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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 58
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
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Heimweh ist eine verborgene Urmacht. Wer weiß, aus welchem Paradiese der Mensch ausgetrieben? Eine große Fremde ist die Welt.

Und es ist ein anderes, sich in dieser Fremde wissend heimisch machen, also daß man darin seine Wege findet. Ein anderes, aus eigener Schöpferfreude dieser Welt Gestalt und Glanz verleihen, in göttlichem Spiele dem ewigen Heimweh Ahnungen von Stillung und Erfüllung zuzutragen.

Ist es wahr, daß der Künstler aus seinem zutraulichen Hange zu den Wesen und Dingen dieser einen, weiten Sonnenerdenwelt – er allein – die Fremde der Erdentage vergessen machte, das starre Staunen und Ergrausen vor den Mächten in zartes Mitfühlen und Entgegendrängen verwandelte?

Der Erkenner findet sich zurecht in dieser großen Fremde.

Aber der Künstler bildete je und je den Trost, verklärte die ewigen Irrtümer alles Lebendigen in Leidensstufen des Aufgangs, machte aus den Sünden der Seele den großen Preis des Lebens, verriet uns und verrät uns immer neu die innige Bruderschaft zu Stein und Quelle, daß wir in Einöden und Felsengebirgen nicht mehr erzittern, gab den Vögeln unter dem Himmel und den Fischen im Meer Namen und Sprache und schuf Hoffnungen, daß wir mit Augen Paradiese wähnen.

So ungefähr war es Einhart im Blute immer lebendig gewesen.

Einhart hatte daheim eine richtige Auferstehung gefeiert. Die Zeit der Wanderschaft, die er ein Jahr mit leidenschaftlichem Sinn betrieben, lag jetzt längst hinter ihm. Er war durch die Reichtümer fremder Länder, durch die Fülle wirklichen Weltschauens mit offenem Verlangen hindurch gewandert und hatte Herz und Sinne voller Dränge mit heimgebracht. Und Ahnungen genug.

Und sein Blick wurde reich. Seine Freiheit zu bilden, war gewachsen. Auch seine Andacht vor dem Geheimnis allenthalben war groß geworden, und seine mitleidigen Gefühle für die Obermenge derer, die in den Vorhöfen ihrer Sehnsuchten grau in grau wie die zerlumpten Bettelleute vor den Türen der blumengeschmückten Osterkirchen hoffnungslos harren.

Alle Dinge weichen zurück in der Zeit. Man weiß zuletzt nicht, ob sie einmal wirklich gewesen? So ist alles Geschehene nur wie ein Bild, das kleiner und blasser hintreibt und eines Tages nicht ist. Seit Johanna starb, war ein Jahrzehnt und manches Jahr noch vergangen. In solchem Zeitraum bleichen viele Dinge. Und die Luft um manche Seele wird kühl wie Herbstluft.

Einhart war nicht Kind noch Jüngling mehr. Seine Stirn hatte Falten, die aus der grabenden Verinnerlichung seines Prüfens sich längst tief eingezeichnet. Seine feinen Lippen lagen streng. Eine tiefe Furche zog sich zwischen der mageren Nase und den herben Mundwinkeln hin, die seinem Gesicht einen Hauch von Gram aufprägte, eine unbestimmte Schicksalsbegleitung, die nie ganz stille wurde, auch wenn seine Augen mit Feuerfunken gütig blickten, und sein Lächeln von sanfter Einfalt über die gelbgrauen Züge huschte. Er war ein wenig grauhaarig geworden. Als er es zufällig entdeckt hatte, hatte er gelacht.

Einhart hatte Menschen und Dingen gegenüber eine völlige Ruhe gewonnen. Er hatte sich jetzt ein Lebenlang gewöhnt, Wesen und Ereignisse zu betrachten, wie ein überlegener Zuschauer das Getümmel auf einer Stadtstraße ansieht. Oder öfter noch, wie ein leidenschaftlicher Sammler den schönen, blauen Libellen mit Netz und Nadel nachtrachtet, um sie für seine Schaukästen einzufangen, mag auch solcher Schönheit eigene Seele dabei verhauchen.

Einhart war wirklich ein Meister geworden. Wenn Meisterschaft der Name ist nicht für ein rundes, sicheres Können, sondern für das zähe Vorwärtsringen zum eigensten Eigentum, für die ewig ringende Mühewaltung, also daß die Blöcke, die er aus dem Steinbruch brach, manchmal nur halb behauen niederfielen, immer eigenartig genug, aber oft halb begreiflich zuerst, nicht gleich bekannt und geliebt und glatt, daß sie dem herkömmlichen Gefühl oft trotzten.

Einharts Meisterschaft lag auch in der Kraft seines Standpunktes. Nie hätte er sich zum herkömmlichen und durchschnittlichen Formwerke je aus seiner Höhe zurückgewandt, den eigenen Blick voll innigster Verwöhnung aussendend, so daß ein Jugendzug in seinen Mienen geblieben, etwas wie Demut, etwas, das wie im Kinde selber immer noch gläubig und traulich das Letzte erwartet.

Das kleine, weiße Haus mit den grünen Jalousien, das Einhart gemietet hatte, lag vor der Stadt. Sein großer Atelierraum war jetzt mit mancherlei köstlichen Dingen behangen, feinen, gestickten Seiden und blaßfarbigen Teppichen. Auch zwei antike Grabreliefs hingen da. Bequeme Liegestühle standen auf weichen Tierfellen herum. Und eine Menge gerahmter und ungerahmter Leinwanden waren gegen die Wände gestellt oder ragten auf Staffeleien. Ein kleiner Diener, ein wenig zu kurz geraten in einem sehr langen, blauen Arbeitskittel, Schwenkfeld genannt, der außerdem sechs Finger statt fünf an jeder Hand besaß, ging dienstwillig in Hof und Werkstatt um. Und eine weißhaarige, bebrillte Konditorswitwe versah als Wärterin Küche und Wohnstätte.

Und Einhart sah jetzt die Fülle getaner Arbeit mit Zufriedenheit an. Er war verwundert, wie es möglich gewesen, so die Zeit ungehört hingehen zu sehen und nicht zu achten. Es dünkte ihn, daß er in den neuen Werken sich endlich rein gewaschen von aller Absicht. Ganz nur der göttliche Zufall hatte gewaltet. Und der selige Einfall hatte die Gesichte herzugetragen. Er wußte längst, daß es sich nicht erjagen läßt. Daß die Schönheit auch im schaffenden Leben kommen muß, einem selber zum Erschauern, wie die geheimnisvollen, kristallenen Spiegelungen im Wassergrunde hintreiben, indes der Blick verloren in den Waldsee eintaucht. Es war jetzt wirklich nur in freiem Reigen herangekommen die ganze Zeit.

Er hatte allen Ernst völlig abgeschüttelt und lebte neu und neu eine Zeit unmittelbaren Frohgefühles an den Dingen. Die Jahre, die er mit einer vergrabenen Sucht nach dem Sinn gelebt, deuchten ihm überwunden. Die Bilder, die er augenblicklich zu einer Sonderausstellung das erste Mal vereinigen wollte, würden es zeigen, welchen Weg er genommen. Die Frische seiner Pinselstriche war überraschend.

Und Einharts Losgebundenheit von aller Überlieferung hatte das ganze Jahr angehalten. Festliche Gefühle, eine Welt der sonderlichsten Einfachheit, schöne Leiber in freien Bewegungen, einfältige, beglückende Landschaften, darin man leben mochte wie auf Paradieswiesen, inniges Menschentum in Ausdruck und Gebärden. Auch manche heimlichen Triebe der Menschenseele offenbarte Einhart in seinen Tafeln mit seltsam herbem Formgefühl. Er sagte viele Male, daß er zu einer reinen Kindsleidenschaft zurückgekehrt wäre. Daß er sich von aller Tiefe, aller Bedeutung, aller Richtung frei gemacht hätte zum einfachen Lieben der Dinge, zu lebendiger Schönheit, zum echten, sonnenhellen Spiele der Kunst.

So hatte Einhart nach seiner Heimkehr Sommer und Winter lang einsam gelebt und gearbeitet. Nun begann wieder Frühling zu werden. Als er im Malkittel in seinen Garten trat, darin, wie er einzog, Rosen geblüht hatten, zog ihn jetzt ein Ruch von jungen Veilchen fröhlich an. Er bückte sich und wühlte unter feuchtem, altem Laube kleine, weiche, blaue Blumen, die Lieblinge des Menschenherzens, ganz ans Licht.

Einhart stand ewig. Er hielt die Veilchenköpfchen sorglich aufgerichtet über der braunen Erde, ohne sie zu brechen. Er ging am Beete entlang Schritt für Schritt, allen kleinen, blauen Blumen, die ans Licht drängten, die Last des alten Laubes fortzuräumen. Er sah auch lange in die Ferne hinaus. Freie Felder lagen nach einer Seite um sein Haus. Der blaukittelige Schwenkfeld stand am Fenster des Ateliers und lachte verstohlen hinter dem blaßgrünen Vorhang hervor, weil er den Meister lächeln gesehen. Die ferne Birkenallee hatte einen Duft von Dunkelröte gegen den milchigblauen Morgenhimmel. Die braunen Knospen drängten.

Einhart war noch immer stehen geblieben. Auch als man schon einige Kisten für die Frühlingsausstellung auf den schweren Speditionswagen aufgepackt, und das Gefährt mit den plumpen Rappen und dem vierschrötigen Kutscher längst dröhnend um die Straßenbiegung verschwunden war.

Einharts Stirn schien jetzt im Lichte des Vorfrühlings bleich und frei. Er strich sich einen Strähn seiner Dunkelhaare aus der Stirn.

»Ach du Gott im Himmel!« sagte er. »Ich vermale das ganze Leben und die schönste Stunde!«

Schwenkfeld hatte an dem Morgen lange vergeblich gewartet, daß der Meister irgendeine Arbeit vornehmen würde.

Einhart saß dann zurückgelehnt in einem Lehnstuhl und rauchte eilig. Und lief wieder hinaus und sah in die Ferne. Es hatte ihn fast erschrocken, wie er merkte, daß der neue Frühling sich schon zu regen begann. Weil er plötzlich keinen Ausweg zum Leben offen sah.

Wie Einhart dann ausging gegen die Stadt zu, wollte er an verschiedenen Türen pochen. An Poncets. Aber er zögerte. Er wußte nicht, wie bei Poncet finden, was er in dem Frühling suchen ging. An dem Portale der Gräfin Schleh. Aber er zögerte auch hier, weil er wußte, daß drinnen seine Ahnungen vielleicht still würden über tausend Dingen des vornehmen Behagens.

So war er zurückgegangen, lief weiter hinaus die Chaussee und dann einen Feldweg hin, bis wo voll frischen Grüns eine schmale Wiese leuchtend dalag, feucht umweht, hinter einem kleinen Saumhügel voll Jungwald, der auch im Lichte stand.

Einige Weidenknorren reckten sich mit Blütenräupchen über den Bach. Die Wellen, klar und kühl, schäumten und gurgelten. In kleinen Gruppen lebten schlohweiße Schneeglöckchen auf im grünen Grase.

Meister Einhart war ein rechter, loser Zigeuner. Hut und Stock hatte er irgendwo hingeworfen. Er pflückte die kühlen, frischen Blumen in seine braunen Hände. Er war voll tiefen Erstaunens. Er trug die weißen, reinen, kleinen Kelche wie neue, verschlafene Wunder sorglich in den Händen vor sich und vergaß sich ganz in deren Anschauen.

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