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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 61
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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7

Einharts Art zu erleben war in diesen ersten Tagen wie immer heiß und sonderbar. Die erste Nacht im Schlosse konnte er lange keine Ruhe finden. Es war eine stille, ziemlich dunkle Reifnacht, darin die Zweige von der Kälte knickten und fielen. Er hatte lange am Fenster gestanden und in die unbestimmten Dämmer auf den grauen Wiesen hineingesehen. Die Sterne waren spitz und klein und gaben nur wenig Schein auf die Erde.

Und Einharts treibende Erinnerungen kamen in ihm auf und trieben hin mit zerfließenden Säumen leicht wie Nebelfrauen. Er sehnte sich. Er begann unbestimmt nach etwas zu trachten und dachte an dies und das, was vergangen war mit Sturmeseile und zerschellt, wie ein bekränztes Boot an einer Nebelklippe.

Das Schloß lag in tiefer Stummheit. Da, hinter den hohen Bäumen, die wie Schattenkuppeln hoch ragten, dehnte sich ins Ungewisse die lautlose Steppe, von seinem Auge jetzt ungesehen. Und doch seinem Lauschen ganz nahe. Daß sie in seinem Blute wie der ewige Ton einer Muschel sang und summte von der Freiheit, die dort gebreitet lag.

Und in Einharts Auge, das sich halbschließend ein Spiel machte, zu träumen, stiegen die Dunkelheiten in Gestalt auf und schwanden langsam vorüber.

Einhart stand am offenen Fenster, darein der Nachthauch quoll und wie ein Ruch von verwelkendem Laube.

Er fühlte auch, daß er ein wenig fröstelte.

Aber die dunkle Nacht, in die er ganz für sich sengend hineinsah, hatte tausend Gesichter. Da kamen viele, die gestorben waren und verweht. Warum kamen sie in dieser Stunde? Da kam allerlei springendes Volk, und verhuschend schienen die Glanzlichter kindlicher Blicke vorüberzuziehen.

Seiner Mutter heißes Augenfeuer begann lange wie ein Stern im Dunkel vor ihm zu brennen.

Einhart hatte wohl nie im Leben geweint. Er hätte jetzt vielleicht zum erstenmal eine Träne gehabt, wenn nicht sein Auge sich gleich dem wirklichen Nachtbilde draußen noch weiter aufgetan.

Draußen fielen im Scheine des Lichtes, das von hinter ihm in die hohen Kronen der Weymutskiefern blassen Glanz warf, einige blinkende Zweige nieder, und es klang wie zerbrochen. Der knickende Laut weckte ihn einen Augenblick aus seiner tiefen, traumumfangenen Erstarrung.

Warum er nur so unruhvoll umfangen war von Vergangenem?

Er hatte sich mit einem wahren Herzenshunger zu sehnen angefangen.

Es waren alles Ungewißheiten, wie oft bei Einhart. Es waren Träume, die leibhaftig aufwuchsen. Es waren Visionen, die ihn jetzt plötzlich zu zerreißen begannen.

Alles Vergangene lebt wer weiß wo in einem fernen Reiche immer lebendig und kann wohl in Stunden der Qual oder der Ahnung wie ein Reigen uns umtanzen und uns bedrängen.

Einhart sann nach. Da standen auch aufrecht manche Menschen, die er nie gekannt. Deutliche, klare Gesichter unter denen, die ihm einmal nahe gewesen. Das Gesicht eines alten Schiffermannes hob sich vor ihm aus der Dämmerung so hell im Nachtgewirr, daß er wie gebannt dem großen, klaren Auge wie in den Grund sah.

Einhart konnte gar nicht der Gedankenspiele Herr werden. Er kannte das Gesicht nicht, das vor ihm gestanden und das jetzt vergangen war mit Blitzesschnelle. Als wenn man es plötzlich wie ein Licht ausgelöscht. Dann besann er sich, weil er immer noch den Mund sprechen hörte von Sehnsucht.

Etwas war jetzt in ihm nur brennende Sehnsucht.

Er dachte zurück an Johanna. Etwas war damals Erfüllung gewesen, redete es in ihm, und war doch nicht erlöst worden.

Johannas Wesen wehte wie eine treibende Minne mit langen Flören um ihn. Wie ein dunkler, unheimlicher Nachtvogel, wie eine grenzenlose Schwermut. Daß Einharts Herz sich wie im Krämpfe zerpreßte, und er unversehens wie gescheucht vom Fenster zurücksprang, von dem schwarzen Flügelaste der Weymutskiefer angerührt, der zufällig gegen das Fenster griff.

Oh! Daß er jetzt wußte, warum sich seine Seele in der dunklen Nacht ganz vereinsamt und tief versunken zu härmen begonnen.

Jene Frau in Flören war nicht Johanna. Johanna war eine Sanfte, eine zärtliche Blüte, eine Ahnungslose, eine kleine, liebende Seele, eine, in der im Wunder des eigenen Daseins die Goldsäume der Liebe flüchtig um die Dinge gegangen. Die nichts gewollt, als eine andere Seele suchen und finden, und nichts begehrte aus ihrer eigenen Brunnentiefe. Johanna war wie ein kleiner Lerchenvogel ins Blaue emporgeschnellt, hatte beglückt auf einem Himmelsflecke stillgestanden, in jedem Morgen neu die Welt lieblich besingend. Und doch auch mit der heimlichen Wunde, die wer weiß welche Sehnsucht der Seele eingebrannt.

Aber das Bild Johannas stand gar nicht vor Einharts Augen. Verena hieß die Frau in schwarzen Floren. Verena zog in der Nacht über die Baumhäupter. Zog in der Reifkälte wie eine dunkle Trauer hin. Zog jetzt in tiefer Stummheit in ihren weiten Mantel gehüllt. Trug eine Seele hin. Trug und herzte sie, wie eine Mutter ein Kindlein herzt. Trug eines Mannes enttäuschte Seele klagend empor an ihrer Brust.

Einhart war von der Vision völlig erregt und erschüttert.

Jetzt begann er zu fühlen, daß sein Herz eines weichen Mantels bedurfte, darein man es hülle, damit es noch einmal rätselgebunden und selig gleichermaßen emporschwebe. Damit es noch einmal ganz aus der Tiefe neu zu leben beginne.

Einhart war so hingenommen von dem aufquellenden Verlangen nach dieser Vision, daß er die Augen wie im Fieber weit aufgerissen, daß er wie im Traumschrecken beinahe laut gerufen hätte, daß er sich sehnte, wie ein Wahnwitziger, wie ein Hungernder, und in einem wahren Herztumulte dastand.

Er war dann ganz erwacht. Er war langsam zu sich gekommen und lächelte. Es waren alles nur Gänge der eigenen Traumerregung, die mit dem wunderlichen Tiefklang kamen und gingen.

Draußen lag die Nacht noch immer stumm. Es lockte ihn sich zu kühlen. Er ging durch die matterleuchteten Korridore und ließ sich von einem wachenden Diener das große Schloßportal auftun, um in den blassen Nachtschein zu treten.

So ging er hin.

Im Teiche tanzte ein Stern in den Kräuselungen, die ein kaum spürbarer Hauch auftrieb. Die Schwäne wie kaum sichtbare, graue Schemen strichen heran und quiekten leise klagend.

Einhart hatte die Düsternis von sich getan. Er ging sichern Schrittes und hörte seine knirschenden Tritte. Und lief im weiten Bogen des grauen Kiesweges hin, bis wo noch im Abendschein Verena gesessen.

Auf der Terrasse stand noch der Stuhl, und lag ein dunkles Spitzentuch über seiner Lehne. Offenbar hatte es Verena vergessen. Es duftete wie ein Hauch von ihrem Leben. Und wie eine fremde Blume schien ihren Atem in die Nacht zu geben.

Einhart hatte sich in einer leidenschaftlichen Vertiefung in den Stuhl niedergesetzt, worauf er am Nachmittage Verena gegenüber gesessen. Nun saß er und saß.

Er kämpfte vergeblich gegen seine Gesichte. Kämpfte vergeblich gegen die wache Inbrunst seiner Träum« ...

Ein Wächter, der im Morgengrauen an der Terrasse beobachtend vorüberging, fand dann Einhart dort in dem großen Korbstuhl ganz erstarrt eingeschlafen.

Wie ein Hund seinem Herrn auf der Spur folgt und auf seinem Grabe sich zu Tode verzehrt nach seiner Seele und verhungert, so war es über Einhart gekommen. Daß er erst im Morgenlichte alles ganz vergaß, als er sich endlich in seinem Bette befand, einige Stunden ruhig eingeschlafen und von weiten Ebenen träumend, darin er mit irgendeiner fremden Frau hinschritt.

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