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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 65
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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11

Es waren Tage vergangen. Und es war ein lieblicher Tag gekommen nach Sturm und Regen. Die Bäume waren noch vollends astkahl geworden, und das Laub häufte sich in den Gartenwegen. Einige Astern blühten noch in den Beeten, die ziemlich gezaust aussahen. Die Sonnengespinste in der Luft hatten goldene Wärme.

Die Renaulds mit Verena waren wieder zu Besuch auf dem Schlosse der alten Gräfin. Verena sah rosig und reizend aus. Sie trug ein Barett und einen ganz schlichten Sammetpelz, den sie wie einen Husarenmantel leicht auf die Schulter hing, als man im Parke spazierte.

An diesem Abend war man in den Musiksaal des Schlosses gegangen, weil einige der jungen Mädchen gewünscht hatten, Musik zu hören. Ein weiter Raum mit freier Wölbung, also daß die Töne des Klaviers darin voll Wohlklang sangen und wie aus einer tiefen Seele kamen.

Alle hatten sich gleich an die Wände verteilt und saßen in Ecken und Winkel gelehnt und versunken. Weil Verena sich unerwartet ans Klavier gesetzt hatte, wo ihre mattgraue Robe allein noch rieselte.

Sie begann einige Baßtöne anzuschlagen, die im Raume tief surrten. Alle horchten wie erstaunt und beglückt.

Aber sie war unentschlossen. Dann begann sie ein Kinderlied.

Einhart horchte. Der Klang der Stimme allein sang ihm schon ein Schicksal vor. Es klang nicht zerbrochen. Es hallte wie eine Überwindung. Der Ton war anfangs ängstlich und zögernd im Vorwärtsgange. Aber Verena sang durch die leisen Kümmernisse, die sie zurückhalten wollten, sich ganz und gar zu einer freien Feier.

Einhart saß gleich und zerriß sich den Sinn nach diesem Klange, der ihn umspann, wie aus Harfenlauten und Vogelstimmen gemischt. Ein jeder Hall beladen mit einem frommen Geheimnis, das leise hinschwebt. Ein jeder auch ein Zauberstab, dem Auge Gärten voll Blumen zu wecken und seiner tiefsten Begehrung letztes Gefühl. Es deuchte auch Einhart, als kämen die Töne wie Friedenstauben, hinausgeflogen, zu suchen, wo sie in den weiten Wassern eine Stätte fänden.

Wer Einhart kannte, mußte wissen, daß er allmählich dasaß, als wenn es seine Seele selber wäre, die den Raum mit tausend dunklen und hellen Gewalten ausfüllte. Manchmal schienen die Töne, wie wenn Sturmvögel ihr Lied schrien im Gewitter. Manchmal schien der Raum sich tief zu verdunkeln vor Einharts Augen, daß er sich ermannen mußte.

Große Rätselkelche graufleckiger Lilien ragten im Dämmer von einem blanken Marmortische, verbreiteten einen betäubenden Duft im Saale und schienen mit zu leben ein stummes, nie verratenes Lebensgeheimnis.

Verena sang und sang mit einer zärtlichen, stillen, selbstvergessenen Leidenschaft. Sie sang Lied um Lied. Sie sah aus wie ein musizierender Engel, von Meisterhand hingebildet, aber mit einer Seele, die sich wirklich regte und mit einem roten Munde, der selber Musik war.

Und Verena sang und sang. Und je mehr sie sang, desto reicher gewannen ihre Augen und Mienen den Ausdruck einer lichten, reifen Kraft, einer tiefen Zuneigung zu den Visionen ihrer Tongestalten. Daß sie allmählich völlig vergaß, wer um sie war. Daß nur ihr Blick manchmal noch den gütigen Blick Einharts berührte, wie wenn sie sein reiches Leben mit ihrer Seele flüchtig grüßen wollte, und auch wecken, und nicht binden.

Ihre leisen Töne hauchten im Raume wie verwehende Gespinste. Ihre Tiefen klangen wie harte Sprüche der Parze manchmal. Oder wie ein Echo in Gründen. Ihre schluchzenden Melodiengänge waren Nachtigallen im südlichen Morgengeäst.

Wie alle versunken waren und nicht erwachten!

Auch Verena erwachte nicht aus dem Fest der Seele. Zart ist das Zarte dieser Welt. Süß und köstlich. Es muß immer schweben. Es ist nie auf der Erde. Hat nicht Fuß und hat nur Halt in der eigenen Wonne.

Verena hatte dann nach Santuzzas Liebesklage plötzlich geschwiegen.

Sie stand da und sah sich scheu um. Sie lächelte zur alten Gräfin hinüber, die mit einer Träne im Auge zu ihr trat und ihr leise die heiße Wange strich.

Verena sah in den Dämmerraum wie geblendet. Und sie errötete, weil alle noch wie im Banne gehalten sich nicht rührten. Und weil auch Einhart dasaß, die Hand auf die Augen gepreßt, und nicht zu erreichen war.

An diesem Abend wagte Einhart nicht mehr, Verena sich zu nahen.

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