streng und vermied auch nur das leiseste Wort, das man auf eine solche Wandlung der Dinge hätte beziehen können.

Die alte Gräfin, die am Morgen im Kaminzimmer vor den brennenden Scheiten saß, obwohl draußen die Herbstsonne lau schien und zu den hohen Bogenfenstern hereinfiel, starrte sehr verträumt und doch eifrig in die Flammen, so den Abend der vergangenen Fröhlichkeit noch ferne im Blick vor sich sehend, und hatte dabei Einhart immer wieder zu erzählen begonnen, wie schmerzlich ein jeder einzelne unter ihren frohen Gästen seine Abwesenheit gefühlt hätte.

Aber Einhart blieb dabei, daß er heim müßte, und man beredete nur dann, daß er den Morgen benützen möchte, um sich auf dem Nachbarschlosse zu verabschieden.

Seine Gefühle waren brennend genug. Er wünschte heimlichen, jähen Verlangens Verena zu sehen. Er mußte um alles in der Welt die verzehrende Ungewißheit seiner Seele ertöten, die einen hohen Grad krankhafter Kümmernis angenommen. Und er hatte es wohl erwogen, daß, wenn er in den Morgenstunden käme, es gelingen würde, mit Verena allein zu sprechen. Aus ihren Augen, aus ihren Händen, aus ihren Worten oder aus ihrer Stummheit, aus irgend einem Zeichen es zu lesen, was ihn auch nur beim fernen Ahnen mit ruheloser Zerrissenheit neu erfüllte.

Gegen elf Uhr fuhr der gräfliche Wagen vor das Schloß, um Einhart dann zu Renaulds hinüberzufahren. Einhart stieg in den Wagen mit sehr vornehmer Ruhe. Er hatte sein ganzes Weltmannstum wie seinen dunklen, vollen Mantel um sich geworfen und schritt hochaufgerichtet. Schon die Stufen herab kam er wie ein Grandseigneur und ließ sich vom Diener die große Pelzdecke sorgfältig um die Füße hüllen.

Aber wie es bei Einhart manchmal geschah: Im Wagen, in der inbrünstigen Bewegung seiner Ideen, hatte er alle Rücksicht auf Besuch und Abschied bald hinter sich gelassen. Es war in ihm nur der eine Gedanke noch herrschend geblieben, wie er die zarte, junge Verena sehen würde. Die Neugierde seines Herzens und seiner Augen war so hitzig und erregt geworden, daß er nur noch wünschte, so schnell wie möglich in die graudunklen Augen zu sehen, in den Grund dieser Augen, in Verenas Seele, und aus der leisen Stimme eine Entscheidung über sein Leben einzusaugen.

So war er beim Ankommen nur eilig die Stufen im Treppenhause hinaufgestiegen, und hatte hastig gewünscht, daß man ihn Frau von der Trau melden möchte.

Es gab auch gar kein Staunen der Diener weiter, die in ihren bunten Livreen in dem lichten Treppenhause herumstanden. Auch gar kein Besinnen in Einhart. Sein Auge brannte so bestimmt und herrisch von seinem Verlangen, er hatte eine so befehlende Sicherheit, als er emporschritt, daß niemand an etwas Sonderliches in seiner Absicht sich zu denken vermaß.

Verena empfing ihn fast zärtlich. Wie einen, den sie mit viel Ahnung von Gutem zutraulich ansah. Ihre grauen Augen hatten eine sanfte Zurückhaltung, die vom frühen Morgen herrührte. Als wenn sie sich noch nicht ganz zu sich und der Welt eingefunden. Sie sah äußerst lieblich aus. Die aschblonden Scheitel hingen noch weicher und loser um die kleinen Ohren und gaben ihr eine sehr wohlige Jugend.

Ihre Augen gewannen gleich eine leuchtende Wärme, als sie Einhart angesehen.

Sie trug in schlanker Gestalt eine glatte, goldgelbe, fließende Sammetgewandung und hatte außer der Perle auf ihrer klaren Stirn nichts von Schmuck angetan.

Einhart war wie erstarrt in ihren Anblick. Es erstarb in ihm alle Hast. Er besann sich dann und fing an Worte zu machen.

Aber Verena lächelte ihn so ahnungslos gütig und zerstreut an, bat ihn so arglos auf das kleine, zierliche Sofa mit den goldenen Lehnen und den großen Silberblumen im rosa Felde, das mitten im Zimmer stand, hockte sich so sanft und froh über seinen Besuch vor ihn in einen der blumigen Fauteuils, daß in Einhart alles wie plötzlich in eine richtige, tiefe Zärtlichkeit einsank.

»O mein Gott, lieber Meister!« sagte sie. »Es wird uns allen ganz bange, wenn Sie jetzt wirklich wieder von uns gehen.«

»In allen lassen Sie Ihr Herz zurück,« sagte sie so ahnungslos und klar, als wenn sie von etwas ganz Fernem spräche.

Und dann begann sie ganz zutraulich und redselig zu erzählen, wie seine reiche Art die Welt zu sehen, ihr Trauer und Trübsal von der Seele genommen und sie zu einem froheren Leben neu wachgerufen.

»Meine sehr liebe Frau Verena,« sagte Einhart und versuchte, sich aus seiner besonderen Lage aufzurichten, ohne noch groß an seine inneren Erwartungen sich zu erinnern.

Aber Verena lächelte kindlich zärtlich.

»Sie nennen mich mit dem Vornamen,« sagte sie ganz fröhlich. »O Meister Einhart,« sagte sie. »Sie haben mir viel Gutes getan. Wissen Sie das?«

Einhart staunte Verena mit großen, dunklen Blicken an und erwartete jetzt jedes ihrer Worte.

»Ich will es Ihnen nur offen sagen, daß Sie mir lieb geworden sind, wie ein Vater,« sagte sie. »Sie haben mich herausgelockt. Ihre Worte klangen mir wie ein Sturmwind, der mir in die Seele fuhr, und allerhand welkes Laub verjagte. Nun lebe ich wieder neu. Nun lebe ich wieder und singe ich wieder. Und beginne mich einzufinden in diese Welt.«

Einhart hörte die Stimme und sah diese ahnungslose Zärtlichkeit ihm zugewandt, sah die fromme, jungfräuliche Jugend plaudern wie ein Kind voll Zutrauen zu ihm, wie zu einem sicheren Hüter über den Tälern. Und er sah mit einfältigen Augen ewig auf den flaumigen, roten Mund, der mit der Güte eines schwesterlichen Vergnügens jetzt auch Erinnerungen hinsprach und wie von fernem Schicksal neu angerührt allmählich sich strenger zusammenzog.

»Ich habe viel verloren trotz meiner Jugend,« sagte Verena. »Ich habe mein höchstes Gut verloren, Meister. Ich habe lange geweint, wie ich endlich weinen konnte. Und bin dann wieder hingegangen in Erstaunen. Ich habe das Schönste verloren, was das Herz kannte. Was sind Namen? Das Köstlichste auch zur Entfaltung des eigenen Lebens. Ich dachte, ich könnte es nicht ertragen. Ich wollte, wie der Tod im Hause stand, um jeden Preis mit dem Geliebten ins Grab gehen. Ich hätte mich auf den Scheiterhaufen gestellt und hätte Feuer und Flammen nicht gefühlt. Jetzt ist die Zeit der Wehmut gekommen. Daß ich jetzt wieder neu zur Erinnerung meiner Liebe leben kann. Zu seiner Erinnerung kann ich jetzt wieder tätig sein. Das danke ich Ihnen. Ihrer freien Art, die Welt zu sehen.«

»Wissen Sie, Meister, wie Sie so sprachen auf der Weide? Es kam wie ein Gesang in meine Seele, daß es auch in mir wieder den Gesang weckte.«

»Und alles, was ich jetzt tue, tue ich wieder gern,« sagte Verena mit frohem Tone. »Was ist es? Der geliebte Freund lebt. Er ist irgendwo. Er macht eine Reise. Er lebt irgendwo fern. Ich tue alles zu seinem Gedächtnis. Das kann ich jetzt wieder. Ich kann wieder ein tätiger, liebender Mensch sein.«

So plauderte Verena gütig und zutraulich.

Einhart hatte ein paarmal nur unwillkürlich tief Atem geholt und als wenn er seufzte. Er staunte Verena versunken an. Sie pries ihre Liebe. Sie war glücklich, weil sie an den Geliebten dachte. Einhart hatte ganz vergessen, wo er war. Es quoll in ihm etwas auf, was wie Lachen und Schluchzen kam. Er küßte ihre beiden Hände, als sie vor ihm stand, und die weißen, weichen, frommen Hände ihm zutraulich, wie ein Kind dem Vater hinhielt. Er beugte sich und küßte auch den Saum ihres Kleides in einer fast hündischen Demut, weil sie wie eine Heilige vor ihm schien, die ihre innerste Seelenliebe hütete, wie eine Vestalin das reine Feuer. Er war so zernagt und beglückt und erhoben von der reinen Seligkeit ihrer Erinnerungen und ihrem kindlichen, neuen Leben, daß er Verena noch einmal mit Leidenschaft angesehen, ihr ganzes, stilles, reines Bild eingesogen und dann hinaus war, als wenn er die heilige Jungfrau in Person gesehen und ihre Berührung gefühlt hätte.

So war Einhart. Die Kraft seiner Gesichte hatte ihn im Leben noch immer bewältigt. Ihn ganz ausgefüllt und ihm die Besinnung genommen. Und eine höhere Besinnung ins Blut einverleibt als innerstes Ereignis.

So hatte er von dem Traum Verena Abschied genommen.

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