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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 31
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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Frau Rehorst lebte ein Leben voll Entsagung. Das kam, weil sie eine Jugend voller Träume in großem Reichtum genossen, und nun die Dinge um und um, über die sie Macht hatte, sich nicht tiefer enthüllen wollten, als bis zu ihren herkömmlichen Zwecken.

Und dann kam es daher, daß sie jung war, und daß ihre Kinder, insonderheit Margit, sie vor sich selber alt machten, weil sie mit völlig eigenen Begehrungen herangewachsen waren, und das Gefühl ihrer Mütterlichkeit immer mehr zu Würde und Bürde erhoben.

Aber noch mehr: Frau Rehorst hatte lange im Leben nur so hingelebt, Erfüllungen hingenommen, und Preise des Lebens genossen, und nirgends war doch bisher ein Sieg und ein Erringen aus der Fülle und Tiefe gewesen, nirgend auch aus der eigenen Seele die Feuerflut der wahren Beglückung hervorgebrochen. Nirgend. Denn weder als Jungkind, noch wie sie ihres Mannes Geliebte gewesen, hatten sich die Wunder des Lebens ihrem Auge aufgetan. Liebe war ein Rätsel geblieben. Die Kinder, die diesem Rätsel entreiften, sah sie mit der pflegenden Sucht der fast leidenden Mutter zu Menschen werden oder in Margit schon geworden, die von der Mutter Lebensträumen gar nichts wußten. Alles umgab sie, daß ihr Fuß sich nie an einen Stein stoße.

Herr Rehorst war Güte und Rücksicht und liebte die rastlosen Taten ihrer Fürsorge. Er empfand, als wenn sein Reichtum erst in ihr einen Sinn gewonnen. Als wenn die großen Werke seiner Unternehmungen erst gewissermaßen unter ihren Händen die einzige, wahre Blüte trieben, jene große, menschliche Wohltätigkeit, die die Unzahl Menschenseelen liebend und pflegend einte, deren Leiber man in dem rastlosen Tun der Maschinen nicht ruhen ließ. Herr Rehorst konnte nicht die schlanke Erscheinung Frau Rehorsts und ihre sanfte, schwermutsvolle Stimme oder ihren versunkenen Trauerblick bemerken, ohne nicht heimlich wie eine Weihe zu fühlen über sein Tun. Und er ging durch seine Arbeiterhäuser und die Badeanstalten und Unterhaltungs- und Leseräume nicht anders, als daß er den Genius der Liebe pries, der hier zu inniger Menschlichkeit zusammenband, was die Industrie ohne Acht auf das hohe Gesetz des persönlichen Lebens in tausend kleinliche Erniedrigungen zerriß.

Herr Rehorst war in dem Sinne geradezu ein Schüler dieser Frau.

Er sagte viele Male, daß, wenn die Industrie auch unsäglich unbarmherzig vorwärts ginge, sie eben nur mit solcher Grausamkeit ihr Werk erzwänge, daß in den Wohlfahrtseinrichtungen die ersten Knospenkeime sozialer Menschlichkeit aufblühten. Diese Einrichtungen für den Menschen im Arbeiter wären der ganze Sinn.

Frau Rehorst hatte das gleich gesagt, wie sie in die Ehe getreten. Und hatte Mittel genug gefunden, danach zu tun. Mitleiden und Güte kann auch die Trauer ausströmen. Frau Rehorst hatte sie ausgeströmt nach allen Seiten. In den Fabrikhöfen sah man in ihr eine Trösterin des Leidens. Sie kam, wo auf der ärmlichen Schwelle nur noch Engel helfen konnten. Aber die sanfte Anbetung und der Kuß auf den Saum ihres Kleides machte sie für sich manchmal nach den heimlichen Geschenken des eigenen Lebens weinen. In den langen Jahren rastlosen Tuns war das nicht seltener geworden. Und Herr Rehorst hatte nicht trösten können, als nur mit mehr Darreichungen zu neuem Liebeswerk. Und die Kinder lebten und lachten, und wußten nicht groß, warum in Mutters Gesicht sich ein stiller, hoheitsvoller Gram zeichnete.

Im Grunde war jetzt Frau Rehorst völlig ruhelos. Auch die Künste hatte sie immer gesucht. Aber recht eigentlich können auch Künste nur der Seele eine wahre Lebensflamme sein, deren eigene, heiße Flamme sie lodern machen. Die Künste sind auch nur ein Ding draußen, das seinen Zauber in der eigenen Tiefe erweisen muß. Und niemand hatte noch zu hoher, heller Flamme die Brände dieser einsamen, verschlossenen, tätigen Frau angeschlagen. Das war es auch, warum Frau Rehorst in ihren weiten, durchdufteten, der stummen Schönheit geweihten Räumen immer stand, wie eine, die es sehnsüchtig erlauschen möchte, die eigentliche Herrin der reichen, äußeren Dinge, die ihr dienten, und die sie nur achtlos wie tote Dinge empfand.

Das war es, daß sie in dem Rehorstschen Hause über der heiteren Lust der Jungen wie eine stille Hoheit thronte ohne Absicht, wie ein Rätsel, wie eine ewige Erwartung, wie eine weite, grenzenlose Seele, in der alles gesellige, volle Treiben in eine heimliche Klage und einen wesenlosen Ruf verhallte.

Aber auch die Seele, die krank an der Äußerlichkeit des Lebens, sich das Wesenhafte aller Dinge, auch des Dinges, das sie selber ist, erhören und erschauen will, hat eine heimliche Macht. Wer könnte das Mysterium begreifen, worum auch Einhart jetzt seine Träume gesponnen?

Frau Rehorst fand zum ersten Male in Einharts Augen und Bilde ein Lied ihrer Seele. Wer Frau Rehorst hätte sehen können, als sie aus Einharts Atelier und dann aus dem Hause auf die Straße trat, hätte am Gange und an der Haltung allein erkennen müssen, daß sie dieses Lied zum ersten Male im Ohre hatte. Sie summte eine glückliche Melodie auf ihren feinen Lippen. Ihre Augen unter schwermutsvollen, langen Lidern mit dem reichen Dunkelsaume lagen lachend, ohne daß sie es wußte. Sie hatte den Kutscher sofort angewiesen, heimzufahren, weil sie Lust hatte, allein in den Straßen zu wandern, und war dann auf Umwegen erst heimgelaufen.

Und es war eine große Freude in Rehorsts Hause gewesen. Tage noch immer tat Frau Rehorst alle ihre Arbeiten und Verfügungen mit einer ihr fremden Heiterkeit, als wenn eine Last von ihr genommen. Sie ließ ihre Schneiderin kommen, und ordnete seltsame Jugendlichkeiten an ihren neuen Kostümen an.

»Wir werden einen Fastnachtsball im Hause arrangieren,« sagte sie schon vor Weihnacht lachend zu Margit, die über Mutter wahrhaft ausgelassen war.

»Nun, einer Braut zuliebe muß ich wohl eine festliche Seele haben,« sagte Frau Rehorst.

Herr Rehorst lachte immer, wenn Frau Rehorst es tun konnte. Wie er gleich ernst war, und heimlich die Kinder mahnte, wenn Mama in stillen Schmerzen saß. Jetzt kam er und preßte die Hand seines Weibes mit lachender Inbrunst. Eine volle Verwandlung war im Hause, ohne daß es jemand hätte sagen können, in welcher Region Leben da plötzlich ein neuer Quell ergraben.

Und Grottfuß genoß es mit. Ihm lag Lebenslust. Den Harm spottete er schon früher weg. »Es lohnt sich nicht,« sagte er damals. Jetzt hatte er keinen Grund mehr dazu, weil es ihm nur zu wohl ging. Jetzt war er ein noch vornehmerer Herr geworden, und wußte alles im voraus, was sonst der Harm erhärmen will. Und Margit war in dem Alter der frischen Sinne und hatte die nüchternen Triebe des Vaters geerbt, jung und voll Anmut, wie sie war. Sie genoß jetzt das Glück der heimlichen, brünstigen Küsse, und deuchte sich ewig mit einem Blumenkranze geschmückt und als das Sonntagskind im Hause, das die reine Lust hereingetragen.

Alles war in der Tat im schönen Marmorhause, das sonst unter Frau Rehorsts Wesen, wie eine Frühlingswiese unter einer Regenwolke stand, heller geworden. Und Frau Rehorst konnte manchmal jetzt in ihrem Wintergarten heimlich in einen Blumenkelch hineinstarren und glücklich lachen.

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