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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 37
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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15

Frau Rehorst lebte nun ein völlig verwandeltes Leben. Sie empfand sich und war erfüllt und konnte die Stunden nicht erwarten, die Einhart kam, oder die nicht, die sie in die enge Dachwohnung eintreten und in Betrachtung von Kunst und Leben versunken in Einharts liebender Hingabe verleben würde. Sie liebte Einhart bis zum Wahnsinn. Die Welt um sie war ihr zu einer gänzlich anderen geworden. Alles, was sie bisher umgeben hatte mit Liebe, begann schnell alle Kraft zu verlieren, derart, daß sie viele Male wie ratlos nach den einstigen Schätzen suchte, die sich in dürre Blätter verwandelt, die sie allein noch in der Hand hielt. Ihre Familie konnte gar nicht mehr an ihr Herz. Sie war sehr verschlossen und förmlich. Herr Rehorst, der ihre seltsamen Schwankungen von früher kannte, trug es in sanftem Gewährenlassen. Auch daß sie alle ihre Wohlfahrtsstiftungen auf einmal gänzlich beiseite ließ. Sie dachte in Wochen und Monaten nicht mehr daran, sich persönlich um derlei noch zu kümmern. Alles war versunken vor dem einen seligen Gefühl, von diesem dunklen, fremdartig rücksichtslosen, schlanken, jungen, lächelnden Träumer und Künstler geliebt zu sein, der sie auch heimlich nicht aus Herz und Auge ließ.

Ja noch mehr: was für Frau Rehorst wie eine selige Insel schien voller verjüngender Quellbrunnen, aus denen sie die Jugend und das Vergessen schöpfte und schöpfte mit berauschenden Blicken, also daß sie einstweilen nichts wußte von einem einstigen Leben, rückkehrend zu dem alten, öden Strande, an dem sie weinend gesessen, und nach den fernen Wundern ausgeschaut, das war für Einhart ein lichterloh flammender Feuerberg, so alle Sehnsucht und Aussicht beschattend, daß seine wunderliche Neugier, aller Eindrücke Herr zu bleiben, sich ganz verlor und er allenthalben nur als Beglückter sich fühlte.

Das waren rechte Träume voll seliger Berauschung. In diese Träume klang ein schriller Weckruf.

Der Frühling war langsam im Herzug. Frau Rehorst hatte noch gegen Fastnacht einen Ball veranstaltet. Eine eigentümliche Gehobenheit hatte darüber gelegen, wie ein Rauch über einer goldenen Morgenfrühe. In den hellen Räumen bei Frau Rehorst hatte sich die Jugend in bunten Prunklumpen zusammengefunden. Frau Rehorst hatte die Parole ausgegeben, einen orientalischen Bazar darzustellen. So war Jung und Alt gekommen in tausenderlei leuchtenden Gewanden der Aufgangsländer. Die lockenden Houries hinter ihren Seidenschleiern lachten mit funkelnden Augen hervor, und alte, mantelumhüllte, breite Patriarchen wandelten in den eingestimmten Räumen.

Frau Rehorst war als Zigeunerin erschienen. Sie sah wunderlich und unglaublich prächtig aus. Das machte auch, daß sie gleich wie losgebunden war. Eine wahre Verzehrung erfüllte an dem Abend ihre Blicke. Es war ein Auf- und Abwogen in den eigenartigsten Maskierungen, Auch Einhart kam, ein Zigeuner durch und durch. Er hatte eine Geige, die er strich. Ein paar Liedchen mit dem gleichen, schmelzenden Singeton. Frau Rehorst hing an ihm, wie eine junge Mutter an ihrem Kinde. Ihre Blicke versengten ihn.

Alle Hoheit war aus Frau Rehorst gewichen an dem Abend. Nur wie ein volles Leiden der Liebe. Es ging wie ein Fieber in ihr, und wie ein brennendes Fieber kam aus ihr in alle. Es war, als wenn mit allen diesen buntgekleideten, zahmen Menschen ein Dämon allmählich sein Wesen triebe. Auch die jungen Künstler, die da waren, merkten nicht, wie sie ergriffen wurden, und die jungen Fräuleins, die längst schon mit Lockungen herumgingen, die sie sonst nicht gekannt hätten. Es war bald wie außer Rand und Band alles. Man tanzte in tollen Gebarungen. Man lachte schrill und trieb Kurzweil mit Küssen und Umarmungen und Sichherumjagen und Widerstreben.

In diese Taumel drang ein jäher Schrei. Alles das Treiben war plötzlich verstummt. Man hatte Frau Rehorst in ihrem Hinrasen im wilden Zigeunertanze mit Einhart noch gesehen eben, wie sie sich an ihn krampfte bis zum Sterben, und plötzlich ihn losließ, und mit jähem Aufschrei das Haus erfüllte. Man mußte sie auch sogleich im Arme hinaustragen. Sie hörte erst eine lange Weile nicht auf zu schreien. Das Schreien klang, wie ein Reh klagt, allmählich. Wie ein entsetzlicher Herzensjammer, wie zu Tode getroffen.

Es war eine fürchterliche Überspannung, die zerriß.

Die Gesellschaft stand herum, wie wenn Gift plötzlich in aller Blut geflossen. Man kann sagen, die Mienen dieser sämtlichen Orientalen waren einfach wie im Grausen. Einige hatten geholfen. Man war stumm, wie wenn man eine Tote hinaustrüge aus den hellen Freudensälen. Herr Rehorst hatte mit einem anwesenden Arzte zugegriffen. Margit saß in einer Sofaecke zusammengebrochen vor Schreck und zitterte.

Dann harrte ein jeder wie gebannt, zu hören, daß die erste Nachricht der Beruhigung käme.

Alles blieb ewig starr.

Weder der Arzt noch Herr Rehorst erschien. Es war eine entsetzliche, lautlos bebende Erregung, als wenn man die Pulse aller hörte im Lichterglanze. Die bunte Schar stand, als wie eine Herde nach der Richtung scheu aufgerichtet, wo der Wolf oder das Raubtier »Leid« sich plötzlich zum Angriff herangeschlichen.

Und Einhart war längst hinausgeeilt mit verzerrtem Lachen. Denn der Schrei ging in ihm wie eine wehe, unbegreifliche Zerklüftung. Es schrie in ihm noch immer mit derselben Stimme, mit der Frau Rehorst sich in seinem Arm aufgerichtet hatte und zusammengesunken und ohne Macht nur dem Dämon hingegeben gewesen war.

Er lief in die kalte, graue Morgenluft. Er hatte sich einen Mantel um die Schultern zu werfen vergessen. Er merkte draußen im Dämmer, daß er in seinem fremden Kostüm ohne Mütze einherlief. Er war auch bis in seine Dachwohnung heimgekommen.

Was er träumte und ansah, zerrann in Schemen, als er daheim in seinem Bodenraum im Morgengrauen auf der Erde lag und sich nicht zu sich fand in Schreck und Schauer und zerbrochener Sehnsucht und jachem Verfluchen alles Lebensatems. In der Sucht seiner unentrinnbaren Zwänge Gewalt von sich zu werfen, seiner Zwänge Gewalt und jener Frau eiserne Gebundenheit, die eben noch wie eine beflügelte Jugend in losem Erraffen der seligen Stunde hingeeilt war in seinen Armen.

Die Bilder und Prunklichter in rasender, drängender Fülle führten in seinen Augen einen Reigen, wie tote Narren im Leichenhemde, die in starrem Klappergebein hintollten. Aus allen Gesichtern ertönte der Tod wie eine schrille Tanzweise. Alle die Rhythmen des Abends klangen wie ein toller Lärm aus grinsendem Grabgelichter, ewig neu aufgeweckt, und ewig ihn neu stöhnen machend und stöhnen, und sich nicht finden können, weder zu sich, noch zu dem, was ihn sonst im Leben in Ordnung umgeben hatte. Einhart war dann, als der Morgen kam, in seiner Zigeunertracht, wie er war, an der kalten Erde tiefverzehrten Blickes eingeschlafen.

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