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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 35
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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13

Einhart wußte jetzt genug in der Fülle seiner einsamen Aufwallungen, als daß er nicht hätte allmählich mit sich in Uneinigkeit kommen und in den Tagen vor Weihnacht sollen unentschlossen und unter mahnenden Stimmen innen an dem großen Gittertor des Rehorstschen Parkes stehen, ohne doch einzutreten.

Auch am Weihnachtsabend war es nicht anders gewesen.

Schon am Tage war er von der ruhelosen Geschäftigkeit, die in dem Mietshause bis in die Dachkammern herrschte, in sich tiefer als sonst aufgejagt, und hatte vergeblich versucht zu malen und dann zu lesen. Übrigens kannte er längst die Evangelien gut, und dachte, daß es ihm eine rechte Stimmung wecken könnte und ihn versinken machen, sich unter die schlafenden Hirten auf dem finsteren Nachtfelde neben den Herden zu mischen und den Stern im Tiefdunkel anzustarren, der über der Hütte mit dem heilbringenden Kinde schwebte. Aber was unter den Bauersleuten das Jahr vorher seine Seele in eine freie Weihnachtsfreude emporgehoben, das zerfloß jetzt in der Unrast seiner Begierden, die ihn schon am Nachmittag des heiligen Abends zu plagen angefangen. Angesichts des gescheitelten Grottfuß, der ihn am Nachmittag schon ins Rehorstsche Haus hatte mitnehmen wollen, und der sich jetzt nur im Vollgefühl der prunkenden Absichten fühlte, die man dort für den Abend hegte, und inmitten der Einigkeit der Menge, die er unten auf den Straßen, mit frohen Gesichtern eilen sah, faßte ihn ein solches Gefühl von Fremde und eigener Einsamkeit und flügelfreier Sehnsucht hinauszuziehen, daß er in der Menge gestoßen und gehalten hin und her irrte, ziellos keine Stätte fand, und völlig ermüdet um die eigentliche Bescherungsstunde bei Rehorsts sich, statt dorthin, nur wieder bis an seines Hauses Eingang zurückgefunden.

»Es ist eine Rätselwelt,« dachte er, wie er aufstieg Stufe um Stufe, unentschlossen und nicht aufgelegt.

»Um Christ geht's,« sagte er, »und sie machen einen großen Markt. Und draußen gar werden sich die Damen in Roben von Seidentüll und mit flaumigem Halse zeigen – ganz wie Joseph und Maria in dem Eselstalle.«

»Meine Bodenklause ist mir heute gut genug,« dachte er fast trotzig. Er wußte selbst dann nicht, wie lange er in dem Arbeitsraume im tiefen Dunkel versunken gesessen. Also daß nur die Sterne aus der Höhe darüber leuchteten, wohin er den Blick ewig hinausgewandt. Daß er noch immer sich nicht zu sich fand, von dem Zauber des Silberlichtes sanft getroffen, und von dem Gefühle, in einer tiefen, undeutbaren Enge und Kluft der Menschenwelt eingeschlossen, selbst nichts zu sein, als ein sehendes Auge, das sich emporhob bis in die weiten, schweigenden, reinen Gewölbe der hellen Nacht.

Aber dann ermannte er sich. Der Nachtschein hatte eine Helle auch auf seinen Tisch geworfen, und hatte dort etwas enthüllt, was seine Neugier erregte. In seiner Abwesenheit war ein Paket gekommen. Er machte sogleich Licht und sah, daß es von Rosas Hand adressiert war. Die Schwestern sandten allerhand Dinge, Sorgliches zum Anziehen, und Süßigkeiten auch, und Grüße lagen von allen drinnen. Auch mit schöner Handschrift ein Festgruß des Herrn Geheimrat, und vor allem ein Brief von Rosa. Aber er kam nicht dazu, die Briefe genauer anzusehen. Die Weihnachtsglocken begannen draußen über die Dächer der Stadt zu dröhnen, und Erinnerungen waren heute genug wach, daß sich Einhart nach mehr Aufwühlen nicht sehnte. Etwas wie Unruhe ging gleich aus dem Glockengewoge neu in ihn ein, daß er wie in Unzufriedenheit aufsprang.

Im Grunde waren es jetzt nur Gedanken und Bilder von Frau Rehorst, die er verscheuchen wollte, vor denen er floh, und die er suchte, wenn er geflohen war, und die ihm sich in seltsamen Spielen verwoben zu grotesker Verlachung seiner Sehnsuchten und sich zusammenfanden zu den zärtlichsten Friedensbildern von Liebenden in der einsamen Weihnachtsnacht. Er war wie gefangen. Langsam verdröhnten die Glockentöne wieder über der sternenbeschienenen Weihnachtstadt, als er seinen Blick durchs Fenster noch einmal hinauswandte, und sich entschloß, doch zu Rehorsts noch verspätet hinzugehen. Er warf seinen Mantel um und lief in den Straßen, was er konnte. Aber in der Nähe des marmornen Würfels kam ihm eine harte Lust an, in die Hölle zu fahren, statt in die geschmückten Prunksäle eines reichen Hauses.

»Mögen sie mich erwarten,« dachte er ... »Ich werde zu den Zöllnern und Sündern gehen. Ich werde gerade heute in einer Spelunke essen,« nahm er sich vor mit einer spitzen Anwandlung. »Und meine neue Mutter wird den guten Sohn vergeblich unter den Ihren suchen. Ich werde einmal ein Fest für mich feiern, statt mit Fabrikbeamten und Dichtern und Musikern und Schwätzern und schönen Frauen.« Unterwegs hatte sich ein junges, lächelndes Ding von Dirne an ihn gedrängt.

»Bist du auch so allein, wie ich?«

Das gefiel Einhart. Solche Frage kam gerade recht.

»Komm nur mit,« sagte er, »wir werden zwei sein.« So nahm sie seinen Arm und Einhart lief mit ihr in das Kellerlokal, aus dem immer ein verstimmtes Orchestrion herausklang, wenn er am frühen Abend manchmal vorbeikam.

»Ich werde dich einmal alles fragen, was ich wissen will!« sagte Einhart lächelnd zu ihr.

»Frage nur zu, Herr,« sagte das Mädchen.

So saßen sie bald in einem Winkel des kleinen Lokals, in dem etwa sechs Frauen in seidenen Ballroben mit entblößten Busen um einen Christbaum lachten.

»Überall ist heute Weihnacht. Auch diese Weiber narrt der Stern aus Bethlehem,« sagte Einhart trocken.

Aber er sah, daß das Mädchen vor ihm sanfte, helle Augen hatte und beglückt in den brennenden Schein sich verlor.

»Es ist schön,« sagte sie nur.

»Also du bist es doch zufrieden auf der Welt,« fragte Einhart lachend.

»Nun, es ist ja entzückend hier,« sagte die kleine blonde Person, »und wenn die Damen uns Weihnachtslieder singen, und du uns was Gutes zu essen geben läßt!«

Einhart sah sich mit vollkommenem Feuer um.

»Ja, also die Damen aus der Hölle singen uns Weihnachtslieder, und wir wollen wirklich etwas Gutes essen!«

»Ich habe meine Schlafstelle bei Frau Kern,« erzählte die Blonde einfach, »aber die ist heute Aufwartung im Rehorstschen Hause. Da kommt sie erst spät, und es ist alles dunkel oben.«

»Und Eltern und Geschwister und sonst Leute, die sich um dich kümmern?« redete Einhart.

»Hab ich nicht.«

»Nun gut,« sagte Einhart, »wir beide werden jetzt in der Hölle sitzen, wo die Teufel selbst Weihnachtslieder singen, und werden uns Eins fühlen. Auch die Teufel sind alles nur Engel, die fielen. Das ist mir ein richtiges Weihnachtsfest. Weißt du, so sind wir recht, wie wir sein müssen, ganz ohne Namen in dieser Welt, ohne Erinnerung und ohne Vorschau.«

Einhart strich der Blonden die goldenen Haare aus der Stirn und sah, daß sie leuchtende Augen gewann. Und sie aßen und lachten miteinander und plauderten und tranken. Unterdessen das Leben der losen, frechen Weiber am Tische in der Ecke mit Weihnachtsliedern, lautem Geschwätz und schrillem Gelächter unter dem Lichterbaume fortging.

Einhart versank immer mehr in Stummheit.

Er begann das Mädchen neben sich, die arglos alles wie ein Fest hinnahm, anzusehen und anzulächeln. Und er vergaß, wie er mit der Jungen in seinen Bodenraum zärtlich heimgekommen, und sie ihn im Halblicht seiner kleinen Lampe geküßt und gestreichelt hatte, bald in der Wärme ihrer weichen Umarmungen den Sinn aller Feierstunden und aller ihrer herkömmlichen Deutung.

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