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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 29
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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7

Der Wind blies eine Husche Schnee eiskalt zum Fenster herein, als Einhart in sein Atelier trat, wo hinter einem Wandschirm sein Bett stand. Die Aufwärterin hatte es aus Vergeßlichkeit offen gelassen. Obwohl Einhart es im Unwillen zuwarf und die Gardinenlumpen noch zu seiten einklemmte, war die Luft nicht zu atmen, und der Dampf ging aus seinem Munde wie den Stieren des Jason der Feueratem.

Einhart war in einer ihm fremden Erregung. Der ganze Abend bei Rehorsts ging ihm im Blute um. Die Lieder, die er gehört, kamen in Fetzen wieder und leierten sich ab. Er ertappte sich immer auf einer Melodie, die er sich dann erinnerte, ewig im Geiste gesummt zu haben. Und fortwährend sah er Gesichter huschen. Wen nicht alles? Er hatte sich eine Zigarette angebrannt und das kleine Kerzenflämmchen flackerte im einsamen Dunkelraume und beleuchtete schemenhaft einige Lackflaschen und die Dachsparren und den Fensterschlitz. Einhart hatte sich in Hut und Mantel, wie er war, in einen Stuhl geworfen und sann dem Abend bei Rehorsts nach, indessen in neckischen Prozessionen bald das, bald jenes, bunt oder wie aussetzende Weisen, deren Takt allein übrigbleibt, in ihm hineilten. Es war ein Spiel der inneren Traumgebärden, müde und übermäßig erregt, wie ihn die guten Speisen und der feine Wein, und zum Schluß viele Tassen des in kleinen Schalen präsentierten Kaffees zurückgelassen.

Einhart war bleich im Gesicht, und die Augen lagen glänzend und groß und wie geisterhaft erfüllt in den mageren, fast geschwundenen Zügen. Die Kälte des Dachraumes war so arg, daß die Balken knackten und Einharts Sinnen ein paarmal zerrissen.

Aber Einhart konnte nicht von der Stelle. Er mochte keine Hand rühren. Er war wie gelähmt. Das war ganz Einhart. Er trug seine ganze Seele und sein lächerliches Sein und Wesen jetzt wie auf einer heimlichen Tafel vor sich hin.

Da kamen Einhart Selle und Grottfuß gerade ins Haus. »Diese beiden komischen Knaben,« dachte Einhart und sah sie eben im Hausflur bei Rehorsts vom Diener bedient. Und er hörte gar nicht auf zu knicksen, dieser ergebene Herr Einhart, der sogar vor einem Diener fortwährend seinen Hut bis auf die Erde riß... wie ein Hampelmann.

Wie ein Narrenspiel taumelte und hüpfte er vor sich selber.

Er lachte in sich so heftig, bis fast zum Weinen, und konnte sich gar nicht zur Ruhe bringen. Er hätte am liebsten vor Unbehagen plötzlich um sich geschlagen. Da besann er sich, weil eine unerhörte Stille im Raum herrschte, und seine Gedanken bekamen eine andere Richtung.

Eine heiße Welle ging in ihm vom Herzen aus. Sein Gesicht begann zu glühen. Er saß mit geschlossenen Augen jetzt. Er hatte die ganze Welt um sich vergessen, obwohl er wach war, und neue Erinnerungen in seinem Kopfe ihr Wesen trieben. Das, was ihn jetzt anwandelte, gewann für ihn selbst keine Klarheit. Es war eine hohe Dame zu ihm getreten. Er mußte ewig hinlauschen. Der Mund dieser Dame war feinbogig mit einem kleinen Spitzchen, und die Oberlippe war wie ein Flaum. Dieser Mund deuchte ihm zart, wie ein Blatt. Auf diesen Mund mußte er fortwährend hinstarren. Es gingen Worte und ging sanftes Zutrauen aus diesem Munde. Aber es kamen gar keine Töne. Er hungerte fast. Es quälte ihn. Der ganze, schöne, volle Kopf schwamm allein wie in einer fernen Welt. Der Kopf sah traurig aus. Er hatte etwas Erhabenes. Dunkle Scheitel umhingen ihn. Dunkle Agraffen lagen auf den Scheiteln. Es hingen Perlen über den Agraffen und blitzende Tropfen. Und auch die Augen schienen Tränen zu weinen, die blinkten. Ganze Kettchen Tränen oder Perlen hingen irgendwo. Der Kopf war ihm, wie das Gesicht auf dem Schweißtüchlein der heiligen Veronika. Die Augen sahen ihn mit einer Frage an. Wie ein Dolchstoß ein Strahl daraus.

Und Einharts Seele lag offen wie in Blut und Flammen. Er empfand ein seltsames Gefühl, als wenn seine Pulse jagten und jagten. Der Kopf im Raume ragte immer kleiner und immer ferner. Wie eine ferne, süße Weise schien er hinzuschweben. Wie eine nie erhörte Sehnsucht schien er zu rufen. Und Einharts Herz lag wie ein Blutschwall, den er empfand, als wäre er von einem Dolche getroffen, und das Leben ginge aus.

Einhart fühlte jetzt deutlicher, daß das Herz ihm in sinnloser Unruhe pochte bis in Hals und Hirn.

Aber er konnte sich gar nicht ermannen.

Es geriet immer sinnloser. Die Traumgrimassen spielten toller und toller. Wie im Jagen kamen ganze Reihen Männer und Weiber. Grottfuß im Frack und mit dem Zylinder im Nacken im Ringelreigen mit Margit. Die Schöße flogen. Die Hände verschlangen sich. Alle nickten und warfen die Beine wie eine Bacchantenschar, Frau Rehorst umrasend, die wie ratlos in der Mitte stand: in langen, fließenden Gewändern priesterlich opfernd.

Und Flammen schlugen empor und schlugen empor, immer höher und immer rasender umtollt. Meister Teodor lachte und schrie in die Welt mit großem, offenem Munde. Und Meister Soukoup schrie in die Welt. Die Münder waren Höhlen geworden. Die Flammen erfüllten alles. Die Menschen waren in Rauch und Flammen. In der Ferne schwand, wie eine Seele hinter Flammen und lohenden Bränden, die weiße, stille Priesterin und lächelte zu Einhart und lächelte und regte die sanfte Hand mit zärtlicher Gebärde. Und ging dann hin in Rauch und Nebel, sausend, stumm – leise – schwebend – einzig-fern – ahnend – wie Flammen singen – schmerzlich – zerwehend die Jagd und den Wirbel, der gegenstandslos wurde. Daß nur eine quälende, nagende Empfindung wie ein brennender Durst Einhart endlich aus seinen Träumen auftrieb.

Er nahm die Lippen zusammen. Er nahm die Mantelfalten zusammen. Er öffnete endlich die Augen. Er sah, daß der Morgen zum Fenster hereinschien, blaudunkel und kalt. Daß der Himmel sich gelichtet. Da besann er sich, trank Wasser aus dem Waschkrug, der halbvoll am Boden stand und suchte nach Holzspänen, um Feuer im Eisenofen anzuzünden. Dann brannte es und krachte es bald. Die Nacht war mit ihrem sinnlosen Gespensterreigen im Nüchternen ertrunken. Einhart ging ohne sich zu besinnen an seine Arbeit.

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