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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 42
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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Das Leben auch dieses Sommers ging bald hin. Einzeln verfärbten sich die Blätter der schiefhängenden Birken an der langen, schnurgeraden Chaussee, die hinwies in die Ferne.

Einhart hatte die Herbstabende oft einsam in den Weiden gestanden, neckisch umschnaubt von den Mäulern der Mutterstuten und Füllen und hatte in den sinkenden Sonnenglast hineingesehen. Oder er war an den tintenschwarzen Tiefen der Moorgewässer entlang gelaufen, darin Hütte und Strauchwerk und hoher Hängebaum sich düster fremd und kalt spiegeln, und über die Heidehügel hin, hatte den Schrei des Brachvogels über sich klagen hören in die Dämmerlust und war schließlich mit seinen Gesichten und Träumen dann auch selber ins Weite gezogen.

In jedem Leben gibt es Zeiten, wo die Seele, überreich an Gehalt und Drängen, nicht recht rasten kann. Wo nicht das Erschauen neuer, fremder Dinge und Wunder hinaustreibt und forttreibt von Ort zu Ort. Nur die unbestimmte Sehnsucht, endlich die schöne Schale der Götter zu finden, sie mit der eigenen Seligkeit und dem Reichtum aus der eigenen Tiefe zu erfüllen.

»Denn die Welt des Wurmes und meine Welt ist allenthalben dieselbe. Aber in meinen Augen blitzt diese Welt und glänzt im See Menschenliebe wieder,« sagte Einhart jetzt oft. So war seine Welt nicht die Welt, die draußen war, nur die drinnen jetzt umhütet mit ihm ging.

Einhart war noch immer einsam, wie er gekommen war. Er verstand es gar nicht mehr, sich anzuschließen. Keiner der jungen, tüchtigen Maler, die er in der Heide gefunden, und mit denen er beim Mittagsmahle oder nach Feierabend manchmal noch in der kahlen Dorfschenke des Moordorfes zusammen gesessen, kam ihm recht nahe. Das war wohl hauptsächlich, weil ein jeder für sich genug erfüllt war, auf seine Weise die Welt der Beglückung aus Wolken und Lüften, Wasser und Weiden zu greifen.

Aber man traute sich auch nicht. Zumal wenn Einhart seine undeutbare Doppeltheit mit sich trug, achtlos spitz und abwehrend im Gespräche seine Blicke funkeln ließ, die dunklen Schalksaugen drollig-einfältige Begleitung zu sonderlichen Worten und Weisheiten spielten, wenn er sich gar manchmal in den Mantel tiefsinniger Verrücktheit hüllte, wie ein indischer Heiliger ewig lächelnd dasaß, aus einem Punkte der Weltbetrachtung süßen Wahnes Netze spinnend.

Da waren die um ihn unschlüssig, wie ihn erkennen. Keiner, der eines solchen Einsamen, eines solchen Schalkes und Gauklers Herz recht gefunden glaubte, weil auch die Flamme der unsteten Sucht nach tiefem Leben ewig dabei zuckte und die Flamme der harten Verachtung alles kleinen Getriebes nach Ehren. Da waren die um ihn doch noch immer im Vergleich angebunden an tausend engere Wünsche und Weisen, bauten ihr Haus und priesen Heimat und Scholle, verherrlichten den Frieden der Ackerdienste und Feierstunden, und ließen die weite Welt sich im kleinen Moorgraben spiegeln mit den moosigen Baumästen zusammen, und mit dem ziegenhütenden Weidekind.

Einhart hatte auch diese Welt gesehen, die alle sahen um ihn, »auch der Wurm,« wie er sagte. Aber er träumte von keiner Heimat. – Er träumte nur von dem Wundersee seiner eigenen Ausschau, darin diese ganze Welt sich in Menschlichkeit spiegelt.

Kein Mensch kann je seine Träume leibhaftig träumen, wie die Welt, die wir wachend um uns Welt nennen. Kein Mensch, außer in flüchtigen Augenblicken, wo der Spiegel der eigenen Seele rein liegt wie im Tode, daß die zarten Luftgespinste Traum ihn kristallrein durchhauchen und uns ein volles Wähnen geben von den verborgenen Gestalten unserer fernsten Sehnsucht. Nur einen Augenblick. Wenn die wahre Welt der Dinge uns weckt, zerrinnen die Träume, und nicht einmal ein Erinnern kann noch den Saum ihres Gewandes fassen. Das mag wohl eine tiefe Weisheit bedeuten in unserm Leben. Denn wenn je ein Mensch in sich den Himmel seiner fernsten Sehnsuchten wirklich dauernd wölben könnte vor seinen Augen, so würde ihm das Bild der wachen Welt verblassen. Da würde er eine Seele sein, deren irdisches Auge erblindete, um nie mehr aus ihrem Traumlande zurückzuschauen. Der Leib dieses Menschen müßte hinsiechen. Denn selbst die köstlichsten irdischen Speisen würden nichts sein, als Ekel gegen die süßen, duftigen Früchte, die er im Garten seiner Sehnsuchten brechen könnte. Solche Wahnsinne gibt es. Es gibt manchen Irren, dessen unheimlich entlegener Weg jenes Wunder erreichte. Dessen Auge im irren, entirdischten Lächeln voll Wehmut seine grauen Pfleger zur eigenen Beglückung bemeistern möchte. Manchen Irren, der selig für sich wandelt, und der nicht irdischen Trank noch Speise mehr nehmen mag.

Wahn und Kraft kommt aus derselben Quelle, die alle Wunder birgt. Aus der Quelle, die im Grunde eine ewige Quelle ist. Ein Brunnen voller Schätze. Auch ein Meer, unermeßlich und unergründlich. Darin Schau und Wahnsinn eines sind. Daraus der Mut des Träumerlebens Schatz um Schatz aus der Tiefe hebt, um es im Gleichnis der Welt zu geben, selbstvergessen es vorweglebend im schauenden und schaffenden Ereignis, dem irdischen Bilde aller Erdenzwänge zum Trotze.

»Mein ist es,« sagte dann Einhart, »mein einziges, potentatisches Leben, das was ich mit mir herumtrage, in welcher Heimat immer. Und wenn ich wirklich ein Wahnsinniger bin, es ist der göttliche Wahnsinn, der alles Feste und Starre zunichte macht, Hoffnungen gibt, Aussichten. Und ohne so etwas lohnt sich nichts.«

Einhart war ein Sonderling. Er war auch hart. Er mochte mit niemand auch nur familiär sein. Er duzte sich mit keinem Menschen. Mit Grottfuß. Aber den sah er nicht mehr. Der wußte jetzt auch schon alles im voraus, was die Künste sollen. »Sollen! Ha Ha Ha! Sie sollen mir den Buckel kratzen!« sagte Einhart lachend, wenn er an Grottfuß dachte. Und wenn er von den herrschenden Modepreisern gebrandmarkt wurde, das tat ihm nur wohl.

Auch mit daheim waren die Beziehungen jetzt ganz kalt und förmlich. Er dachte mit Liebe zurück. Aber hin ging er fast nie. Einmal im letzten Winter war er doch daheim gewesen! Gott! man hatte sich auch gar nichts zu sagen! Rein nichts. Als wenn man jetzt eine ganz fremde Sprache redete. Was gingen den alten Geheimrat diese Künste an? Und überhaupt so das Erleben dieser Welt. Der würdige, steife Herr ging zum Skat in einen vornehmen Beamtenklub. Und gar die Mädchen! Die waren verheiratet, hatten, ihre Kinder und sagten: »lieber Einhart!« Weil Einhart jetzt in sehr anständiger Kleidung gekommen war. Rosa fuhr ihm wohl einmal noch wie in alter Zeit über die graugelbe Wange und versuchte sich zurückzuerinnern. Sie küßte ihn auch in Aufwallung. Aber sonst war sie unerfahrenen Geistes und dem Erringen des Lebens zu sich, dem tätigen Gewinnen eines wirklichen Anteils Welt in sich, war sie fern wie eine Kuhmagd. Die fleischliche Enge gab Sinn und Ende. Nichts galt wirklich, als das wahrhaft Erdene des Augenblicks.

Da war Einhart sich also daheim sehr schnell ein wenig lächerlich vorgekommen, und er war nach wenigen Tagen mit freundlicher Einfalt und Güte im Gesicht abgesegelt.

Nun ging es am Sommerende aus dem Moordorfe auch einsam und unstet in die Kunststadt zurück. Und er fand sich in allerhand wehmütige Träume noch einmal ganz verstrickt, als goldene Birke um goldene Birke zurückwich in die silbernen Morgennebel, und er in dem ratternden, schwarzverblichenen Omnibuskasten mit den plumpen Ackergäulen davor die schnurgerade Chaussee hintetterte. Unterdessen zwei runde Bauerweiber, die volle Packen auf Boden und Sitze des Wagens ausgebreitet, den Lärm der klirrenden Fenster und des Räderrollens zu überschreien suchten mit ihren scharfen, aufgebrachten Worten über Wetterschäden, über Henny Ottens Tod, und Aussichten der Obsternte und derart tausenderlei Sachen.

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