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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 26
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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4

Einhart kam mit Vorsätzen in die Stadt zurück. Er hatte gleich den Weg nach der kleinen Konditorei gemacht und war mit einer heimlichen Neugier mit der Klinke in der Hand noch eine Weile erst unschlüssig dagestanden. Er zögerte, weil er sehr verwahrlost aussah. Aber er besann sich auch gleich auf seine besseren Träume und mußte lachen, was und wen er hier alles noch finden würde?

Alles war hier beim alten. Schon in den Straßen fuhren hin und her die Tramwaywagen und dieselben Karren und Omnibusse. An den Ecken standen wie immer die blaukitteligen Männer und warteten auf Aufträge, die sie von irgendwem zufällig erhalten könnten.

Die Akademie ragte noch. Der Portier hatte vor der Tür gestanden und Einhart groß angesehen. Meister Teodors lachendes Gesicht hatte gerade aus einer Fensterung über den Vorhang hinweg nach der Straße geblickt. Schüler kamen über die Treppe herab.

In Summa alles wirbelte und drängte hervor ganz in Trott und Melodie, die er kannte. So daß das heimliche Verlangen, Neues zu hören, wozu man durchgedrungen, ihn jetzt noch mehr aufregte, als die Tage, die er einsam mit sich in Luft und Raum, im Blätterwirbel der Landstraße, seinen Weg herangekommen.

Einhart war wirklich bewegt, wie er endlich die Tür der alten Konditorei aufgetan. Der alte Lampenputzerstab lehnte noch immer in der Ecke im Vorzimmer. In der Mitte des Hauptzimmers an einem Rundtisch saß noch immer ein junger, vornehmer Krüppel mit verbildeten Händen und Füßen und starrte unverwandt, die wulstigen, glühen Lippen hängend, auf die Beinfiguren des Brettes. Einhart hatte diesen Menschen in seiner Akademiezeit Tag um Tag so beim Schachspiel gesehen. Wie die Punschtorte, die je und je täglich neu, von welchen Händen immer, an die alte Stelle geschoben wurde, so humpelte dieses junge Dreibein stets zur bestimmten Stunde an seine Statt.

Auch derselbe Alte war es noch, der ihm gegenüber vertieft auf das gefelderte Brett herniedersah.

In der Künstlerstube waren einige fremde Gesichter. Alle sahen Einhart mit Rückhaltung an. Einmal schon, weil er selber jetzt heimlich Fragen tat für sich um all des seltsamen Eines mit früher, und um dessen, was hier sich damals zum Höheren verwandeln gewollt. Kam er denn noch als Einhart Selle? Als einer dieser jungen Prahlhänse, die jetzt wieder im Kreise um ihn saßen? Kam er denn noch, um es mit Worten zu erstreiten? Kam er denn noch, um den hellen Tag mühselig vor irgendeinem Modell in der Obhut Meister Teodors zu sitzen? Oder sich Professor Soukoups Kunstabsichten zur vermeintlichen Erlösung der ganzen Menschheit anzuhören zum hundertsten und wieder hundertsten Male? Kam er denn überhaupt noch als einer, der sich um irgend etwas draußen, um etwas Fremdes und Herzugetragenes an Kunst mühen wollte, um dann im Cafe und auf der Straße oder im engen Stubenschlitze zu lumpen und zu leben, was man so leben nennt? War er nicht erfüllt jetzt neu von verheißenden, beglückenden Bildern? War er nicht gekommen gerade nur, um jetzt zu versuchen mit aller Strenge, endlich ein Bild d. h. ein Abbild zu malen dessen, was sein Sinnen und Leben gewesen, und was nicht anders volle Gestalt gewann, als indem er es vor aller Leute Blicke hinschreiben würde mit ganzer leibhaftiger Allgewalt?

Fragwürdig sah er aus? Nun gewiß. Die Stiefel waren vom Wege mehr als abgetreten. Das alles fühlte er wohl in achtloser Empfindung.

Er war sehr freundwillig in den Kreis an den Rundtisch herangetreten, sanft grüßend und mit verlegener Scheu. Neue Gesichter machten ihn immer schüchtern. Obwohl ihm alle die Hand hinstreckten.

Auch die Fremden kannten ihn längst.

Man hatte bei seinem Eintreten gleich heimlich Selles Namen herumgegeben. Alle sahen mit innerem Prüfen das eigengeartete Zigeunerwesen Einharts und sein jetzt wirklich ob all des neuen Alten einfältiges, zurückhaltendes Lächeln.

Einhart war auch geradezu überwältigt. Er hatte eine unglaublich fein ausschwingende Seele. Nicht nur sehr matt hatte ihn das lange Wandern gemacht, daß er erschöpft in den Lehnstuhl sank, den man ihm instinktiv frei gemacht, gerade ein Unbekannter, der gar nicht gewußt, daß Einhart dort immer zu thronen gepflegt. Einhart war durchkreuzt von Erinnerungen und gar nicht fähig, etwas zu sagen. Es war also richtig eine Stille entstanden.

Natürlich besann man sich allmählich und redete in dem Abgebrochenen zögernd weiter. Da hörte Einhart, wie auch der alte Geist von einst noch immer umging. Es kamen dieselben Worte aus dem Blute auf, wie ehedem. Ganz als ob in diesem engen Halbdunkel mit der dumpfen Luft, die mit Vanillensüße und Staub und Rauchgeruch geschwängert, derselbe unsichtbare Geist eingesperrt säße, jede Lippe neu zu bewegen in derselben Melodie. Und der Kampf um Topf und Teller der Kunst begann zu Einharts Staunen wie einst scharf zu werden, ohne daß die erhitzten Großsprecher je merkten, was Einhart jetzt wußte, daß noch immer der Braten vergessen oder manchem auch unversehens heruntergefallen.

Einhart lachte dann nicht mehr. Er sagte nur, daß er weit her käme und zu Fuß. Die fremden Gesichter behielten ihn immer heimlich im Auge. Erst wie Grottfuß kam, in vollendeter Vornehmheit mit Gamaschen über den Stiefeln, mit einem Zylinder auf dem blonden Haupte, mit künstlicher Achtlosigkeit im Blick, gab es ein lautes Lärmen und ein freies Großtun der Freundschaft aus ihm, daß die anderen stummer und stummer wurden, je mehr Grottfuß mit Einhart vertraulich redete.

Grottfuß sah stets sehr geistig und fein aus, gegen Einharts alte, dunkle Verwahrlosung wirklich recht abstechend. Außerdem war Grottfuß schon mit Erfolgen tätig gewesen. Er hatte einige Bilder verkauft und wußte, daß er im Frühling sich würde an einer Wand der Ausstellung breitmachen können. Er hatte eine reiche Familie gefunden, deren eine halbreife Tochter sich in ihn verliebt hatte, die er malte und in Ton bildete. Er war ganz von oben ein sehr gewandter Mann geworden.

In der Konditorei behandelte man ihn mit mehr als gewöhnlicher Achtung. Wie er hörte, daß Einhart mittellos ankäme, gab er ihm gleich ein Goldstück aus der Westentasche. Er tat kaum, als wenn er es groß bemerkte. Er erzählte dabei auch, weil sie jetzt ganz allein beieinander saßen, daß er der glücklichste Mensch von der Welt wäre. Er hätte sich mit Margit verlobt, sagte er.

»Verlobt«, das klang Einhart unglaublich unbekannt. Er hatte immer nur so unbestimmt gedacht, daß seine Mutter sich einst verlobt hätte mit Herrn Geheimrat. Und daß wohl auch die Geheimratstöchter sich verloben würden. Gewissermaßen, als wenn man ein Zensurbuch da erst unterbreiten oder ein Dokument, das man abgab, vorher müßte stempeln lassen.

Daß ein Künstler sich je an so etwas entzücken könnte, war ihm bisher nicht in den Sinn gekommen.

Außerdem war Einhart wie ein spröder Stein noch immer zu den Feingefühlen der Liebe. Es war noch immer, wie wenn er ergriffe, ohne zu begehren. Die Dirnen liefen ihm zu. Gewöhnlich mehr amüsiert und belustigt war er, als in jäher Erregung. Das mußte sein Blut sein.

Aber Grottfuß war in hellem Enthusiasmus. Margit hieß sie also. Öffentlich sollte es erst werden. Ein ganz feines, blondes Mädchen. Er brachte Photographien. Und allerlei, was er von ihr bei sich trug, zeigte er. Einen breiten Ring trug er von ihr. Er war gleich in einer sinnlosen Anpreisung all ihrer Tugenden und Schönheiten.

»Du hast sie also schon einmal gemalt?« sagte Einhart.

»Natürlich, in allen Facons,« sagte Grottfuß.

»Ich brauche auch ein nacktes Weib, die ich gern als Sünderin malte gegen Christus«, sagte Einhart.

»Nein, bitte, Selle!« sagte Grottfuß ganz piquiert, »bitte, werde nicht zynisch! Entweihe mir nicht meine heiligsten Gefühle!« sagte Grottfuß mit Vollklang, der das profane Modellsitzen mit Einharts Ernst und Drange verwechselte.

Einhart tat es gleich leid, daß Grottfuß gekränkt war, weil Grottfuß ihm dann auch Nachtquartier anbot in seinem Atelier und ihm überhaupt für das erste in allem wollte behilflich sein.

So ging der Abend hin, in einer gewissen Neugier heimlich in Einhart, und offen in einer recht freien Hingabe von seiten Grottfußes, der immer nur wieder auf das Glück zurücklenkte, das er in der Liebe gefunden. Bis sie betrunken heimschwankten in Halbgedanken und lustigen Bildern.

Einhart hatte sich völlig übernommen. Er hatte ewig sein Glas Sekt erhoben, auf die blonde Braut zu trinken. Er hatte den allertollsten Philosophien Ausdruck gegeben, mit seinen spitzen Augen blitzend, wo der Mund schon kaum reden konnte, und mit Weisetun und Einfältigaussehen. Arm in Arm mit Grottfuß ging Einhart durch die Straßen und stieß seine Worte heraus.

»Nämlich die Kunst – nämlich die Kunst – Grottfuß! komm einmal her! bleib einmal stille stehen im Lichte dieser Laterne!« sagte er, sich gewichtig zusammenraffend, »ich werde jetzt eine tiefe Weisheit reden: nämlich die Kunst«, sagte Einhart, »ist nichts, als die Liebe des Menschen. Und du hast sie gefunden. Aber ich hab sie auch gefunden. Wir beide haben das Kleinod gefunden, Grottfuß! Aber du wirst zeitig genug damit fertig werden. Und ich werde euch allen erst zeigen, wie und was Kunst ist! – Grottfuß!« – »Grottfuß!« rief er immer von neuem: »Ich werde deine Braut als Sünderin malen vor Christus!«

Einhart lag in Grottfuß' Atelier einsam im Dunkel halbentkleidet auf einem Liegesofa und murrte es immer noch vor sich hin. Grottfuß war längst heimgeschwankt in die Wohnung der Mutter, wo er jetzt noch wohnte.

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