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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 27
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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5

Das Leben in der Stadt begann wieder, aber doch mit ganz anderer Art und Aussicht, als es früher gewesen. Schon weil Einhart jetzt die Akademiekneipe fast ganz mied. Es war ihm einfach zuwider, sich leeres Geschwätz anzuhören, jenen verdünnten Widerhall der weisen Akademielehren, die ihm noch dazu in der Erinnerung mit dem faden Geruch alter Süßigkeiten gemischt erschienen.

Einhart dachte auch gar nicht daran einen seiner alten Lehrer zu besuchen. Auch Professor Soukoup nicht. Gelehrtes, nur mit Worten ergreifendes Wissen und Wesen der Kunst lag ganz hinter ihm. Er war darüber klar geworden, daß die Hochmomente des wirklichen Erlebens sich anfangs wie kleine, feine Sterne vor die Schau und Sinne stellen, genau und genauer besehen Keime Licht, die zu einigen Bildern und vollen Gleichnissen des eigenen Ganges und Schicksals aufwachsen. Daß es schließlich in Klängen oder Farben oder Ideen dann und wann etwas gibt, was wie ein Glück, wie ein Geschenk aus der Seele springt, geeint wie ein geschliffener Stein, unmittelbar und klar dem schauenden Wesen, ein Unvergeßliches an Gestalt und Gehalt.

Wer könnte es greifen, als der Träumer, der ganz dem Wachstum jener heimlichen Funken ergeben hinstarrt und hinstaunt? Und wer könnte es weitergeben, als nur der in Klang oder Farbe die Weise findet, die dann draußen klingt, was innen und ungeboren und verhüllt war.

Einhart war den Jahren nach jetzt ein junger Mann. Er war gegen vierundzwanzig Jahre und machte sich jetzt ziemlich bestimmte Verheißung dessen, was er aus seiner Seele als der einzigen Lebensquelle schöpfen wollte.

Am ersten Morgen, als Einhart in Grottfuß' Atelier aufgewacht war, hatte er sich nicht lange umgeblickt. Er hätte am liebsten gleich das Tintenfaß vom Tische genommen um es nach diesem ganzen Unvermögen auszuspritzen. Grottfuß war offenbar völlig bergab gegangen. Er hatte allerlei kopiert. Aber wo er versuchte, einen eigenen Fischzug aus dem Meere des noch Ungedeuteten selber zu tun, geriet er ins Meister Teodorische, wurden es blöde Zusammenstellungen von sehr bekannten Dingen in sehr bekanntem Singen.

Einhart war gleich an dem Tage neben Grottfuß hergegangen wie ein heimlich Aufragender. Einen Witz hatte Einhart gemacht, wie Grottfuß eintrat, aber ins Ungewisse nur. Er hatte sonst nichts geredet weiter. Er glaubte im Punkte der ersehnten Lebensverkündigung aus Grottfuß etwas wie einen spöttischen Wehmutston von Verzicht gleich herauszuhören.

»Nun bin ich nur begierig,« hatte Grottfuß gesagt, »wohin du geraten bist? Ob du zum blühen bringst, was du uns immer verheißen?« lachte er ein wenig sonderlich.

»Was?« fragte Einhart.

»Ja, mein lieber Freund Selle, in den Jahren damals machten wir alle große Worte. Du suchtest immer nach der Wunderblume.«

»Ja, du! Ich habe seit lange mit niemand groß davon reden können und hab also keinen Namen für die Sache mehr gebraucht. Aber den Drang, den kenne ich noch besser, wie damals. Mir ist überhaupt ganz klar geworden, worauf es ankommt. Daß es nur darauf ankommt, etwas zu malen, was nur ich malen kann, was meine eigenen, persönlichsten Sehnsuchten stillt. Freilich muß man eigene, höchst eigene Sehnsuchten wirklich haben. Ich habe sie. Ich bin jetzt dahintergekommen,« sagte Einhart mit aller Strenge.

Einhart war dahinter. Das sah Grottfuß bald, als er Einhart vor seinen Leinwänden sah. Die Malweisen allein regten Grottfuß auf. Die ganze Zeit, die er bei Einhart stand, grübelte er. Was hatte Einhart nicht alles entworfen gleich in den ersten Tagen: Tänzerinnen, eine Hochzeit zu Kana, Jesus im Tempel, die Ehebrecherin. Und alles sonderlich. Einstweilen nur gezeichnet, aber streng auf Wesen und Ereignis drängend. Wenn auch Einhart dann mit der Farbe und seinem Experimentieren in Leim und allerhand manchmal nicht weiter kam, und es mit manchem dieser Entwürfe eines Tages zu hapern anfing.

Jedesmal, wenn Grottfuß bei Einhart gewesen, ging er mit zernagter Miene von dannen, weil er aus Einharts Arbeitsraum den Atem von etwas mit forttrug, das wie Blumen oder Bäume mit starkem Eigensinn aus sich aufwuchs.

Denn wo Einhart ging und stand, sann er sich jetzt in die Typen der Menschen hinein. An Ecken und Enden der Straßen und Plätze und in den Lokalen kannte er Mienen und Gebärden und all die Stimmungen und Ereignisse. Sein Blick war fremdartig und sicher, weil er etwas darin jetzt besaß, was wie Härte von Steinen stach. Er hatte etwas Blinzelndes und Souveränes, wenn er so innerlich suchte. Er sah jeden Menschen darauf an, ob er ihm zu einem Bilde dienen könnte, zu einem Jünger aus Emmaus oder zu einem Fischer am See oder zu Jairi Töchterlein oder gar zu dem bleichen, sanften Gottessohne selber?

Und Einhart saß jetzt wieder bald wirklich fest und zeichnete und malte. Er brachte dazu eine Achtlosigkeit des Lebens, daß man einfach nicht begriff, wie es möglich war so auszukommen. Er rührte sich buchstäblich Tage und Wochen nicht aus seinen Wänden. Er aß ein Stück Brotrinde und trank Kaffee tagelang. Er mühte sich. Er zeichnete mit peinlicher Sorgfalt seine Entwürfe und begann dann mit neuartigen Grundierungen, versuchte allerlei Mittel der Alten und rang zu dem leuchtendsten Ausdruck in Farben durchzudringen.

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