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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 40
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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Unten im Moore hing ein altes, moosbegrüntes Dach nieder fast ins Gras und in Nessel- und Schierlingstauden, tief im Eichenschatten verborgen. Gänse gackerten unter den Säulen der Stämme, und ein Schwein machte drollige Sprünge und quiekte ungehalten, wenn jemand in den Frieden der verfallenen Umhürdung, in die verwunschene, verwachsene, nesselumwucherte Herrlichkeit eindrang. Einhart mußte hier oft seinen Weg hindurchnehmen weiter in die Weiden hinaus.

Wie Einhart jetzt war, hatte er gern den Blick in die Ferne gerichtet. »Unstet« war noch immer sein Name. Er näherte sich, in dem Grase am Wege schreitend, dem kleinen, engen Hausfenster, legte seine Stirn an die Scheiben und sah hinein in die dunkle Stube.

Hier wohnte Klaus Otten, der Moorbauer, und seine magere, strenge Frau mit der schreiigen Stimme, mit den großen Holzschuhen an den Füßen und der dürftigen Haube, und Henny, deren Tochter, die seit einem Frühling krank in den Kissen saß, und die sich nun eine Welt träumte, je mehr sich ihr die Hoffnung und der Blick verschloß.

Henny war eine blonde, junge, sanfte Seele, ein wenig neckisch immer im Leben, und wo sie Arbeit tat, froh und wohlgemut singend früher. Und sie hatte allerlei Arbeit getan. Vor allem draußen in dem Mooracker hatte sie Scholle um Scholle mit Vater zusammen umgelegt und hingeschoben und der Sonne gebreitet, und geschichtet dann, und in den Kahn geborgen endlich, wenn es zum Trocknen gekommen war. Sie war auch dann mit dem wundersamen, eintönigen Ruderstoße, einer und einer und immer wieder derselbe, im sonnenweiten Wiesenglanze mit Vater und der schwarzen, erdigen Sommerernte zur Stadt gefahren.

Nun war damit nichts mehr.

Es blühten ihr jetzt die glühen Todesrosen im schmalen, kindlichen Angesicht, und sie träumte viel und konnte wundersam aufmerken auf alle Dinge im Himmel und auf Erden.

Einhart hatte gleich im Beginn seines sommerlichen Aufenthaltes einmal zufällig hier Rast gehalten und in diese graublauen, jungen Augen gesehen und mit Staunen den seltsam glücklichen Glanz des Entsagens und Entschwebens fort in alle Weiten.

Und Henny hing jetzt an der Stunde, wo Einhart oft den Abend durch die Stauden und Schatten und die goldnen Tupfen des Sonnenscheidens hindurchstapfte. Heute hatte sich Henny schon am Nachmittag zeitig in Kissen hinausbetten lassen. Um sie glühten allerlei Taube-Nesseln, Kamillen und Glockenblumen. Sie horchte in die helle Sommerluft, wo Finken ihr kleines Lied sorglos pfiffen, und Spinnen sich auf die Blätter niederließen oder auf ihre Hand und erschrocken sich dann am eigenen Gespinste eilig in die Lüfte emporzogen.

Henny war außermaßen fein von Sinnen. So eine Spinne mit ihrem Fleckenkleide sah sie staunend an wie eine Dame in reicher Gewandung. Die kleine Spinnenarbeit deuchte ihr voll ein Wunder. So ins Schauen versunken, konnte Henny stundenlang zusehen, wenn das winzige Dürrbein mühsam die Fäden seines Netzes zusammenrollte wie ein Seiler seine Knäuel, dort wo das Netz lädiert und undicht geworden, um mit seinem Bisse die kleinen Packen Spinnenseide zu lösen und in die Lüfte verächtlich hinauszuwerfen, wie eine Dienstmagd den Kehricht. Fein war der Knäuel. Henny fing ihn in der Hand. Sie zerdrückte ihn zu einem kaum sichtbaren Flecken Silberstaub. Es war schier ein Wunder, ihr, die angebunden an Leib und Seele, nur noch Auge und Traum hinaussprang aus ihrem kranken und schwachen Gehäuse. Und deren Hoffnung nur noch in den Lüften hinwehte ohne Halte, wie der Wind.

Und wenn Einhart nicht kam, war es nur ein Tag ohne solches Wehen.

Aber auch Einhart kam nur zu gern. Er sah zum ersten Male hier in dieser Bleiche der Züge solch ein Leben ohne irdische Bestimmung. Er sah in diese einzigartige Süße der Züge, die engelgleich sich in den Luftkreis um und um einsaugten und mit jeder Spinne und jedem Blatte und jedem Vogel und jedem Lufthauch aufwehten ins Ungewisse, und war erschüttert heimlich von der unerhörten Leichtigkeit solcher Seele, von der Frohheit und dem Leide, die gleichsam in Einem aus den jungen Augen lachten.

»Nun, Henny? liebe Henny!« sagte Einhart gewöhnlich, wenn er aus den hohen Nessel- und Schierlingstauden zu ihr trat. »Liebe Henny!« das klang ihrem verwehenden Leben wie Sonne.

»Guten Tag, Herr Selle!« sagte dann Henny mit dem Gesicht halb in den Kissen und die Augen allein nach ihm gewandt. Aber die Hand, die einmal eine harte Arbeitshand gewesen, zu ihm hingestreckt, daß er sie in seinen langen, feinen Fingern hielt.

»Na also! es geht ja! ich sehe es an den Fingerspitzen,« lachte dann Einhart und sah drollig die Hand an, die jetzt kindlich und bleich und weich war wie ein Federflaum.

Er brachte wohl auch einen Strauß von Blüten, die er draußen in der Heide zusammengebunden. Feine, silberne Wollgrasbüschel liebte Henny. Damit strich er ihr gar erst einmal über die feine, bleiche, magere Nase. Das machte Henny lachen, wie eine flüchtige Drossel auflacht, klingend, ganz ohne Erde und Schwere, nur eine verfliegende Lust in die Luft.

Einhart konnte dann dieses entrückte, schöne Mädchen anstaunen heimlich. Er konnte ihre Hände ewig sprachlos in den seinen halten, jede blaue Linie des zarten Aderwerkes verfolgen, und jeden Hauch rosigen Glanzes, der darüber huschte, wenn das junge Herz Hennys sich dann heimlich auch froh erregte, in den dunklen Zigeuner, der ja ein freier, sicherer Mann war, sich zu verlieren.

Sie sprachen nie viel. Es war nur meist eine stumme, lange Frohheit. Hennys Hände lagen oft lange in Einharts Hand. Und Einhart sah auch Hennys Mund dabei lange an, der allein noch wie frisches, zartes Fleisch glänzte.

»Ich war heute faul,« sagte wohl Einhart. Oder auch:

»heute habe ich meine Tagesernte doch gemäht.« Dabei zeigte er Henny einige Blätter Leinwand hin.

»Oh!« sagte sie dann. »Das ist unten an der Brücke der dunkle Wassergrund und der schwarze Geisterkahn.«

»Ist es wahr,« sagte Henny einmal, weil sie irgendwo so etwas gelesen hatte, »daß man in die Seligkeit eingeht über einen dunklen Fluß, von einem stummen, düsteren Fährmann gefahren, auf einem solchen Kahne?«

»I wo!« sagte Einhart. »Du, Henny, gehst mit Flügeln ein!« sagte er lachend. »Und ich auch. Mit Kähnen, das wäre zu mühselig. Gar noch auf solcher alten Schute!«

In Henny und Einhart war ein heimliches Miteinander. Henny wußte schon vorher halbe Stunden, wenn Einhart kommen würde. Sie merkte es an der Luft, am Vogelgesang, an dem Gackern der Gänse, an dem Zittern der Spinnenfäden, an tausend unsagbaren Dingen, daß er käme. Und er kam immer, wenn es ihr alle diese feinen Dinge um sie schon erzählt hatten.

Und Einhart hatte ein solches Rätselleben noch niemals angesehen. So gebunden und bleich und die Röte der Todnacht auf den Wangen erglühend, und der Mund noch feucht und voll liebe, und so fein und leise alles erhörend ihr kleines, blutloses Ohr.

»Henny,« sagte Einhart manchmal, »was träumtest du eben in die Eichenkrone über dir und den hellen Himmel?«

Dann erzählte sie ihm wohl einmal einen flüchtigen Traum.

Oder sie lächelte ohne Ton.

»Was ich träumte, werde ich Ihnen nicht sagen,« sagte sie dann. Da sagte sie es ihm lange nicht, so oft er kam.

Aber eines Tages begann sie auch selber zu erzählen.

»Ich träumte,« sagte sie versunken, »ich läge wie ein feiner Sommernebel über meinem Bette ausgebreitet, und mir war nichts mehr schwer. Ich konnte sein, wo ich wollte, oben und unten, unter den Blumen, oder in den Baumwipfeln, alles war nur rein ein seliges, freies Dasein.«

Und eines Tages auch kam Einhart, wollte es wieder von ihr wissen, weil Hennys Gesicht etwas von Schönheit und Verklärung hatte, wie er es so noch nie gesehen. Da drang er in sie und sah, daß ihr gleich eine schwache Blutwelle ins Schläfenweiß aufschoß und ihr Gesicht in Purpurglut legte und ihren Atem fast erdrückte. Und er mußte sie ewig quälen. Er bat. Er nahm ihre weiße, sanfte Hand in die seine, und sah sie mit bittenden Augen lange an, fragte und bat wieder. Da begann sie zitternd und flüsternd und zögernd noch immer endlich doch zu sprechen.

»Einmal im Himmel«, sagte sie.

»Was? – – was? – – weiter!«

»Einmal im Himmel werde ich«, kicherte sie leise.

»Einmal im Himmel – – werde – – ich – – dich.«

»Werde ich dich?« sagte Einhart wiederholend, aber jetzt in Einfalt lächelnd.

»Werde ich dich küssen,« sagte Henny hastig. »Denn hier auf Erden bin ich nur ein elender Mensch, zu bleich und zu schwach und zu krank, und arm und ein Nichts! – – – Aber im Himmel«, sagte sie dann fest und arglos froh, »ist besser leben.«

Und Einhart fühlte es, daß ihre Seele der seinen sehr nahekam, fast wie wenn sie als Windeshauch seine Wange strich. Und man konnte in Einharts Auge sehen, daß er Henny mit einer unbegreiflichen Frage ansah, in der Trauer und Staunen und reiner Glanz der Liebe von ferne gingen und nicht Halt fanden.

Oh, es gingen noch immer nicht die Glutfarben aus Henny. Immer neu mußte sie schüchtern Glück und Lachen ganz leise überwinden.

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