Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Carl Hauptmann >

Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 25
Quellenangabe
pfad/verz/werk/book.xml
typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110529
projectid39a38ef0
Schließen

Navigation:

3

In einem breiten, dämmernden Hause unten dicht an der Landstraße blinkte ein großer Steintrog voll klaren Wassers, und der Strahl, der unaufhörlich hineingurgelt, glänzte silbern. Es war eine Mondnacht. Einhart war auf seiner Wanderung hier angekommen. Denn Einhart war den ganzen Tag schon auf Wanderschaft.

Er war jetzt noch gerade so wach, wie ihn seine Notlage gestern nacht auf einmal gemacht hatte. Er hatte auch diesen ganzen Wandertag nicht Träume noch Visionen. Weder mit den Propheten, noch mit Jesus und seinen Wundertaten waren ihm Augen und Seele voll gewesen, nur mit dem staubigen, steinigen Wege, mit den glühendroten Ebereschtrauben manchmal gegen den hellen Himmel, und mit Zurückspringen in Gedanken zu allerlei Fragen und Zweifeln und Ermessen.

Es war Einhart durchaus nicht leicht angekommen, als es Mittag gewesen, der Weg müde gemacht, und die Sonne reichlich brannte, in das Haus eines Dorfarztes am Wege einzubiegen, und ein Stück Brot für seinen Hunger einfach zu erbetteln. Man hatte um einen Spalt geöffnet, als man gesehen, daß ein Vagabond davorstand, und hatte ihm dann eine harte Semmeln und ein Stück alten Käse herausgereicht.

Einhart hatte vor der Glastür gestanden, den Hut in der Hand, sich selber so recht zum Gelächter.

Der Name des Arztes glänzte im Leben unverwischlich in goldnen Lettern auf weißer Tafel vor Einharts Augen, wie er ihn dort abwartend und heimlich gefaßt, Schimpfworte zu hören, lange hatte anstarren müssen. Es verbanden sich noch spät mit diesem Namen sonderliche Frohgefühle von einem im Staube ziellos hinstreichenden Landfahrer, der abgehetzt und zernagt, wie Einhart jetzt war, innen und außen, plötzlich eine darreichende Menschenhand sich hatte zu seiner Stillung ausrecken sehen.

Ein rechter Unwürdiger am hellen Tage vor sich selber war jetzt Einhart, und ein recht Bedürftiger. Der junge Arzt, auf den Einhart stieß, als er das Haus wieder verlassen wollte und noch auf den Treppenstufen stand, hatte ihn zuerst nur streng angeredet, daß ihm Einhart gleich ganz menschlich erklärte, welche Bewandtnis es um sein Vagantentum hätte.

»Ein junger Kunstmaler bin ich, der sich verträumt und nicht ans Leben gedacht. Ich muß infolgedessen einmal wie Bettelleute vorwärts finden, wenn nicht durchs Leben, so doch bis zur nächsten Großstadt,« hatte Einhart lustig verlegen gesagt. Denn das stand Einhart vor Augen, zur Stadt und zur Arbeit zurück. Da hatte ihm der junge Arzt Zehrung gegeben und ihn auch mit Abnehmen des Hutes freundlich verabschiedet.

Einhart gingen jetzt tausend Lebensgefühle um. Er verleugnete nie seine Art, Drangsal zu empfinden mit der Neugier und mit dem Behagen des Suchenden. Wie es Höllenfahrten gibt und selige Leiden der Gesteinigten. Auch eine wahre, hastige Besinnung auf sein Leben war lebendig, ihn in einen tätigen Zustand endlich zurückzutreiben.

So stand Einhart jetzt im Mondenschein am Wassertroge der Dorfschenke, sah die perlenden Silbertropfen und bedachte sich lange, nachdem er sich an dem hellen Glanzstrahle satt getrunken.

Die großen Fenster warfen warmen Schein auf die Dorfstraße. Es war lautes Leben drinnen. Einige Blicke streiften Einhart, als er den Hut in der Hand mit dem Stabe zusammen, ganz und gar nicht scheu eintrat. Man hielt gerade eine Sitzung. In der Ecke des Zimmers um einen langen, kahlen Tisch saß ein Kreis würdiger Bauersleute mit dem Ortsgeistlichen zusammen, einem kleinen, kahlköpfigen Herrn, der soeben die Gemeindearmenpflege umständlich besprach.

»Armut, meine Herren,« sagte er gerade, als Einhart eingetreten, »ist meist verdorbenes Blut. Armut ist meist Sünde der Väter bis ins vierte oder zehnte oder bis ins tausendste Glied. Man muß die Armut nicht pflegen. Man muß sie bekämpfen, wie einen Feind. Es gibt solche, die nur immer mitleidig sind. Das ist eitel Schwäche. Das fördert nur das Übel, dem wir steuern sollen. Überlassen Sie ein jeder der Zentralstelle – usw.«

Aller Augen hatten auf den Geistlichen gesehen. Aber sie richteten sich auch schon heimlich dann und wann auf Einhart. Denn Einharts Dunkelblicke begannen sich jetzt zu füllen mit seiner Art Hoffart. Daß er, wie er in der anderen Ecke der weiten Gaststube unter der Hängelampe Platz genommen, die nebenbei fragenden Blickt der Großbauern und des Pastors streng erwiderte.

Der Wirt kam gleich zu Einhart heran, ein Gewaltmensch, der eine Posaune des jüngsten Gerichtes hätte laut blasen können. Der Wirt sah Einhart jetzt ziemlich umständlich und unerschrocken an. Auch er hatte Zweifel an Einhart. Dürftig und zerfetzt wie Einhart jetzt aussah, und dunkel und gelbgebrannt wie immer. Aber wie der Wirt Einhart genauer in die Augen gesehen und seinen sanften Tonfall gehört, bediente er ihn doch in allen Ehren.

Und die Sitzung ging eine lange Weile ruhig weiter. Einhart achtete nicht groß weder auf Wort noch Widerwort. Er war sehr hungrig. Als er Brot und Wurst und Bier vor sich hatte, begann er eifrig zu schmecken und zu kauen und mußte nur in Summa ein einziges Mal noch plötzlich hinauslachen über den Berg Hochmut gegen das Tal Armut so insgesamt.

Aber wie Einhart sich dann gestärkt fühlte, kam ihm auch gleich eine leise Tollheit an, sich noch vollends als Schalk zu stellen.

Die Gemeindekirchensitzung war zu Ende. Der Geistliche hatte sie in aller Form geschlossen erklärt.

Da saß Einhart noch immer, sah in sein Glas, überlegte und begann dann wie ein Einfältiger zu lächeln.

»Ich werde Ihnen ein Rätsel aufgeben, meine Herren,« rief er über den Tisch, mit einer gewandten Geste der Hand, recht wie ein Zauberkünstler. »Erlauben Sie es, ehrwürdiger Herr Geistlicher?«

Einhart war so unerfahren, daß er tatsächlich nicht die gewöhnlichen Titulaturen wußte. Aber man kann sagen, daß Bauern und Pastor sich durch die Anrede ohne alles Herkommen besonders betroffen fühlten. Es brachte unter alle ein richtiges Verwundern, weil Einhart jetzt auch die Bauern Ackerer nannte mit sonderlicher Absicht. Aller Blicke in der Gaststube betrachteten Einhart gespannt, als er an den Würdentisch näher herantrat.

»Es ist ein Ringelreigen und kommt nie zu Ende,« sagte Einhart bedächtig.

»Ihr wollt Euch einen Spaß machen mit uns. Rätselraten ist nicht jedermanns Sache,« sagte der Geistliche sehr ablehnend. Aber die Bauern lachten sich an. Ein jeder wäre gern der Kluge gewesen. Einer versuchte auch.

»Na! Das wär' doch!« sagte er, ein junger Bauer mit vollen, roten Lippen und einem unbekümmerten Lachen um die blauen Augen sehr nachdenklich. »Ich errate manchmal was.«

Aber weil alle anderen schwiegen, tat auch er nur, wie wenn er es aus seines Nachbars Augen lesen könnte, und sah dann unverrichteter Sache auf Einhart.

»Aber meine Herren Ackerer,« rief Einhart recht mit Aufwand, »ob wir arm oder reich sind, ein jeder muß mittanzen. Keiner bleibt auf seiner Stelle. Und keiner auch weiß, wohin er in dem Reigen noch hingeraten wird.«

Aber Einhart ließ jetzt nicht lange Zeit sich zu besinnen. »Was ist das?« rief er vergnügt lachend: »Wenn's oben ist, fällt es, wenn es unten ist, steigt es.«

Es war noch immer große Zurückhaltung. Die Bauern begannen gedämpft zu reden, einer zum andern. Es machte ihnen Spaß zu denken, wenn es auch nicht zum Ziele führte. Keiner wagte sich mit einer Meinung hervor.

»Ein jedes Ding ist so in der Welt. Und ein jedes Ding sind wir selber. Alles Geheime macht sich offenbar in uns. Nach oben steigen wir, nach unten fallen wir, wie das Wasser und der Stein. Es ist der alte Ringelreigen, von oben nach unten, von unten nach oben, und immer und überall. Es wird es keiner anders erleben, als daß er herumkreist. Ich glaube nicht, daß einmal einer stille steht.«

Der Pastor wurde immer ernster und schweigsamer am Tische. Die Bauern auch. Einhart wußte nicht, ob er nicht nur eitel Torheit geredet. Er war lange ganz still. Und er lächelte jetzt in sein Glas hinein, weil er sich auch einstweilen auf nichts weiter besann.

»Es steht ein Alter hinter einem Jungen und reißt ihn am Ohre. Und ein Uralter reißt ihn am Herzen. Nur daß man die Hände beider nicht sieht und die Stelle nicht kennt, wo sie angreifen. Was ist das?«

Aber auch das konnte niemand raten.

Da sagte Einhart ganz überlegen: »Mein Gott, euch allen geht es so. Die Not läßt euch säen mit rastlosen Händen, und ihr möchtet doch von Herzen gern das Himmelreich ernten, seit Ewigkeit. Fragt doch den Herrn, der euch zur Sonntagsfeier zuredet, ob euch nicht alle die Not am Ohre reißt und das Gesicht vom Himmelreich abwendet?«

So ging es weiter. Daß die Bauern gemütlich wurden und fragten, wer es wäre? Auch Einhart dann direkt fragten. Aber Einhart blieb dabei, daß er nur ewig umgeackert hätte wie sie, und daß sein Acker nichts trüge. Die Körner, die er säete, wären von Golde, aber nur im Traume – und gingen vor ihm nur als Nebelschemen auf. Er hätte keine Macht sie zu greifen. Da kam in alle wieder die Stummheit. Alle waren neu ins Nachdenken versunken.

Und dann erhoben sich alle endlich, weil der große Seeger Mitternacht schnarrte und schlug. Der Wirt gähnte noch einmal flüchtig, ehe er sich rückte, um die Zeche bezahlt zu nehmen.

Nur der Pastor blieb dann doch allein im Hause zurück, als die Bauern auf die nächtige Dorfstraße hinausgetreten. Ihm kam eine heimliche Erregung an. Er wollte mit dem seltsamen Gesellen noch Auge in Auge zusammen sein. Er nahm die Sache sehr ernst. Er dachte an einen richtigen Leugner und Antichrist. »Auch der Satan war ein schwarzer Engel und hat Weisheit genug, uns zu lehren,« dachte er für sich.

Einhart konnte in solcher Trübsalslaune, wie er war, wirklich in allen Farben schillern.

So kam der Geistliche in die Wirtsstube zurück, gerade, als Einhart sich rührte, in das enge Nebengelaß, wo er schlafen sollte, einzutreten.

»Wir müssen noch einiges besprechen. Denn Sie scheinen ein sonderbarer Mensch,« sagte der Geistliche ganz freundlich noch, aber voller Würde.

»Ach Gott! Herr Pastor!« sagte Einhart sanft. »Sonderbar! nun ja! wie man es so nimmt, wenn man zwischen Himmel und Erde pendelt.«

Aber der Pastor wollte jetzt allerlei heilige Fragen gleich mit Einhart lösen, um ihn in die Enge zu bringen. Denn daß da ein Heide vor ihnen saß, war gleich allen, auch den Bauern und dem Wirte, geschweige dem Kenner des Evangeliums, von Anfang an klar gewesen.

»Wir haben vier Fragen, die wir uns bestimmt beantworten müssen,« sagte der Geistliche sehr hingenommen von der Sache. »Die Menschenseele – – –?«

»Ja, die Menschenseele! – ist wie eine Luftblase, an die ein Leichnam gebunden ist. Die Luftblase zergeht, und der Leichnam fällt zu Boden. O mein Gott! gut, wenn man noch wandern kann!« sagte Einhart heiter lächelnd.

»Die Menschenseele ist unsterblich,« sagte der Geistliche mit Ruhe und sah Einhart durchdringend an.

»Nun gewiß!« sagte Einhart, »alles, was der Mensch sich träumt, stimmt!«

»Und die Seele ist auch frei!« sagte der Geistliche.

»Solange sie sich nicht ausreckt und in den Obstkorb der Hökerin auf dem Markte langfingerig hineingreift, Herr Pastor. Denn sonst kommt der Gendarm,« lachte Einhart übermütig.

Aber der Pastor blieb ernst und voll Würde und war heimlich im Zorn.

»Und Gott – – –?«

»Einer, der einen Kopf hat, wie Sonne, Mond und Sterne zusammen, wie eine blaue Glaskuppel, oder eine mitternächtige Himmelsgrube, wer kann noch sagen, wohin der sieht mit seinen Augen, und wie er heißen soll? Der Glieder hat, wie große Weltenkörper, aus eitel Fels gefügt, der erglänzt in alle Weiten mit schnellem Strahle, schneller wie Wind, schneller wie das Schnellste, wohin hat der Mühe endlich zu dringen? und wie kann man seine Ziele wissen?«

»Gott ist unser Vater!« sagte der Geistliche.

»Auch unsere Väter können zum Rätsel werden, Herr Geistlicher,« sagte Einhart.

»Und Ihr glaubt auch nicht an Jesus, seinen eingeborenen Sohn!« rief der Geistliche erregt.

Da kam Einhart lange kein Wort. Da stand das Jesusland plötzlich klar und nahe vor seinen Augen. Einen Jesus kannte er in sich. Einen, der in Menschenliebe an einem schönen See aufrecht saß, und Liebe sein Wort und Liebe seine Tat, sanft Erkennen und Gewährenlassen und Sichdargeben ohne Groll Kindern und Sündern.

»Wenn ich an nichts glaube, an den glaube ich,« sagte Einhart leise fast. Daß es dann stumm blieb unter den beiden. Daß dann endlich der Geistliche zufrieden war. Daß endlich der Geistliche aufsprang und rief: »Glück auf den Weg!« Daß Einhart sagte: »Ich bin ein Künstler, Herr Pastor.« Er sagte es sogar heiter wieder. Er sagte auch: »Ich werde Euch einmal einen Jesus malen! ach Gott!«

»Segne der Himmel Ihren Entschluß!« sagte der Geistliche, als er ihm die Hand reichte und ging.

 << Kapitel 24  Kapitel 26 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.