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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 45
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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7

Alles, was Einhart so entgegenkam, erregte ihn lange und tief. Aber es machte ihn nicht zufrieden. Einen Menschen hatte er in Doktor Poncet gefunden. Das war an und für sich ein Ereignis. Zumal Poncet in seinem Fache tüchtig genug war, um zu glänzen, wenn er nur mit Wissen sich zufriedengegeben.

Aber »der Wahn ist unserer Füße Schemel,« sagte Einhart. Und das dachte auch Poncet. So gab es gutes Miteinandersein. Und sie kamen auch voll überein, daß sie die Welt von verschiedenen Seiten, aber die eine Welt angefaßt.

Poncet war seines Faches ein Mann, der nach den Gesetzen des Lebens der Vielen suchte. Und Einhart sehnte sich und suchte die Träume und Gesichte zu erschauen, die ihm sein eigenes Blut als Glück und Stillung verraten wollte.

»Es sind nicht weniger Gesetze des tiefsten Lebens,« sagte Einhart zu Poncet, als sie sich ein jeder ein wenig an die Sprachweise des anderen gewöhnt hatten.

Sie waren jetzt oft beieinander.

Als sie einmal in einer Schneenacht die Straße entlangspazierten, weil Poncet gekommen war, um Einhart aus seiner Arbeit herauszulocken, hatte Einhart noch immer seine Tafel vor Augen, und das Zwiegespräch der beiden war also arm und stumm nach außen, wie damals vor dem Kaminfeuer. Da hatte es eine flüchtige Beglänzung aus einer der schneebekappten Laternen mitten im Flockenfall so weise gefügt, daß Einhart in ein Paar der wunderlichsten Augen hineingesehen, die je unter einem Kapottehütchen zu ihm aufgeblitzt. Einhart war wie gefangen gleich. Er ging mit Poncet Arm in Arm. Denn Poncet liebte Einhart, und Einhart Poncet. Ein jeder, wie es kam, hatte bald, wenn sie so gingen, den Arm in den des anderen vertraulich eingelegt. Nun eben war es, daß Einhart in der sonderlichsten Laune Poncet plötzlich losließ. Es schneite weich und die Flocken tanzten.

»Nein,« sagte er nur, »hier werde ich mich nicht groß besinnen und einfach zurück die alte Fährte gehen!«

Poncet war auch ein Frauenkenner. Aber mit Einhart jetzt oft in seiner alten Versunkenheit. Und ehe er also ganz begriff, hatte Einhart nur noch zurückgerufen, daß sie sich in dem Kaffeehause gegen die Nachtzeit wiederfänden.

Einhart lief, was er konnte. Das Mädchen war wieder in seiner Nähe. Sie war schlank und hatte einen eiligen Schritt. Offenbar ging sie mit einem Ziele. Einhart war kindlich erregt, neugierig und lustig. Er kannte auch gar keine Scheu und Rücksicht. Ihre Augen hatten wie sammetene Blätter geschienen. Dunkel und großäugig hatten sie ihn angeblickt, wie Eulenaugen. So tief, wie wenn es Weisheit gewesen, die ihn angesehen. So lief er jetzt nur schnell vorüber und blickte sich nach den Augen wieder um.

»Nein, um keinen Preis dürfen Sie mir jetzt entwischen,« sagte er hastig.

»Wie?« sagte das junge Fräulein nur, als wenn sie ganz arglos wäre und gar nicht weiter auf ihn geachtet.

Da stand auch Einhart in seinen langen Mantel gehüllt schon vor ihr mit seinen lächelnden Augen voll kindlicher Freude, sah ihr prüfend drollig ins Gesicht und machte sie so im Laternenscheine und Flockenspiele lachen.

»Lachen Sie nur, mein sehr gutes Fräulein! Aber ich muß um jeden Preis noch einmal Ihre Augen sehen, ehe ich es glaube!« sagte er bestimmt.

»Was glaube?« sagte das Fräulein, das eine sanfte, bleiche Miene hatte und dessen Augen in Wahrheit groß schienen wie Dunkelflecken.

Der Schneefall trieb und tanzte um sie.

»Ach, nein, nein! so etwas Wunderbares!« sagte Einhart ganz inbrünstig. »Ich muß Sie um jeden Preis wiedersehen.«

»Wenn Sie meinen!« sagte das Fräulein, kindlich wie er. Denn Einhart gewann durch Ton und Glück seines Erstaunens gleich einen Eingang in ihre Seele.

»Wenn es nur meine Augen sind!« sagte sie sanftmütig und brach dann plötzlich richtig in Kichern aus.

Da gingen sie schon miteinander.

Das Mädchen war eine kleine Putzmacherin. Sie trug noch ein Paketchen zu Kunden aus. Sie hieß Johanna und war voll Übermutes.

»Sie sind wirklich ein Ungestüm!« sagte sie zu Einhart. »Maler sind Sie?« fragte sie ihn noch einmal, als er ihr erzählt halte, daß er eben zu einem Bilde ein Paar besonderer Augen schon ewig in seinen Träumen und auf allen irdischen Wegen gesucht und nicht gefunden hätte.

»Ich brauche irgendeinen Ton aus der Seele, eine glückliche Tiefe. Und renne schon immer herum, wie ein Raubtier äugend,« mühte er sich jetzt, von seiner Arbeitsnot einen Begriff zu geben.

»So wollen Sie mich also verspeisen!« sagte Johanna.

So liefen sie lange miteinander und plauderten allerlei Loses, worüber sie immer wieder beide lachen mußten.

»Ich wohne bei einer Wäscherin, wo ich mein Stübchen habe,« sagte Johanna. »Sonntags bin ich immer frei.«

Es stellte sich heraus, daß Johanna erst vor wenigen Monaten in die Stadt gekommen und noch scheu und ängstlich war. Einhart war an dem Abend wie losgebunden. Er hatte so viel Dummheiten im Kopfe, daß Johanna aus dem Lachen nicht herauskam, so beschneit, wie sie schließlich aussah. Er hatte ihr längst das Paketchen abgenommen und ging die ganze Strecke neben ihr ordentlich wippend. Ihr war es längst auch recht.

»Ich bin ein bissel töricht richtig in der Stadt,« sagte sie. »Das paßt sich doch gewiß nicht, wenn ich zu Ihnen käme.«

»Ih, mein Fräulein,« sagte Einhart. »Was nicht paßt, muß passend gemacht werden, wie Ihre Hüte! Darauf verstehen wir uns doch. Und außerdem«, redete er weiter, »dienen wir beide einem Höheren!«

»Oh, Sie sind aber sehr eingebildet« sagt« Johanna. »Was wäre denn das?«

»Die Kunst! die Kunst!« sagte Einhart äußerst gewichtig.

»Das ist eine Ausrede!« sagte Johanna.

Beide lachten wieder um der Rede willen. Aber beider Augen lachten auch jetzt, wenn sie eine Weile nur stumm die Flocken an Mund und Nase spürten, die ein wenig kitzelten.

So waren sie bis ans Ende der Straße gekommen, wo ein großer Platz im dämmernden, nächtlichen Schneetreiben lag. Johanna erledigte ihre Mission. Einhart mußte eine Weile, vergnügt die Schultern in die Höhe stoßend und trappend, weil es kalt war, hin und her gehen, ehe er wieder ihre weiche Plauderstimme aus dem Dämmer vernahm.

Auf dem Heimwege plauderten sie schon allerhand Zutrauliches. So daß Einhart jetzt dünkte, als ob er diesen Laut seit Ewigkeit gehört.

So ist alles innerlich Nahe und Verwandte, wenn es auch zum ersten Male unser Ohr und Auge trifft, uns gleich vertraut und will uns erscheinen wie in uns selber, wie ein Stück erweckten Eigenwesens. Es gibt eine wunderbare Ruhe und Freude, ihm zu begegnen.

Johanna erzählte, daß sie, eines kleinen Beamten Tochter, von Hause gegangen, weil eine zweite Mutter ihr das Leben verbittert. Nicht sehr viel davon. Einhart hatte auf Rückblicken jetzt gar nicht die Gedanken. Ihm war mit der Gegenwart genug. Er hielt Johannas Arm mit Scheu und sah nur oft in die großen, dunklen Eulenaugen, und war sanft entzückt, daß ihm die Augen zulachten, und auch daß die Hände, die einmal aus dem dicken Wollhandschuh herausfuhren, sanfte, kleine Frauenhände waren.

»Ich werde Ihnen die Hände reiben. Kommen Sie!« sagte Einhart.

Johanna gab ihm die Hände. Es waren ziemlich viel Vergnüglichkeiten in ihren Blicken dabei, weil auch sie in seinen Augen das Funkeln und die Güte gern sah, und alles sanft und zärtlich war, was er sagte und tat.

Schließlich wollte Johanna doch nicht mit ihm kommen, so sehr Einhart auch bat und quälte und sie am Arme hielt und lachte, wobei auch sie lachte.

»Schon wegen der Schmutzerei,« meinte sie, auf ihre Beschneitheit weisend. Sie hatten beide Schneelasten auf Hut und Mänteln. »Aber auch so! das schickt sich nicht. Ich werde Sie erst einmal am Tage besuchen. Wenn Sie mir dann noch so gefallen wie jetzt,« sagte sie ganz bestimmt, »dann können wir weiter Freunde sein.« So hatten sie sich getrennt.

An dem Abend war es Einhart, als ob er plötzlich eine ganz eigene Art und Leichtigkeit gewönne. Es kamen ihm allerhand Tollheiten in den Sinn. Er konnte gar nicht zum Entschluß kommen, ob er zu Poncet noch in die Ecke ins Kaffeehaus gehen sollte. Dann ging er doch.

Poncet, der verheiratet war und daheim zwei Kinder hatte, saß vor sich hinbrütend wie oft. Einhart war an dem Abend voller Leben. Aber er sagte nicht warum. Er ließ sich zweimal hintereinander Kaffee geben. Und glomm Zigarette um Zigarette und war sehr gesprächig.

»Ja, malen!« sagte er. »Ach Gott, das liebe Malen! Wenn man nicht einmal fände, was einen im Alter noch anmutet mit dem Glück eines gefundenen Schatzes. Man muß dahinter sein. Das große Bild wird etwas. Ganz neuartig. Ganz meine eigenen Harmonien. Das ist sicher. Der Einfall und der Zufall! Ich will nur malen, was mich selber überrascht! Den glücklichsten Einfall und den seligsten Zufall.« Er hörte nicht auf, so hinzuplaudern, daß Poncet nur zuhörte.

»Ein Blick gibt es manchmal,« sagte er.

Poncet saß versunken in sich. Aber er lächelte auch manchmal, weil Einhart lächelte.

»Einfälle und Zufälle machen es bei euch,« sagte Poncet dann einmal. »Bei uns ist alles System, System, System! Das ganze Leben System! Schrecklich! schrecklich! schrecklich!«

Sie liefen erst in tiefer Nacht nach Hause. Einhart war noch immer nicht still. Sie standen erst lange vor Poncets Hause, ehe sie sich bis zum anderen Tage Lebewohl sagten.

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