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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 51
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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13

Johanna erwachte spät. Einhart stand bereits vor der Staffelei und malte versunken und mit einem Blick voll demütiger Tiefe. Johanna erkannte an allem, daß seit gestern eine völlige Verwandlung mit ihm vorgegangen. Sie hatte das Feingefühl, was aus der stummen Geste der Dinge mehr erhört, wie aus Worten. Wie es manche Frauen haben und auch manche Tiere. Sie wissen ohne weiteres und unmittelbar, was die Glocke geschlagen hat. Johanna begriff also plötzlich mehr, als ihr lieb war. Sie war ein sehr zartes Geschöpf voll sanfter Anmut. Die Eulenaugen waren noch immer groß und voll gütigen Staunens. Das kleine, schluchzende Lachen konnte nie aus der Rolle fallen.

Als Johanna die Augen aufgetan, hatte sie gleich gespannt zu Einhart hinübergeblickt. Und sie betrachtete ihn lange, ohne daß er es merkte. Seine Verlorenheit in die Arbeit fiel lautlos wie ein Schicksal über sie her.

Früher, wenn sie erwachte, hatte Einhart manchmal wohl, wenn es Frühling war, mit Scherz und Späßen vor ihrem Lager gestanden. Oft hatte er sich dann schon eine Weile damit vertrieben, ihre schlafenden Mienen belustigt anzusehen. Oder bunte Blumen auf dem Kopfkissen um ihren dunklen Kopf auszubreiten und aufzubauen. Einmal hatte er sich ein Vergnügen daraus gemacht, ihren geschlossenen Augen einen großen Spiegel vorzuhalten, daß, wie sie die Augen auftat, sie sich selber zu eigener Verwirrung vor sich sah und einen Augenblick nicht recht ihre Lage begriff.

Das waren so Einharts Neckereien gewesen.

Einhart hatte so auch die drolligsten Skizzen von Johanna als Schlafende gemacht, Zeichnungen und in Farbe. Sie sah darauf ganz wunderlich aus. Die vollen Wimperkränze auf dem unteren Augenrand gaben ein solches Gefühl von Schattendunkel in die jungen, schmalen, im Schlafe eigenwilligen Züge, daß man eine wahre Spannung empfand, diese weichen Lider und schweren Wimpern sich heben zu sehen und die Seele sich auftun. Wie vor eine Knospe voll unbekannten Blumenlebens gestellt, die bald springen und das heilige Lebensgeheimnis verraten will.

Jetzt stand Einhart ganz vertieft vor seiner Arbeit und hatte keine drollige Miene zu ihr gewendet. Sie sah an der Art seiner Haltung, daß in ihm nicht Freude, daß eine Last in seiner Seele war.

Johanna quälte ein furchtbares Gefühl. Sie lag und rührte sich nicht. Und weil auch Einhart seine Stellung in nichts änderte, ließ sie die Augen neu sich schließen und sank in Halbträume.

Es kam ihr plötzlich ein harter Schrecken an. Es deucht ihr, doch noch wach, als wenn sie eine volle, reife Ähre aufragte, goldhell in den Sommerhimmel und voll Glanz. Aber der Himmel wurde eine drohende Finsternis. Und ein Fegewind, der heranbrauste, riß und zauste sie hin und her und vertrieb unbarmherzig Korn um Korn. Daß sie sich im Treiben der bedrohlichen Mächte dünner und dünner schien, ein ärmlicher Stab und endlich ein dürres Nichts.

Johanna hatte die Augen jetzt wieder fest geschlossen und war in das Nichts ganz hineingeschlafen.

Einhart trat zu ihrem Lager, von ihrem Sorgenatem angeweht und aus seiner Versunkenheit geweckt. Johanna hatte im Schlafe aufgeseufzt. Aber wie er sie jetzt lange zärtlich ansah, erwachte sie nicht, nur immer tiefer in Träume gebannt, die ihr vieles sagten, was die Seele sich nicht frei eingesteht.

Da träumte ihr ein Traum, der wie eine Erstarrung über ihr stand. Es träumte ihr, daß man ihr das Gewand, die runden, vollen Flechten ums Haupt, ihr ganzes, reiches Schwarzhaar und ihre Jugendfülle und knospende Gestalt, daß man ihr alles genommen. Und daß sie irgendwo auf einem einsamen Hügel bar und bloß läge, mitten in einem einsamen Steingeröll. Nichts um sie, rein nichts. Nur ein unendlicher Horizont. Es war offenbar um sie ein Meer. Aber in einer ganz trostlosen Stummheit. Es war tief lautlos zum Hilferufen. Und Johanna wollte auch Hilfe rufen. Sie hatte schon gerufen, verhallend. Sie rief wieder, weil der Ruf erstickte. Und der Ruf hielt sich doch auch gleichsam in der Luft. Der Schrei war der Schrei der Stille selber geworden, der nun ewig in der Luft hing. Da begann sie die Angst immer mehr zu pressen. Denn auch die Wellen des Meeres schienen ganz starr.

Die lebendige Flutwelle der Schlafenden raste in Johannas Herzen so arg, daß sie sich umwälzte und neu zu stöhnen angefangen. Daß Einhart wieder mit seiner ganzen Teilnahme an Menschen und Dingen zu ihr herantrat und sie ansah.

Aber Johanna erwachte nicht. Der Bann hielt sie wie mit Krallen. Sie war verödet. Es waren die Blumen und Träume von ihr genommen. So lebte sie es jetzt. Die schönen Kleider, in denen sie Einhart vor sich hingestellt, die Götterzeichen seiner Liebe und seiner Visionen, die waren längst abgefallen, weil sie verurteilt war. Es war noch immer niemand um sie. Es war noch auf demselben öden Dünenhügel. Sie war weit fort verschlagen. Sie war es gar nicht. Es war kein Leben. Nur lebloses Erstarrtsein. Nur bleiches Land. Nur vertrackte Gebilde von weißen Kieseln im bleichen, glühen Sonnenbrande. Brütende Launenspiele von einem ewigen Gestorbensein. Wie nur Knochen und bleiches Totengebein lag sie unter allerhand grinsenden Schädeln mitten auf dem Hügel. Das sengende Licht erstarrt. Die jagende Woge erstarrt. Der Schrei hing erstarrt in den Lüften, bleichend und ganz ohne Hoffnung.

»Ach! – – ach! – – ach!«

Johanna hatte die Augen jetzt wirklich aufgetan und sah in Einharts Blick und hing sich auch gleich mit ihren nackten Armen an ihn. Denn Einhart hatte nicht mehr von der Stelle gekonnt, in seinem Verlangen, die Schlafende zu ergründen.

»Ach, mein Geliebter!« flüsterte Johannas erschrockene Stimme, traumbenommen und sanft flehend, und sie hing sich an ihn, verworrenen Haares, aus der Bleiche ihres geängstigten Lebens so inbrünstig aufweinend, als wenn Einhart jetzt gekommen wäre, ihr die Zauber, die er um ihr kleines, lustiges Leben gewoben, wirklich herunterzureißen.

In Einhart war ein Kampf. Eine widerwillige Blutwelle ging in ihm, die seinen Blick zu ihr starr und weh machte.

»Sinne nicht!« schluchzte Johanna hastig. Und sie hatte sogleich seinen Kopf an sich und an ihre weiche Brust gepreßt, indem sie Einhart mit aller Gewalt festhielt.

»Sinne nicht!« flüsterte sie leidenschaftlich. »Es kann besser werden! Laß uns bald fortgehen!« redete sie in Überstürzung von allerhand Bekenntnissen. »Auch du hast es mit verschuldet, selber,« sagte sie weinend. »Du hast mir zuerst den Satan gezeigt, und meine Neugier geweckt. Und hast mich nie zurückgehalten!« »Mir graust vor den harten Lüsten!« weinte sie kläglich. »Geliebter, ruf mich noch einmal zurück! hilf mir, hilf mir!« bat sie und rang sie. »Ich will wieder werden, was ich durch dich geworden war. Ich will meine Schönheit wieder haben! ich will meine Schönheit wieder haben!«

Einhart war so einfachen und schlichten Anschauens, daß er nie dachte, daß die verklärende Liebe der Seele des anderen wirklich eine Elle zusetzt und sie erhöht über alle, die von dem Geheimnis nichts wissen. Deshalb, wie Johannas Selbstanklage so über ihn herfiel, konnte er nichts als verlegene Güte sein. Er war sanft, wie Moses vor Gott. Er sah durchaus nicht heiter aus, obwohl er doch lächelte. Er wußte es jetzt, was es hieß, diese Verzweiflung. Auch in ihm blutete es. Auch in ihm wollte eine

Stimme furchtbar aufschreien, wie der reißende Sturm, der Äste und Blätter tummelt. Es war nichts Ruhiges in ihm. Und doch streichelte seine Hand die weißen Hand und die weiße Stirn Johannas.

Einhart wußte: die Frühlinge der Seele kommen selten. Und wer kann sie halten? Er wußte, daß Johanna jetzt eine nackte Büßerin sich wand nach einem ewig Verlorenen. Und er begann sanft und treu in sie hineinzutrösten mit leisen Worten und sie in seine Arme sanft einzustricken. Er begehrte auch nichts zu wissen weiter. Er redete nur ganz zum Besinnen. Er war so weit gekommen, in alles einzuwilligen.

»Wir gehen fort,« sagte er. »Wir gehen ans Meer.«

Er war, wie sie dann schon ruhiger erwogen und besprachen, in seiner Art und Sachlichkeit so töricht, gar den alten, lieben Ort neu in Aussicht zu nehmen.

»Nein, nein! um nichts in der Welt dahin zurück,« brach Johanna, noch einmal ganz in die Erschütterung zurücksinkend, aus, »wo alles begonnen. Dort wird mich jeder Stein und jeder Ast treffen und schlagen. Alles wird mich erinnern und zermartern. Ich werde nicht mehr am Meere stehen können, wo der Bann mich blutig gegriffen.« Der Gedanke daran brachte Johanna geradezu in einen Zornesausbruch und eine wahre, reißende Inbrunst, daß sie Einhart noch leidensvoller wieder beschwor, ihr zu vergeben, so daß ihre Versicherungen der Liebe kein Ende fanden.

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