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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 46
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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8

Johannas Hände waren fein und klein, weiche Frauenhände, die Finger schlank. Wenn sie hantierte, gab es ein lustiges Spiel. Wenn sie mit einem Finger drohte, mußte Einhart lachen. Und nun hantierte sie erst noch eine Weile, einige Monate, bis über die Weihnacht im Putzladen, daß die weißen, lieblichen Frauenhände in bunte Seidenbänder und in allerlei fremde Blumen und Federn sich ewig einwühlten, und gar nicht, deuchte es, daraus endlich ganz ans Tageslicht kommen könnten. Die etwas gebogene, schmale Nase war ewig noch den Tag gesenkt. Die großen, schwarzen Eulenaugen hatten durchaus gar kein Lachen, nur eine sichere Sittsamkeit und Spannung. Sie umprüften um und um die breiten Krempen oder hohen Türme der sonderlichsten Frauenhüte, ehe endlich wieder einer, rings umziert, aus der Schöpferin liebender Hand ins Schaufenster oder auf den Ladentisch wanderte.

Einhart stand jetzt oft vor dem Laden, schon am Tage. Aber die großen Eulenaugen drinnen sahen und zwinkten nur heraus. Erst am Abend waren dann die lustigen Blicke und der junge Mund und die sanften Hände in Einigkeit mit Einharts. Bis Einhart sich ganz und gar nicht trennen gewollt, gleich zu Neujahr, und Johanna ruhig lachend eingestimmt hatte und eine kleine, zierliche, Hausmutter bei Einhart geworden war.

Und Einhart war jetzt plötzlich ganz auf sich selber gekommen.

»Ich male nur dich und mich, das ganze Leben lang,« sagte er stolz. »Denn im Grunde genommen sind wir zusammen alles. Du bist eine hohe und eine niedere Frau, und ich lebe auch das ganze volle Leben. Alle Tugenden und alle Laster sind in einem jeden. Besser, man lockt sie auf die Leinwand, als ins Leben.«

Es war das drolligste Spiel zwischen den beiden. Johanna war wie ein Kind, so dienstwillig und hingegeben. Und hatte einen Zauber schon im Lachen. Das klang rein, und wenn Lachtauben ihre weichen Laute sanft hinhauchen und ein wenig dazu schluchzen. Und Johanna war voller Grazie. Fast noch mehr als früher. Sie hatte gleich begriffen, daß sie mit Anmut die Seele Einharts ganz und gar umspinnen konnte.

Wenn sie auch nur mit der Kaffeemühle dasaß, die sie hockend zwischen den Knien hielt, so gab das schon für Einhart eine Malerfreude, rein nur, wie sie dann die Schultern aufnahm und den Kopf halbgesenkt, halb ihm zugewandt ihre großen Dunkelblicke geschäftig spielen ließ. Ober wenn sie sich einmal flüchtig dabei zum Kusse hergab, launiges Lachen in die Lüfte schluchzend. Oder gar, wenn sie in feierlichen Gesten, den schlanken, kindhaften Jungleib in irgendein köstliches Tuch leicht eingehüllt, eine griechische Krugträgerin hinschritt.

Nun: Einhart konnte plötzlich ein Gefühl nicht loswerden, als wenn er jetzt erst ganz die eigene Kunst gefunden. Er sah rein nichts sonst. Er fühlte nur, als wenn jetzt der letzte Zwang plötzlich gewichen und er frei geworden wäre zur eigensten Betriebsamkeit.

Dazu kam, daß Johanna einen echt mütterlichen Zug hatte. Sie begann für Einhart zu sorgen, um den sich all die Jahre nur höchstens einmal eine gutgelaunte Wirtin zufällig umgesehen. Jetzt saß Johanna stundenlang bei ihm am Tage und versah allmählich alles.

Es war garnicht gut für Einhart. In der ersten Zeit kam deshalb Einhart wochenlang nicht mehr auf die Straße. Und bald hatte sich Einhart an Johannas Anwesenheit derartig gewöhnt, daß er rein nichts zu tun vermochte, wenn nicht die ein wenig dumpfe, kindliche Plauderstimme um ihn und in seine Arbeit hineinfloß.

Doktor Poncet kannte Johanna jetzt auch längst. Er hatte sie auch gleich gern gehabt. Ihm war unsäglich wohl nur schon deshalb, weil ihm in den beiden Räumen, von denen der Atelierraum groß und geräumig war, nichts als eine arglose Menschlichkeit und ein rechtes Lebensvergnügen entgegenkam. Daheim bei ihm war das anders. Er saß oft lange in seinen weiten Mantel gehüllt auf irgendeinem Kasten voll Skizzen und sah, wie Einhart, gespannt äugend und fein und spitz lächelnd, die Farben auf die Leinwanden hinbrachte, und sah Johanna an, wie sie unterdessen um den kleinen Eisenofen herumhantierte oder das Teetablett oder sonst etwas herzutrug.

Einhart hatte jetzt einigermaßen auskömmlich zu leben. Obwohl das auch noch schwankte, was ihn garnicht weiter anfocht. Denn jetzt, wo er mit Johanna lebte, war er schnell in eine wahre Arbeitsleidenschaft hineingerissen. Daß Bild um Bild aus dieser Erhitzung aufging.

Und auf allen Bildern erschienen jetzt Einhart und Johanna. Einhart malte jetzt sich in allen möglichen Schicksalen und Gefühlen, und immer Johanna dazu, als eine süße, selige Begleitung, als die eigentliche Melodie des Lebens, um die es sich allein lohnte, solcher Musik zuzuhören. Er malte Johanna als schwebende Vision gegen den lichten Himmel, oder in paradiesischer Nacktheit selig und schön unter Blumen, oder mit Kindern ein neckisches Spiel auf freien Wiesen treibend, immer in hellen Tönen sie, immer ihre großen Kindsaugen mit den erstaunten Blicken, immer auch mit der ganzen Drolligkeit ihrer entzückenden Anmut. Und allenthalben auf den Bildern stand er irgendwo in der Nähe Johannas, wie ein trutziger Ritter, dem man das Frühlingsglück der holden Frau nicht mit einem Augenzucken nur trüben durfte.

Der Ausdruck des strengen Wächters über seiner Liebe ging durch alle Bilder hindurch. Der sanfte, arbeitversunkene, spitzlächelnde Einhart wußte es gar nicht, daß einer immer jetzt sich so fehdehaft und kampfsicher aus ihm hinausgab. Doktor Poncet stand oft heimlich erstaunt über die Fülle und Kraft solchen Ausdrucks, und über die schwebende Seligkeit, die durch solche Kontraste sich ins Blut schrieb aus den durchaus stummen Malerspielen.

Alle Dinge haben eine Sprache. Jede Sprache schlägt nur die Tasten der Seele an. Immer sind wir es, in denen die Erkennung aufwacht. Alle Dinge können jenes heimliche Leben wecken, daß es in uns von ihnen redet, wenn sich die Seele ihnen nur innig genug dargeboten. Die Sprache der Rede ist nur eine unter tausend.

Deshalb saß jetzt auch Poncet oft stumm und sann und horchte in die Leinwanden Einharts. Er fühlte genau, welche Ketten und Bande bald sich zwischen Einhart und Johanna gewoben. Er fühlte vor allem, daß an solcher wesenhaften, innigen Verstrickung niemand hätte rütteln dürfen, es wäre denn um Einharts Einfalt getan gewesen. Ein heißer, niederträchtiger, hassender, zäher Zigeuner womöglich wäre aus ihm herausgesprungen, wie der, den er mit einem Dolche unter der Glutrose und mit dem blitzenden Glutblick schon gemalt hatte.

Und Johanna sah jetzt um sich wie einen Garten aus allerlei Pracht. Aus jeder Umhegung lächelte sie. In jeder Laube saß sie als Glück. Allenthalben wandelte sie als Selige hin. Sie war umklungen und umsungen von ihrem eigenen Scheine und Glänzen. Ein jeder Hauch im Räume sagte es ihr stumm, daß Einhart wie ein Toller und Ausbund war, der nichts anderes sonst denken konnte, als ihrer Liebe Lied in alle Himmel zu singen, sie zu preisen in den Hymnen seiner Farben und Bilder und nichts sonst. Und sie lächelte heimlich, wenn es aus den Bildern redete, daß er zum Mörder oder Räuber werden könnte gegen jeden, der es wagte, auch nur wie eine Wespe oder Motte sich in den Glanz seines Glückes zu verfliegen.

Aber Einhart war jetzt recht eigentlich wieder ganz Kind. Er liebte, wie Kinder lieben mit spielender, strahlender Verklärung. Denn wahrhaftig, er fand nach außen gar keinen Anlaß gegen jemand sich zu verwahren. Es störte ihn niemand. Er lebte ganz einsam mit Johanna. Und sie war täglich liebend um ihn und zärtlich dienend in allem.

Doktor Poncet, der einzige, der kam, war ein ganz anderer Mensch als Einhart. Poncet hatte die Liebe in der Welt reichlich genossen. Er staunte in das kindliche Spiel, das sich in Einharts Werkstatt darbot. Er war müde der Liebe, kann man sagen. Heiß, wie er gewesen, hatte er die Leidensfeuer längst in Asche gelegt. Er fand kein Genügen mehr im Rausche. Er lächelte nur manchmal ein wenig ätzend, wenn er Einhart und Johanna plaudern hörte.

Aber Einhart war in seinem tätigsten Behagen, daß man ihm zum ersten Male seit jenen Tagen, wo er einst nach Zigeunern ausgezogen, den Lächler wieder ganz ansah. Johannas Nähe hatte ihn richtig zu einem kecken Jungen gemacht. Und als wenn er nun die ganze Welt nur so hinmalen könnte, die ganze, weite, selige Welt, die keines Kommentars und keiner Mühe und Arbeit bedurfte, um ganz und gar erkannt und geliebt zu sein.

Die ganze selige Welt: Johanna und Einhart.

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