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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 59
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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5

Der Sommer war für Einhart überreich an Arbeit hingegangen. Nachdem ihn erst die Frühlingsfeier eine flüchtige Weile untätig eingesponnen, und nachdem ihm dann die Ausstellung seiner neuen Bilder zum ersten Male eine erlesene Auszeichnung eingetragen, war er mit viel selbstvergessener Laune und Heiterkeit aufs Radieren verfallen, daß buchstäblich gar nicht für ihn daran zu denken gewesen, aufs Land oder an die See zu gehen.

Im Herbst noch zu rechter Zeit weckte ihn ein Brief der Gräfin Schleh zum Leben. Sie schrieb:

»Lieber Meister! Kommen Sie! Sie finden liebe Gäste. Auch teilnehmende Menschen in der Nachbarschaft. Traurige und Fröhliche! Und Völker von Rebhühnern sitzen im hohen Mais und streichen rauschend von dannen, wenn Sie nahe gehen. Früchte hängen im Obstgarten an den Bäumen. Feigen an den Spalieren. Und Jung und Alt hat den Glanz des Herbstes in den Augen, und goldene Fäden um Stirn und Wange oder in den Kleidern. Kommen Sie, lieber Meister Selle!«

Der Brief hatte Einhart lachen gemacht. Er hatte dann Finis unter das Blatt geschrieben, das er vor sich hatte, hatte auch noch um das Wort allerlei spielende Kinder und lachende Gesichter gezeichnet. Und dann befand er sich bald auf dem weißen Schlosse der Gräfin.

Die alte Dame empfing ihn in einem gewölbten Zimmer zu ebener Erde, darin die Wände einfach weiß getüncht und die behaglichen Möbelstücke mit dunklem Leder überzogen waren. Auch einige alte, bunte Stiche, Szenen aus dem Schäferleben darstellend, in dunklen Rahmen, erhöhten das Bild alteingesessener, friedsamer Beschaulichkeit.

Die alte, leicht verwachsene, sonngebräunte Gräfin war voller Güte. Sie saß in einem blaßseidenen, weiten Reifrock und griff nach einem Stabe, als sie sich von dem schweren Ledersessel aushob.

Ein gelbfleckiger, mächtiger Bernhardiner stand oder ging gutmütig neben ihr.

Die vornehme Frau sprach zu Einhart mit ihrer liebenswürdigsten Teilnahme, daß ihre kleinen, ausdrucksvollen Augen lachten und ihre feuchten, vollen Lippen lachten. Sie zeigte ihm auch gleich nur ganz nebenbei eine Sammlung edler Steine, die zufällig noch dastand, das Vermächtnis eines unverheirateten Sonderlings, köstliche, juwelische Dinge von hohem Werte, ein ganzer Kasten voll, in Seidenlager eingebettet ein jedes Stück, noch ungefaßte seltene Kleinodien aus aller Herren Ländern. Man trat auch gleich einen Augenblick auf die Terrasse hinaus, um in den Park und in die alten Silberkuppeln hundertjähriger Pappelbäume hineinzusehen.

Dann führte ihn die heitere Herrin, immer geschäftig plaudernd, durch das lichte, weite Treppenhaus, worin einige Diener herumstanden. Und an den eisengetriebenen Geländern hinauf in die oberen Zimmer und Säle. Auch durch den weiten Rundbau der großen Bibliothek führte sie ihn, zeigte und erklärte ihm dort zwei goldene, indische Götzenaltäre, die einander gegenüber an der Wand standen und die den heimlichen Ton einer liefen, leidenschaftlichen Andacht hineinzutragen schienen in die Stille und unter die Überfülle kostbarer, alter Bücherreihen an den hohen Wänden. Auch auf einzelne silberne Plaketten, die an dem blanken, braunen Eichengetäfel zwischen den mächtigen Pergamentrücken alter Handschriften angebracht waren, wies ihn die alte Dame sorglich hin.

Alles war für Einhalt nur ein erster Hauch von einem eigenen, selbstsicheren Leben in Macht und Schönheit.

Man war dabei schon wieder auf den steinernen Altan hinausgelangt, um den Blick über purpurrote Beetornamente hinüber auf eine weite Wiesenfläche des Parkes zu tun.

Bei Tafel saß man in einem lichten, geräumigen Saale, dessen Deckengewölbe und Wände nur ebenfalls ganz in Weiß mit leicht erhabenen, freien Blumengewinden verziert waren. Einhart hatte seinen Platz neben der Herrin des Schlosses. Sie zeichnete ihn aus, wo sie konnte. Einige junge Komtessen, die in helle Seiden gekleidet, warfen dann und wann prüfende Blicke auf den neu angekommenen, zigeunerischen Meister Einhart, der an dem ersten Tage nur zu den schelmischen Worten seiner lustigen, graugescheitsten Nachbarin und oft auch zu den Bemerkungen einer alten, gebrechlichen Exzellenz, eines Grundherrn der Nachbarschaft, der hier zu Besuch war, herzlich lächelte.

Sonst bequemte sich Einhart gar nicht, aus seiner Stillherauszugehen. Graf Karol, ein junger Abgeordneter, »einer der kühnsten Fahrer und Reiter im Lande«, wie die alte Gräfin Einhart zugeflüstert, hatte es ein paarmal versucht, Einhart aus seiner Stummheit herauszulocken. Auch Komtesse Helena, eine sehr muntere, junge Verwandte der Gräfin Schleh, die sehr große und sehr blaue Augen hatte, und eine leichtwogende Stimme, die auch unsäglich melodiös kicherte, hatte die Rede, die Graf Karol über die Kunst begonnen, fortzusetzen versucht.

Nichts war gelungen. Einhart war nun einmal unerwecklich geblieben, erfüllt von der köstlichen Reine und Kühle des Raumes. Er schmeckte und fühlte heimlich die atemlose Stille, mit der die reiche Dienerschaft in bunter Livree lautlos tätig um die Tafelnden umging. Sein lächelnder Blick ging zuweilen achtlos um den oder jenen, der am Tische saß. Einhart fühlte den Sonnenschein durch die hohen Bogenfenster über die vollen Purpurblumen hereingleiten, die in üppiger Silberschale mitten auf dem weißen Tafeltuch ragten, sah das süße Licht über köstliche Spitzen und Seiden und Federflaume, über junge, heitere Köpfe und zarte Schultern fließen und in den Kelchen und Schalen glutrot und weingolden funkeln und blinken.

Das alles war Meister Einhart einstweilen Ereignis genug, erfüllt und stumm zu sein.

Das Gespräch an der Tafel war schließlich über Einhart hinweggegangen. Man hatte von dem Bau einer Eisenbahn geredet, die für die Landschaft in Aussicht genommen. Und Graf Karol erörterte dann mit dem alten Burgherrn hin und her Vermutungen, die sie über die Besetzung einiger freigewordener, hoher Regierungsstellen wechselseitig hegten.

Nur einmal war plötzlich tiefe Ruhe eingetreten.

Das war, als die Diener das Wildgeflügel hereintrugen, und der alte, gebrechliche Burgherr, die Exzellenz, dazu ausdrücklich bemerkt hatte, daß ein alter Mann immer beim Essen sehr sorgfältig verfahren, aber daß er »beiläufig« beim Wildgeflügel um jeden Preis schweigen müsse. Es war danach wirklich eine tiefe Schweigsamkeit eingebrochen. Daß man die sorglichen Tritte der Diener leise gehört und dann ebenso schnell allgemein in ein herzliches Gelächter ausgebrochen war.

Und ein jeder an der Tafel hatte dann und wann und auch dabei den Meister Einhart flüchtig und verstohlen angesehen.

Als man nach Tisch auf den Terrassenvorsprung hinausgetreten, waren alle voll Güte gegen Einhart. Einhart trug ein volles Festgefühl in sich.

Man stand an eines Marmorschlosses besonnter, weißer Terrasse. Frische, bunte Blumengewinde hingen um die steinerne Brüstung und von den Pfeilern nieder. Die jungen, lieblichen Mädchen reichten in köstlichen Schalen den Tee. Komtesse Helena bediente Einhart, trug ihm selbst die silbernen Tabletten mit seinen Gebäcken zu und lächelte ihm zu mit Anmut.

Weithin in Sonne lag das Grün der Wiesen, ragten die uralten Pappelwipfel und warfen Riesenschatten in die Runde. Man saß bald unter den großen Schirmen, indes man den Tee einsog, die Sonne warm und stumm glühte, und der blaue Zigarettenduft sich träge in die Sonnenluft einspann.

Dann rollten Wagen auf dem schattigen Parkwege her.

Es gab eine verhaltene Bewegung unter denen, die am Tische saßen. Dann ein sanftes Begrüßen in die Ferne.

Die Jungen alle hatten sich erhoben und liefen vor die Schloßfront. Einhart mit der alten Gräfin und die gebrechliche Exzellenz, die sich im Lehnstuhl zurückbog und sich nicht rührte, waren allein sitzengeblieben.

»Meine geliebte Nichte,« erklärte gleich die alte Gräfin. »Sie wohnen in unserer nächsten Nachbarschaft. Komtesse Josepha Renauld, des alten Landmarschalls Renauld einzige Tochter,« sagte sie. Dann nahm sie vollends eine sanfte Kummermiene an.

»Oh, Meister Selle! Sie bringt eine sehr liebe, sehr traurige Frau mit. Verena von der Trau. Denken Sie! Diese junge Frau ist kaum dreiundzwanzig Jahre alt und trägt schon an der sonderbarsten Schickung. Sie hat auf unbegreifliche Weise ihren Mann verloren. Mitten aus der glücklichsten Ehe. Was sage ich? Sie lebten wie Kinder. Denken Sie! Durch Selbstmord! Man wird es nie erklären können. Verena ist aus ihrem Erstaunen gar nicht mehr aufzuwecken. Sie sang früher wunderbar. Reich und fromm klang die Stimme. Sie hatte immer etwas Seliges im Laut. Und doch auch herb wieder wie der erste Frühlingswind. Oh, sie denkt gar nicht mehr an dergleichen. Sie lebt schon mehr als zwei Jahre nur so hin in Meditationen. Meine geliebte Nichte müht sich sehr um sie. Und es gelingt ihr auch. Es gelingt ihr, Verena wenigstens in der ländlichen Stille zurückzuhalten.«

So erzählte die alte Gräfin.

»Es ist gar nicht zu sagen,« spann sie ihre Erzählung weiter, »welche stille Schönheit in ihr brannte in ihrer Mädchenzeit. Und welche Erstarrung über sie gekommen ist.«

Aber Einhart hatte sich dann erhoben, weil die alte Dame ihre Handarbeit neben die Teetasse hinschob, um den Ankommenden jetzt auch entgegenzugehen. Und weil er sich von der Neuheit seiner Eindrücke etwas zu erholen wünschte, bat er, daß man ihm erlauben möge, eine einsame Streiferei in den Park und die nächste Umgebung zu tun, um, wie er launig zu der Gräfin sagte, erst einmal deutlich mit Augen anzusehen, wo er sich denn eigentlich befände?

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