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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 38
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
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16

In Einharts Leben war damit etwas verklungen, jäh und schaurig, und hatte ihn ganz verhärmt und stumm und scheu zurückgelassen. Es war eine Zeit, in der er sich kaum anders noch blickten ließ, als daß er ungesehen in einer kleinen Spelunke saß, wo Arbeitsleute aßen und weder Künstler, noch Menschen der guten Gesellschaft ihn ansprechen konnten.

Frau Rehorst hatte zwischen Tod und Leben Tage und Wochen hingebracht. Man hatte völlig eine Weile verzweifelt, daß man sie könnte zurückgewinnen. Die schöne, stille Frau, die sie gewesen, war in weißen Spitzenkissen eingebettet, von Visionen und Verängstigungen geplagt, in wilden Fieberträumen hingejagt. Und hatte ein Leben von Tagen wie in Hölle und Fegefeuer gelebt. Um dann in das Nichts unergründlicher Erschöpfung eine Weile einzusinken, aus dem sie mit ebensolcher Flugkraft wieder in die Abgründe ihrer sinnlosen Peinigungen hinflog.

Endlich erschienen Anzeichen der Besserung. Und man kam an einem Tage zu der bestimmten Hoffnung, daß Frau Rehorst die schwere Krankheit doch überstehen würde.

Einhart war zu Herrn Rehorst hingegangen und hatte es aus seinem Munde selber gehört, der es in einem heimlichen Beben und Zittern der Freude ausgesprochen.

»Sie wird uns wiedergegeben,« hatte Herr Rehorst nur gesagt und war dann verstummt, und war leise zurückgegangen, wie Einhart ebenfalls zum Gehen sich anschickte.

»Sie wird uns wiedergegeben,« das begriff Einhart gar nicht. Er wußte es ja wohl, ohne es sich vorzuhalten, daß das wirklich eine Wahrheit war. Aber seinem Gemüte war es ein tiefes Rätsel. Er konnte nicht einmal darüber sinnen, weil er merkte, daß er dann ins Grenzenlose und ganz Unhaltbare fortgetrieben wurde. So lief er nur in Halbgedanken, von denen er keine Ängste und Enttäuschung zu befürchten brauchte, und malte und zeichnete dann daheim, so gut er eben konnte in der dunklen Trauer seiner Seele, als Vorhang um Vorhang sich um die Gefilde einer erlebten Traumseligkeit zog, und die einsame, schöne Insel Liebe in Tiefdunkel und Gram immer tiefer einsank.

Einhart kannte das Menschengemüt. Es gibt Kinder und Junge, die Weise sind. Das Blut ist von lange her und fließt wie ein ewiger, roter Strom mit allen Geheimnissen und ihrem Sinn beladen durch die Lebensgefilde. Es braucht nicht erst von Auge und Ohr ins Blut. Das Blut enthüllt es aus der Tiefe hinaus ins Leben. So werden allein auch Weisheitsbringer und Schönheitsbringer, wenn sie aus der Ewigkeil jenes roten Stromes schöpfen, und die dunklen Blumen des Schicksale brechen, die an dessen Ufern blühen.

Einhart wußte, was jener Schrei der Frau Rehorst gewesen, ein Hilferuf der armen Seele, die, aus ihrem engen Käfig vertrieben, nun in der grenzenlosen Öde und Wildnis der Seele sich nicht mehr ausfand. Er wußte, daß die großen Dämonen jetzt gewichen. Daß der sanfte Vatergeist sie wie eine weiße, verflogene Taube in seine warme Hand nun gebettet. Und daß, wenn sie aus den Fieberschrecken des Leidenschaftenkampfes genesen sich wiederfinden und sich mit ihrem eigenen Namen neu nennen würde, ihre Augen schamhaft lächeln würden über die verhallten Lärmschrecken der Seele. Sie sich erkennen würde mit sanfter, allzu schwacher Gebärde nur geborgen in ihren Kissen, von Liebe und kindlichen, gestillten Sehnsuchten umgeben, und nichts mehr wissen würde, als nur wie ein fernes, fremdes Geläut, dessen Melodie das Herz vergeblich sucht noch zu finden, und das einmal wie eine Freiheit und eine Erlösung geklungen.

Einhart gewann Kraft in solchen Versunkenheiten. Daß er im Leide allmählich zu schaffen vermochte, das war sein Glück. Er tat allerhand Arbeit in Skizzen und Malweisen. Sein Atelier gewann ein buntes Aussehen. Er ließ niemand ein. Er war mit seinen Gesichten allein, die immer mehr leibhaftig wurden. Das hielt ihn immer neu aufrecht, wenn die Anfechtungen der Sehnsucht in ihm aufschrien. Daß er schließlich vor dem entstehenden Bilderwerk zu lächeln vermochte. Und ihn nur manchmal noch der Gedanke hin und her peinigte, wann er wohl endlich einmal das Glück haben würde, Frau Rehorst wiederzusehen?

Denn ihr malte er jetzt in diesen Frühlingsmonaten, wo er wußte, daß sie genas. Ihr – auch wenn sie hingestorben wäre, hätte er es getan. Ihr, auch wenn sie ihn nicht erkennen würde jetzt – wenn sie ihn nur ansehen sollte, rein und unschuldig geworden wieder, wie ein schöner Engel, und von allen Dämonen rein geworden durch ihre schwere Zeit.

Aber allen diesen Gefühlen kam dann auch an einem schönen, warmen, blütenduftigen Frühlingstage eine letzte Erlösung. Einhart war gerade im Begriff gewesen, in Herrn Rehorsts Vorhalle zu fragen. Da übergab man ihm einen Brief, der mit feinen, zärtlichen Zeichen geschrieben war. Frau Rehorst war jetzt zum ersten Male im Lichte des Tages und in den Duft des Flieders hingebettet gewesen. Da hatte sie den Brief geschrieben. Eine einzige Träne war still aus ihrem Auge geronnen – und ganz sanft schrieb sie dann, wie wenn sie Dinge und Ereignisse nicht mehr einstweilen fühlen könnte, nur noch ahnen:

»Mein lieber Einhart! Genesen! Ja ...! Es war eine unsägliche Zeit. Eine unsäglich-unbegreifliche Leidenszeit! Aber der Hall im Ohre muß erst ganz verstummt sein. Ich werde immer mich trösten, daß Sie ein Künstler sind, und ich werde mit Stolz Ihren Namen hören, und Ihr Name wird mir immer klingen wie die unbegreiflichste Weise eines unbegreiflichen Liedes. Die Krankheit hat mich schwach zurückgelassen. Ich muß das Lied und seine Melodie ganz vergessen. Feiern Sie die Gefühle, weil sie Feuer sind, wie aus Vulkanen, und das Licht der Sonne. Ich kann Sie nicht mehr sehen. Ich will ganz gesunden.«

Als Einhart den Brief bekam, entschloß er sich gleich, die Stadt zu verlassen.

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