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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 34
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
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12

Das war kurz vor Weihnacht gewesen. Weihnacht war im Hause von Rehorsts ein glänzendes Leuchten auf Treppen und in den weiten Räumen. Frau Rehorst war in einer unsagbaren Fülle bunter Dinge allzeit jetzt mitten inne. Rings lagen Schachteln und standen Spielsachen, und Stoffe lagen herum, kleine köstliche Etuis standen halboffen, einiges auf ihrem Tisch und auf den Borduren. Allenthalben lag das Glitzerwerk der Weihnachtsbäume, die sie selber mit Margit und den beiden Kleinen und Grottfuß geputzt hatte. Zwei Bäume, die fast bis zur Decke reichten, hatte man aufgerichtet. Es war ein Herzutragen und Kommen und Gehen allenthalben.

Am Morgen waren schon die Armen erschienen. An mehr als hundert hatte Frau Rehorst selber, wie eine Mutter Anna, auf der Küchentreppe ausgeteilt. Dann war Frau Rehorst sanften Ganges durch den Fabrikhof zu ein paar kranken Frauen ans Bett getreten, bewegt selber heimlich zu Tränen von dem Dank aus den scheuen Augen der Armseligkeit. Unterdessen einer nach dem andern von den Geladenen in dem erleuchteten Hause die breiten Treppen emporstieg und in die von Tannenduft erfüllten Räume eingetreten.

Unter allen im Hause war es wie eine Art Opferfest. Das Gefühl wußte Frau Rehorst mit einem leidenschaftlichen Sinne zu wecken. Sie hatte dafür eine reine Inbrunst. Sie selber ging stumm und wie beschwörend mit einer silbernen Schaufel, die sie für diesen Zweck sich extra hatte von Einhart zeichnen und bilden lassen, einsam am Nachmittag ein paarmal durch die Räume und trug das heilige Räucherwerk hindurch, sich dünkend wie eine alte Prophetenfrau, die dem Feste ihre Seelenflammen einhauchte.

Stark fühlte sie sich, frei noch immer, sie selber aus ihrer Atemfülle, eine, die gar nicht trauerte. Weil sie jetzt alles aus einem unausgesprochenen, unbekannten Glücke tat, das ihre Seele sich niemals eingestand. Sie selber in der wahrsten Festfreude, so in sich wartend und alles auch rings noch einmal prüfend, ob es Einharts Augen sehen und mit seinem Anfühlen der heimlichen Begehrung ebenso als eine Sprache und Rede zu sich empfinden würde.

Alles hatte sie hergerichtet, wie er es geheißen. Er hatte eine ganz erlesene Art, eine Festweihe zu ersinnen und einzuteilen. Er hatte ausdrücklich gewünscht, daß es mit einem vollen, schönen Hochklange aus aller Mündern müßte begonnen sein.

Das Feierliche lag im allgemeinen Herrn Rehorst nicht. Und die Kinder drängten gewöhnlich gleich ins Licht und sahen nur die Geschenke. Das kritisierte Einhart in der Idee, obwohl er gar nicht je gesehen, daß es hier oft so gewesen. Frau Rehorst hatte sich stets sanft darein gefügt. Sie hatte dann nur heimlich für sich eine Viertelstunde versunkener Besinnung ins Heilige gefunden. Jetzt hatte es Einhart bestimmt gesagt: »die Münder müßten sich alle einmal auftun, das Licht zu loben.« »Und ich sage Ihnen,« hatte er ausführlich erklärt, »nur wenn es eine Weile in den Atemstrom sich sammeln muß, einig zum Hinaustönen, wenn der Atemstrom so aus der Brust ein preisender Ton wird, und der Mund sich dann öffnet, die innige Sammlung hinauszugeben, dann ist der Mensch einen Augenblick eingefangen in seine Tempel und geht dann danach lange einher mit froher Seele und frohen Augen.« So redete Einhart. Er war schon ein rechter Kenner. Und Frau Rehorst hatte alles angeordnet, wie es Einhart geheißen.

Jetzt begannen sich also die Gäste allmählich zu sammeln. Grottfuß war schon am Nachmittag gekommen. Er saß, weil die Damen helle Toiletten antaten, in feierlicher Salonkleidung in einem Winkel des Mittelzimmers unter einer glühenden Glasblume und las die Zeitung. Einige Beamte der Fabrik waren die ersten. Dann kam ein junges Paar, ein Musiker mit seiner sehr musikalischen, jungen, runden Frau. Beide sahen sich lachend um, als sie Grottfuß kurz begrüßt hatten. Der Duft und die Stille der hellen Räume machten sie stumm. Dann kam als hauptsächlich erwartet ein junger, blonder Doktor, mit seiner ebenso rätselhaften, spröden, schönen, dunklen Frau.

Alles wartete.

Alle schienen festlich zu lächeln. Alles war in köstlichen Roben. Auch Frau Rehorst und Margit. Wie in Wolken von weißem Glanze schwebten sie herein.

Und es begann auch gleich ein Leben. Es begann draußen eine Glocke zu rufen. Auch der Hausherr erschien sanft und fast mit leisen Worten einen jeden Gast noch einmal willkommen heißend. Man begann einen regen, wenn auch noch gedämpften Ton anzuschlagen. Man stand beieinander.

Frau Rehorst hatte sich hastig gleich im Nebenzimmer umgesehen. Sie konnte es nicht begreifen. Sie lief noch einmal in ihr Boudoir zurück.

»Ach Gott nein,« sagte sie geschäftig zu Margit gewandt, »wir möchten doch noch eine Weile warten. Es sind gewiß noch nicht alle beisammen.«

»Wer fehlt denn noch, Mutter?« sagte Margit arglos. Sie hatte es gar nicht bemerkt, daß Einhart noch nicht unter den Anwesenden war.

Aber schließlich begann die Glocke wieder zu rufen, weil Herr Rehorst jetzt bestimmt Anordnung gegeben, um einer Bescherung seiner Beamten willen. Die Türen taten sich weit auf. Man ging in das geöffnete Weihnachtszimmer, wo die Tische mit Geschenken in Fülle, wie die herrlichsten, bunten Auslagen hingebreitet, unter der blendenden Lichterfülle sich häuften.

Frau Rehorst war außer sich heimlich. Sie war ohne Acht in die Zimmer zurückgelaufen noch einmal. Herr Rehorst und Margit kamen Mutter entgegen, weil sie sie bei der Bescherung plötzlich gesucht hatten.

»Nein, nein,« sagte Frau Rehorst, die nun so tat, als wenn sie nur nach dem Programm gesucht, was sie jetzt auch wie eine gewichtige Verfügung in der Hand hielt. »Nein, das ist wider die Verabredung,« sagte sie bestimmt auf den Zettel blickend. »Erst wollen wir jetzt doch das Weihnachtslied singen.«

Man sang stehend, in dem hellerlichten Raum um die Weihnachtsbäume geschart, das alte, frohe Kinderlied: »O du selige – o du fröhliche, gnadenbringende Weihnachtszeit!« ...

Es klang im Chore. Frau Rehorst weinte gleich dabei. Aller Augen waren in Lachen sonst.

Frau Rehorst war außer sich. Auch wie das Lied verklungen, war niemand weiter eingetreten. Sie hatte sich wieder umgesehen. Und war dann innerlich beschäftigt pflichtmäßig unter die Gaben getreten. Herr Rehorst hatte sie gütig am Arme an den schönsten Tisch geführt, den er ihr im letzten Augenblick selbst bereitet.

»O mein Gott ... nein ... nur solche Sachen nicht!« sagte sie fast hart. Aber küßte dann Herrn Rehorst mit Liebe. Einen herrlichen Schmuck brachte er. Seltsame, persische Opale mit schwarzen Brillanten. Etwas ganz Fernes, Seltenes. Und seidene Stoffe und echte Gewebe aus dem Orient, Handwirkerarbeit. Es war auch für Frau Rehorst zum Entzücken. Sie sah es an noch mit der Träne im Auge.

Dann kamen die Kinder, beglückt die schönsten Dinge ihrer Weihnacht hinhaltend und der Mama die Hand und das Kleid küssend. Wie es besonders der liebebedürftige Junge tat. Margit kam und reckte sich auf und küßte der Mutter die Stirn viele, viele Male und lange. Und Grottfuß küßte ihr die Hand. Alles war ein Durcheinanderwogen von Licht und Duft und Lachen und frohen Gesichtern und Plaudern in die Luft hinein. Man bewegte sich durcheinander. Es war, wie wenn in allen ein Gesang der Freude noch ginge, eine Sucht, sich immer wieder hinauszuwenden zu jedem ersten, der seine Augen hergewandt. Frau Rehorst war dann wieder, wie nun ein wenig beruhigt, hinausgeeilt. Fast unsicher jetzt. Sie war hinausgeeilt, weil sie noch einiges in der Küche anzuordnen vorgab. In Wahrheit lief sie doch, wie sie war, in einem ersten, besten Mantel, den sie ergriffen, auf die Straße und hatte nichts Törichteres tun wollen, als zu Einhart hinzuhasten. Draußen begriff sie die ganze Lage und kehrte zurück. Sie hatte sich in ihr Zimmer aufs Sofa geworfen, um plötzlich in ein hastiges, unstillbares Weinen auszubrechen. Herr Rehorst kam sie dort suchen, und Margit kam und küßte die Mutter.

»Ach liebes Kind ... lieber Rehorst,« sagte sie gleich ganz ermannt, »sei nur nicht besorgt. Es kamen mir Gedanken, die mich ein wenig erregen. Das macht die viele Unruhe der letzten Tage.« »Ja, Geliebte,« sagte Herr Rehorst ganz bekümmert und küßte ihre Hände. »Ich habe es dir ja voraus gesagt, daß diese ganze Arbeit um all die Menschen für dich zuviel sein mußte. Aber hörst du denn, Kind? Willst du niemals hören? Sei nicht böse, wenn ich so schelte. Aber ich wußte es ja doch! Es mußte ja so kommen!«

Frau Rehorst ermannte sich vollends und war an dem Abend dann heiter, daß alle dachten, sie lachte auch zu dem Weihnachtsfeste. Auch wie man an der langen Tafel saß, war sie wie mitten hineingehoben in den Festtrubel, ragte hoch, sah sich achtlos und sicher um und machte alle Trauer vergessen.

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