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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 43
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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5

Jahre gehen hin und kommen nicht wieder. Einhart war reich genug, sie nicht zurückzubegehren. Auch die, die jetzt kamen und nicht sichtbare Merkzeichen einritzten, die scheinbar ungehört verhallten. Es waren Jahre innerlicher Raffung zu sich selber. Denn der Mensch ist lange ein Kind, und dann ein Schüler, und auch wenn ihn die Menschen entlassen aus ihrer Meisterschaft, liegt er noch immer mit der Welt im Streite, ehe sie ihn gewähren läßt, aus sich zu sehen, zu sammeln, zu sichten, zu reden und zu malen.

Und es kommt in jedes Menschen Leben eine Zeit, wo er mit leidenschaftlicher Sehnsucht nach Stimmen und Gestalten greift, die aus selbsteigener Gnade hineingerufen und hineingebildet in die Zeit. Einmal mit denen Zwiesprach zu halten, die in ihrer Zeiten Drange nach dem persönlichen Gute rangen, und nach der Kraft die eigenen Laute und Gesichte in die Lüfte über der Menge Häupter hinzuschreiben zu dauernder Verlockung.

Einhart versank in ernste Studien. Er las jetzt mit wirklicher Begier Philosophie. Da war er nur gerade schlecht beraten zuerst. Er griff da einen langen Zopf, der dem Chinesen im Westen hinten hängt. Man nennt es Geschichte der Philosophie. Ein uraltes Bild, was man so die Philosophie der Alten nennt. Tausend Stümper haben es übermalt. Es versuchte so mancher zu bessern und zu streichen, was originale Menschen aus innerstem, eigenem Lebens- und Schauensbedrängnis zur Klarheit gestaltet.

Es ist ziemlich unkenntlich, alles daran. Und von dem Ursprung nicht mehr viel Spur.

Das merkte Einhart.

Er kam mit wahrem Verlangen. Er hatte gar nichts gelernt. Oder besser, er kam mit dem natürlichen Drange, eine Welt, die sich ihm reich und heiß darbot, zu ergreifen mit Sinn und Seele allenthalben.

»Das nennt ihr also Philosophie?« sagte er zuerst ganz erstaunt, als er die Berge des gelehrten Wissens ansah.

»Gibt es nicht Männer, in denen sich wirklich die Welt in ihren wahren Mächten spiegelte? Gibt es nur solche zerstückelte Weisheit? Hirngespinste von tausend Begriffen, in denen sich nicht einmal Fliegen fangen? Gibt es nicht Männer, die die Welt klar anschauen, also daß man in sie einsehen kann wie in einen kristallenen Wassergrund, auf enger Scheibe das ganze, weite Eine?«

So suchte er immer wieder nach Menschen.

Und es kam auch, wie er durch den Vorhof, die geilen Reminiszenzensammlungen und Retouchieranstalten, durch allerlei Kommentare von Kreti und Pleti, durch die Stätten der unpersönlichen Fruchtbarkeit flüchtig hindurchgegangen, daß ein paar Heilige selber ihm endlich wirklich begegneten.

Einhart stand plötzlich vor Spinoza. Der dunkle, bleiche, wortkarge, jüdische Mann entzückte ihn. Er hatte Mühe, sich in seine Strenge einzufinden. Er sah ihn beständig versunken über seine mühsame Arbeit gebeugt. Mitten in das Lesen der Worte dieses Vertieften hörte er manchmal plötzlich das Surren des Schleifrädchens, das er mit seinem Blicke verfolgte. Denn der irdische, äußere Mensch dieses Juden saß angebunden an die irdische Leistung, indes sein Geist selbstvergessen den Zwängen der Menschenseelen tief nachsann.

So persönlich das Werk, so ganz selbstvergessen der Mensch zugleich.

Zum ersten Male begriff Einhart mit dem in sich gewissen Blick dieses Erkenners die Zwänge von Launen, Lieben und Leidenschaften der Menschen, die, wie Wolken- und Wetterspiele den hinausgeworfenen Erdball, so die einsame, hinausgestoßene Menschenseele umdrängen.

Die entsagende Weisheit solchen Betrachters, der ohne eigenen Anspruch, ohne auch nur leises Erzittern des eigenen Spiegels, Leiden und Leidenschaften des Menschen, ohne Hauch eigener Leidenschaften, bemaß, erregte ihn förmlich. Die erhabene Ruhe und durchdringende Macht, mit der dieser kranke, jüdische Glasschleifer den unentrinnbaren Verkettungen in den Seelen nachtrachtete, ohne je Wunsch und Plan eines engen, eigenen Lebenskreises anmaßlich und trübend seiner eisklaren Schau zuzumischen, dünkte Einhart das unverlierbare Gleichnis der reinsten Hingabe des Menschen an seine Quellen.

Dann las Einhart in sonderbarem Zufallsspiel Schopenhauer. Das griff ihm sehr ans Herz. Aber weil er sich auch immer wieder die Welt mit Sinnen besah, konnte er das grausige Urgespenst des Willens vor tausend schönen Ordnungen der Dinge und den liebenden Sehnsuchten nach deren reicher Gestaltung nicht immer entdecken.

Und seltsam vor allem, daß er nach dem stillen Frieden in Spinozas Schleiferzelle nie ganz vergaß, daß er nun einen unwirschen Griesgram vor sich hatte, dem er zwar mit schuldiger Devotion vor dem hohen Flug und dem weiten Umblick manchmal fein zulächelte, weil auch er Hohn und Verachtung gut kannte, aber auch oft mit sicherem, klarem Worte entgegentrat.

Einhart begriff nicht, daß es ein Weltleid gäbe, weil er meinte, daß nur der einzelne wirklich leide. Das wirkliche Leiden schien ihm begrenzt in dem engen Becher der Vereinzeltheit. Und das Maß dieses persönlichen Leidens deuchte ihm nicht um ein Jota vermehrbar, wenn er die einzelnen Personen zusammenreihte. Leid und Freude dünkten Einhart gleich nur eine schwankende, leise Begleitung in der weiten Ordnung dieser Welt und dem weiten Meer der Seele darin.

»Gewiß,« sagte Einhart, »die Welt der Hanswurste und Affen. Aber auch der Weisheit mit vielen Gesichtern.« »Wie ich sie nehme, ist meine eigene Sache.« »Ich werde nicht weinen, weil ich malen will. Die Augen müssen weit und des Lichtes viel sein. Aber es gibt auch Licht genug.«

»Ich liebe meine Welt,« sagte er dann drollig lachend, »und nur die eine Welt.«

Später geriet er über die Legenden des heiligen Franziskus von Assisi.

»Man kann die Ekstasen weit treiben,« sagte er zuerst. »Das Lustigste bleibt doch Bruder Ginepro, der Schalk und Hanswurst unter den Heiligen, der den verstiegenen Menschen durch alle Frömmigkeit hindurchscheinen läßt, daß die dummen, nackten Selbstsüchte sichtbar werden wie die Knochen im Röntgenbilde. Und dann Bruder Egidio, der selbstsichere, achtlose Arbeitsmann, der zeigt, daß man tun kann mit Händen und Füßen und doch reine Absichten und frommes Schauen der Welt mit sich tragen.«

»Ich werde immer ein Schalk und Arbeitsmann bleiben: große Liebe und klare Schau! und lachen über den Staub meines Kleides, und immer tun, und im Tun mich vergessen!« »Und von Zeit zu Zeit zwei Fuß mich über die Erde erheben,« sagte er lachend, »aber nicht weiter!«

Alles in allem ging Einharts Winter und Sommer und noch ein Winter und Sommer so hin. Er las viel und hatte tausend Erfüllungen. Und verwarf dann alles in Summa, weil nichts kommen wollte fürs Werk aus allen solchen Betriebsamkeiten. Er lebte in diesen Zeiten ganz abgeschieden.

Er hatte auch dazwischen allerlei Studien gemalt und Entwürfe. Aber er trat auf allen bald herum. Pappen und Leinwanden lagen auf dem Erdboden, ohne daß er sie achtete. Er kam nicht dazu, etwas fertig zu machen. Er war manchmal dann in heller Verzweiflung plötzlich, verfluchte die dummen Bücher und ging einen Tag in Unruhe unter die Leute auf den Straßen, sah Werke in den Galerien an oder zeigte sich unversehens einmal in einer Gesellschaft. Es war ihm in solcher Art des Tuns schließlich auch ganz klar geworden, daß ein Kunstwerk immer nur aus Dunkel nach den heimliches Drängen der Fruchtbildung zusammenschießt und aufsteigt, wie die Blüte mit der eigenen, jungen Gestalt aus dem Ackergrunde. Werk um Werk. Erfüllung um Erfüllung. Ein wahres Rückschauen auf die eigene Zeit, wenn also Werke wirklich Erfüllung gegeben.

So begann Einhart nach zweierlei sich jetzt neu zu sehnen, nach selbsteigenem Tun und nach selbsteigenen Menschen unter den Lebendigen. Er fragte sich oft jetzt nach Einem, den er mit sich trüge, wie sich selber, dem er trotzig begegnen möchte, wie dem griesgrämigen Verächter Schopenhauer, oder zu dem er leise eintreten möchte wie in Spinozas einsame Schleiferzelle.

Am Ende brachte ihm der Zufall noch Platons Welt in die Seele.

»Da haben wir den Seher, den ich gesucht,« rief er vielemale im Lesen. Und er saß unter den schönen, jungen Griechen selber bekränzten Hauptes in Rausch und fröhlichem Widerstreit, daß er sogar die äußeren Augen weit aufriß.

»Diese Welt ist ergriffen mit Auge und Ohr, mit Geruch und Geschmack, ist wahrhaft angeschaut,« rief er entzückt. »Und die Ideen sind wie Arome, die der leibhaftigen Blüte entsteigen.«

»Seht doch unsere Duftmacher, die uns Arome eintränken wollen und haben nie die Blüten gesehen.«

Jeden Schritt hin und her auf den Fliesen im Hofe hörte Einhart hallen, das Poltern der Berauschten an den Läden machte ihn lachen, jede Geste und jeden Geist griff er in wahrem, sinnlichem Gewandte. Damit kam er ganz zum Leben zurück.

»Ich will Menschen finden,« sagte er streng, »nicht Werker! – Menschen!« Das war ein Wendepunkt nach einigen Jahren. Weil er auf einmal jetzt auch gefühlt hatte, daß in den Werken der Vergangenheit sich klar Menschen und Werker unterscheiden: Menschen, die die Welt spiegeln, ihre eigene und die ewige zugleich, kristallklar in ihrem einen Wesensblick, und Werker, die im Dienste der Gesellschaftsmächte zusammenhäuften, redeten, kommentierten, alles zu wissen meinten, nicht schauten mit eigenen Sinnen, nichts lebten aus Blut und Atem, als einen Widerschein fremder Welten, fremder Gefühle und fremder Entschließungen.

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