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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 66
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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12

Wer die Steppe kennt, liebt sie wie das Meer. Das Meer –: ehern anrauschend, gewaltig wogend und schäumend, ewig in seiner Unruhe. Oder auch gebreitet wie ein seliger Garten für schöne Meerfrauen, wenn die Fluten im Sonnenglanze sich wärmen und mit den goldbraunen Tangen ihrer Leiber Glanz scherzend umspülen. So breitet sich der gewaltige Mantel der Wasserwogen in rastloser Unruh und macht das Menschenauge voll Schrecken oder voll Lachen.

Aber die lautlose Schweigsamkeit ist der Steppe Geschenk, ewig quellend aus der nie gestörten Stille grenzenloser Fluren. Wer nur am Berghange den Abendfrieden erhört, der mit sanften Glutfarben die Täler vergoldet, kennt nicht den Hymnus, den die Steppe schweigt aus unerwecklicher, ewiger Schweigsamkeit. Wer bloß Stummheit kennt, erhört noch keinen Ton jener ehernen Erdenruhe, darin der Ruf des Vogels untersinkt wie ein Ring in die Flut, kaum gehört, schon verloren.

Siehe die Ruhe des lieblichen, roten Mundes, wenn Verena schweigt und kaum nickt, ob zwar schon aus ihrer Seele ein Wunsch aufsteigt, gegen die Ruhe der Schlafenden, deren Mienen in tiefer Verlorenheit schlummern und von milder Erquickung sprechen.

Die Ruhe der Schlafenden ist tief.

Aber die Schlafende wird die feinen Lippen regen und wird erwachen.

Die Ruhe des tiefsten Schlummere ist lebendigstes Leben gegen die Ruhe des Toten, dessen Wesen vor unseren irdischen Augen erhaben eingesunken in die große Stillung, die sich ihm plötzlich weit und entbindend aufgetan.

Trachten und Tun ist Schlummers Ruhe gegen die Totenruhe. Ein rastloses Zielsuchen gegen ein ewiges Gefunden. Ein Drängen und Tasten gegen eine nie ausgeträumte Vollendung.

Und so summt die Steppe die letzte Stillung. So tut sich der ewige Abgrund Schweigen auf vor deinen Ohren. So kannst du lauschen und lauschen und erhörst dir das Lied, das in alle jache Unrast der Zeit zum Troste gesungen dem Ringen, dem Trotzen, dem letzten Sehnen der Liebe.

Einhart pries es so. Einhart floh jetzt längst hier hinaus in das Schweigen. Einhart floh durch Busch und Dickicht und konnte nicht mehr Halt finden. Es war eine richtige Narrheit gekommen. Narrheit nannte er es, weil er jetzt zum ersten Male seine grauen Haare fühlte.

Es geschah, daß er mit seinem Skizzenbuche ausging, weil er um jeden Preis allein sein mußte. Es war nur reine Vorgabe. Er zeichnete oder malte gar nichts. Er hatte längst vergessen, wer er war. Ein Meister nun schon gar nicht. Das merkte er bald an der Not, in die er sich einspann. Darin mit Malen oder Federstrichen durchaus nicht zu helfen war.

Einhart war derart untätig und verträumt, daß er wie der Hirte draußen stundenlang auf der Viehtränkrinne hocken und mit einem Grashalme spielen konnte von Mittag bis Abend. Er hatte dann auch wirklich gar nichts gedacht. Oder alles war nur flüchtig hingegangen vor seinen Augen. Manchmal auch ein Hohnlachen über sich selber, wenn er an Verenas fromme, blonde Jugend dachte und nicht wußte, ob sie ihn je mit ihren klaren, grauen Augen angesehen. Er träumte wahrhaftig jetzt nicht, wie der Künstler träumte, schnell nur hin zu laufen und die Träume in Farben einzufangen. Er träumte fortwährend die einzige, wirkliche Welt der Einsamkeit vor sich, die Ruhe darin in der Weite der Grasflur, die eine lautlose Welt, und sein Leben darin mit Verena.

Denn Einhart sah Verena Tag und Nacht. Er sah sie fortwährend mit Augen vor sich. Er sah sie in lichter, fließender Schlankheit mit der verspäteten Blume in Händen. Wie eine Liebende sah er sie. Wie eine Tätige sah er sie. Und seine Augen und Sinne schufen sich ewig eine lange Geschichte Lebens und Wanderns mit ihr. Dann lachten seine Augen und sein Mund hell in die Lüfte, ehe sie zu sich kamen, wenn er Verena gegen die tiefen, reinen Lufträume der Steppe mit einem Kinde im Arm hatte aufragen sehen.

Unbegreifliche, jähe Kraft der Einbildung, die Einhart im Leben immer geübt. Jetzt kam diese Kraft zum ersten Male mit eisernem Zwange und wollte das eigene Leben aus sich erfüllen und bemeistern.

Er lächelte gütig, wenn er merkte, daß er einen ganzen Tag so hingebracht. Und daß auch im Dunkel seines nächtigen Zimmers im Schlosse, wenn er nur einmal aus Träumen von Verena die Augen aufschlagen würde, ihr Lichtbild, ihr schmales, strenges Oval kühl und sanft im Dämmer schweben würde.

Und Einhart erschrak buchstäblich, wenn die Zeit ihm wie einem verliebten Jüngling verstrichen war. Also, daß die weiten Herden sich in der Ferne längst umeinandergedrängt hatten, und er die Welt noch kaum grau in grau verschwinden sah.

Aber er saß und saß doch weiter auf der Hürde, fühlte den Ätherhimmel wie eine wasserklare Wölbung hoch über sich, und den Streifen Erde darunter ohne Maß und Grenzen. Fühlte sich hoffnungslos kühl umfächelt und umflüstert in der stillen Grasflur, darin noch Verenas dämmernde Gestalt wehte, die seine Seele ewig in die Einsamkeit schuf. Und versank neu ratlos in die tiefste Erstorbenheit der Steppennacht.

An einem solchen Tage, den er nicht heimgekommen, war es, daß er erst spät zernagt erwachte und sich mit Leide besann. Die Gräfin Schleh hatte ihn ausdrücklich herzlich gebeten, zu kommen, weil sie noch einmal ein kleines Fest im Schlosse veranstaltet und Gäste aus der Nachbarschaft, auch Renaulds und Verena gebeten hätte. Aber wie er nun war. Er ging nicht. Er ermannte sich nicht. Er saß auf der Tränkrinne, von den Mäulern längst verlassen, die vor einer Stunde und mehr um ihn geschnobert, und dachte nur, daß sie im Schlosse mit ihrem Feste allein fertig werden müßten.

Und er gab sich um so inniger der kühl hereinbrechenden Stummheit hin, weil er sein heißes Begehren noch einmal wie ferne klagen hörte mit dem schrillen Schreie des Brachvogels, und untersinken nur noch wie Schatten der Dinge, die allmählich im Raume zerflossen.

So war die Nacht hereingebrochen.

Der alte, in einen umgekehrten Schafpelz gehüllte Hirte war zu ihm getreten und wies in die Ferne, wo ein bleicher Schein blinkte, und die schwarzen Silhouetten einzelner Tiere sich gegen ein kleines Feuer erhoben.

Da hörte auch Einhart, daß fröhliche Musik herklang, Zigeunermusik, schluchzende Weisen, weit herübergetragen. Denn sie waren dem Dorfe und Parke fern. Die Weisen verklangen über die graue Ebene unter dem blaßgoldenen Nachtschein.

Es war eine Sehnsucht in den Lüften. Es ging eine Sehnsucht in den Gräsern. Es ging jetzt eine nagende Sehnsucht aus Einhart.

Er lauschte. Er machte lautlose Schritte. Er ging in der grauen Dämmernacht hin, nachdem er dem Graubart mit tiefen, sicheren Blicken Lebewohl gesagt. Schritt getrieben von den Tönen, die vom Schlosse kamen. Eilte. Hörte die Geigenklänge. Hörte das Cymbal durch Baum und Büsche herübersingen. Sah die gotischen, hohen Fenster des Saales durch die Bäume herüberleuchten. Und trat über Stufen hastig dem Fenster nahe.

Man tanzte. Man war heiter. Alle waren festlich und heiter. Auch Verena. Die Zigeuner, die in einer Nebentür des Saales um den Tisch mit dem Cymbal postiert waren, spielten neu. Verena schwebte mit dem Grafen Karol, allen voran, in die Runde der Frohen.

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