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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 6
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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Die Realschule der Stadt lag an einem im Mittel gebreiteten Geschäftsplatze. Ein dreistöckiges, rotes Gebäude, drohte sie mit mächtiger, langweiliger, fensterreicher Fassade, wenn Einhart, seinen bücherquellenden Tornister schief auf die Hüfte gestemmt, um die Ecke des kleinen Nebenweges von der Promenade her einbog. Drohen oder auch locken kann man sagen. Weil alle Dinge in der Welt, in der Einhart lebte, für ihn solchen Doppelsinn hatten. Diese breite, gespreizte, rote Hauswand machte ihn manchmal gerade so ferne lachen, als wie sein strähnhaariges, gelbgraues Gesicht ein plötzliches Lächeln nicht unterdrücken konnte, wenn der Herr Geheimrat mit ganzer Würde und Positur und mit allerlei ergründenden Abwandlungen ihm streng mahnend dieselbe Schlußzeile durch die Ohren zog wie den Putzer durch den Zylinder: »Werde etwas Tüchtiges! – Der Mensch muß etwas Tüchtiges sein! – Jeder muß ein würdiges Mitglied der Menschengesellschaft werden! – Werde meinethalben Schuster oder Schneider. Das fände ich zwar nicht übermäßig ehrend in der Stellung, die ich erklommen. Aber trotzdem! – Nur werde etwas Tüchtiges! In jedem Amte und Berufe kann man seine Tüchtigkeit zeigen. Und das macht den Mann.«

Einhart mußte dann, wie gesagt, oft unversehens lächeln. Es kam ihm plötzlich manchmal der alte Herr mit dem vollen, grauen Schnurrbart und dem strengbewegten Munde, mit der befehlenden Geste, die sofort in die ganze Steifheit des gehaltenen Ernstes zurücksank, wenn er im ratlosen Gefühle auf dem weichen Teppich auf und abwogte, derart liebevoll komisch und Mitleid erregend vor, das, was der Vater würdiges Mitglied der Menschengesellschaft und ehrend nannte, so ungreifbar ferne und matt und grau, daß Einhart in seinem plötzlichen Zwang, womöglich rund hinauszulachen mit Zärtlichkeit, eine vollkommene Einfalt in seine Züge bekam, und Herr Selle dann jedesmal dachte, daß er es mit einem unheilbaren Toren zu tun hätte.

Einhart stand dann oft ewig wie angewurzelt. Er drehte ohn' Unterlaß an seinem Jackenzipfel herum. Das gutmütige Schalkslachen drückte die dunklen Brandaugen klein und gab ihnen eine seltsame Verschlagenheit, die sich den Tag über kaum noch löste. Daß auch Frau Selle selbst, wenn sie ihn endlich sanft weckte, sich flüchtig ärgern konnte über den schlauen Ausdruck, der durchaus nicht nach Reue aussah, nur mehr nach toller Laune, die unter der einfältigen Armensündergrimasse aufflammen gewollt und doch nur heimlich umgegangen war. Das machte Kopf und Auge und Ohr und das Blut und die Muskeln und die Nerven, die Einhart hießen. Zucken und Jucken tat manchmal das alles, gleich wie über sich selber hinwegzuspringen. Die Augen zudem, wenn sie sich schlossen, sanken sehend in Purpurfelder. Und in den Ohren klangen lustige Sprüche und Pfiffe. Nun gar jetzt, wo er dem flämischen Breitmaul Schule entgegenging und in die großen hundert Augen, in die Fenster, seine lustigen Blicke flüchtig hinaufwarf.

Eben war man im Begriff, die Fenster allenthalben oben und unten zu schließen, weil Einhart, wie immer, im letzten Augenblick um die Ecke stob. Im ersten Stockwerk hockte ein blonder, großer Bengel im Fenster, der sich weit hinausbog und ihm winkte und zuschrie. Man sah auch, daß sich der Blonde wohllaunig in die Klasse zurückgewendet, und hatte ein Hallo verklingen hören, als sich das Fenster vollends schloß.

Einhart war immer prickelnd erwartet. Ein rechter Faxenmacher unter den durcheinanderlümmelnden Knabengesichtern, und wie ein Strohhalm manchmal, der im Winde herumhupft. In der Klasse konnte man ohne ihn mit den Freipausen nicht fertig werden. Wenn er am Türpfosten nach dem Korridor lehnte, hatte er gleich allerlei Zuhörer. Er erzählte die widersinnigsten Späße in wirren Märchenformen, wo er Väter und Alte in Bären oder Steine, und Kinder in weise Könige verwandelte durch Zaubermittel, und sich selber einen Narren nannte, dem alles in der Welt auf den Kopf gestellt deuchte.

Einmal benahm er sich auch, als wenn er sich als ein richtiger Affe fühlte, langgliedrig und behende zugleich, so daß er seinen Schulgenossen dann ein ewiges Schauspiel Eines gab, der zum Klettern geboren wäre, allenthalben in hockender Stellung auf Fensterbrettern, Katheder oder gar Ofen saß und ihnen derart allerlei lockende Dinge von Urwäldern und Wanderungen an Schlingpflanzen und in den höchsten Wipfelräumen nachahmte. Dazu immer erzählend: »Etwas Tüchtiges! Nur etwas Tüchtiges!« sagte er dann. »Und wenn es ein Affe im Urwald ist, nur etwas Tüchtiges, das macht den Mann!« Eine Korona Knaben sah nur schon seine pfiffigen Mienen und lachte. Einige der bedächtigeren Schüler gaben nur seine Worte weiter und erlustigten sich an seinen Einfällen. Und alle wußten, daß er daheim ganz und gar nichts lernte, und lachten schon heimlich in dem Gefühle, wie dieser dunkle Fuchs dann vor dem langen, scharfen und schneidenden Ordinarius würde in lächelnde Einfalt einsinken, als ob er schon nicht mehr wüßte, was ein weißes Schneeglöckchen im Frühling wäre oder die hellerlichte Sonne? Aber es war doch auch des Geheimrates Sohn, eines Mannes, der bedeutende Karriere gemacht und sicherlich noch weiter zu Ehren aufging. Im Grunde saß man in der ganzen Lehrerschaft wie auf Kohlen. Nur gut, daß Einhart in der äußerlichen Körperlichkeit nicht zu sehr aus seiner Klasse herausgewachsen. Alle seine Mitschüler waren um Jahre jünger als er. Er hätte müssen wenigstens in Sekunda sein, und man erwartete jetzt nur vergeblich, ihn der Tertia einzuverleiben. Die Lehrer wünschten es dringend. Der Direktor war Herrn Selles Freund. Er erkundigte sich oft bei den Lehrern nach Einhart. Aber es war durchaus nie etwas anderes zu hören, als daß sie es mit einer unverbesserlichen Art Gaukelei und Trägheit, mit einer Verschlagenheit und Sanftheit gleichermaßen, die man gar nicht zu qualifizieren wußte, hier zu tun hätte.

Der Geheimrat hatte es schon erfahren, daß man auch jetzt noch wieder an eine Versetzung nicht recht glauben konnte. Er hatte sich sogar alles schon zurechtgelegt: »Wenn es jetzt nicht wird, kommt er in die Lehre. Dienen wird er nicht brauchen bei seiner Schwächlichkeit. Nun also! Da mag ihn ein strenger Handwerksmeister erziehen, wenn es in gebildeten Formen nicht gelingt,« hatte Herr Selle schon überlegt. Die Stimmung daheim war in diesen ganzen Wochen, solange Herr Geheimrat im Hause war, nicht übermäßig launig gewesen. Aber daß es so bunt kommen müßte, wie es jetzt kam, wäre niemand, weder dem Herrn Vater, noch den Lehrern je in die begriffsverblichenen, matten Sinne eingefahren.

Schon als Einhart heute in die Schule kam, hatte er etwas an sich, das die Mitschüler nicht kannten. Er sah durchaus nicht einfältig aus. Er sah aus, als wenn er aus einem langen Schlafe unversehens munter geworden. »Laßt mich in Ruh mit Albernheiten!« sagte er nur bestimmt, und seine Augen hatten ein strenges Feuer. In diesem Moment hätte man geradezu an den Blick des Geheimrates denken können. Obwohl aus dessen Blicken nie Zigeunertänze und schwüler Taumel auf Mondwiesen im heimlichen Schauen aufgeblitzt. Einhart war außerdem, als er kam, außermaßen bleichgelb, richtig verzehrt.

In der Stunde, die der alte Mädchenschulrektor, der hier am Gymnasium Schreibunterricht gab, leitete, sank Einhart tief in Schlaf und sank seinem Nebenmanne, der ihn nur jedesmal lächerlich ein wenig puffte, immer wieder auf die Schulter. Der alte Walk achtete nicht genau und mochte auch keine Prozeduren. Manchmal schlief er selber auf dem Katheder ein, wenn alle fünfzig Federn leise kritzelten. Er sagte dann auch gutmütig und zu eigner und anderer Entschuldigung: »Wie es so geht manchmal im Leben, jeder ist nicht immer zu jedem aufgelegt!« So schlief mancher noch mit.

Auch Einhart schlief also heute. Aber seltsam auch, daß sein Nebenmann lange auf sein bleiches, sanftgewordenes Gesicht sehen und wie ein fernes Entzücken mit diesen schmalen, bleichen Zügen empfinden mußte. Wie ein ferner, froher Traum lag drin. Eine liebliche Miene, ein Lachen, stumm und versunken, unter dunkelrandigen, geschlossenen Lidern.

Aber wie Einhart erwachte, versuchte er geschäftig zu blicken und kümmerte sich nicht um die Augen, die ihn rings komisch suchten. Eine fiebernde Unzufriedenheit regte sich in ihm. Schreiben jetzt war ihm unmöglich. Er malte Schnörkel auf die weiße Fläche, die er vor sich hatte, ohne Sinn. Aber dann drehte er den Bogen, daß der Nachbar gleich neugierig mit auf sein Blatt sah. Es war tiefe Stille in der Klassenstube, daß man nur manchmal ein einzelnes Aufatmen hörte in die Versunkenheit vor den kleinen, aus den Federn fließenden Tintenkringeln. Aber Einhart schrieb nicht. Er begann Gesichter mit Zottelhaaren hinzuzeichnen, einen ganzen, tollen Reigen, wilde, nackte Gestalten, daß der kleine Nebenmann, der ein blonder, sanfter Knabe war, wegsah und ein wenig errötete wider Willen. Einhart zeichnete mit schmutzigen Händen. Er war in die Schule gelaufen, noch ohne sich anders, als nur auf der Mutter Geheiß, eine reinliche Jacke anzuziehen. Durch die Haare war er sich ein paarmal mit den Fingern gefahren. Und er kümmerte sich um nichts, was vorging.

Auch wie der Rektor dann eine lange, moralische Rede über die Schrift begann. »Daß man aus der Schrift die Seele des Menschen ablesen könnte,« meinte er, »wäre eine Fabel. Aber ein gesitteter Mensch könnte sich doch schon in der Reinlichkeit des Papiers bekunden, in der Ordnung der Zeilen, in der Klarheit der Schriftzüge. Die Achtung vor den Gesetzen und dem Herkommen zeigte sich in der Schrift nicht minder. Deshalb lehrte man die Schrift. Nicht, daß man da Sonderbarkeiten recht ausprägte, so unleserlich schriebe wie möglich. Derartiges gefiel nur eitlen Narren. Einer wie der andere müsse es aussehen. Darum nenne man das eine Schreibstunde. Und ich bin euer Schreiblehrer.« Er schrieb selbst wie gestochen, und man konnte wirklich nicht wissen, ob er oder ein Rektor in einer Seestadt oder ein Schulmeister in Kospeda es geschrieben. Einhart hörte nur mit halbem Lächeln hin und dachte an das schmutzige Gesindel auf dem Plane, daß der alte, schwerfällige Walk auf ihn sah und ihn fragte: »Nun, Herr Selle, warum so lächerlich?«

»Ich freue mich über Ihre Lehren,« sagte Einhart ganz wie nebenbei, daß ein tolles Gelächter ausbrach, und der Rektor gleich mit sanfter Gebärde stillen wollte. »Nur ruhig! – nur ruhig!« sagte er selber halblaut und erschrocken, weil es der Direktor leicht hören konnte. »Selle weiß immer eine gute Antwort,« sagte er dann versöhnlich, ein wenig eitel. Dabei hielt er die Hand mit dem Lineal wie einen Palmenzweig des Friedens ausgestreckt vom Katheder, damit höchstens noch ein kleines Aufwallungslachen folgen konnte, das seiner Seele wohl tat.

Aber dann, als die Schuluhr schrill die Stunde geschlagen, und Walk umständlich hinaus war, überkam es Einhart, daß er eilig aufs Katheder stieg, ins Klassenbuch sah, um welche Stunden es sich noch handelte, und dann plötzlich ein tiefleidendes Gesicht schnitt. »Laßt mich in Ruh,« sagte er. »Ich habe wahnsinniges Zahnweh. Ich kann es bei Gott nicht lange so aushalten.« Er saß in der Bank und begann sich richtig zu krümmen wie ein Wurm. Viele lachten noch immer. Andere dachten schon an Ernst. Jedenfalls machte Einharts Miene durchaus Eindruck.

Der strenge Ordinarius, der die nächste Stunde gab, hatte sich beim Eintreten gar nicht umgesehen. Er begann mit dem Abhören der unregelmäßigen Verben. Dabei sah er wie zufällig, daß Einhart noch immer halb umgesunken in der Bank saß, und alle Blicke sich immer wieder dahin richteten.

»Was ist denn da los? Das ist wohl Selle? ... Selle! ... nun? was ist denn los?« Einhart antwortete noch immer nicht. Einige riefen: »Er ist krank.« Andere: »Er hat furchtbare Schmerzen.«

»Selle!« sagte der scharfe, schneidende Ton in einiger Weichheit mahnend. »Hast du mich gehört, Selle? was ist dir denn nun? du kannst doch so nicht sitzen,« sagte der gestrenge Herr fast schnarrend. »Entweder du bist fähig, dich aufrechtzuhalten, oder du mußt einfach dich scheren.« Einhart versuchte gehorsam, sich eine Weile emporzurichten. Aber dann begannen wie feine Schmerzlaute neu anzuheben aus ihm. Es schien wirklich schlimm.

»Wenn du derartige Gesichtsschmerzen hast, gehe nach Hause! Das ist ja nicht auszuhalten,« sagte der Ordinarius unwillig. Aber wie dann Selle aufrecht stand, die Sachen packte und zur Türe ging, sah der Lehrer auch, wie bleich und verzehrt Einhart war.

»Nun, da wünsche ich dir nur, daß du die Schmerzen bald los wirst! Ich kenne das« ... sagte er in einer mitleidigen Anwandlung. »Das ist ja wirklich nicht sehr angenehm.« Und Einhart war draußen.

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