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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 64
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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10

Wer wohl begriff, was in Verena so zärtlich aufquoll, als die alte Gräfin Schleh mit Einhart und dem übrigen Besuche durch die hohe Allee des Schloßgartens hinausgefahren. Als nur die alte Baronin mit dem blinzelnden Auge und die liebende Komtesse Josepha noch um sie waren. Verena sah auf und lachte in die Abendluft, weil oben hoch ein Rüttelfalke mit zitternden Flügeln im Äther stand, nach Beute spähend. Verena sah lange hinauf ins Abendlicht, bis ihre Augen geblendet kleiner wurden, und war kindlich erschreckt, als das flüchtige Tier plötzlich in die Baumkronen niederschoß, und nur ein schrilles Gekreisch hörbar blieb.

Das Schloß lag in roter Glut. Die Fenster umrankte glühes Blattwerk. Verena schritt neben Komtesse Josepha und hing den Arm in den ihren.

Verena begann jetzt auch einige schwebende Töne zum ersten Male zu singen.

»O Verena!« sagte die junge Gräfin zu ihr. »Wie es klingt! Herrlich! Siehst du, du kannst es!« sagte sie nur. Sie wußte, wie oft Verena jeden Versuch, sie aus ihrer Trauer zu Tönen zu locken, immer noch bestimmt abgewehrt.

»Meinst du, daß ich es wieder können werde?« sagte Verena nur, und sah in die weite Wiese hinein, wohinter in der Ferne ein weißer Tempel an einem Schilfwasser ragte, davor mitten eine große, weiße Vase sich aus der Flut erhob.

Und Verena sang gleich noch eine kleine Kadenz, lachte in die Luft und hatte den Abendglanz in ihren tiefen, grauen Augen leuchten.

»O Verena! wie du wunderbar aussiehst, wenn du so aufblickst,« sagte die junge Gräfin, als sie jetzt merkte, daß Verena eine zärtliche Heiterkeit kaum bemeisterte.

Man schritt einen Augenblick stumm.

Die alte Baronin achtete nicht groß auf die unsichtbaren Geister, die im Abendglühen rings und in Auge und Seele der neben ihr schreitenden jungfräulichen Frauen umgingen. Sie war an einem Asternbeet stehengeblieben, besah umständlich die bunten Blumen, nur um etwas auch dabei mitzutun, und brach eine blaue Aster, die sie Verena reichte.

Aber Verena sah sich die Blume lange erst kindlich an, stand still und redete dann zu der Blume, als wenn niemand um sie wäre.

»Ach, du bist es, Liebe!« sagte sie. »Solche düstere Blume paßt wohl nicht mehr an mein Herz,« sagte sie dann bestimmt. Und dann redete sie ganz ernst und sich sichtlich besinnend.

»Nur blaue Astern schmückten meines Vaters Sterbezimmer,« sagte sie dann. »Er hatte nie sonst im Leben Blumen angesehen. Nur erst als man ihn in seiner letzten Krankheit in Kissen in den Park gebettet und er so lange still für sich dasaß. Da hatte er zum ersten Male im Leben Blumen geachtet. Diese da. Er hatte sie zu lieben begonnen. Deshalb befahl Mutter, daß man ihn im Tode damit schmücken sollte.«

Die alte Baronin war richtig erschrocken, daß sie so fehlgegriffen und wartete lange, ehe die frohe Laune, die sie verscheucht, in das lässige, stille Abendwandeln zurückkehrte.

Dann war die Baronin im voraus ins Schloß zurückgekehrt.

Im Schloßgarten, dort, wo man von der Landstraße in den Park hineinsah, hatte die junge Gräfin ein eichenes Kruzifix für die Wanderer, die vorbeigingen, errichten lassen. Jeden Tag des Jahres kniete sie zu Ave dort und legte der Jungfrau einen Strauß Blumen nieder. Jetzt knieten Verena und Josepha im Abendlichte vor dem kleinen Holzbilde und schauten verträumt zur Jungfrau empor und beteten ein kindliches Gebet, eine jener süßen Weisen, die nichts wollen, als sich nach goldenen Früchten recken, oder gar gläubig selig nach Mond und Sternen, sprechend: Gib mir den Mond! Gib mir die Sterne! Gib mir das Reinste! Indes Baum und Strauch um sie in der Runde flüsterten.

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