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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 47
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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9

Daheim in Poncets Hause war keine Einigkeit. Frau Poncet, die eine feine Seele war, war ihrem Manne ganz unvertraulich. Ihre Lieb« schien längst grau in grau und wenig anderes noch, als hassende Erinnerungen. Die beiden Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, waren lieb zu ihm. Aber sonst fehlte die stille Flamme hüben und drüben.

Es gibt Männer, die vorzeitig nach allerhand Frauen greifen, gattungsgebunden und unpersönlich in verfrühten Süchten. Das zärtlich scheue, kindlich sehnende Berühren fehlte, das schon Platon als den süßen Beginn aller Liebe geschildert. So will sich aus jungem Drängen in solchen Naturen nie der harte, klare, blinkende Rubin zusammenfinden. Wie der Uhrmacher, so muß der Menschenkenner bei jedem fragen, auf wieviel Steinen die Seele geht, und ob es heimlich im Grunde einen Halt gibt? Und ob es heimlich funkelt? In Poncet war kein klarer Stein kristallisiert. Das Leben seiner Liebe war in Asche zerfallen. Kein inneres Funkeln in allen Strahlenwundern, nur Brände zuerst und Asche dann. So auch mit Frau Poncet.

Aber wenn jetzt Poncet zu Einhart kam, begann sich ihm eine neue Welt aufzutun. All die kleinen Handreichungen des Lebens, die er nie geachtet, gewannen einen tiefen Glückseligkeitssinn auch für ihn.

»Das Leben ist gar keine Idealität. Es ist immer nur das einfache Leben,« sagte Einhart. Er wußte es nicht, daß er damit den tiefsten Lebenssinn gegen all die großen Worte in Wissenschaft und Religion verteidigte.

»Das Leben ist immer nur diese kleine, einfache Verrichtung mit Hand und Fuß, immer nur auf dieser steinigen Erde, die wir mit Auge und Sinnen erfassen und anstaunen,« sagte Einhart. »Immer nur dieses: eine liebende Stimme hören, in liebende Augen sehen oder in hassende. Ist immer nur Wandel in Regen oder in Sturm. Oder in weicher Nacht, wenn Sterne und der Mond blinken. Oder wenn es stockbrandfinster ist mit dem kleinen Scheine unseres Laternenlichts in der eigenen Stunde. Ist sich kalt fühlen, sich in seinen Mantel warm hüllen, oder eintreten an ein warmes Kaminfeuer und unter gute Blicke, die uns zulachen und uns willkommen heißen. Ist diese steinige, weite Erde, deren Wege der Frühling umblüht und umsonnt. Oder auch, wenn uns Kümmernisse um Liebe und Geliebte das Herz bedrohen. Diese eine sonnenfrohe oder nächtigeisige, hinausgestoßene Erde. Ist aufatmen, jung hinaus und in die höchsten Hoffnungen sich heben mit Flügeln so scheint's. Oder mit blinden Augen schreiten, geführt und ängstlich und mit der süßen Ahnung dessen, was ewiger Schlaf dem Menschengemüte an letzten Lasten aufhebt. Es ist das eine kleine Leben, mit Hand und Fuß, mit Auge und Seele, mit der einen kleinen, einsamen Seele, die einzeln sitzt in jedes Gehäuse, und die ihren Traum doch laut hinausträumt von dem Verein der Seelen, auf den Millionen verlangend lauschen.« Das war, wie es Einhart jetzt und immer lebhaft verkündigte.

Doktor Poncet kam oft. Er war daheim, seitdem er zum ersten Male das gute, einige, zitternde, irdische Seelenspiel Einharts und Johannas angesehen, noch mehr losgetrennt. Er begann einzusehen, daß er durch alle sogenannte Idealität durchmüßte zu der kleinen, großen, einsamen Seele. Er begann beglückt zu sein von ferne.

»Man muß es mit den Sinnen greifen. Nur mit den Sinnen hält der Mensch sich fest in der Welt, wie der Baum mit den Wurzeln in der Erde.«

Einhart sagte es nicht. Aber Poncet sagte es jetzt, weil es Einhart lebte. Poncet begann allmählich kindlich zu lachen wie Einhart. Wenn er kam, saß er stundenlang. Johanna fand ihn angenehm. Ihre Eulenaugen sahen zu ihm hinüber. Ihre Augen waren immer zärtlich im Blick. Poncet begann sie oft anzusehen. Einhart fühlte, daß Poncet sich heimlich neu zu sehnen angefangen.

»Die kleinen Handreichungen des Lebens sind es,« sagte er einmal vor sich hin. Er sah Johanna oft nicht mit bloßer Achtlosigkeit an.

Und einmal war es gekommen, gegen das Frühjahr, wie Einhart zufällig nicht daheim war. Da hatte Poncet lange nur stumm dagesessen und hatte Johanna dadurch geradezu verlegen gemacht. Wie es kam? Wer weiß. Die Augen Johannas waren mitleidig. Sie wollte auch gleich noch wegspringen erst, um unten in dem kleinen Gemüse- und Butterladen einzuholen. Dann war sie doch geblieben. Es war in ihrem Gesicht gleich eine große Röte.

Außerdem sind die brennenden Blicke dunkler Augen, wie die sehnsüchtigen Poncets eine wundersame Sprache des Preisens. Das Herz der Frau wird neugierig. Die Eulenaugen Johannas baten gegen Poncet, wie er so immer noch stumm als Schatten auf der Skizzenkiste unter dem großen Atelierfenster saß. Aber sie versuchten Poncet auch um so mehr.

Die Neugier Johannas war so hart in ihr geworden, daß sie einfach nicht mehr hinaus konnte. So blieb sie und hantierte lange vor Poncet. Eine Weile dachte sie noch immer, daß Einhart kommen müßte. Aber je mehr sie hoffte, desto bestimmter sprachen ihre Blickt Sanftheit hin in den stummen, in sich verzehrten Poncet.

»O Gott, Gott!« hatte er schon manchmal vor sich hingesagt. Jetzt rang er heimlich sich zu überwinden. Aber Männer, die die Leidenschaft zu früh blind gemacht, stehen unter einem unentrinnbaren Zwange.

»O Gott! nein! daß Einhart nicht kommt!« stieß nun auch Johanna heraus, gleichsam seine Angst vor sich aufnehmend, und weil auch schon die Dämmerung in den Raum spann. Dann griff sie endlich eine leichte Hülle, einen bunten, leichten Seidenschal, um doch noch jetzt hinauszufliehen. Da waren Poncets Süchte plötzlich hart aufgebrannt, daß er sie atem- und lautlos von der Tür zurück und an sich gerissen und sie sinnlos hastig und heiß brünstig geküßt hatte. Johanna in ihrer Kindlichkeit hatte sich lange küssen lassen, mit hastigem, aber nicht starkem Widerstreben und hatte dann erst noch eine Weile drollig zärtlich gelacht, ehe sie unversehens ebenso hart aufgeschluchzt.

»Wie? Was? Pfui! Pfui! oh! Nein, nein! Nein, aber, wie Sie nur können!« hatte sie noch herausgestoßen, als Einhart auf der Treppe draußen hörbar wurde.

In demselben Augenblick hatte Johanna gleich mit ihren Eulenaugen zärtlich zu Poncet hin gebeten, reckte sich aufrecht, sich gleich einfindend in eine gleichgültige Hantierung. Und als Einhart mit einem Strauß Maiglöckchen eintrat, ganz beglückt nur von der Absicht sprechend, bald in eine ländliche Einsamkeit, ins Gebirge oder ans Meer zu gehen, saß Poncet wieder als Schatten gegen das Dämmerlicht. Einhart war ganz achtlos und arglos. Er streichelte Johanna und begrüßte Poncet mit kräftigem Handdruck. Er achtete gar nicht, daß er fast ins Dunkel kam, worin die beiden gesessen.

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