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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 44
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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6

Die fremdartige Erscheinung Einharts, die fahle Strenge seiner Züge, seine weichen Glutaugen, die plötzlich Haß und Feuer geben konnten, dazu die ungewöhnliche Ruhe seiner Bewegungen, seine schmalen, dünnen Zigeunerfinger in der straffen, braunen Hand, sein leicht rauhes Organ, das immer sanft verhalten klang, sein Lachen voller in sich gekehrten, kindlichen Übermutes, wenn es wirklich einmal Lachen gab, verursachte ein sonderliches Aufmerken nach ihm hin. Wenn Einhart jetzt einmal in Gesellschaft kam, sahen ihn viele heimlich an.

Einharts Augen waren jetzt immer sehr wach. Er war jetzt auf dem Menschenfang, wie er es nannte. So begegnete er in einem vornehmen Hause der Stadt einmal einem Gelehrten, der so dunkel und verschlossen war wie er selbst.

Beider Augen hatten sich erst wie zufällig nur begegnet.

Dann am Kamin waren sie zueinander gekommen. Sie sprachen dabei nichts.

Doktor Poncet war von herrischer, wegwerfender Gebärde und dachte nicht daran, jeden gleich anzusprechen. Und Einhart lächelte nur ein wenig.

Aber die Dame des Hauses, eine bucklige, häßliche Frau mit Negerlippen und ebenso gelbbrauner Gesichtshaut, wie Einhart gelbgrau, eine sehr vornehme, hochgeartete und geistesanmutige Frau, die den Winter in ihrem Stadthause Künstler und Männer von Welt bei sich versammelte, eine Gräfin Schleh, freute sich heimlich, wie sie endlich einmal Einhart bei Poncet stehen sah.

Es gab durchaus gar keine laute Bewegung. Die beiden starrten nur in das Loderfeuer des Kamins. Nichts weiter zuerst lange. Doktor Poncet sah dann, immer mit unterstützten Armen sich haltend, seiner Zigarre Glühende an, desgleichen Einhart auf den Glühfleck seiner Zigarette sah. Das Feuer flammte und die Scheite knackten.

»Feuer ist schwer zu malen,« sagte Poncet endlich, weil er sich jetzt erinnerte, daß Einhart Maler war.

»Gott ja,« sagte Einhart. Dann standen sie wieder, ehe sie sich auch einmal flüchtig in die Augen sahen.

So begannen sie langsam zu fühlen, daß sie sich viel zu erzählen gewußt. Um so hartnäckiger schwiegen sie.

Manchmal ist es mit Menschen so, daß ihnen beieinander plötzlich eine neue Frohheit und Freiheit kommt. Es drängt etwas auf aus jedem in jeden, gibt ein sanftes Gebundensein und zugleich eine seltsame Ruhe.

Die Gesellschaft war ziemlich groß, die weiten Räume dehnten sich. In dem hintersten Eckzimmer spielten einige alte Herren an grünen Tischen. Im Mittelsaale schwatzte die Jugend durcheinander. Es war alles hell erleuchtet. Junge Frauen in erlesenen, bunten Seiden und Sammeten waren im Lichte blendend sichtbar. Hundert Gesichter schoben sich durcheinander, wenn man wie Einhart jetzt oder Poncet aus dem Halbdunkel des verlassenen Kaminzimmers durch die umhangenen Türen in die bewegte Menge hineinsah.

Man sang jetzt im Musikzimmer ein Lied. Der Klang kam gedämpft zu Einhart und zu Poncet. Die beiden sprachen noch immer kein Wort weiter. Der Klang tönte wie eine Vogelstimme. Die Melodie war ein wenig feierlich. Das Flackern und Zucken der Flammen im Kamin schien sich den Klängen anzuschmiegen. Einhart beobachtete unaufhörlich gespannt in das Feuer.

»Sehen Sie einmal,« sagte er dann zu Poncet, »die Flammen scheinen mitzutun.«

Poncet war solches Gefühl bis jetzt unbekannt. Wie wenn er nun plötzlich seine Fäden der Dinge, mit denen sie sich halten, blinken sähe. Er lächelte ein wenig, als er nun auch gespannt wie Einhart in das Feuer sah. So standen sie und standen.

Im Raume waren gedämpfte Lichter. Bleiche Bilder in goldenen Rahmen hingen an Schnüren dämmernd an den Damastwänden. Man ging auf weichen Teppichen. Es war ein feines Duften aus Blumen und Parfüms allenthalben. Einharts Sinne waren davon wie umnebelt. Er sah nur dann und wann wie aus einem Traum von den Düsterflammen in die lichten, fernen Gesichter, die in dem Glanz der Nebenräume sich bewegten. Auch Poncet erwachte ein paarmal richtig.

»Sie sind ein Gelehrter?« sagte Einhart dann zu Poncet.

»Wissen Sie, daß das eine Tragik ist?« sagte Poncet. Einhart setzte sich dabei lächelnd nieder. Auch Poncet. So blieben sie neu beieinander sitzen.

»Eine Tragik!« wiederholte Einhart. Die Vorstellung ging in ihn ein wie ein stiller Akkord, den er jetzt summen und summen hörte.

»Sie lächeln,« sagt« Poncet.

»Aus Kummer!« sagte Einhart. »Denn nicht wahr? Wenn ich Sie richtig verstand, müssen Sie sich immer fliehen. Und Sie möchten sich finden.«

»Ja, so ist es,« sagte Poncet.

Dann fühlten beide neu die Flammen zucken und springen, als wenn sie mitsprächen in das heimliche Leben der Stunde von ihrem eigenen, heißen Erlebnis. Auch die Blicke der beiden Hineinstarrenden schienen von innen zu brennen.

Endlich erhoben sie sich. Sie gingen gleichzeitig lässig in den Glanz der Gesellschaft zurück. Sie kamen sich wie geblendet vor und zögerten noch immer. Jedem schien es, als hätten sie von tiefen Dingen und Schicksalen Zwiesprach gehalten. Als hätte es einen heimlichen Zusammenklang gegeben, nicht bloß von Seele zu Seele, auch zu allerhand Wesen ringsumher. Zu Flammen und Stimmen und Lichtern im Raume. Und es kam einem jeden jetzt auch so vor, als wenn sie viel voneinander wüßten und sich einig fühlten über das ganze, rätselhafte Leben.

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