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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 41
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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Im Moore feierte man ein Volksfest. Es waren helle Zelte gebaut nahe einem Kiefernhügel, der gegen den blauen Äthergrund der weiten Nacht ragte. Und der erstrahlende, irrlichtelierende Freudentaumel der Karussells schwang sich unter dröhnender Musik um. Die Lampen und Lichter glitzerten in bunten Scheinen und schwirrten vorüber inmitten der drängenden Menge erheiterter junger Gesichter. Alt und jung strömte um Wurst- und Kuchenbuden und hin in das von grünen Reisern durchduftete Zelt, worin die jungen Paare tanzten. Leute aus den jetzt unter der Sternennacht schlafenden, weiten Mooren saßen an den Tischen, zum Teil wie sie sind, ernst und ungesprächig, auch ein wenig feierlich erstaunt von dem Lichterglanze und der Musik die Frauen, und die Männer dann und wann geradehin, flüchtig von Witz und ohne groß Anmut.

Um einen Tisch saßen junge Maler. Einige freie, geistige Mädchengesichter glänzten in Röte, die mitten durch Staub und Wirbel sich mit schwebender Frische in die schwerfällige, walzende Menge mischten. Die jungen Malerköpfe waren voll Leben. Die Augen aller sahen voll Spannung in die bunte Welt des nächtlichen Reigens. Heiter und unbedacht streifte der träumende Blick dieser staunenden Jungwelt den Duft der Dinge dieser Festnacht und schwang sich lachend inmitten des bäuerlichen Gestampfes immer wieder neu hinein, nicht nur zu schauen, auch dabei zu sein.

Einhart war spät in das Tanzzelt getreten, hatte ein paar seiner Kameraden mit flüchtigem Nicken angesehen und war unschlüssig unter die Gruppe Bauern am Eingang zurückgegangen. Man kannte ihn auch hier allenthalben, weil er noch immer fremdartig genug aussah. Nicht mehr verwahrlost, sehr schlank und mager. Aber die Augenbrauen immer mehr wie breite Bänder, die Augen aus Tiefdunkel blinzelnd oder auch mit der Güte und Einfalt und dem verlorenen Lächeln eines Kindes, oder plötzlich der Blick mit Funken wie der eines harten, andalusischen Räubers. So war er allen, auch den Bauern, immer ein wenig ungeheuer. Die jungen Malerinnen waren halb moquant, halb hingezogen, obwohl Einhart in dieser Zeit für niemand recht zu gebrauchen war.

Auch an diesem Abend war Einhart sehr gleichgültig. Es sich von Festen und bunten Äußerlichkeiten ablesen, hatte er völlig verlernt.

»Die Natur meiner Augen und Sinne hat es so schön eingerichtet, daß die Welt ohne Mühe hineinspringt. Und was hineinspringt, ist mir sicher,« sagte er. »Wenn sich meine Stunde nach etwas sehnt, was verloren ist, kommt es aus der Brunnentiefe aufgestiegen wie der Nix im Märchen und lacht oder weint mit mir.«

So lebte er die Dinge ohne Anspruch. Auch alle die leuchtenden oder beschatteten Gesichter rings. Aber er sah manchen Bauern doch scharf an, und manches blonde Mädchen, das vorbeihuschte, ihn zu grüßen, und den derben Burschen, der Hut oder Mütze vor ihm lupfte. Er hatte immer etwas Prüfendes im Blick. Es war gar nicht Methode. Es war gewohntes Leben jetzt.

Und Einhart mischte sich dann doch unter die Tanzenden, tanzte mit einer wunderlichen Schönheit, die vom Moore in bunten Damenflittern gekommen war, nachdem sie Jahre jenseits des Meeres gewesen und rechtes Geld mit heimgebracht. Alle Moorleute staunten die überlegen Prunkende an, die sie früher als einfaches Heidekind gekannt, wie sie mit ihren Seidenbehängen und der Schleppe jetzt im Arme Einharts hinflog, mit sicherer Grazie alles flatternde Lose ihres Gewandes zusammenhaltend und umschwingend, wie es keine der derben, gesunden Moortöchter in ihrer behaglich runden Umdrehung vermochte.

Aber wie auch alle die lustigen, jungen Blicke rings, je mehr die Zeit hinging, lockten und bedrängten, wie auch Einhart dann noch einmal lange stumm am Tische unter den Malern gesessen, in die flackernde Regsamkeit des halbhellen Tanztaumels hineinstarrend, wie er auch dann unentschlossen einem blonden Mädchenkopfe sich nachgestohlen, der ihm ein paarmal mit heimlichen Blicken zugeblinkt, wie ihn auch dann die lustige, schmiegsame Heide, jung und derb und verliebt, mit heißen Erhitzungen jetzt in der Festnacht hinausgelockt in die Waldschatten und sich an ihn gehangen mit weichen Armen, die aus den offenen Ärmeln wie Nixenarme im Sternenschein glänzten, Einhart konnte in dieser Nacht nirgend Ruhe finden. Er hatte es noch immer aus dem Wandervolke, die treibenden Süchte, die wie Krankheiten ihn manchmal plötzlich überfielen und versehrten.

So geschah es auch heute, daß in die drängenden Flüstertöne dieser Nacht, in das Gesumme und Geräusche in den Baumwipfeln oben und das Silberlicht der Sterne, unter die scharfen Schatten im Waldgrunde und in die stammelnde Sehnsucht des blinkenden Mädchenmundes ein Bild plötzlich tiefer Erschrockenheit hineinsprang. Daß Einhart seinen Namen aus den Weiten der Nacht herhallen hörte, und hinstarrte – und hinlauschte – gierig. Und es zum andern und zum dritten Male vernehmlich einsog: »Einhart! – Einhart! – Einhart!« von einer leiblichen Stimme silberhell durch die Nacht gerufen. Daß ihm die übrige Welt rings danach wie in Totenruhe verstummt erschien.

Einhart hatte Heide sofort losgelassen. Er sprang aus den Waldschatten ins Licht ganz hinein. Er machte eine Bewegung mit dem Munde, wie um zu rufen. Aber es kam noch kein Ton. Er rief jetzt wirklich. »Ich komme!« rief er laut. Weil es ihn auch gleich dünkte, daß er den Ruf verstanden. Und er lief – und lief, wie getrieben, was er konnte, hin ins Moor, wo Henny in der umwachsenen Hütte krank lag.

Das Haus lag im Schlitzschattenwerk der alten Eichen ganz verborgen und dunkel. Ein kleines Fenster gab einen rotgoldenen Schein, warm wie eine Seele und stumm. Die Schierlingsstauden und die Nesseln standen wie bleiche Spitzensäume unter dem Fensterschein und flüsterten und zitterten.

Einhart schlug sein Herz wie ein Hammer in der Brust. Er drückte leise, wie oft, sein Gesicht an die Scheibe.

Alles lag still, wie in Ewigkeit gebunden.

Er suchte jetzt einen Halt zu gewinnen. Das Unbegreifliche hatte ihn bedrohlich angefaßt. Er trat noch einmal vom Fenster zurück. Und er sah auf in die Nacht.

Über den Schatten des Hausee hingen in den Baumwipfeln die blanken Sterne, als wären Diamanten in die Zweige gesät. Drinnen im Hause regte sich nichts.

Dann schlich Einhart neu nahe, sah lange durch die Scheibe in den Dämmerraum und merkte endlich, daß drinnen der Tod selber am Tische saß und schlief.

Es war eine von den wunderlichen Visionen Einharts. In dieser Nacht ging es in Einhart wie Irresein schon seit Anbeginn. Da konnte er die Welt noch weniger sehen vor seinen eigenen Bildern.

Er drückte ewig die Stirn an die Scheibe, um drinnen – den Tod schlafen zu sehen.

Ein alter, müder, starrer Mann, grau wie eine Fledermaus, in einem langen Gewande wie gefaltete Flügel, dessen Kopf unsinnig, und wie zu arg geknickt, unkenntlich auf den Tisch hing.

Ganz allmählich erkannte Einhart, daß es der alte Otten selber war. Der Schein des kleinen Lichtes traf seinen grauen Schädel. Auch die alte, strenge, magere Frau Otten saß im großen Lehnstuhle und schlief, das Gesangbuch auf ihren Knien in der Hand haltend, worüber ein Lichtstreif spielte. Das Bett neben dem Tische schien wie eine Bahre mit einem Totenlaken zugedeckt.

Wie Einhart lange hingestarrt, erwachte Frau Otten, daß ihre Haubenbänder einen vertrackten Schatten an die Wand warfen. Und der alte Graumann regte sich auch.

Die beiden hielten stumme Totenwacht. Denn Henny hatte eben den langen Schlaf des Todes begonnen.

Einhart sah jetzt auch deren Züge genau. Das Fenster war nahe. Das junge, entrückte Totengesicht hob sich langsam aus den weißen Tüchern heraus. Es schien zu lächeln. Einhart wußte es jetzt. Hennys Stimme hatte ihn zärtlich noch einmal gerufen. Er regte sich nicht. Er trat nicht hinein. Er stand nur ewig und ging dann wie ein Schlafwandler ohne Laut in die Nacht der Moore zurück, Schierling und Nesselstauden durchschreitend, dieselben, in denen Henny noch am Tage in Kissen gebettet gesessen.

Die Nachtwelt begann in Unruhe aufzuschauern. Die Blumen und Bäume flüsterten. Einhart lief ins Unbestimmte Schritt um Schritt. Tausend Fragen tat er in die Sterne. Allenthalben deuchten wie zarte Gewande über den Heiden aufzusteigen. Er war tief in Rätsel verstrickt in dieser weiten, einzigen Nacht.

Als Einhart am Morgen in sein Quartier kam, sah er aus wie ein Kind, so sanft berührt von den fernsten, geheimsten Weisen aus den Gründen, die ewiges Vergehen und ewiges Leben halten.

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