Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Carl Hauptmann >

Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 30
Quellenangabe
pfad/verz/werk/book.xml
typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110529
projectid39a38ef0
Schließen

Navigation:

8

Einhart hatte sich tagelang eingeschlossen und allen Versuchen, an seiner Tür zu rütteln und Einlaß zu gewinnen, hatte er ein unaufweckbares Schweigen entgegengesetzt, daß es ihm gelungen war, leidenschaftlich in die Arbeit zu versinken. Auch Grottfuß hatte vor Einharts Tür gestanden. Aber gerade Grottfuß wäre er am wenigsten geneigt gewesen, Einlaß zu gewähren. Auch wenn er mit Margit gekommen. Einhart hatte sich hinter seiner Tür nicht geregt. Er hatte nicht daran gedacht, zu öffnen. Grottfuß hatte schließlich mit ein paar sinnlos derben Schlägen an die Täfelung der Tür geschlagen und war mit Flüchen die Treppe hinuntergegangen, im Zorn die Beine nicht hebend und recht achtlos hinabpolternd.

Einhart stand und malte. Er hatte die Tafeln zur heiligen Geschichte einfach an dem Morgen nach der Gesellschaft bei Rehorsts beiseite geschoben. Ihn beherrschten jetzt andere Dinge. Der Abend hatte ihn in einer unbestimmten Aufregung zurückgelassen. Die Aufregung war noch nach Tagen nicht gewichen. Er hatte gleich am Morgen Skizzen zu einem großen Bilde zu machen versucht.

Wie in allem bei Einhart, lief Traum und Wirklichkeit zusammen im Werke. Und seltsam auch, daß sich die Traume, die sich in langen Verwebungen immer um irgendein Frauenbild gesponnen gleich in der ersten Nacht, sich in den Nächten nach der Arbeit in allerlei sinnlosen Varianten wiederholten. Es war Einhart klar geworden, daß es immer Frau Rehorst war. Etwas wie die freie, schwermütige, edle Hüterin im Reigen stand überall euch in seinen Skizzen auf. Wachen und Traum ging durchaus ineinander.

In Einhart waren auch allerlei Gefühle wie Peinigungen aufgewacht. Das war, weil er nie im Leben bisher in solche festliche Schönheit eingetreten, wie sie ihn bei Rehorsts umgeben. Auch nie unter eine solche Fülle eigentümlicher Unterschiede und Gegensätze der Menschen. Er mußte aus der widerstreitenden, chaotischen Menge, die man eine Gesellschaft hieß, den Faden finden, um endlich wieder zu sich zu kommen. So malte er.

Und er hatte nach seinen Skizzen eine große Tafel gleich begonnen. Es wäre ihm einfach wie der Tod seiner Ideen erschienen, wenn jetzt ein profanes Auge Aufklärung über das verlangt, was auf seine Leinwand kam. Der Gedanke, daß er auch nur einem dieser Köpfe sollte ein Etikett ankleben, war ihm wie ein Schmerz. Aber seltsamer noch, wie Einhart beim Malen erst sozusagen hinter das Leben kam, was sich dort im reichen Hause und unter all den gleichgültigen oder jungheiteren Menschen abgespielt.

Da begriff er immer neu, daß man über das Leben viel träumen müsse, um es ganz zu umfassen und aufzusaugen. Da ging es wie eine Ahnung in ihm, daß Träume oft das Licht der Tiefe sind, das sich sanft scheinend über Dinge und Taten breitet, wie Deutungen, wenn die Anspannungen und Vergewaltigungen der Notdurft und der Oberfläche schweigen, die wie ein irrer Wind nur zu leicht die Leuchte wahrer Erkennung verlöschen.

Da kamen auf die Tafel nun aller Augen mit einem Sonderglanze aus dieser Erkennung. Jedem Kopfe wußte er seine Laune und heimliche Leidenschaft einzuhauchen, die ihn in dieser buntbeflitterten Festmenge gebunden hielt. Auf jeder Lippe schwebte wie ein Lässiges oder Verächtliches oder ein Neidwort oder ein Wort der Sehnsucht. Auf jeder Gebärde lag eine Müdigkeit oder ein Sichhinwegheben. Oder man erkannte auch unter den Jungen, wie sie einander heimlich mit ihren Armen suchten, als wenn sie sich entgegenwüchsen in jugendlichen Begehrungen.

Und manche auch, die zuhörten, ohne daß das Fest ihre Seele erhellte, nur dabei wie von der Straße geladen, Leute, die kein festlich Gewand der Seele kannten. Und solche, die Feste nicht begreifen, als nur von ferne, wie einen schönen Vorklang, der einmal ein wahres Fest einleiten könnte. Weshalb sie jetzt den einsamen Klang nur voller erlauschen möchten mit ungläubigen Augen.

Inmitten all dieser standen ihre Augen und stand ihre Sehnsucht und Trauer.

Ihre Augen waren wie eine große, einzige Melodie über den durcheinanderirrenden Gestalten und Launen, die rings im Festkleide hinwallten. Diese einzige Melodie einte das ganze große Bild, das nun von Einharts Pinselstrichen aufwachte.

Und aus der Menge dieser Gestalten und Launen blickte er selber, Einhart Selle, hin nach jener, die seine Tage und Nächte jetzt in eine heiße Kunstbegierde erweckte, daß er nicht Ruhe fand.

Er hatte Tage gemalt und hatte weder recht gegessen, noch getrunken. Außer Kaffee, und was er an Resten noch in seinem Schube gefunden. Er sah bleich und von heiterer Hast verzehrt aus mitten in solcher Leidenschaft des Tuns und der gänzlichen Versunkenheit.

Eines Tages wurden Tritte draußen auf der Treppe hörbar, die ihm unbekannt schienen. Was er sonst nie tat, daß er den Pinsel beiseite legte, und wie in einer unbestimmten Empfindung von Klarheit lauschend an die Tür trat, das tat er jetzt. Draußen stand jemand, der sich nicht bekannt hier zu fühlen schien. Die Bewegungen draußen schienen unentschlossen. Jemand las erst die Karten, die an einigen Türen der Bodenräume prangten, ehe er an Einharts Türe sich regte.

Einhart erwachte gleich.

Es kam ihm jetzt auch gleich so vor, als wenn er diese ganzen Tage nur darauf gewartet. Der wahnwitzigste Gedanke. Es kam ihm so vor, als wenn er überhaupt nur um dieses Besuches willen seine Bilder gemalt. Er lauschte. Er hörte jetzt bestimmt, daß Frauenkleider rauschten und an seiner Tür strichen. Er dachte auch gar nicht daran, irgendetwas von seinen Malereien und Skizzen beiseite zu bringen. Auch nicht daran, etwa ewig hinter der Tür zu stehen, zu schweigen und sich zu verleugnen. Eine wahre Freude, wie in einem Kinde, ging in Einhart. Es kam ihm plötzlich wie eine Erfüllung vor. Als wenn ihm irgendwo ein Weihnachtsglück angezündet. Die Augen Einharts hatten hinter der Tür schon sein zärtlichstes Lächeln. Weil er jetzt auch die Stimme noch hörte. »Also! gut!« sagte er vor sich hin, als er gar nicht Zeit ließ, um nur gleich weit aufzutun. So daß Frau Rehorst endlich vor ihm stand.

Wer Einhart kannte, mußte wissen, daß er jetzt wie ein sanftes Kind sein würde. Er nahm Frau Rehorst richtig an der Hand und führte sie in seinen Arbeitsraum. Frau Rehorst sagte nicht viel mehr, als einen Gruß mit Lächeln und mit hastigem Atem noch, weil Einhart hoch wohnte. Sie sah wie eine große Dame aus. Das Gesicht hatte dieselbe welke Trauer, die unter dem Lächeln sehr lieblich dünkte. Der große Hut war ähnlich denen, wie er sie von den Schwestern daheim noch im Sinne hatte. Aber er machte sich jetzt gar nicht lustig.

»Ich habe hier einmal ein Gruppenbild versucht,« sagte er hastig.

»O ja,« sagte Frau Rehorst und ließ sich auf den einzigen Stuhl nieder, der im ärmlichen Raume stand.

»Es ist eine Tollheit, die mir durch den Sinn fuhr. Sonst malte ich immer nur jetzt aus der heiligen Geschichte. Aber mich dünkt aus dem Füllhorn der Zeit – – –« sagte er etwas gedunsen.

Frau Rehorst sah alles sehr genau.

»Ich wollte Sie einmal wiedersehen, und sehen, wie es in Ihrem Herzen aussieht,« sagte Frau Rehorst, mit den Augen auf dem Bilde.

Aber sie war dann doch ein wenig still. Daß beide lange auf die Tafel sahen.

Frau Rehorst trug einen grauen, vollen Pelz in schlanker Fasson. Sie saß auf dem Stuhle in der Mitte des Ateliers, dem großen Bilde gegenüber. Sie hatte ihren Hut abgelegt und saß mit den vollen Scheiteln und dem sanften, langen Oval ihrer bleichen Züge. Ihre Augen schwammen.

Einhart geriet derart ins Bodenlose, als er sie im Spiegel angesehen, daß er fast nicht fühlte, wie Minuten hinrasten. Auch Frau Rehorst war in einer seltsamen Dämmerempfindung.

»Sie müssen nicht denken, daß ich erschrecke,« sagte sie nur.

Sie war durch den Anblick nicht ruhiger geworden. Sie erkannte sich sehr genau und sah in dem Bilde eine ganz eigentümliche Erklärung, wie aus einem tieferen Leben genommen. Und eine rechte Verklärung. Einhart versuchte einiges dazu zu sagen. Alles geriet nur wenig. Aber Frau Rehorst begann sich aufzurichten, warf ihre Stummheit ab, sah Einhart lange bestimmt und freundlich an und sagte: »Es ist zu viel Hoheit drin. In mir sieht ein wenig anders aus, was Ihnen so scheinen mag,« sagte sie.

»Es kommt mir so vor, als wenn Sie mir vielerlei Dinge zu sagen hätten. Vielerlei Dinge aus meiner Welt und aus Ihrer.«

»Dünkt es Sie so?« sagte Einhart beglückt lächelnd.

»Ja, nämlich lachen Sie nur nicht! Aber alle Dinge sind so stumm, und nur ein Deuter kann sie zum Reden zwingen,« sagte Frau Rehorst, in den Anblick des Bildes neu versunken.

»Dann kann es manchmal eine wundervolle Melodie sein, das Leben,« sagte Einhart, indes er Frau Rehorst verstohlen von der Seite ansah.

»Und es gibt Menschen, die brauchen nur da zu sein, da sieht man mit ihren Augen und hört mit ihren Ohren,« sagte Frau Rehorst und sah Einhart mit ein wenig Schwermut an, vollendete nicht und sah auf die Skizzen, die Einhart aus Ecken und Winkeln nun vor sie trug, und dann und wann immer wieder auf das große Bild zurück.

So waren sie lange stumm, Zeichnungen und Entwürfe betrachtend, dann und wann einmal mit dem Finger hinweisend und dazu lächelnd, oder, wie es Frau Rehorst tat, ein flüchtiges Urteilswort hinmurmelnd.

»Seit Sie bei uns waren,« sagte sie endlich. Aber sie vollendete wieder nicht. Sie lachte Einhart jetzt nur freundlich an. Danach nahm sie ihren Hut, den sie sich sorgfältig vor dem Spiegel auf ihr volles Scheitelhaar steckte, und sagte dabei in ganz anderem Tone:

»Ja, ja! darüber können wir dann reden, wenn wir einmal vertrauter geworden sind und uns die Worte, die ein jeder redet, noch deutlicher und persönlicher auf uns selber hinweisen. Einstweilen genügt, daß Sie es wissen.«

»Was wissen?« fragte Einhart, »meine verehrte Frau Rehorst?« Einhart war fast wie eingeschüchtert vor ihr.

»Nun nichts, als daß ich Sie oft bei uns erwarte.«

Einhart machte ein glückliches Gesicht.

»Kommen Sie in der Dämmerung, wenn Sie nicht malen können. Kommen Sie, wenn es Ihnen paßt, Herr Selle!« – – – »Herr Einhart Selle!« – – – »Herr Einhart Selle,« sagte sie noch einmal vor sich hin, als wenn sie den Namen schmecken wollte.

»Ich habe eben erst Ihren Vornamen gelesen. Also muß ich ihn mir zweimal sagen,« redete sie launig.

»Was für eine sehr, sehr feine Anschauung, und ist doch gar nicht unrichtig gesehen. Also aus unsrer Gesellschaft brachten Sie das mit heim?« sagte sie noch einmal sinnend auf das Bild gewandt. »Und hatten also eine Erinnerung. Wie schön mir das deucht!« sagte sie hastig. »Also Sie kommen, Herr Einhart Selle! nicht?«

Einhart war ganz müde plötzlich, wie sie draußen seine Hand genommen in ihre weiche, weiße Hand, die noch ohne Handschuh war, und er dann diese zarte Hand heiß in der seinen gefühlt und sie geküßt hatte, was er noch nie im Leben getan.

 << Kapitel 29  Kapitel 31 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.