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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 5
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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4

Es waren Zigeuner auf dem Plan vor der Stadt. Draußen lag ein See, und am Ufer standen Erlen aufrecht, und Weidengebüsche hingen ins Wasser. Weil es Sommer war, konnte man lagern. Einhart hatte noch am Nachmittag gleich die Gelegenheit sich angesehen. Ein junger apollinisch-jüdischer Mann, mit einem flaumigen Barte, der Pavo hieß, spielte, als der Abend versank, im Dämmer der Sterne die schmelzende Geige, und das schöne, sonngebräunte Volk in bunten Fetzen tanzte und flog in der Wiesenfläche.

Einhart hatte gleich etwas empfunden, wie um sich selber gebracht. Er hatte das ganze Abendneigen schon erst in der Nähe gestanden, die grünen Planwagen, die im Rubinlicht ragten, umschlichen und die falben, struppigen Pferde angestaunt, die an den Wagenkästen knabberten oder das Gras am Boden nagten. Einhart hatte dann an der Böschung sich unter die Kinder der Armen und einige Arbeitsleute gemischt, die auch herumstanden und auf die seltsame Horde staunten.

Eine junge Mutter, wie ein gelbes, ägyptisches Weib, stand mit dem Kind an der Brust im Freien. Während eine alte, großäugige Zigeunermutter im Wageninnern kochte, daß der Rauch unaufhörlich dick aus der kleinen Esse schlug.

Weiße Ziegen weideten am Hange.

Einhart stand – und starrte und starrte, als wenn rein nur das wäre, was sich vor seinen Blicken und Ohren begab. Wie nicht wirklich dünkte er sich und ihm diese Welt. Wie selbst verjagt hinziehend und doch in Tänzen und flüchtiger, lustiger Rast. Die Luft daran machte seine Augen wie verzehrt. Da waren auch zwei halbwüchsige Zigeunerdirnen, melancholisch und träge. Die trockenen Schwarzhaare hudelten um die Stirn, wie ihm. Die beiden kamen zu ihm nahe heran und lachten ihn gutmütig an. Sie nahmen seine Hände prüfend in ihre dünnen, harten Finger. Er mußte an sich halten, daß er nicht einen Sprung in die Lüfte tat, wie ein Bajazzo, oder wie ein junger, dummer Frühlingsfaun mit Nymphen, sich im tollen Wirbel drehend, als Pavos Geige eingesetzt.

Ein Rausch ging in ihm, eine Selbstvergessenheit ohnegleichen, eine richtige Ohnmacht. Nicht, als wenn er die Sinne verlor. Durchaus nicht. Nur allen Willen, etwas anderes noch zu sein, als was ihn jetzt erfüllte.

Die dunklen, lumpigen Dirnen konnten zudem ihr Lachen nicht lassen, ihr weiches, kindliches Locken. Weil er in seiner fiebernden Unruhe doch noch einmal zurückgetreten.

Seine Blicke suchten ununterbrochen den jungen, schönen Zigeunerspieler. Die junge Mutter war unter die Arbeitsleute gekommen. Sie hatte das Kind in den Wagen zurückgetragen und drehte jetzt eine Zigarre in ihrem Munde. Ein Gesicht, wie das einer Koptin, gelbgrau, mit gebogener Nase, streng, knisterndes Zottelhaar um die Stirn, nicht voll, dürftig, und ein dürftiges Zöpfchen hinten, das ihr nachlässig, blau gebunden, im Nacken starrte. Die blaue Kattunjacke stand offen, daß man die knospenfrischen Brüste sah. Sie kam Schritt um Schritt, mit ihren Dunkelblicken lautlos und achtlos um Feuer bittend. Die Arbeiter machten ein paar gemeine Glossen und lachten. Einhart hörte es nicht. Es zog ihn und trieb ihn gleichzeitig. Der Gedanke an Rosa, und daß sie es sehen müßte, war in ihm erwacht. Der Sternenhimmel begann schon zu blinken. Immer wieder kamen die zwei stahlschlanken Dirnen, die seine Augen suchten, als hätten sie an ihm etwas Besonderes ausgefunden, und lachten über ihn kindlich schalkisch untereinander.

Und die Geigentöne gingen jetzt schon im stillen Reigen. Der Mond ging auf und stieg stummgolden in den Raum, ferne über den schwarzen Wäldern. Von ferne hallte ein Kuckucksruf, unaufhörlich weich sich wiederholend. Es war eine Juninacht. Unermeßlich die silberne Blankheit des sanften Wasserspiegels, weil das Mondlicht ihn streichelte.

Einhart hatte es nicht mehr ausgehalten. Er war wie sinnlos fortgeeilt, geirrt, weil noch immer zurückgebunden, und doch wie im Wirbel. Die heißen Geigentöne des braunen Zigeuners gingen mit ihm und die weiße Dunkelnacht, und die Mädchenblicke, und es schwirrte rings, wie von Dämonen in weicher Dämmerluft. So war er in Zwängen in die Wohnung der Geheimrätlichen zurückgerannt.

Der Zufall wollte, daß nur Frau Selle und die Schwestern daheim waren. Der Herr Geheimrat selbst hatte im Amt eine Hinderung gehabt und hatte heimgeschickt, daß er auswärts äße. Er saß unterdessen in einer kleinen Weinstube mit einigen Herren seines Ressorts beim Glase, und man erzählte allerhand Postvorkommnisse, besprach auch einen Fall schwerer Defraudation genauer und ernstlich, ehe man wieder lachte und pokulierte. So war Einhart gut ins Haus gekommen. Aber sein Herz, so voll tollen Spaßes es war, sank jetzt wie demütig zusammen, daß er sein Fieber plötzlich niederpreßte und nur einfältig lächelnd dastand, als Frau Selle ihm die Strähne liebevoll aus der Stirn strich. Frau Selle hatte in einem losen Sommerkleide am Fenster gestanden. Auch sie lächelte nur gütig. Johanna und Katharina verstanden nicht recht, warum Einhart heut nicht redete. Dann waren die beiden mit Mutter auf den Balkon getreten. Auch für sie alle hatte sich jetzt der Silbermond in die Welt gehoben. Auf den Dächern lagen Spiegelscheine, und es umfloß alle Dinge mit Silberfäden. Johanna redete laut, wie glänzend der Mond im Äther schwämme. Sie machte einen Witz von Liebenden im Mondenschein. Einhart mußte hell hinauslachen. Er war im Zimmerdunkel zurückgeblieben. Auch Rosa, die gleich mit der feinen Witterung der Seele zu ahnen begonnen, daß in Einhart neugesponnene Träume sich rührten und laut werden wollten – nur für sie. Sie hatte ihn jetzt unter den Arm gefaßt und legte ihre Wange sanft an die seine. Da begann Einhart auch schon erregt zu flüstern. »Komm!« sagte er ganz leise, »komm!« – – »Wohin?« sagte Rosa. Und man hatte kaum draußen eine Weinranke am Balkon im Silberlichte wanken sehen. Und dann war Einhart nach einigen bestimmten, stummen Zeichen plötzlich gegangen. Er hatte sein Bett in einer Bodenkammer.

Aber später, als alles schlief im Hause, und weil Herr Selle noch immer nicht nach Hause gekommen, huschten Einhart und Rosa in die Monddämmer hinaus und liefen hin in die brünstigen Tänze im Silberschein, unter die sich auch einige Dienstmädchen und junge Arbeitsleute mit eingelassen, daß nun, schon gegen Mitternacht, ein ewiger Reigen hin und her, von der monotonen, sehnsüchtig näselnden Weise der einsamen Geige hingeführt, im Mondlicht schwebte. Die Schatten tanzten mit unter dem wogenden und ringelnden, bleichlichten Fremdvolk auf der weißen Wiese. Eine stumme Inbrunst spann in der Nachtluft, dann und wann nur von Rufen oder einem jähen Schrei flüchtig unterbrochen. Eine lange Fackelflamme gaukelte in Rauch, die Insekten umschwirrten. Falter verflogen sich in Einharts Gesicht, daß er sie, flüchtig erweckt, dann doch achtlos nur wieder in der Hand hielt. In allen Gesichtern lag ein ewiges Lächeln. Auch in Einharts. Auch in Rosas. Einhart und Rosa hielten sich aneinander, langsam und scheu, und ganz erstaunt noch immer und nichts wagend, beide nur ganz diese klingende, treibende Rätseldämmerwelt, fiebernd von losgebundenen Trieben, ganz den seltsamen Dunkelleuten hingegeben.

Und jetzt mit noch größeren Augen lachend, als der weiße Wiesenplan rein lag, alles erschöpft beiseite getreten, und nur die beiden Zigeunerdirnen herangeflogen, in der Leibesmitte sich greifend, ihre nackten Füße streckend und stampfend wie in wildem, taumelndem Einvernehmen, und sich lösten und auseinanderschwangen, stumm fast, ewig geneigt in schwebendem Gleichgewicht. Gar nicht mehr Lächeln, Feier in den heiß blickenden Mienen, dann und wann einen heiseren Schrei hinausgebend, wie ein Vogel schrillt, rasend so hin, inbrünstig, wie in Gottesdienst, daß die Menge ringsum wie im Mitleiden den Atem anhielt.

Einhart hatte dann, er wußte nicht wie, eine der Dirnen umgriffen und hatte zu springen und zu tollen begonnen, weil sich auch Rosa gar nicht mehr eingehalten, im Taumel dem jungen Zigeuner im Arm gelegen und ohne Rückblicken den Geigenklängen der Nacht sich willenlos hingegeben.

Aber sie war ebenso plötzlich geflohen.

Der Zigeunerjüngling hatte sie unversehens hart um den Leib gegriffen, sie an sich gerissen und sie sinnlos zu liebkosen und ins Gesicht hinein zu küssen gewagt. Da war es wie eine Furie hinter ihr aufgesprungen, daß sie besinnungslos lief und lief, nicht mehr hinter sich sehend, und daß sie atemlos und gescheucht auch schon vor der Haustür stand, den Schlüssel im Schlosse zitternd umdrehend, und als wenn sie im nächsten Augenblicke zusammensinken und sterben gemußt.

Aber da draußen spielte Pavo noch immer seine schmelzende Weise. Die alte Zigeunermutter wiegte ihre breiten Hüften und schlug die Hände. Wie eine Grimasse hielt das Lächeln alle Gesichter. Auch auf dem Gesicht der jungen Zigeunerfrau lag ein weiches Schmerzlachen, und Franziska glühte und kreischte, indem sie den tollen Einhart mit sich herumriß.

Einhart erwachte erst, als er sich endlich nach Rosa einmal umgesehen und entdeckt hatte, daß sie nicht mehr unter den fahlen Nachtgesichtern zu finden war. Der Mond ging eben am Horizonte zur Rüste. Einhart lief nach Hause, die einsamen Straßen hastend entlang und stahl sich über die Mauer des Hofes und durch die verlassene Hintertür in seine Dachkammer. Aber weil Herr Selle selbst auch spät heimgekommen und deshalb nicht am Frühstückstisch der Familie erschien, war das Geheimnis dieser Nacht verborgen geblieben und blieb einstweilen ohne Folgen für Einhart.

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