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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 63
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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9

Tage nachher war man beim Landmarschall, dem Grafen Renauld, zur Tafel.

Einhart sah hier Verena wieder, die heute in lichten Gewändern kam.

Hier ging von Anfang an eine fröhliche Laune durch die hohen, reichen Räume.

Der alte, zausbärtige Schloßherr, ein frischer, leidenschaftlicher Mensch, der jeden Eintretenden eine Weile mit zutunlichen Worten in Beschlag nahm, hatte besonders Einhart laut hofierend angesprochen. Und er war dann auch nicht mehr von seiner Seite gegangen, hatte ihn heiter plaudernd und lachend einige Säle im Schlosse weitergeführt, und hatte ihm dort herrliche Sammlungen von japanischen Altertümern, persische antike Porzellane und die kostbarsten Möbelstücke altorientalischer, eingelegter Arbeit, wahrhaft königliche Besitztümer, einzeln vors Auge gehalten und erklärt.

Aber auch bei Tisch waren alle voll Laune. Auch Verena, die in ihren hellen, blaßgrünen Falbeln und mit der dunklen Perle mitten auf der Stirn, die an einem Goldkettchen hing, wie eine liebliche Heilige von Perugino dasaß. Es schien, als wenn auch sie nur eine arglose Teilnehmerin zu erscheinen wünschte. Sie sprach, ein wenig scheu, einige Male freundlich über den Tisch herüber. Was Komtesse Josepha unabsichtlich flüchtig lächeln machte, weil Verena dabei in richtiger, weltlicher Teilnahme redete.

Man sprach während der Tafel viel von den Künsten. Der alte, graubärtige Schloßherr hatte Einhart dazu ausdrücklich angeregt. Und weil Einhart gleich mit heimlicher Entzückung die Nähe der lichten Verena gefühlt, redete er froh mit versunkener, zögernder Frische, lächelte dann und wann mit seinen funklen Augen den oder jenen absichtslos an und sah oft wie zufällig zu Verena hinüber, die mit mildem Eifer seinen Worten zuhörte.

Einhart redete mit viel Wärme kluge Worte.

»Jeder Künstler, nein, ein jeder von uns«, sagte er lebhaft, »sollte eigentlich immer noch ein Kind sein.«

»Wohl dem, der ein Kind bleibt sein lebelang,« sagte er danach, weil sich sein Blick in Verenas jungfräulicher Schmäle eine Weile wie verfangen.

»Davon ganz abgesehen!« verbesserte er sich dann schnell, wie er es merkte, daß er in die Irre ging. »Vor einer höheren Macht sind wir ja alle immer Kinder,« sagte er lachend. »Ich wollte nur sagen: zuerst kommt die Meisterschaft des Meisters, der den Schüler vorwärts führt. Mag der Meister nun ein Mensch oder die Natur selber sein.«

»Aber von dem Meister muß der sich befreien,« sagte er nachdrücklich, »der ein Meister werden will. Von der Natur sich befreien! Die Natur zum Eigentum seiner selbst überwinden! Ja! Das taten alle Großen. Da redet erst das Innerste, was in uns selber redet. Dem müssen wir ganz untertan werden. Es zur Sprache bringen, das ist die Meistersprache.«

»Mit dieser Sprache verstehen sich die Großen aller Zeiten,« redete er sanftmütig zu Verena hinüber. »Sie reden aus einem heimlichen Reiche, daraus wir wohl alle ausgetrieben sind. Eine Art Heimat.«

»Das ist dann Heimatkunst,« sagte er lachend.

»So kommt es mir wenigstens manchmal vor,« gab er noch ein wenig kleinlauter hinzu, weil er die Augen Verenas zärtlich auf sich gerichtet gesehen ohne Absicht. Er wußte nicht sonst groß, was er geredet. Er redete mit schwärmerischem Tone. Sein Auge konnte dabei aufblitzen. Und an der Tafel herumwandern von dem zu jenem. Manchmal ging es wie das Auge eines gütigen Vaters über die aschblonde Junge hin, immer sie wie im Zwange fast demütig bittend um ihre Fröhlichkeit. Und Verena saß allmählich ganz frohmütig, indes Einhart erzählte und sich heimlich verzehrte nach ihrem Anblick, wenn ihm auch nur der volle Strauß großer, gelber und rosa Chrysanthemen, der mitten im Licht der Tafel ragte, ihren Anblick für Augenblicke entzog.

Verena ließ dann ihren Hut in der Vorhalle des Schlosses liegen und lief, wie die jungen Komtessen, mit hinaus auf die Pferdeweiden. Sie hatte eine scheue, kindliche Heiterkeit. Einhart suchte wie absichtslos ihre Nähe und behandelte sie mit sanfter, fast zärtlicher Achtung.

Verena vergaß sich ganz. Auch in die andern war ihre Heiterkeit eingegangen. Man begann sich zu haschen. Beinahe wäre Verena mitgesprungen. Sie besann sich zu rechter Zeit und war dann ein wenig verlegen.

»Wie sie alle froh sind!« sagte sie nur zur alten Gräfin Schleh gewandt, die neben ihr auf dem Parkwege hinschritt.

Man schritt über welke Wiesen. Verena brach einige verspätete Blumen und lachte fröhlich für sich.

Einhart ging der alten Gräfin zur Linken. Ihm gingen beim Schreiten heimlich Melodien mit. Es schritt sich herrlich in den losen Herbstschatten und weiter hinaus.

Man wanderte über die Weiden.

Ein alter, struppbärtiger Hirte kam herangesprengt und zog seinen vergilbten Filzhut nieder, den er vor die Brust hielt, daß die roten Bänder daran flatterten.

Der Hirte gab weise Antworten auf drolliges Fragen.

Die Tiere kamen heran, junge, scheue Stuten, die um die Tränke standen und äugten.

Ein paar graue Wollköter spannten auf den Hirten, den strengen Herrn der Steppe, der auf dem flattermähnigen, heißen, braunen Hengsttiere herangestrichen. Der jetzt das lose, unbändige Tier noch immer fest in Stricken hielt. Bis er ihm dann plötzlich neu die Freiheit gab, um selber ein ganzes Rudel Füllen um die vornehmen Ankömmlinge heranzutreiben.

Sonne! Sonne! Steppenerde! Himmel klar und tief! Lose Tiere auf weicher Grasflur weit in die Ferne! Vögel, die hinziehen im Grenzenlosen!

Man schritt ohne Rücksicht.

Die jungen Komtessen hatten sich unter die Füllen verstreut mit einigen der jungen Herren zusammen. Man schlug in die Hände. Man lockte mit Grasbüscheln, die man abgerissen, bis eines oder das andere der Tiere laut schnaubend langsam herangekommen.

Die alte Gräfin Schleh wandelte achtlos mit dem zausbärtigen Schloßherrn in tiefer Zwiesprache.

Verena stand einsam neben Einhart. Schlank aufgerichtet. Ihr lichter Kopf wie in silbernen Schimmern gegen die Ferne. Ihre Augen lächelten. Einhart sah hinaus, als wenn er es sehnsüchtig erspähen müßte und keine Grenzen sähe.

Einhart stand lange so stumm. Etwas in seinem Blute begann sich zu regen, daß er tiefer atmen mußte, um sich dagegen zu betören.

Er fühlte jetzt Verena neben sich schreiten und neben sich ragen in der Freiheit. Es war jetzt wie eine jähe Gewalt aufgekommen. Er begann Seltsamkeiten zu reden mit einem zitternden Tone, als wenn er sänge. Er sprach von den weiten Toren, die hier hinausführten aus aller Trauer und allem Herkommen. Von den kleinlichen, engen Bestimmungen und Zwecken, die die Menschenseele ewig verkümmerten. Er pries ein Leben ohne Ziel, wie jene losen Lüfte es lebten, die mit goldenen Halmen vor ihnen hintändelten. Er sah dem reitenden Hirten nach und der scheuen, sonnengebräunten Hirtin, die ferne hinschritt. Er pries ein Leben ohne Namen und ohne Grenzen, so auf Pferdes Rücken hin, frei und im Gefühle der Kraft, stolz das Weib seiner Liebe zu behüten und am Herzen des Weibes im Zelte auszuruhen.

Seine Worte klangen wie helle Rufe, und als wenn er am liebsten sich hingeworfen, den Boden der Steppe mit der Stirn zu berühren in Inbrunst.

Verena stand neben Einhart. Sie war kindlich erstaunt in ihrer scheuen Fröhlichkeit. Weil sie die Glut in Einhart lohen sah. Die verzückten Worte seiner Rede hatten sie noch mehr aufgeweckt.

Als sie dann beide wieder unter die übrige Gesellschaft traten, und man dem Schlosse langsam zuwandelte, war Einhart ganz für sich neben ihr.

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