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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 28
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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6

In einer Vorstadt unter alten, mächtigen Kastanien, die jetzt kahl standen, und die der Westwind mit nassen Flocken bestrich, lag eine Villa wie ein großer, marmorner Würfel mit weißen Fächertreppen in den Garten nieder und mit weißen Statuen oben an den Zinnen gegen den Himmel. Rings schlief ein fein gepflegter Garten, der im Sommer wie ein erlesenes Bukett erblühte, in dessen Schattengängen dann eine melancholische, sehnsüchtige, bleiche Dame wandelte, oder zwei Kinder von etwa zehn Jahren, ein blonder Knabe und ein rotbraunes Mädchen sich jagten, oder wo Fräulein Margit, die älteste Tochter des Hauses, in einer Laube, von blauen Glyzinen umsponnen, manchmal saß und schrieb.

An dem hohen, eisenblumigen Gittertor, das jetzt von Naßschnee triefte und einsam lag, las man in goldnen Buchstaben den Namen: »Rehorst«.

Herr Rehorst war einer der größten Fabrikanten der Stadt. Sein Vermögen galt als ungeheuer und war in diesen Jahren derart im Wachsen, daß er nichts scheute, was den Träumen seiner leidenschaftlichen und tiefsinnigen Frau irgend konnte zu Licht und Leben verhelfen.

Frau Rehorst kannte in dieser Welt keinerlei Dinge mehr, an die sich ihr Fuß hätte stoßen können. Nichts, was je ihr Auge beleidigte oder ihren Sinn verletzte, oder von dem sie auch nur von ferne erwogen, daß es unerfüllbare Wünsche wären.

Wenn man eintrat, auch jetzt in der naßkalten Zeit, duftete die warme, teppichweiche Vorhalle nach fremden, wunderbaren Blumen. In die Dämmerung des Raumes, der von oben seitlich ringsum Licht erhielt, fielen bunte Scheine durch die blauen Lünetten der Wölbung, und die Wandflächen hielten in kühlen, blauen Tönen schimmernde Gemälde. Die Innenräume waren weit wie Säle, tief einsilbig, da und dort in Nische oder Erker mit einer Statue versehen. Der Hauptton von dem einzigen, großen Meistergemälde der Mittelwand gleich im ersten Zimmer stimmte ein in die blaßorangenen Seidenbezüge der Wandflächen, und gegen ein mächtiges Mittelfenster stand eine reiche, helle Marmorgruppe als wundersames Schattenspiel.

Man wandelte hin in Duft und Stille. Man sah auf Ecktischen einsame Blumenkelche in Vasen, und in der Ferne durch hohe Türen leuchteten von den Wänden neue Farbenakkorde mit stillen Seen in Buschwerk, wo Liebende wandeln. Alles lud wie eine Traumstätte ein, weil aus halberschlossenen Räumen ohne rechte Begrenzung Träume einen grüßten.

Hier ging Frau Rehorst um, eine schlanke, schöne Frau, still und verhärmt, mit tausend Träumen zur Beglückung der vielen, die Gott nicht beglücken konnte, und sie war oft achtlos gegen Margit und gegen ihre beiden jüngeren Kinder.

Alle drei Kinder hingen an der Mutter außermaßen. Alle sahen sie mit Entzücken in ihren wallenden, langen Falbelkleidern herschweben in Hoheit. Alle hörten mit Hingabe den weichen Schattenklang ihrer Rede. Alle wußten, daß sie der Geist des Hauses war mit ihrer ungestillten Sehnsucht nach hohen Dingen.

Sie war großen, dunklen Gesichts, voll feiner Schmäle, langsam und sicher in ihrer beseelten Bewegung, heftig, aber ganz verhalten. Immer beschäftigt, den Wohlfahrtseinrichtungen der großen Rehorstschen Unternehmungen einen edlen Sinn und eine wahrhaft menschliche Belebung zu geben, kamen die Kinder ihr nicht immer zu passe, vornehmlich, weil in einem jeden auch der Vatergeist mit tätiger Achtlosigkeit lebte, der im Tun ganz Freude sah, ohne immer gleich nach der Höhe und nach letzten Zielen zu fragen.

Nun in Margit ganz und gar. Margit war sehr nach dem Vater.

Deshalb hatte es Frau Rehorst auch gern gesehen, daß Grottfuß sich Margit gewählt. Denn außer ihren inbrünstig ausfüllenden, sozialen Pflichten kannte Frau Rehorst nichts Lieberes, als die Künste. Mit sehnsüchtig feiner Sammlung trat sie meist allein unter die neuen Bilder der Frühlingsausstellung und sann sich in die Seele einer Landschaft, wie in eigene, dumpfe, oder lachende Akkorde, und ermaß aufs kennerischste Tongebung und Pinselstrich, verhaltenes Hoffen und Drängen oder rohe, kalte Erkenntnis der Dinge, die aus Farben zu ihr sprechen konnte. Sie war es gewesen, die an einem Grottfußschen Bilde, das im Frühling mit zur Schau kam, ein besonderes Gefallen gefunden, und die Grottfuß deshalb persönlich zu sehen und zu sprechen gewünscht.

Einhart war nun auch in den Bannkreis von Frau Rehorst eingetreten. Grottfuß hatte es veranlaßt. Margit hatte ihn ausdrücklich aufgefordert. Ein paarmal äußerst launig und lustig, wie sie es konnte. Und Einhart war in der schlichten Ärmlichkeit gekommen, die er selber kaum beachtete. Es war ihm alles ein sehr neuer Eindruck. Schon das Eintreten ins Haus machte ihn zögern und um sich blicken. Er erinnerte sich dunkel, ein solches Gefühl der Stille und Abgeschiedenheit einmal empfunden zu haben, als er in eine leere Kirche hineingesprungen, die gerade offen war, um jemandes Blicken auszuweichen. Den Diener, der das Eisentor geöffnet hatte, hatte Einhart feierlich mit Hutabnehmen gegrüßt und war schüchtern, wie ein Knabe.

Und wie dann ein ganzer Kreis Menschen unter den vielen Kronen aus Glitzern und Flammen schwankte, und Margit ihn zu Frau Rehorst geführt, hatte Einhart in vollendeter Einfalt gelächelt.

Es war eine richtige, große Gesellschaft. Grottfuß benahm sich wie ein Herr. Grottfuß hatte sich wie ein Weltmann in Smoking geworfen und ging im Hause herum, als wenn er der Gastgeber wäre. Frau Rehorst behandelte ihn mit aller Bestimmtheit als einen der Ihren. Aber sie war mit ihren sanften, traurigen Augen auch so lieb und gütig gleich zu Einhart, daß Einhart lange bei ihr stehenblieb, obwohl er gar nichts zu sagen wußte. Er wußte in diesem Augenblick wirklich nicht sich zu bewegen. Frau Rehorst mußte es ihm sehr zutraulich selber erst angeben, daß er den jungen Leuten eine Freude machen würde, zu ihnen zurückzutreten.

Einhart tat in einiger Verlegenheit, was sie ihm geheißen. Er hatte den Ton dieser dumpfen Stimme im Ohr und lächelte zu Fräulein Margit hinüber.

»War das Ihre Mutter?« sagte er ganz im Banne und behielt dann Frau Rehorst immerwährend in seinen Augen.

»Ach Gott, meine gute Mutter,« sagte Margit mit einem Ton Resignation.

»Oh!« sagte Einhart nur und lächelte wieder hin.

Einhart war so einfältig und scheu, wie er seit Jahren nicht gewesen. Und so bekam er auch eine ganz eigene Empfindsamkeit. Als wenn er auf den heimlichen Zusammenklang all derer, die allmählich hier versammelt waren, hören könnte, und es erhören könnte zu Eins. Allenthalben schwebten und schwirrten die jungen Gesichter. Es waren Freundinnen von Margit geladen. Die heiteren Köpfe der Mädchen regten sich lustig schwatzend und abwehrend im Geplauder hin und her. Die Gestalten fein in Spitzen und Seiden und Mousselinen und zartem Fleisch und vollen Haarzierden leuchtend, die schlanken, jungen Arme in langen Handschuhen.

Alles erschien Einhart durchaus merkenswert. Die jungen Männer waren meist im Frack. Sie schwänzten sehr dienstfertig herum, noch ehe getanzt wurde. Einhart kannte einige.

Auch Professor Soukoup und Meister Teodor kamen. Beides war Einhart sehr unangenehm plötzlich. Er glaubte schließlich gar, er hätte etwas versehen. Ein jeder würde sich mit Leidenschaft an früher erinnern. Von Meister Teodor war das anzunehmen. Besuchen konnte Einhart den in keinem Falle. Aber daß er Professor Soukoup nicht besucht hatte, fiel ihm jetzt auf die Seele.

»Wie ein Freund ist er zu mir gewesen,« dachte Einhart, »und es ist unverantwortlich von mir...«

Aber wie er dann neben Professor Soukoup zu stehen kam, daß der ihn sehen mußte, und neben Meister Teodor, war es ein gleichgültiges, fliehendes Erkennen, und nichts. Als wenn er den Herren verhallt wäre, wie sie ihm, dachte er und lachte er.

Einhart begriff zum ersten Male, was ihm beim Gruß seines Klassenlehrers bei seiner ersten Heimkehr schon hätte in den Sinn kommen müssen, daß es eine Zutraulichkeit gibt, die die Seele zu jedem Dinge hat, also daß sie der persönlichen Seele, die sie sich gern zugute schriebe, gar nicht gegolten. Solche Zutraulichkeit hat keine Erinnerung. Die persönliche Seele, die gern nach der alten Stätte fragt, findet dort keine Spur. In Einhart ging solch stilles Sinnen vorüber, wie ein heiteres Gefühl.

Und er fand in diesem Gefühle einen Halt, daß er sich ein wenig freier unter den Anwesenden zu bewegen begann.

Man machte eine Zeitlang Musik. Eine junge Frau sang lieber. Ein alter, beweglicher Herr mit weißem, vollem Haarschopf und mehreren Orden spielte einige verwickelte Klavierstücke. Einhart, der sich von den Tönen ganz umspinnen gelassen, hatte sich in eine Ecke gesetzt und kam sich in dem Trubel der Töne wirklich lange wie ertrunken vor. Er erwachte rein neu, als wenn er in eine sonderbare Art gegenstandslosen Kampfes hineingefallen, darin gebannt und gerüttelt worden und nun wieder zu sich käme.

Alles war ihm neu.

Die großartigen Darbietungen rühmte er in übertriebenen Worten zu Margit. Und zu Grottfuß, der ihm gegenüber bei allem immer so tat, als wenn er diesen ganzen Hochton in den Darbietungen eitel selber hervorgebracht.

Grottfuß stand den ganzen Abend mit selbstsicherer Geste. Margit war kindlich beglückt, sinnlich und lustig. Sie wendete sich oft zu Einhart. Auch die anderen Freundinnen versuchten mit Einhart zu sprechen. Auch einige der geladenen Künstler. Alle hatten schließlich nach ihm gefragt. Er, der wie ein dürftiger Jüngling, so alt er nun schon war, in der Ecke sich hielt, und den fetten Haarsträhn in der späteren Stunde längst in der Stirn hatte, wie ein richtiger Zigeuner.

Und dessen Augen nun noch schärferblickend und suchend geworden, wenn ihn nicht eine Anrede zu einfältiger Freundlichkeit zurückrief.

Die Erscheinung von Frau Rehorst begann Einhart zu quälen und nicht loszulassen. Er überraschte sich selber viele Male am Abend, wie seine Augen ganz in der schlanken, still und bestimmt belebenden Rätselgestalt dieser Herrin ruhten und suchten.

Er hatte auch Herrn Rehorst gesehen. Herr Rehorst war fast so scheu wie er. Ein kleiner Mann mit einfacher Rede. Ein ganz schlichter Mensch, der in die Räume voll Bilder, Duft, Statuen, Mädchen, und Künstlerköpfen, in den Rausch und Zusammenklang der Künste schüchtern eintrat und sich zurückhaltend bewegte. Von ihm hörte er keinen Grundton ausgehen. »Dieser Herr wird draußen in seinen lärmenden Werken unter seinen tausend Arbeitsmännern ein sicherer Brot- und Ordnunggeber sein, und hier weiß er nichts zu tun, als sich nicht zu fühlen,« so dachte es Einhart.

Aber wie ein starker, voller Akkord klang ihm allmählich durch alles durch diese seltsame, melancholisch bleiche, dunkle, hoheitsvolle Frau, die in dem Durchfluten und Durchbluten der Räume und der Menschen mit Zutraulichkeit zueinander den Sinn und Atem zu geben schien, also daß es Einhart fast jetzt mit Zwange dünkte, als wenn heimlich nur von ihr das Leben, Lachen, Bewegen und Umwirbeln, aber auch ein geheimes Wehen von Nichtigem und von Trauer und vom Verhall und Verfall und Nichtsein der Dinge in aller Augenglanz ausginge.

Einhart war jetzt angefüllt mit fast schmerzhafter Gier, nur Frau Rehorst zuzusehen und zuzuhorchen, ganz nur von ferne, und ohne daß es jemand bemerken konnte, weil er jedem Zuspruch immer mit kindlichem Lächeln begegnete.

Wie Einhart auf dem Heimwege mit Grottfuß ging, und der immer nur in die Sterne schwärmte nach Margit, weil er auch genug Bowle hinuntergegossen, redete Einhart dunkles Gerede von Schicksalsfrauen, die ein Leben geben und Lebensfäden in Paradiese spinnen, und die auch Lebensfäden abschneiden.

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